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     17. August 2018, 03:22 Uhr
 


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Gedanken zur Evolution der Menschheit

Von Wigand Ritter

Die Entwicklung von Lebewesen ist ein Prozess der Koevolution von vielen Arten im selben Lebensraum. Jede Art steht zu anderen im Verhältnis Jäger-Beute oder Wirt-Parasit. Fortschritte der jeweili gen „Gegner“ werden trickreich gekontert oder ausmanövriert. Die Mechanismen dieser biologischen Evolution sind gut bekannt, werden aber, gerade was den Menschen betrifft, nur wenig unter dem Gesichts punkt der Konkurrenz zwischen den Arten gesehen. Es erscheint lohnend, darüber nachzudenken, weil es die Menschen selbst sind, die stets an diesen Vorgängen drehen.

Von einer bestimmten Art her gesehen ist es nämlich der Sinn der Evolution, den eigenen Platz zu halten und zu überleben und sich sogar auf Kosten anderer auszubreiten. Dies ist aber sehr stark auch eine Frage des Tempos, mit dem sich die Spirale der Koevolution dreht. Wer nicht mithalten kann, stirbt aus. Es ist aber nicht gesagt, dass dieses Tempo immer gleich schnell ist, denn wo es keine ausgeprägten Konkurrenzverhältnisse gibt, wird die Natur keine Prämie für eventuelle neue Tricks geben.

Der Mensch als bodenbewohnender Affe gehört zu jener Gruppe grosser Säugetiere, die nach dem Aussterben der Dinosaurier die Welt geerbt haben. Es mag sein, dass dieses Aussterbeereignis durch eine erdweite Katastrophe zustande kam, wie immer. Die Welt, in welcher die Säugetiere danach lebten, war sozusagen neu. Die einstige Konkurrenz war verschwunden. Die furchterregenden Raptoren (wie die Saurier) hatten noch lange kein Gegenstück, da sich aus den wohl allesfressenden und recht kleinen Säugern erst langsam wieder einige zu gefährlichen Räubern entwickeln konnten.

In diesem paradiesischen Zeitalter, als noch die Vorfahren des Löwen jenen des Lammes nicht gefährlich wurden, wuchsen viele Arten zu grossen Tierformen heran. In dem Masse wie sich ihre Körpergrösse steigerte, wurden auch die Nachstellungen der Proto-Raubtiere für sie weniger gefährlich. Bis jetzt ist noch kein fleischfressenden Säuget ier eine solche Mordmaschine wie der Tyrannosaurus Rex. Löwen und Tiger schlagen kaum die kräftigen, grossen Pflanzenfresser, bevor diese altersschwach oder krank geworden sind. Einige Arten wie die Elefanten sind sogar ausserhalb der Nahrungskette geblieben und keine Beute für Fleischfresser.

Bei diesem recht geringen Evolutionsdruck brauchten die Grosssäuger, zu denen auch die Vorfahren des Menschen zu zählen sind, die frühere Überlebensstrategie ihrer kleinen Vorfahren nicht mehr. Es wurde biologisch unnötig, in kurzer Frist möglichst viele Nachkommen in die Welt zu setzen. Geringe Nachwuchszahl, lange Tragezeit, Aufwachsen in der Nähe der Mutter und Brutpflege praktisch bis ins Erwachsenen stadium konnten sich ausbilden. Für die noch baumbewohnenden Vorfahren des Menschen war dies sogar ein weiterer Vorteil. Wir können vermuten, dass sich ihre Evolution wenig von jener der anderen Gross säuger unterschied, d.h. genau so langsam war.

Als diese aber zu bodenlebenden Affen wurden, hatten sie ein für das Überleben der Art eher gefährliches Milieu gewählt. Sie behaupteten sich darin in sehr kleinen Gruppen dank einer Beschleunigung der Ausbildung spezifischer Fähigkeiten, die sie zum Teil schon mitgebracht hatten wie Farbensehen, plastisches Sehen, Gebrauch der Hände, zum Teil aber nun hervorbrachten wie Denkfähigkeit, Sprache, Kooperation. „Dies sind immer noch biologisch begründete Merkmale, die sich nur sehr langsam ausbilden konnten. Die Krone der Schöpfung waren die Menschen noch für Millionen Jahre nicht.

Im Zuge dieser Entwicklungen wurden die Vorfahren der Menschen zu teilweisen Fleischfressern und Jägern. Sie erlernten den Gebrauch von Geräten, später von Waffen und begannen, ihre Mitgeschöpfe als Beute beziehungsweise als Jagdkonkurrenten zu sehen. Ihr evolutiver Vorsprung erlaubte es ihnen, die anderen Grosssäuger zu verdrängen und teilweise sogar auszurotten. Die zu Jägern gewordenen Vormenschen zogen ihrer Beute nach, verliessen Gebiete, wo diese zu selten geworden war, und breiteten sich auf diese Weise über die gesamte Erde aus, in einem viele Jahrtausende dauernden, aber im Vergleich zur langsamen Artenent wicklung seit der Kreidezeit doch eher plötzlichen Vorgang. Die paläolithischen Kulturen dieser Jägervölker unterscheiden sich nur wenig voneinander.

Verglichen mit der Entfaltung der geistigen und technischen Möglichkeiten der Menschen ist die biologische Evolution der Tierwelt viel zu langsam, um jemals eine Gefahr für erstere darzustellen. In dem schon vor etlichen Millionen Jahren einsetzenden Verdrängungsprozess hatten selbst die grossen Raubtiere gegen den Menschen keine Chancen.

Dies änderte sich teilweise, als Menschengruppen sesshaft wurden und als Bauern und Fischer grössere Gemeinschaften bildeten. Nunmehr wurden nämlich die vermehrungsstarken Kleinsäuger (Mäuse, Ratten), allerlei Gewürm und Parasiten zu ihren Konkurrenten. Aber auch deren biologische Evolution ist zu langsam, und eine Gefahr wurden sie niemals. Überdies gelang es den sesshaften Ackerbauern, eine ganze Reihe von Tieren in Partnerschaft zu nehmen wie Hunde, Katzen, Geflügel, Schweine u.a., die sehr wirkungsvoll im Umkreis menschlicher Behausungen für eine Dezimierung dieser Schädlinge sorgen können. Krankheitserreger und Seuchen lassen sich mittels einfacher Hygiene und Vorbeugungsstrategien bekämpfen. Bei nicht allzu zahlreichen und vornehmlich dispers siedelnden Populationen sind die Gefahren, welche von ihnen drohen in jedem Falle geringer als es die Vermehrungs fähigkeit der Menschen verträgt.

Der biologische Luxus artspezifischer Aggression bis hin zum Krieg hat die Menschheit jedenfalls nicht weiter beeinträchtigt. Sie zwang aber ihre kulturelle Entwicklung immer weiter auf einen Pfad, der zu überdicht bevölkerten Agrargebieten und zu grossen Städten führte. In diesen Gesellschaften aber verlagert sich nun der uralte Konkurrenzzyklus auf eine Koevolution mit Mikrolebewesen, mit Amöben, Bakterien und Viren, die zu sehr rascher Evolution fähig sind. Mit der Erfindung chemischer Medikamente, Insektizide und anderen Giften scheint auch diese Runde von den Menschen gewonnen zu werden. Aber möglicherweise regen gerade diese Instrumente einer Totschlagmedizin eine Beschleunigung der Evolution bei ihren Fein den aus. Viele einst absolut wirksame Medikamente haben bereits ihren Nutzen verloren, so viele Antibiotika, weil die Krankheitserreger resistent werden oder sich in anderer Weise genetisch verändern – offenbar sehr schnell und auch in unerwarteten Richtungen. Aids ist zumindest eine Warnung in dieser Hinsicht. Gentechnik ver spricht zwar der Menschheit wieder einen strategischen Vorsprung, doch könnte sich das Tempo der Evolutionsspirale gefährlich beschleunigen. So weit vielleicht, dass den Forschern der Atem ausgeht? Wohl nicht. Sicherlich würde man auch Hilfsmittel finden, wenn die Natur eines Tages die Übertragung von Genen “nachahmen“ sollte. Dies ist nicht die eigentliche Gefahr, sondern vielmehr, dass man aus einem solchen Wettlauf nicht mehr einfach aussteigen kann.

Hochverdichtete Bevölkerungen in Megastädten sind ein immer bedenklicherer Pferdefuss der Kulturentwicklung. Hochentwickelte Kulturen sind zerfallen und untergegangen, aus Gründen, die wir nicht so recht durchschauen. Wissenschaftliche und technische Überlebensstrategien, auf die wir uns immer mehr verlassen, haben so komplexe geistige Voraussetzungen, dass sie im Ablauf eines solchen Kulturzerfalls sehr leicht verloren gehen können. Und was könnte dann gegen neue Seuchenerreger helfen?

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