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14. Ausgabe www.textatelier.com 06. 05. 2005

Was wäre ein Verlag ohne ein Buch?

Als Urs Walter und ich unsere Verlag Textatelier.com GmbH am 12. November 2004 im altehrwürdigen Amtslokal des Notariats von Hansruedi Wüthrich in Grüningen ZH gründeten (siehe 11. Rundbrief), wusste ich noch nicht so recht, was daraus einmal werden würde – und das ist eigentlich noch immer der Fall. Es gab 2 Beweggründe für diese Unternehmensgründung: Die Fülle von publikationsreifen Artikeln, die im Textatelier.com während der ersten 28 Monate zusammengekommen waren, und das Bestreben, meine durch die Textatelier.com-Firmengründung (am 1. Juli 2005) gewonnene Unabhängigkeit weiter auszubauen beziehungsweise zu vervollständigen.

Freiheit, die ich meine
Die Sache mit der Unabhängigkeit: Wer ein Buch publizieren will, muss normalerweise bei Verlagen vorstellig werden und anfragen, ob das Buchprojekt genehm sei. Da ich aus dem bekannten Marktgeschehen und der Fachlektüre weiss, wie zurückhaltend die Verlage, soweit sie noch nicht das Zeitliche gesegnet haben, heute sind – sie gehen kaum noch ein Risiko ein – und wie sehr sie unter Absatzsorgen zu leiden haben, konnte ich mir diesen Aufwand ersparen. Stattdessen habe ich gleich selber einen Verlag gegründet. Dabei war ich auch etwas inspiriert von den entsprechenden Aktivitäten meines lieben Freunds Fernand „Sepp“ Rausser, der vor rund 3 Jahren seinen Wegwarte-Verlag ins Leben gerufen hat, um endlich die Bücher machen zu können, genauso wie er wollte. Er produziert weiterhin munter drauflos. Das Buch-Dutzend ist voll. Selbst ist der Mann!

Unabhängigkeit: Wahrscheinlich bedeutet dieses Wort im gegebenen Zusammenhang im Klartext, dass die Planung und Produktion eines Buchs nicht einfach von Marketing-Überlegungen geprägt ist, sondern die Überzeugung, etwas Stilvolles, Nötiges, Persönliches zu tun, ist das bestimmende Element. In Bezug auf das 1. Verlagsprodukt aus dem Textatelier.com-Verlag, das 240 Seiten umfassende Buch „Kontrapunkte zur Einheitswelt“(mit Cartoons von Fernand Rausser), bedeutet dies, dass es uns darum ging, endlich einen Impuls zum Anregen der Diskussion über die Globalisierung, diese kulturelle Uniformierung, ausgerichtet auf die US-amerikanische Primitivkultur, zu vermitteln.

Globalisierung, die wir hautnah erleben
Wenn in einem Dorf der letzte Laden eingeht, wenn ein Traditionsunternehmen, das vielleicht schon im 19. Jahrhundert gegründet wurde und bis in die 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts erfolgreich produzierte und funktionierte, von der Bildfläche verschwindet und als letzter Akt Schuldenberge und Arbeitslose produziert, dann hat das sehr wohl mit der Globalisierung zu tun. Das Bauernsterben seinerseits ist auf die zerstörerische Fuchtel der Vorschriften der Welthandelsorganisation (WTO) zurückzuführen, dieses wahrscheinlich wesentlichste, brutalste Globalisierungsinstrument. Es bewirkt, dass nur noch die grössten (industrialisiertesten) Landwirtschaftsunternehmen überleben können und dass die Landschaften zum Zwecke industrialisierter Bewirtschaftung weiter ausgeräumt werden und noch mehr Plantagenwälder entstehen. Das Endstadium dieser Landwirtschaftsentwicklung wird der Anbau von keinen anderen als genmanipuierten Nutzpflanzen sein, für die man die Samen ausschliesslich noch bei Monsanto und Syngenta kaufen kann und muss. Dann wird auch unsere Ernährung vollkommen unter Kontrolle sein. Nicht genmanipulierte Pflanzen wird man mit der Zeit wohl verbieten müssen, weil sie das Erbgut der veränderten Pflanzen schädigen könnten . . .

Fusionen aller Art und sogar Gemeindefusionen, Ländervereinigungen (wie die EU), die Fusion von Armeen unter der US-Generalität (Nato) gehören ebenso dazu wie die Privatisierung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen (GATS). Alles wird grösser, einheitlicher, und was sich in Nischen verkrochen hat, wird bedrängt, verdrängt und überlagernd erstickt. Im Kultursektor dominiert die US-Massenkultur: lokale Musiktraditionen werden mit medialer Förderungshilfe durch massentaugliche US-Konserven verdrängt, die Operetten sind durch US-Musicals ersetzt, die Filmproduktion ist längst eine Hollywood-Domäne, die Fernsehsender richten sich nach CNN aus, die Sprachenvielfalt löst sich unter dem Vormarsch des Amerikanischen allmählich auf. Ich will die Auszählung hier beenden, dieses Fragment soll genügen. Der Rest steht in meinem Buch. Denn das muss doch einmal im Zusammenhang dargelegt werden!

Aufrüttelnd ungewöhnlich
Mein pensionierter Nachbar, ehemaliger SBB-Angestellter in leitender technischer Position, Walter Hächler, schleift mir jeweils die Häcksler-Messer, so dass sie zu Hächler-Messern werden und ich ständig in seiner Schuld stehe, obschon er das strikte verneint. Jedenfalls habe ich ihm ein Buchexemplar überbracht, um meine Schuldgefühle etwas abzubauen. Er hat sich sofort in die 240 Seiten vertieft und mir das Buch einige Tage später zum Signieren unterbreitet. Sein Kommentar: „Ganz ‚verreckt’, was du da schreibst“ (eine mundartliche Redensart, die „auf auffällige Weise ungewöhnlich“ bedeutet): „Wer wagt es schon, die USA als den Schurkenstaat hinzustellen, obschon alles wissen, dass dem genau so ist?“

Diese spontane Reaktion eines Mannes aus dem Volk, der zwar überdurchschnittlich interessiert und im kritischen Denken gewohnt ist, hat mich wirklich gefreut, weil sie den Kern der Sache trifft. Er riet mir, nicht mehr in die USA zu reisen. Seit Einführung der exzessiven Kontrollen und der Aushebelung jeder Form von Datenschutz habe ich ohnehin keine Lust mehr dazu, auch wenn es dort sehr viele freundliche, liebenswürdige Menschen gibt, die ebenfalls unter den herrschenden Zuständen leiden, wie ich aus eigener Anschauung weiss. Durch den Irak zu reisen, hätte ich keine Mühe; aber die USA sind mir zu unsicher geworden.

Ich sagte dem Nachbarn Walter, ich würde in unserem Verlag einfach meine grosse Freiheit und Unabhängigkeit nützen – niemals aber missbrauchen. Die Unabhängigkeit nützen heisst für mich, ehrlich zu sagen, was im empfinde und dies auch dann, wenn ich damit in ein Wespennest hinein trete (ohne diese netten Insekten verletzten zu wollen). Es sei wichtig, dass wichtige verdrängte Fragen ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden.

Gute Produktionsvoraussetzungen
Das Textatelier.com (inkl. dem dazu gehörenden Verlag) besteht aus einem lockeren Zusammenschluss von erstklassigen Fachkräften (Technikern, Kunstschaffenden, Typographen, Schreibern, Korrektoren, siehe Impressum). Sie sind ebenso in der Lage, ganze Webseiten zu konzipieren und auch auf dem Stand der Technik einzurichten wie auch ganze Bücher druckfertig vorzubereiten. Alle nötigen Einrichtungen bis zu einem Scanner der Luxusklasse sind vorhanden. Neben zahllosen Publikationen stammen bereits 5 Webseiten aus unserem Unternehmen; sie wurden entweder von Grund auf neu konzipiert oder aktualisiert (zuständig: Urs Walter).

Auch das erste Buch ist da („Kontrapunkte zur Einheitswelt“), 2 weitere sind in Produktion: Das Einkaufsbrevier von Heinz Scholz („Richtig gut einkaufen“ – mit einem Anklang an richtig gut essen) und das kritisches Porträt von Land und Leuten rund um Zeihen AG aus der Feder von Heiner Keller („Bözberg West. Landleben zwischen Basel und Zürich“). Bei diesem Produktionstempo stelle ich fest, dass solch ein Verlag zu grossen administrativen Umtrieben führt, bis die ISBN-Nummer beschafft ist, die Neuerscheinungen registriert sind, die Vernissage eingefädelt und vollzogen (29. April 2005) ist, und dann kommt Heiner Keller und sagt zu mir im Befehlston: „Du musst jetzt verkaufen.“

Etwas Spass und Verkauf müssen sein
Ich bin kein Verkäufer, eher ein Verschenker, aber ein bisschen Verkauf muss schon sein, wie ich mir sagen liess. Und jede Buchbestellung, die hereinkommt, bestärkt mich im Gefühl, dass es Menschen gibt, die eine unkonventionelle und nicht auf finanziellen Erfolg ausgerichtete Tätigkeit zu schätzen wissen. Ein entsprechendes Erlebnis hatte ich am 3. Mai 2005: Die naturverbundene Frau Dora Wasem aus CH-5105 Auenstein rief mich an und bestellte ein Buch, als Geburtstagsgeschenk für Ihrem Mann Hans, der gerade im Spital weilte und auch den Geburtstag dort verbringen musste. Sie wollte ihm damit eine Überraschung bereiten. Allerdings hatte ihr Mann den nachstehend zitierten „AZ“-Bericht gelesen und rief sie unverzüglich an, ob sie ihm das Buch „Kontrapunkte zur Einheitswelt“ nicht besorgen könne; er interessiere sich sehr dafür. Nun war es an mir, bei solch einer intensiven Nachfrage ein Geburtstagsgeschenk zu machen.

Eine grosse und bedeutete Starthilfe leistete, wie man sah, die „Aargauer Zeitung“ AZ vom 2. Mai 2005 unserem Verlag, die in der Regionalausgabe Aarau die „Kontrapunkte zur Einheitswelt“ auf der Titelseite ankündigte und auf den Seiten 4 und 5 üppig über die Vernissage im Bibersteiner Schlosshof in Wort und 2 Bildern berichtete. Den Bericht füge ich nachstehend im Wortlaut an. Eine Wertschätzung über die Pensionierung hinaus zu verspüren, ist wohltuend.

So nimmt das Verlagsschicksal seinen Lauf. Ein wesentlicher Beitrag zur Bekanntmachung unserer Bücher leistet auch das Blogatelier, das die Zugriffszahlen auf unsere Webseiten geradezu sprunghaft erhöht hat. Und das hilft auch mit, unser Buchangebot bekannt zu machen.

Wer schreibt, möchte gelesen werden, und das Schreiben seinerseits hat aufs Lesen eine animierende Wirkung. Bei uns ist das offensichtlich so. Den Lesern, die ich schon immer über alles stellte, möchte ich deshalb für ihre Zuneigung aufrichtig danken, ebenso allen Kunden und Sympathisanten unseres Unternehmens.

Walter Hess


Der Ökologe und Autor („Bözberg West“) Heiner Keller – erstmals mit Manuskript.


Der Wegwarte-Verlag-Gründer: Fernand „Sepp“ Rausser bei der Vernissageansprache in Biberstein


Gelöste Vernissage-Stimmung im Bibersteiner Schlosshof (Ausschnitt)


Signierstunde: Walter Hess und Greti von Känel


Eliane Zweifel aus Baden spielt Werke
von Alphonse Hasselman und Georg Friedrich Händel

 



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