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     19. Oktober 2018, 00:41 Uhr
 


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Das Nastuch

Auf dem Uferweg lag ein verlorenes Taschentuch. Dieses hätte meine Mutter sofort aufgehoben, gewaschen und in unseren Haushalt integriert, sinniere ich im Weitergehen. Mutter fand immer wieder schöne Taschentücher.

Wie wichtig dieses Stück Stoff bis Ende der 60er Jahre doch war! Es versinnbildete ein Stück Kultur, war manchmal sogar Statussymbol. Und es schien alles davon abzuhängen, ob wir ein solches bei uns trügen. In der Schule wurde verlangt, dass das Taschentuch zu Beginn des Unterrichts auf der Schulbank aufliege, damit sofort überblickt werden konnte, ob es überall vorhanden und auch sauber sei. Auch Verwandte sprachen einen unvermittelt darauf an. Manchmal hatte ich das Gefühl, eine wichtige Prüfung bestanden zu haben, wenn ich ein sauberes und schön gebügeltes Taschentuch vorweisen konnte.

Heute erscheint die damalige Ordnung lächerlich. Aber, wurde nicht auch das Papiertaschentuch mit dem Hinweis auf die Hygiene eingeführt? Ein Nastuch brauchen wir noch immer, aber die strenge Kontrolle, ob es vorhanden sei, ist verschwunden.

Dieses kleine Stück Stoff, das wir in der Alltagssprache immer Nastuch nannten, diente nicht nur der Nase. Es trocknete auch Tränen. Es wurde als Verbandzeug eingesetzt, als Putzlappen gebraucht und je nach Grösse und Stärke als Kopfbedeckung oder Halstuch.

Zusammengeknotet wurde es zum Säcklein für Steine, Münzen und Kleinigkeiten, die Kinder auf ihren Wegen finden. Ins Nastuch eingeknotet wurden auch Aufträge. Ein Knoten sollte uns daran erinnern. Oft wussten wir aber nicht mehr, woran wir hätten denken müssen, wenn wir den Knoten fühlten. "Häsch ä suubers Nastuech biider?" war meist die letzte Frage vor dem Adieu. Auch zur Pfadfinderausrüstung gehörte das Stofftaschentuch – vermutlich auch heute noch – und Männer vom Bau erhielten beim Aufrichtefest für ein eben erstelltes Gebäude ein grosses Glarner Taschentuch mit eingeknotetem Fünfliber. Und als die Stoffeltüechli mit gedruckten Bildern oder Ornamenten auf feinster Stoffqualität auf den Markt kamen, waren sie unser Stolz. Um ein solches handelte es sich bei meinem Fund.

Glücklicherweise lag es immer noch dort, wo ich es auf dem Hinweg gesehen hatte. Ich hob es auf, wusch es zu Hause und benütze es seither wie eine wertvolle Antiquität.

Rita Lorenzetti

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