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     11. Dezember 2018, 00:12 Uhr
 


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    Die drei Autos

    Eine Lyr-eske

    Er hatte ein Auto mit guten Manieren,
    und er fuhr täglich mit ihm spazieren.
    Kaum presste sein Fuss das Gaspedal runter,
    schon schoss es davon, dynamisch und munter.

    So rollte er stolz mit ihm über Land,
    pflegte sein Auto mit eigener Hand,
    putzte mit bunten Lappen und Liebe
    den strahlenden Lack, das fügsame Getriebe.

    Da stach ihn plötzlich der Übermut,
    denn zu viel des Guten tut selten gut:
    Er wollte neben dem täglichen Brot
    auch Kaviar essen, der Sapperlot.

    So schleicht er bei Nacht aus dem Hause verstohlen,
    um sich ein anderes Auto zu holen.
    Mantellos irrt er umher auf den Strassen,
    Regen und Kälte erträgt er gelassen,

    verlacht den Sturm und trotzt den Winden.
    Eines nur will er: sein Traumauto finden;
    vornehm soll's sein und so raffiniert,
    dass prickelnd die Hand am Schalthebel vibriert.

          *

    Inmitten des Sturmes erspäht er ein Blinken,
    sieht ein Dreieck rotleuchtend am Strassenrand winken,
    und als er sich nähert, ist's eine Karosse
    aus Gold und aus Silber: sein Traum in der Gosse.

    Er zeigt sich hilfreich wie ein Samariter,
    versucht zu zünden; das Auto seufzt bitter
    und haucht verstört: "Ach lass mich in Frieden,
    ich bin erst seit gestern vom Chauffeur geschieden!"

    Er aber öffnet die Kühlerhaube,
    betastet die Kabel, dreht eine Schraube,
    erforscht das verworrene Innenleben,
    um mit kundiger Hand das Malheur zu beheben.

    Wohl sucht er lange und unverdrossen,
    doch bleibt der Grund des Defekts ihm verschlossen.
    Er streichelt noch einmal heimlich das Heck
    und sieht dann ein: Es hat keinen Zweck.

    Er glaubt verloren sein ganzes Glück
    und kehrt missmutig nach Hause zurück,
    durchmisst dort mit langen Schritten die Räume,
    sehnt sich nach dem Goldauto seiner Träume.

          *

    Was fällt ihm da ein in seiner Misere?
    Das Postauto - wie wenn's erst gestern wäre,
    dass er diese alte Liebe gelassen
    neben dem Brunnen hat stehen lassen.

    Es hält wie vor Jahren hinter der Post,
    sein Gelb leuchtet tröstlich auf spärlichem Rost.
    Da steht es, und er steigt leichtfüssig ein,
    als könnt' es nie anders gewesen sein.

    Die Zündung geht gut, der Motor springt an,
    und tapfer keucht es den Berg hinan.
    Es holpert ein wenig, die Federung girrt,
    und manchmal scheint es ein bisschen verwirrt.

    Doch ohne Unterlass brummt der Motor,
    und liebevoll schiebt er den Schalthebel vor.
    Wohlig versunken im Leder, dem braunen,
    geniesst er die Fahrt mit ungläubigem Staunen.

    Und als sie zu Ende geht hinter der Post,
    bedankt er sich für den gespendeten Trost,
    tätschelt den Kühler, nimmt Abschied dann leise,
    geht fort und pfeift eine lustige Weise.

          *

    Schlussgesang

    Das Postauto lässt die Kotflügel hängen -
    auf seinem Trittbrett die Kinder sich drängen.
    Ein Schluchzen steigt auf im blechernen Leibe,
    es wischt sich verstohlen über die Scheibe.

    Dann rafft es sich auf und rumpelt von dannen,
    vorbei an Matten und stolzgrünen Tannen.
    Es sieht sie nicht, kann nur eines denken:
    Wann wird er die Schritte zur Post wieder lenken?

    Tagtäglich fährt es zur Haltestelle,
    doch steht er nie dort, der treulose Geselle,
    und ist es nicht längst schon beim Schrott, sein Gebein,
    so hofft es noch heute, er steige bald ein.

    Lislott Pfaff

    *
    * *

 
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