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     11. Dezember 2018, 17:13 Uhr
 


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Die Orgonenergie nach Wilhelm Reich

Ein kurioses Kapitel US-amerikanischer Wissenschaftsgeschichte

Der österreichische Arzt und Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897–1957), ein Schüler Sigmund Freuds, widmete seine Tätigkeit der Erforschung von Lebensprozessen, wobei er die Sexualität besonders berücksichtigte. Auf der Grundlage von Freuds Libido-Begriff (der Energie des Triebgeschehens in der Psyche) sprach Reich von einer Lebensenergie, welche nicht nur im biologischen und im psychischen Bereich wirkt, sondern eine allumfassende schöpferische Energie sei. Er nannte diese Energie, die ihm als kreiselnde Licht-Erscheinung bei der Erforschung von Bion-Kulturen[1] aus Seesand in seinem Labor begegnet war, Orgon (1940). Sie wird von Zellen, Geweben und lebenden Organismen in wechselnden Konzentrationen akkumuliert und entladen; für ihn war das die bestimmende und formende Kraft. Das Flimmern der Sterne und das Wärmeflimmern führte er ebenfalls auf die Orgon-Energie zurück, ja sogar das ganze meteorologische Geschehen. Reich schrieb dem Orgon als massefreie kosmische Lebensenergie ausdrücklich physikalische Eigenschaften zu, und er veröffentlichte etwa 20 Messexperimente, mit denen er seine Theorie zu untermauern versuchte.

Diese Lebensenergie entdeckte er in allen Lebewesen, am Himmel und in der Atmosphäre, und er fand Wege, diese Energie effektiv für die heilende Arbeit einzusetzen. Um die Lebensenergie medizinisch und technisch nutzbar zu machen, konstruierte Reich verschiedene Apparaturen, unter denen der Orgonakkumulator, eine Art Faraday-Käfig, wohl die bekannteste ist. Dabei handelt es sich um einen engen Kasten aus verzinktem Eisenblech, abwechselnd mit nicht leitendem Material, der nach aussen hin isoliert war und nur durch eine kleine Öffnung einen geringen Luftaustausch mit der Umgebung erlaubte. Darin sollte sich die kosmische Lebensenergie konzentrieren.

Der Patient betrat den Akkumulator im Allgemeinen nackt und nahm darin eine aufrecht sitzende Position ein. Darin erlebte er spezifische Wärmeempfindungen, weil die Luftfeuchtigkeit anstieg und die Wärmeabstrahlung der Haut wieder auf die Haut zurückfiel. Im Kasten gab es praktisch keine Luftbewegungen, und so entstand darin ein tropisches, schwüles Klima. Der Körper musste nun entsprechende Regulationsmassnahmen einleiten: Die Blutgefässe der Haut weiteten sich, um vermehrt Wärme abzustrahlen, und es trat ein deutliches Wärmeempfinden auf.

So wurden körperliche Prozesse in die Therapie einbezogen. Als besonders eindrucksvoll erwies sich der Einsatz des Orgonakkumulators bei der Beschleunigung der Wundheilung nach Verletzungen und Verbrennungen, aber auch in der Behandlung verschiedener anderer körperlicher Erkrankungen (z.B. Erkältungen, Bronchitis, Abszesse, chronische Müdigkeit), eine Parallele zu den Wirkungen des vitalisierten (zum Beispiel durch Verwirbelung wiederbelbeten) Wassers. Auch das Leben von schwer krebskranken Patienten konnte positiv beeinflusst werden, auch wenn der Krankheitsverlauf nicht mehr abzustoppen war.

Dem unkonventionellen und kreativen Wissenschaftler Reich war kein Aufwand zu gross, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen; er forschte auf den unterschiedlichsten Gebieten. Er betrieb Wetterkontrolle, konstruierte einen Orgonmotor, erforschte das Aufwachsen von Kleinkindern usf.

Eines seiner Experimente, der 1951 in Rangeley (Maine, USA) unternommene Versuch, Radioaktivität mit Orgonenergie zu neutralisieren, wurde zum Debakel – die Lebensenergie erstarrte. In der Umgebung liessen Bäume ihre Zweige hängen, Vögel verstummten, Granitsteine wurden schwarz, Säuremoleküle bildeten sich und die Mitarbeiter erkrankten; Reich selber erlitt einen Herzanfall. Er nannte diesen Zustand DOR (Deadly Orgone Radiation = Tödliche Orgon-Strahlung). Er entwickelte innert einiger Monate ein Gerät als Korrektiv, den Wolkenbrecher (Cloudbuster), lange Metallrohre, die durch einen Metallschlauch in Wasser gewissermassen geerdet waren. Damit war es ihm möglich, die klimatische Selbstregulierung wiederherzustellen.

Seine Forschungen, die auch von grossem ökologischem und therapeutischem Interesse sind, werden heute von vielen Instituten weitergeführt, um einerseits die Blockierung und anderseits die Entfaltung des Lebendigen zu ergründen. Denn Reich hatte die Entdeckung gemacht, dass jede Blockierung bestimmter Emotionen mit einer Verhärtung bestimmter Muskelgruppen einhergeht und sich körperlich verankert. Jede psychische Erkrankung findet somit in einer allgemeinen Blockierung der körperlichen und emotionellen Beweglichkeit ihren Ausdruck. Um nun diese Panzerungen wieder aufzulösen, begann Reich als erster Psychoanalytiker, seine Patienten direkt am Körper zu berühren. Durch Druck oder sanfte Massagen versuchte er die chronisch kontrahierten Muskelgruppen zu lockern.

Er hatte Tabus gebrochen, gegen das psychoanalytische Establishment verstossen, auch indem er sich dem Nachweis der Lebensenergie zugewandt hatte. Er passte nicht in den üblichen Wissenschaftsbetrieb. 1954 wurde der von Wilhelm Reich konstruierte Orgonakkumulator aufgrund eines durch Druck der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA erwirkten Gerichtsbeschlusses in den USA öffentlich verboten. Laut dieses Gerichtsbeschlusses wurde Reich untersagt, seine Orgonakkumulatoren weiterhin therapeutisch einzusetzen und Informationen über damit zusammenhängende Forschungen zu verbreiten, die als "Kurpfuscherei" abgetan wurden. Reich, der sich zu Unrecht verfolgt fühlte, hatte auf eine Verteidigung verzichtet und sagte nur: "Ich möchte für mein Recht plädieren, Naturphänomene zu studieren, ohne dass irgendwelche Waffen auf mich gerichtet werden. Ich fordere ebenso das Recht, mich zu irren, ohne dafür gehängt zu werden."

1956 wurde er wegen Missachtung des Gerichtsbeschlusses zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Er trat die Haft am 12. März 1957 im staatlichen Gefängnis von Lewisham USA an, wo er am 3. November 1957 starb; als Todesursache wurde Herzversagen angegeben. In den Jahren 1957–1960 wurden die meisten seiner Bücher in den USA sowie alle von seinen Institutionen herausgegebenen Schriften auf gerichtliche Anordnung hin eingezogen und verbrannt, wohl auch seine 1933 veröffentlichte, warnende Schrift über "Die Massenpsychologie des Faschismus". Eine offizielle Rehabilitierung von Reich ist bis heute nicht erfolgt.

Diese seine Devise hatte sich gewissermassen ins Gegenteil verkehrt: "Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen." Immerhin hat sich das Wissen rund um die Lebensenergie inzwischen gemehrt oder aber altasiatische Erkenntnisse sind wiederbelebt worden, allerdings ohne in den schulmedizinischen Alltag und in die Bereiche des Umweltschutzes Einlass gefunden zu haben.

Tx.

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[1] Unter dem Mikroskop erkannte Reich, dass sich am toten Grasgewebe bestimmte Auflösungsprozesse vollziehen, bei denen sich kleine Bläschen bilden. Nach einiger Zeit schienen sich diese vom Gewebe abzulösen und eigenständige Formationen zu bilden. Unter Einsatz der Lichtmikroskope, die eine Vergrösserung bis zu 5000 x ermöglichten, konnte Reich den bläschenartigen Zerfall genauer beobachten. Im Zeitrafferfilm zeigte sich, dass sich die Bläschen innerhalb mehrerer Tage zu grösseren Gebilden zusammentaten, eine eigene schwache Bewegung von Expansion und Kontraktion hervorbrachten. Da die Bläschen scheinbar Vorformen des Lebendigen waren, nannte der Forscher sie Bione.

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