Textatelier
BLOG vom: 01.03.2012

Schöne Zeiten stehen an. Auch ein schöner Tag genügt

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Beim Durchlesen meiner Texte über das Leben und die Ereignisse in London glaube ich, die vorwurfsvolle Frage dieses und jenes Lesers zu hören: „Wo bleibt das Positive? Warum so viel nörgeln und bemängeln?“ Wie immer hat der Leser Recht, als Konsument hingegen selten. „Schon wieder?“ wendet der Leser ein und wiederholt nachdrücklich: „Wo bleibt das Positive?“
 
Ich reisse mich zusammen und will die schönen Zeiten loben, die uns bevorstehen. So reihe ich mich in die Warteschlange zur schönen Zeit ein. Ganz gewiss werde ich an die Reihe kommen, wie auch die Leute vor und hinter mir.
 
Meine Zuversicht ist aufgeplustert, meine Erwartungen sind hoch gespannt. Die schönen Zeiten beginnen, wenn man u. a. auf Zeitungen verzichtet. Beim Schreiben dieser Zeilen, am Donnerstag, dem 23.02.2012, ist es draussen wider Erwartens warm geworden: 16° Celsius. Ich hole mein Velo aus dem Unterstand. Die Reifen haben keine Luft verloren, die Bremsklötze funktionieren, die Kette hat sich nicht gelockert. Zuversichtlich schwinge ich mich auf den Sattel und radle durch meine Seitenstrasse Richtung Wimbledon Village. Ich pfeife auf schöne Zeiten – ein schöner Tag steht mir bevor, und das genügt mir für heute. Meine Frau ruft mir nach: „Wir haben keinen Kaffee mehr!“ Das überhöre ich geflissentlich. Ich will mich nicht von solchen Bagatellen ablenken lassen. Apropos Kaffee: Ich stelle mein Velo vor dem neu eröffneten „Café Nero“ ab. Gut, dass ich Kleingeld auf mir habe. Der gute Tag dauert an, wie ich meine Tasse Schokolade trinke.
 
Nebenan lächle ich einem Kind im Kinderwagen zu, und es lächelt zurück. „Ein aufgeweckter Bursche“, sage ich zur Mutter und frage: „Wie alt ist er?“ ‒ „Sechzehn Monate“, verkündet sie stolz. „Das beste Alter“, kommentiere ich, der sonst wenig für ein „Buschi“ übrig hat.
 
Nachher schiebe ich mein Velo auf dem Fussgängerstreifen auf die andere Seite der „High Street“ und will einen Blick in den „Trader“ werfen, der einzige Antiquitätenladen im Village. Die wohlbeleibte Dame lächelt mir zu. Hin und wieder verkaufe ich ihr einige Kleinigkeiten.
 
Die alte, reich illustrierte Konfektschachtel hatte sie inzwischen verkauft. „Das nächste Mal zeige ich Ihnen einige Bronzemedaillen, die Sie interessieren dürften“, verspreche ich ihr. Die gute Dame war in meiner Strasse, Parkside Gardens, aufgewachsen und beklagte sich über die Verschandelungen durch Neubauten. Unsere Plauderei wurde erst unterbrochen, als jemand den Laden betrat. Es war ausgerechnet „Dschu-Dschu“, eine zierliche Burmesin, der ich erstmals im „Trader“ begegnet bin. Eine Freundschaft hat sich zwischen ihr und meiner Frau entwickelt. Sie treffen sich oft zum Kaffee. Dschu-Dschu ist immer um ihre Gesundheit besorgt und besucht einmal pro Woche die lokale Arztpraxis. Diesmal hatte sie eine Kateraktoperation hinter sich. Meine Anteilnahme freute sie.
 
Weiter geht meine Velofahrt durch verkehrsarme Seitensträsschen. Unterwegs begegne ich anderen Leute aus unserem Bekanntenkreis, die etwas verwundert waren, mir als Velofahrer zu begegnen.
 
Der Tag endete so gut, wie er begonnen hatte. Der Einsiedlerkrebs hat diesmal sein Gehäuse verlassen. Er wird sich vermehrt wieder zeigen. Das ist ein positiver Entschluss, der in Paris seinen Fortgang nehmen wird.
 
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