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BLOG vom 21.10.2020
Erwin Jaeckle – Aphorismen eines Publizisten u. Parlamentariers

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU


Für Emil Baschnonga, Altmeister dieser Textsorte

Erwin Jaeckle (1909 – 1997), über Jahrzehnte Chefredaktor, auch Feuilletonchef der von Migros-Gründer Gottfried Duttweiler in Zürich ins Leben gerufenen Tageszeitung DIE TAT, deren letzter Chefredaktor Roger Schawinski war (nicht zum Vergnügen Jaeckles), war ein aussergewöhnlich begabter Lyriker mit rund 30 Gedichtbänden, darunter die einzigartigen «Eineck-Gedichte», dazu ein philosophischer Kopf zum Beispiel mit «Phänomenologie des Lebens» (1951) und «Die Farben der Pflanze» (1959). Ausserdem war er 1942 Mitbegründer der Schweiz. Paracelsus-Gesellschaft und textete die Inschriften am Einsiedler Paracelsus-Denkmal auf dem Klosterplatz. Überdies war er Nationalrat des Landesrings der Unabhängigen, in welcher Eigenschaft er einen Aphorismenband verfasste mit dem heute noch bedenkenswerten Titel «Kleine Schule des Redens und Schweigens». Aus jenem 1951 in Lausanne publizierten Buch folgen nun «Rosinen», die ich meistenteils schon in meiner Jaeckle-Biographie «Lerne das Leben und lebe das Lernen» zum 100. Geburtstag (2009) des Zürcher Literaturpreisträgers publiziert habe, damals mit Erlaubnis seiner unterdessen ebenfalls verstorbenen Witwe Annabeth Jaeckle-Treadwell.

 

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Aphorismen, vor bald 70 Jahren geschrieben im Nationalratssaal:


Ausfälle überzeugen nur im Dienst von Einfällen.

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Ist der Redner nicht genehm, verfängt die Wahrheit nicht.

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Gesetze legalisieren die Unversöhnlichkeit.

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Der Rat hat zu wenig Witz, weil es nicht die Art des Witzes ist, Rat zu halten.

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Bemächtigt sich die Partei des Staates, wird der Staat Partei.

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Gute Gründe widerlege nicht, verdunkle sie.

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Bediene dich der eingewurzelten Vorurteile.

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Gib die halbe Wahrheit für die ganze aus.

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Beweise nötigenfalls mit Vermutungen.

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Das Schlüsselloch beschränkt die Sicht.

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Der Stock in den Speichen bewahrt uns vor der Ankunft.

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Der Fehlschlag der Verhandlungen ist zuweilen die glücklichste Lösung: die sicherste.

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Gründe entkräften, indem man an anderen Beispielen aufweist, dass sie nicht zutreffen.

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Ausnahmen beleuchte mittels der Regel.

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Tyrannen: Nutzniesser der Sorge.

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Die Rettung der Welt ist eine Frage des Horizontes.

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Rüppel am Redepult gefährden die Wahrheit, der sie dienen.

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Je geringer die politische Phantasie, umso so grösser die Gesinnung.

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Der bürokratische Staat: eine Arche ohne Noah.

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Sieben oder neun Bundesräte? Die besten, also sieben und daher neun!

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Dem Souverän ist verboten, was Behörden sich gestatten: zu irren und Unrecht zu haben.

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Je weniger Einigung, umso mehr Verordnung.

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Bring’ gerechtfertigte Anträge mit der Geschäftsordnung zu Fall.

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Demokratie: die totale Selbstbeherrschung.

 


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