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BLOG vom 28.04.2017
Hansjakob: Priester, Kampfnatur und Heimatdichter

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 


Heinrich Hansjakob
 

Heinrich Hansjakob (1837−1916) war katholischer Geistlicher, badischer Heimatschriftsteller, Historiker und Politiker. Er verfasste über 70 Bücher und Schriften, darunter politische Publikationen, Reiseberichte, Erzählungen und Romane. 1864 wurde er zum Priester geweiht. Danach folgte eine 5-jährige Schulamtstätigkeit. Aus verschiedenen Gründen fiel er 1869 in Ungnade. Er schied aus dem Schuldienst aus und trat 1869 in Hagnau am Bodensee seine erste Pfarrstelle an. Dort blieb er bis 1883. Besonders hervorzuheben seiner dortigen Tätigkeit war die Gründung des Hagnauer Winzervereins. Von 1871−1881 war er Abgeordneter der Katholischen Volkspartei im badischen Landtag. Als er 1873 einen badischen Staatsbeamten beleidigte, wurde er 6 Wochen in Radolfzell inhaftiert. 1884 wurde er Pfarrer der St.-Martins-Kirche in Freiburg im Breisgau. Nach seiner Pensionierung zog es ihn in seinen Geburtsort Haslach zurück. Dort lebte er bis zu seinem Tode im „Freihof“.
Warum trug Hansjakob einen so grossen Hut? Maria Schaettgen (1901-2000), die den Geistlichen persönlich kannte, schrieb in  ihrem Anekdotenbuch: „Er trug diesen Hut aus besonderen Gründen. Er sollte ein Bekenntnis sein, eine Weltanschauung darstellen, ein bestimmtes Programm zum Ausdruck bringen. Nämlich seine demokratische Gesinnung, eine unteilbare Freiheitsliebe.“

Jetzt kommen vergnügliche Anekdoten aus meiner archivarischen Sammlung.

Die armen Schweizer
Im "Hansjakob-Jahrbuch 1958" entdeckte ich folgende Aussage des Schwarzwalddichters Heinrich Hansjakob:
„In meiner Hütte las ich heute gen Mittag die Zeitungen des Tages. Da fand ich denn, dass bei einer Versammlung des Schwarzwaldvereins in Staufen ein Bekannter von mir einen Toast ausbrachte auf den deutschen Kaiser als Beschützer und Verteidiger unserer Schwarzwaldberge. Mir fielen gleich die armen Schweizer ein, die keinen Kaiser haben und die Berge selbst schützen müssen."
Quelle:Im Paradies", 1897, Seite 235.

Die mäkelnde Mitfahrerin
Heinrich Hansjakob reiste eines Tages mit der Postkutsche durch das Simonswälder Tal. Er war an diesem Tag des Jahres 1887 nicht allein in dem holprigen Gefährt. Neben ihm sass nämlich ein „älteres Wibervolk“, das noch auf ihre alten Tage einen Mann genommen hatte. Die „mutige“ Frau mäkelte jedoch an den Mannsleuten herum. Sie tränken viel zu viel Bier und würden krank werden. „Früher, da man den Durst mit ‚saurer Milch’ gestillt, hätten die ‚Dökter’ nicht so viel bei den Bauern zu schaffen gehabt.“
Quelle: „Schwarzwaldreisen“, zusammengestellt von Georg Richter, G. Braun Verlag, Karlsruhe 1986.

Hansjakob – eine Kampfnatur
Hans Thoma erzählte über seinen Besuch bei Hansjakob die folgenden Beobachtungen: „Da wurde gut gekocht! So gut hab ich noch nie gegessen. Seine Schwester kochte, sie ass aber nie mit, wenn Besuch da war. Er war ein Feind alles Modernen – eine Kampfnatur. Da er nie die Eisenbahn benutzte, schenkte ihm eine Freundin einen schönen Wagen mit Gummirädern, mit dem er dann alle seine Reisen machte. Er war sehr nervös, hat seit 20 Jahren nicht ohne Schlafmittel geschlafen. Ein Original. Seine Bücher sind lesenswert.“
Quelle: „Stunden mit Hans Thoma“, von Margarete Spemann, Engelhornverlag Adolf Spemann, Stuttgart 1939.

Ein Prophet
„Ich will zwar durch eine Stiftung Kapelle und Kirchhof zu sichern und in ihrem Bestand zu erhalten suchen. Aber wie lange dauern solche Stiftungen? Es kommen Kriege, religiöse und politische Revolutionen, Länder- und Völkerverteilungen und  fegen alle diese Dinge weg wie der Wind die Spreu.
Wo sind die vielen Stiftungen, die vor der Reformationszeit gemacht wurden, wo diejenigen, welche bis zur grossen französischen Revolution bestanden haben? Drum gehört uns eigentlich nur die Gegenwart, die Vergangenheit steht ausser unserer Macht, und was die Zukunft bringt, können wir nicht hindern.“
Quelle: „Mein Grab“, 1905, Seite 117.

So besiegte er einen sparsamen Schwaben
Luise Hasemann, Frau des Schwarzwaldmalers, wusste eine ganz nette Anekdote über Heinrich Hansjakob zu berichten. Für ein neues Buch des Schwarzwalddichters sollte Wilhelm Hasemann 30 Textillustrationen liefern. Nun begann das Verhandeln mit dem Verleger im Atelier des Malers in Gutach. Hasemann meinte, dass er die Textillustrationen nicht zu einem bisherigen Preis von 50 Mark für eine Illustration liefern könne. Er möchte wenigstens 60 Mark und für eine ganzseitige Zeichnung 100 Mark. Der wohlhabende Verleger, ein Schwabe, runzelte die Stirn und meinte, es wäre für ihn eine erhöhte Geldausgabe. „Ich kann auf einen höheren Preis für die Illustration nicht eingehen. Die vielen Herren Künstler, welche für meinen Verlag arbeiten, sind alle mit 50 Mark für eine Textillustration zufrieden“, jammerte der sparsame Schwabe. Auch die Bemerkung von Luise Hasemann, ihr Mann arbeite sehr gewissenhaft und brauche auch mehr Zeit als andere Künstler, konnte den Verleger nicht umstimmen. Jetzt mischte sich Hansjakob ein. Er war der Ansicht, seine Bücher gehen ja ganz gut und er würde den Mehrpreis von 300 Mark rasch hereinbekommen. Der Verleger beharrte auf sein Angebot.
Hansjakob: „Was bedeutet denn bei Ihrem Vermögen diese kleine Mehrausgabe, Sie spüren diese ja überhaupt nicht.“

Über eine Stunde stritten sie sich. Dazu Luise Hasemann in ihren Erinnerungen: „Hansjakob, ein nobler Mensch bei Geldausgaben, konnte die Zähigkeit des sparsamen Verlegers gar nicht begreifen, er versuchte es durch heitere, durch ernste Entgegnungen, aber alles war vergeblich, der Verleger beharrte auf seinem Prinzip.“
Nachdem sich kein Erfolg abzeichnete, wurde Hansjakob bissig. Seine spottlistige Zunge ging mit ihm durch. Er sagte zum Verleger: „Wenn der Herr Kommerzienrat – der Verleger hatte diesen Titel nicht – 4 Wochen jeden Mittag nur Spätzle isst, hat er den Mehrbetrag wieder heraus!“ Der Verleger wurde im Gesicht puterrot, er wollte sich dem Spott nicht aussetzen und ging ausnahmsweise auf die gewünschte Preiserhöhung ein. Die Anwesenden wurden jedoch zum Stillschweigen verdonnert. Andere Künstler sollten von dieser Vereinbarung nichts wissen.

Luise Hasemann: „Hansjakob blieb aber noch lange vergnügt im Herrgottswinkel sitzen und hatte eine wahrhaft kindliche Freude, dass es seiner spottlustigen Haslacher Zunge gelungen war, den sparsamen Schwaben zu besiegen.“
Quelle: „Erinnerungen an Heinrich Hansjakob“ von Luise Hasemann, publiziert im „Hansjakob-Jahrbuch“ 1958, Verlag Rombach, Freiburg im Breisgau 1958.

Lob für den Seewein
Heinrich Hansjakob war von 1869-1883 katholischer Pfarrer in Hagnau am Bodensee. Er gründete 1881 den Hagnauer Winzerverein und trug damit zur Rettung des Weinbaus am Bodensee bei. Die Winzer, die Weinbau in Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben, mussten Verluste durch Mehltau und dem harten Winter 1879/1880 verkraften.
Kenner des Seeweins, wie Scheffel und Hansjakob, waren voll des Lobes. Sie genossen den Meersburger Traminer, den Riesling, den Hagnauer Ruländer, den Gutedel und den Weissherbst.

Hansjakob charakterisierte die Hagnauer in seinen Schriften „Schneeballen“ oder in den Tagebucheintragungen der „Dürren Blätter“. Er rühmte die frische Auffassungsgabe, die Beweglichkeit, Gewandtheit und Lebendigkeit der Seehasen. „Der Landmann am See ist voll heiteren Humors und voll Lebendigkeit. Seine Weingärten sorgen für den Humor, das ist wörtlich übersetzt, für die nötige Flüssigkeit und das ewig lebendige Wasser, das in den Wellen des Sees ständig an des Dorfes Ufer schlägt, bringt auch Leben in die Menschen … Seine eigentliche Lebendigkeit und seinen Humor verdankt er dem Wein. Gibt´s wenig Wein, so wird sein Humor zum bittersüssen Galgenhumor, sein Durst bleibt gleich … Ihr Wohl und Weh´hängt eben vom Wein ab, und die weinlose Zeit ist ihnen die schrecklichste Zeit.“
Quelle: „Mein Heimatland“, H.9/10, 1934, Artikel „Der Weinbau am Überlinger See“.

Hier sind noch einige Anekdoten, die Maria Schaettgen in ihrem Werk „Heinrich Hansjakob – Anekdoten“ publiziert hat.

Hansjakob zur Wasserkur
Wegen seiner angeschlagenen Nerven besuchte Hansjakob die Wasserheilanstalt Waid in der Schweiz. Er wanderte eines Tages mit 2 Kurteilnehmern in die schöne Umgebung in Richtung St. Gallen. Wegen der kühlen Witterung wanderten sie nicht nach der Kurvorschrift, barhäuptig und barfuss herum, sondern in warmer Kleidung und festen Schuhen. Auf dem Rückweg waren sie so in einem Gespräch vertieft, dass sie nicht auf den Weg achteten. Sie fragten einen Bauersmann nach dem Weg. Er zeigte ihnen den richtigen Weg nach Waid. Dann sagte er: „Es gibt noch einen viel näheren Weg, aber den kann ich den Herren nicht empfehlen, denn dort laufen die Narren von der Kuranstalt herum.“

Der Zapfe ist ab
Nach dem Tod eines lieben alten Lehrers von Hagnau wollte Hansjakob seinen Schülern begreiflich machen, was es mit dem Sterben auf sich hat. Maria Schaettgen schilderte dies so: Nachdem er den Kleinen behutsam das Sterben als Heimkehr zu Gott dargestellt hatte, wollte er feststellen, ob sie ihn recht verstanden hätten. Er fragte den kleinen Frieder, was denn geschehe mit dem Menschen, wenn er sterben müsste. Der Friederle – er war keiner von den Gescheitesten, aber dumm und auf den Mund gefallen war er auch nicht – er besinnt sich nicht lange und sprudelt los: ‚No isch ebbe de Zapfe ab. Herr Pfarrer, do bruchts ko langs Doherschwätze!’“

Der vergebliche Trost
Nachdem die Frau eines Mannes in Hagnau gestorben war, wollte ihn Hansjakob trösten. Er sprach ihn an und meinte: „Schauen Sie, dort, wo Ihre Frau jetzt ist, dort wohnt Friede und Ruhe, und sie ist aller Mühsal ledig. Ich glaube, Sie sollten ihr dies von ganzem Herzen gönnen.“Der Mann antwortete: „I gönn`s ihre scho, Herr Pfarrer, aber no word se´s dort nit long ushalte, i kenn doch mei Alte!“

 

Internet
www.haslach.de
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hansjakob

Literatur
Schaettgen, Maria: „Heinrich Hansjakob – Anekdoten“, Verlag Moritz Schauenburg, Lahr 1994.
Bücher von Hansjakob sind im Hansjakobverlag, Haslach, zu bekommen (s. Verzeichnis der Bücher im Internet unter www.haslach.de).

 


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