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     14. Dezember 2018, 16:19 Uhr
 


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Den Schlankheitswahn endlich beenden

Von Heinz Scholz , Schopfheim (D)

Medien, Modeschöpfer, Werbung und Firmen suggerieren uns täglich, dass nur eine Traumfigur attraktiv und schön sei. Das Selbstwertgefühl leidet dabei nicht unerheblich, und es fällt uns immer schwerer, uns so zu akzeptieren, wie wir beschaffen sind, und dass es Lebensabschnitte gibt, die eine meist vorübergehende Gewichtszunahme bedingen.

Götterfiguren wie etwa die „Venus von Willendorf“, die korpulent dargestellt werden, scheinen schon in der frühen Epoche der kreativen Menschheitsgeschichte (vor 20 000 Jahren!) nicht nur Schönheitsideale, sondern auch Fruchtbarkeitssymbole gewesen zu sein. In den später folgenden Hochkulturen gab es jedoch Veränderungen bezüglich des Idealbilds eines Menschen. So wurde bei den Spartanern das Dicksein verachtet und bestraft. Die Römer ihrerseits hatten hingegen mit deren genügsamen, anspruchslosen und einfachen Lebensart nicht viel am Hut. Sie genossen das Leben bekanntlich in vollen Zügen. Füllige Männer waren damals wegen ihrer ruhigen, zufriedenen Art sehr beliebt. „Lasst dicke Männer um mich sein“, äusserte bekanntlich Gajus Julius Cäsar (100–44 v. u. Z.). Und auch im Mittelalter war eine widersprüchliche Einstellung zur Körperfülle gang und gäbe. So wechselten Zeiten, in denen Gefrässigkeit als Sünde galt, mit jenen, die Leibesfülle bevorzugten. Der flämische Barockmaler Peter Paul Rubens (1577–1640) malte mit Vorliebe mollige, vollbusige Frauen. Seine prachtvollen Gemälde sind von orgiastischer Fülle.

Auch Heinrich Heine (1797–1856) war in seinem Urteil über Körperrundungen des Lobes voll. In seinen „Reisebildern 1“ („Die Harzreise“) findet sich der Satz: „Es war ein dicker Mann, folglich ein guter Mann, sagt Cervantes.“

Übergewicht als schön empfunden
Ein Mensch, der viel zum Essen hatte, „war von Gott begnadet“. In vielen Kulturen wurde Übergewicht der Frau mit Schönheit und Fruchtbarkeit gleichgesetzt. Dies besonders im Orient, wo füllige Haremsdamen und Bauchtänzerinnen nach wie vor gefragt sind. Der korpulente Mann wurde mit Macht, Reichtum und Prestige assoziiert. Dicksein war lange Zeit auch in der Südsee ein Statussymbol. Mit Würde trug beispielsweise der König von Tonga seinen Bauch spazieren.

Nach den mageren Weltkriegsjahren waren dann ebenfalls runde Formen gefragt. So wurden Marilyn Monroe und Jane Mansfield zu grossen Stars und galten als Schönheitsideal. Dann kam der Umschwung. Plötzlich waren androgyne Models und Stars, wie die zerbrechlich-zarte Kindfrau Twiggy, „in“. Das ist bis in unsere Tage so geblieben. Bei Modeschauen tippeln erschreckend magere Mannequins über den Laufsteg. Es ist den Couturiers und Anbietern stets egal, ob diese „Kunstprodukte der Gesellschaft“ hungerten, alkoholkrank und rauschgift- oder magersüchtig wurden. Dazu noch interessante Zahlen: Vor 25 Jahren wogen die Models nur 8 % weniger und heute bereits 23 % weniger als die „Durchschnittsfrau“.

Der Schlankheitswahn
Bei uns entwickelte sich schleichend ein regelrechter Schlankheitswahn. Die Verursacher dieses Wahns sind die Medien, Modeschöpfer, Werbung und Firmen, die laufend Diätprodukte auf den Markt werfen. In fast allen Publikumszeitschriften werden Diätkuren, Trainingsprogramme, Versprechungen angeboten, um das Traumgewicht rasch und dauerhaft zu erreichen. Und die Werbung suggeriert uns täglich, dass nur eine gewichtsarme „Traumfigur“ attraktiv und schön sei.

Einen grossen Einfluss haben auch Fernsehserien, die schon dem Teenager suggerieren, Schlanksein mit einem grossen Busen sei das höchste Gut. Bereits 38 Monate nach Einführung des Fernsehens auf den Südseeinseln hatte die traditionelle Molligkeit ausgespielt. Nach einer Studie der Harvard-Universität meinten 74 % aller Mädchen, welche die Serien gierig verfolgt hatten, sie seien zu mollig, 62 % quälten sich mit Diäten herum, und 15 % übergaben sich täglich. Diäten gelten übrigens als Einstiegsdrogen für Essstörungen (Magersucht, Ess-Brechsucht und Esssucht).

Alle diese „Verführer“ üben einen ungeheuren Druck auf Menschen aus, die nicht unbedingt abnehmen müssten. Auch hier einige interessante Zahlen: 90 % aller Frauen möchten abnehmen, 77 % aller Frauen haben, wie sie meinen, keine Traumfigur, 10 % aller Dünnen finden sich noch zu dick. Nur 16 % aller Frauen sind aus medizinischer Sicht zu dick und sollten unter ärztlicher Überwachung abnehmen.

Die Diäten-Pleite
Wichtig ist es zu wissen, dass 95 % aller Diäten nicht funktionieren! Trotz des Diätenwahns steigt das Durchschnittsgewicht der Menschen, wohl deshalb, weil die ursprüngliche, gesunde Balance zwischen Ernährung und Bewegung verloren ging.

Als Folge des Drucks der „Diät-Verführer“ und durch negative Bemerkungen über die Figur kommt es zu einer Verminderung der Selbsteinschätzung und des Selbstwertgefühls. Man fühlt sich zu dick, unattraktiv und hässlich. Es wird ein negatives Bild vom eigenen Körper übermittelt. Daraus resultiert unweigerlich eine genaue Beobachtung des eigenen Körpers, eine Zügelung des Essverhaltens, um abzunehmen oder zumindest nicht zuzunehmen.

Was können wir tun?
Wir müssen dem Schlankheitsterror ein Ende setzen und uns so akzeptieren, wie die Natur uns geschaffen hat. Jeder muss auch annehmen, dass es Lebensabschnitte wie beispielsweise Schwangerschaft und Wechseljahre gibt, die eine meist vorübergehende Zunahme des Körpergewichts bedingen. Keiner sollte in Panik geraten, wenn er einige Pfunde mehr auf den Rippen hat.

Der werbeträchtige Ausruf „Schlankheit für alle“ oder „ Jeder kann schlank werden“ ist unsinnig, denn – und das wissen die Wenigsten – nach der Mendelschen Vererbungslehre, die auch heute noch unverrückbare Grundlage der genetischen Forschung ist, und nach den Körperbautypen (leptosom, asthenisch, pyknisch, athletisch) nach Kretschmer kann gar nicht jeder Körper, wegen seiner ganz speziellen Veranlagung, schlank werden. „Wir sollten erkennen, dass unsere Figur mit ihren individuellen Proportionen nicht über das Erreichen eines bestimmten Körpergewichts zu manipulieren ist“ , so dipl. oec. troph. Sabine Reichelt . Auch lässt sich ein niedrigeres Körpergewicht nicht automatisch mit „schön“ assoziieren. Vielmehr sollte jeder mit seinem Wohlfühlgewicht zufrieden, dankbar auch sein, dass er gesund ist.

Anmerkung: Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, muss betont werden, dass sowohl ein extremes Untergewicht als auch die Adipositas (Fettsucht) der Gesundheit nicht zuträglich ist. Im ersteren Fall kann die Menstruation ausbleiben und Muskelkrämpfe, Sehstörungen, Haut-, Haar- und Nagelveränderungen, eine extreme Empfindlichkeit gegenüber Kälte auftreten. Dr. Silja Vocks von der Ruhruniversität Bochum wirkt dem übertriebenen Schlankheitsideal entgegen und bietet Frauen mit Magersucht und Bulimie ein Training an, den eigenen Körper positiv wahrzunehmen.

Fettleibige müssen damit rechnen, an erhöhtem Blutdruck, Gallen- und Venenleiden, Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes mellitus und Gelenkdeformationen zu erkranken. Auch Darm-, Gebärmutter- und Brustkrebserkrankungen sind bei Adipösen vermehrt anzutreffen. Von den psychischen Erkrankungen, die schlecht messbar sind, ganz abgesehen.

Quellen
„Trends contra das Selbstwertgefühl – Schönheitsideale gestern und heute“ von Heinz Scholz , „Podologie“, Heft 11, 1999.
„Der Schlankheitswahn – Ein sinnloser und nicht ungefährlicher Trend“ von Heinz Scholz , „Kneipp-Journal“, Heft 3, 2004.
„Rasch schlank und (k)rank?- Finden Sie für sich die richtige Diät“ von Heinz Scholz , „Kneipp-Journal“, Heft 3, 2004.

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