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Die Schönheit der Buchstaben

Ein Text besteht optisch nicht einfach aus einem Buchstabenhaufen. Die Buchstaben sind gestaltet, mehr oder weniger schön angeordnet. Aus der mit Kunstgefühl gestalteten Verbindung der Einzelbausteine eines Textes entsteht ein Satzgefüge, das den Betrachter wie ein gelungenes Gemälde mehr oder weniger ansprechen kann, ein Strickmuster, in dem die unterschiedlich breiten Buchstaben ineinander übergehen, sich verweben. Zudem muss die leichte Lesbarkeit gewährleistet sein. Papier, Format, Aufmachung, Schrift sind aber auch Elemente, die einen Einfluss auf den Inhalt haben.

Es kommt auf Schriftauswahl und Gestaltung an. Beide sollen einen Bezug zum Inhalt und zum Gestaltungsumfeld haben; die Schriften müssen zudem untereinander harmonieren. Dabei kann der Typograf mit leisen oder lauteren Tönen oder gar mit Knalleffekten arbeiten, eine Kakophonie (Missklang) statt eine Euphonie (Wohlkang) oder Symphonie herbeiführen. Billige Werbegrafik schreit, gute flüstert – das könnte überall so sein, auch bei Kopfzeilen (Headlines, Überschriften). Geschrei wird hier wie dort eingesetzt, um fehlenden Inhalt zu kaschieren – wie bei der Feuerwerkerei. Diese besteht nur aus Knalleffekten und stinkendem Rauch.

Die Schriften wurden seit Gutenberg in einigen Betrieben für bestimmte Anwendungen noch bis um 1980 Buchstabe für Buchstabe von Hand gesetzt, obschon bereits 1886 Ottmar Mergenthaler mit der Erfindung der Linotype-Zeilensetzmaschine die Satzherstellung revolutioniert hatte und sich der Fotosatz in den 70er- und 80er-Jahren breit machte. Am Erscheinungsbild der Buchstabenansammlungen hat sich dadurch nichts geändert; der Betrachter einer Drucksache braucht sich um ihre Entstehungsart nicht zu kümmern.

Sehen wir genauer hin: Jeder Buchstabe besitzt eine bestimmte Breite (Dicke); viele Schriftdesigner haben sich bemüht, wohltuende Schriftbilder zu kreieren. Einer der berühmtesten von ihnen ist Adrian Frutiger, 1928 in Interlaken geboren. Er war ab 1952 in Paris tätig und kehrte 1992 in die Schweiz zurück. Seine berühmten, durchgestalteten Schriften, wie eben die Frutiger, bauen alle auf der Tradition der Handschrift auf. Da schimmert das Schreibinstrument Feder überall durch. Frutiger: "Da die Feder gerade abgeschnitten ist, wird der Aufstrich dünn und der Abstrich dick; horizontale Striche werden dünner als vertikale. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass etwa das grosse O nicht exakt mittelachsig, sondern leicht nach links geneigt ist. Diese Neigung ergibt sich aus der Position der Hand, die schreibgerecht in einem 15-Grad-Winkel gehalten wurde. So können Sie bei jedem einzelnen Buchstaben sehen, wie er ursprünglich einmal aus der Feder des Mönchs geflossen ist."

Das I ist nicht einfach ein I, sondern es steht auf leicht hohlen Füsschen und hat wie eine griechische Säule eine leichte Wölbung. Und das Tüpfchen auf dem i ist höher als breit; denn weil das Auge horizontale Werte anders wahrnimmt als vertikale, erschiene ein schwarz ausgefüllter Kreis breiter als hoch. Mit solchen Schriften kann sich das Auge des Lesers auf Anhieb gut anfreunden, nicht aber mit rein technischen Schriften, bei denen jeder Strich dieselbe Dicke hat und die nicht zum Lesen einladen, ja es sogar erschweren. Sie wirken stubenrein, langweilig wie eine normierte, geradlinige Vorstadtstrasse mit uniformen Wohnblöcken auf beiden Seiten. Sie sind für Telefonbücher und Tabellen und dergleichen jedoch geeignet, aus denen bloss einzelne Namen, Daten herausgefischt werden; hier wären Füsschen und Schatten eher verwirrend, zumal die Schriften bei solchen Anwendungen der Platzersparnis halber meistens ausgesprochen klein sind und es zu Buchstaben- und Zahlen-Überlappungen kommen könnte.

Ein bescheidener und doch anerkannter Schweizer Schriftenentwerfer und Buchgestalter ist der 1916 geborene Max Caflisch[1]. Er besitzt die seltene Gabe und Sicherheit im Wählen der besten Schriften für die ihm anvertrauten Texte sowie im gediegenen Gestalten der Werkinhalte, im Abstimmen der Werkmaterialien zueinander. Die meisten Schriften, die auf moderne Leser losgelassen werden, bezeichnet er verständlicherweise als "grässlich"; er empfindet sie als "pubertäre Entwicklungen – sie sind nicht durchdacht; es wurde einfach probiert, um etwas anderes zu machen"[2]. Er unterscheidet zwischen Schriften, die für den Mengensatz gemacht worden sind und so genannten Auszeichnungsschriften; letztere sollten sparsam angewandt werden.

Änderungen am Schriftbild einer Publikation sollten mit äusserster Zurückhaltung vorgenommen werden (wie auch am Layout überhaupt). Deshalb hat Stanley Morison, der die Schriftentwicklung in England massgeblich beeinflusste, in seinen "First Principles of Typography" gemahnt: "Die Schriftgestaltung hält Schritt mit dem konservativsten Leser. Ein guter Schriftkünstler ist sich deshalb bewusst, dass ein neuer Schriftschnitt, um erfolgreich zu sein, so gut sein muss, dass nur wenige seine Neuheit erkennen. Wenn die Leser die Zurückhaltung und zuchtvolle Form einer neuen Schrift nicht bemerken, dann ist sie wahrscheinlich gut. Aber wenn meine Freunde finden, der Bogen des kleinen r oder der Abschlussstrich des kleinen e seien recht famos, dann weiss man: Ohne diese Eigenarten wäre die Schrift besser geworden."

Auch Johannes Gensfleisch Gutenberg darf zu den ausgezeichneten Schriftgestaltern gezählt werden: Er hat für eine einzige Schrift gegen 200 Buchstaben und Buchstabenpaare – die so genannten Ligaturen – geschaffen, was sein Verständnis dafür beweist, was es braucht, um ein gutes Schriftbild zu schaffen; sein Verdienst sind die vielen kleineren und grösseren Erfindungen in diesem Bereich[3]; denn verschiedene Druckverfahren gab es schon vor ihm. Mit der fortschreitenden Technik sind dann die Gross- und Kleinbuchstabenalphabete auf relativ funktionale 30 oder 50 Figuren reduziert worden. Mit der Einführung des Kupferstichs wurden die Schriften schliesslich verfeinert.

Die Schriftengestalter werden nie müde, neue Kreationen herbeizuzaubern, vor allem Designerschriften. Die so genannte FontFont-Bibliothek umfasst (laut dem "Catalogue 2000") nicht weniger als etwa 1600 Fonts; sie hat sich damit zur grössten Sammlung zeitgemässer Entwürfe entwickelt. Laufend kommen neue hinzu. Das Unternehmen hat der Übersichtlichkeit eine eigene Klassierung in typografische, geometrische, amorphe, ironische, historische, intelligente, handschriftliche und destruktive Fonts sowie PI+Symbols vorgenommen.

Mit den typografischen Schriften sind Werkschriften und solche für Lesetexte gemeint, im Gegensatz zu den Headline- und Modeschriften. Die ironischen Schriften sind meistens Spassschriften oder Parodien typografischer Betriebsunfälle. Bei den historischen Schriften geht es um Neuinterpretationen klassischer Formen oder einfach um "alt aussehende" Schriften. Zu den intelligenten Schriften werden beispielsweise "Beowolf" gezählt, die erste Schrift, die "denken" kann und sich beim Drucken ständig verändert. Man spricht in Fachkreisen im Weiteren etwa von Corporate-Identy-Schriften, die gut lesbar sein und viele Gestaltungsmöglichkeiten bieten müssen. Spezielle, effektvolle Schriften wie FF TradeMarker sind für Plattenhüllen, Flyers und Logos geeignet. Das Feld ist unendlich.

Der Durchschnittsleser nimmt 12 bis 15 Buchstaben gleichzeitig auf, wenn ihm dies durch das Schriftbild ermöglicht wird. Für ein ruhiges, kontinuierliches Lesen haben sich ungefähr 60 Buchstaben pro Zeile als optimal herausgestellt[4]. Aus dieser Buchstabenanzahl und der angemessenen Schrift ergibt sich fast von allein die zweckmässige Zeilenlänge.

Es gibt Experten, die den Serifen, diesen kleinen waagrechten, schmückenden Endstrichen an den Buchstaben, die Funktion zuschreiben, die Augen in waagrechter Richtung zu leiten und auf der Zeile zu halten; die Sprünge der Augen während des Lesens werden dadurch etwas aufgefangen. Sie vermitteln das Gefühl, dass die Buchstaben fest auf dem Boden stehen. Tatsächlich sind Schriften mit Serifen müheloser zu lesen, wie jedermann selbst feststellen kann. Meines Erachtens trifft das auch für den Bildschirm zu, auch wenn gelegentlich das Gegenteil behauptet wird.

Die Schriftart wird beim Lesen häufig nur mit dem Unterbewusstsein erfasst, und so wie die meisten Leute ein Empfinden für falsche Töne haben, nehmen sie auch unharmonische Schriftbilder oder gelungene typografische Finessen auf, ohne genau sagen zu können, was sie eigentlich stört oder was ihnen gefällt. Leute aus der grafischen Branche sind hier die Ausnahme. Wer an schöne Handschriften denkt, wird sich an die Kalligraphie erinnern, an die kunstvollen Schriften, die mit Federn aus Schilfrohr oder Gänsekielen entstanden sind. In Bern betreibt Fred Balmer an der Länggass-Strasse (früher: Kramgasse) eine legendäre Schreibstube. Der bekannte Kalligraph ("Babs") fertigt auftragsgemäss kunstvolle Schönschriften für Urkunden, Kleinplakate, Stammbäume, Weinetiketten usf. an.

Auch solche handgefertigten Schriften leben in Druckschriften hier und dort weiter. Es sind kontrastreiche Schriften mit feinen und breiten Linien, aber auch zart und gleichmässig fliessende. Kalligraphen wie "Babs"in Bern, besonders aber auch solche in China und Arabien, schaffen noch heute abstrakte, bedeutungsvolle Kunstwerke aus zusammengefügten Buchstaben, eine Gebrauchskunst, die ein hohes Niveau erreicht hat.

Walter Hess

[1] Max Caflisch war Fachlehrer an verschiedenen Schweizer Ausbildungsstätten, u.a. an der Technikerschule der Grafischen Industrie Zürich. Er hatte auch einen Auftrag als Berater für Schriftdesign bei IBM New York, bei der Bauerschen Giesserei Frankfurt, der Firma Hell in Kiel D sowie Adobe Systems in Kalifornien. Etwa 100 der von ihm gestalteten Bücher würden prämiiert. Er war zudem Autor typografischer Fachbücher sowie Verfasser zahlreicher schriftanalytischer Aufsätze für die „Typografischen Monatsblätter".
[2] Aussage in einem "AZ"-Interview (2. September 2000).
[3] Gutenbergs wesentlichste Entwicklung war um 1440 der Handgiessapparat. Mit dessen Hilfe konnte der Erfinder jetzt Lettern serienmässig und in gleichbleibender Qualität herstellen. Dazu hat Gutenberg die gewünschten Buchstaben vorerst als Positive in einen Eisenstempel graviert, mit diesen Prägestempeln die Negative in ein Kupferklötzchen geprägt, dieses in den Giessapparat gelegt und anschliessend die Lettern gegossen. Auch die dabei verwendete Legierung gehört zu seinen Erfindungen: Blei, Zinn und Antimon. Sie wurde über Jahrhunderte bis in die Neuzeit bis zur Verdrängung des Bleisatzes beibehalten, weil sie ideale Eigenschaften hatte: Sie war einerseits hart genug, um mit den daraus gegossenen Lettern hohe Auflagen zu drucken. Gleichwohl erlaubte sie die präzise Wiedergabe von feinsten Einzelheiten aus den Gussformen.
[4] Adresse: Compress Fonts & Graphics, Seestrasse 99, CH-8800 Thalwil (www.compress.ch).
[5] Bei Manuskripten waren früher, als die Korrekturen noch von Hand an den Seitenrändern angebracht wurden, kürzere Zeilen verlangt, damit die speziellen Korrekturzeichen auf dem freien Platz übersichtlich angebracht werden konnten.

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