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     17. Dezember 2018, 20:45 Uhr
 


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Mindestlohn für Bill Clinton

Eine Betrachtung über Autoren und Verleger mit satirischem Unterton von Heinz Scholz

Wer kennt sie nicht, die Prominenten, die ihre Biographien schreiben oder im Idealfall von einem talentierten Ghostwriter schreiben lassen und oft bereits schon Bekanntes und viel Tratsch und Klatsch unters Volk streuen! Die unglaublich lesefreudigen Anhänger verschlingen jede Zeile der prominenten Politiker, Musikproduzenten, Sportler oder Showstars. Die meisten Leser hoffen wohl, Details aus dem Intimleben von verflossenen Lebenspartnern der Plaudernden oder sonstige Lutschgeschichten mit Sekretärinnen zu erfahren. Davon kann man nie genug bekommen. Es ist wirklich erfreulich, dass es solche Werke gibt, denn alle verdienen mächtig daran. So müssen Autoren, Verleger, Drucker, Buchbinder, Buchhändler und der Staat nicht am Hungertuch nagen.

Besonders gefragt sind die Namen von prominenten Autoren, die unsinnig hohe Vorschüsse bekommen. Ihre Agenten treiben die Summen in astronomische Höhen. Das Rennen um den Vertrieb gewinnt derjenige Verlag, der am meisten bietet. Diese Vorschüsse erinnern, wie Wolfgang Zimmermann von „World Socialist Web Site“ (siehe Quellen) v erlauten liess, „in fataler Weise an andere Medienspektakel, den Fussball, die Formel-Eins, Tennis, bei denen die Summen, die für die Spieler und Fahrer ausgegeben werden, umso mehr steigen, je schlechter der Sport wird“.

Zum Beispiel Bill
Nehmen wir als Beispiel Bill Clinton . Mit einer Erstauflage von 1,5 Millionen Exemplaren startete der Verlag das 35 USD teure Buch „My Life“. Beim Verkaufsstart um Mitternacht bildeten sich schon ab 20 Uhr lange Schlangen vor den Buchhandlungen in New York und Washington – Marketing ist alles. „Es ist wie eine Harry-Potter-Manie für Erwachsene“, sagte der Buchhändler Miachel Link in Washington. Bill Clinton wurde deshalb zu Recht vom „Spiegel“ als der „Harry Potter der Politik“ bezeichnet.

Der Neu-Autor erhielt für seine Autobiographie einen Vorschuss von 10 Millionen USD. Augenzwinkernd verwies Bill Clinton auf einer Buchparty im Metropolitan Museum of Art in New York auf den enormen Vorschuss, den das Verlagshaus Alfred A. Knopf gezahlt hatte. Er rechtfertigte seine Forderungen damit, dass er an dem Buch so lange gearbeitet habe, „dass ich am Ende doch nur den Mindestlohn erhalten habe“. Der Arme. Die „Spiegel“- Leserbrief-Autorin Martina Freyer berechnete nun, dass er bei einem bescheidenen Vorschuss von 10 Millionen USD 221 Jahre lang an seinem Werk hätte arbeiten müssen. Und das würden nur Methusaleme schaffen. Fast-Food-Konsumenten werden nicht so alt, Bypässe hin oder her.

Und was tun die Kritiker? Sie „zerreissen“ das hochwertige Buch. So erklärte der konservative Talkshow-Moderator Rush Limbaugh , Clinton hätte sein Buch „My Lie“ (Meine Lüge) nennen sollen. Der Literaturkritiker Michiko Kakuktani schrieb in der „New York Times“, das Buch sei schludrig geschrieben und masslos und oftmals schrecklich langweilig. „Newsweek“ sprach sogar von einem wenig aufregenden Leseerlebnis. All die Kritiken lässt die noble Buchhandelskette Barnes & Noble kalt. Die Verantwortlichen sind der Ansicht, dass Rezensionen die Verkaufszahlen absolut nicht beeinflussen. „Die Menschen kaufen das Buch, weil sie wissen, was er sagt, nicht wie er es sagt“, so der Vizepräsident des Unternehmens Bob Wietrak . Recht hat er, denn die erste Auflage wurde bereits verkauft, und es wird inzwischen fleissig nachgedruckt (es lagen laut „Spiegel“ 2 Millionen Vorbestellungen vor). Clinton könnte seine Frau Hillary , die 2,3 Millionen ihres Buches „Gelebte Geschichte“ absetzte, überflügeln.

Geld für Luftblasen
Englische Verlage lassen sich nicht lumpen; sie zahlen sogar Vorschüsse an unbekannte Autoren zwischen 50 000 und 300 000 Englische Pfund. Spitzenreiter ist ein literarischer Neuling, der 600 000 Pfund für 2 ungeschriebene Romane erhielt. Laut „ NNZ“ lag nur eine Textprobe von 2000 Wörtern vor. Warum tun dies Verlage? Nun, sie hoffen, dass sie dann den grossen Hit landen und anständig Reibach machen können. Oft befinden sich die Verlagsleiter auf dem Holzweg, denn sie wissen nicht, ob sich ein Roman überhaupt verkaufen lässt. Dann wiederum gibt es Werke, welche überraschend die Hitlisten stürmen, obschon damit keiner gerechnet hat.

Eine Lektorin antwortete mir auf die Frage, worauf es ankomme, ob ein Buch ein Bestseller wird oder nicht: „Da haben wir keine Ahnung!“ Mir scheint, hier haben eine ganze Menge Leute keine Ahnung. Es wird deshalb drauflos produziert, dass sich die Tasten biegen. Irgendein Bestseller wird schon einmal herauskommen.

In England haben seit dem grossen Erfolg von Zadie Smith mit ihrem Roman „Zähne zeigen“ (über 100 000 verkaufte Exemplare als Hardcover und 1 Million abgesetzte Taschenbücher allein in Grossbritannien) besonders Unterhaltungsromane Hochkonjunktur. Erfolgversprechend sind attraktive, junge Frauen, die Geschichten von One-Nigth-Stands, Markenkleidung und Beziehungsproblemen schreiben. Da jubelt das Leserherz: Endlich einmal Lesestoff, der nicht am Leser vorbei produziert wird. Unsere Klassiker-Dichter dürften ob so vieler Auflagen, Vorschüsse und Ansehen beim Volk in ihren Gräbern rotieren…

Wie die Hamburger Literaturagentin Heike Wilhelmi berichtete, wurde Florian Illies 3. Buch für 500 000 Euro an einen Verlag der Bertelsmann-Gruppe versteigert. Dieser Vorschuss war für deutsche Verhältnisse sensationell. Es lag nur eine Idee vor, der Autor hatte noch keine einzige Zeile geschrieben.

Auch bei den Lizenzgebühren lassen sich Grossverlage nicht lumpen. Dazu 2 Beispiele: Bertelsmann zahlte für den Roman „Lazarus Kind“ seinerzeit 1,6 Millionen DM für die Lizenz und gab für Werbung Unsummen aus. Die Weltbild-Gruppe zahlte immerhin 1 Million DM für die deutschen Rechte an dem Roman „Für immer Casablanca“. Da können natürlich kleinere und mittlere Verlage nicht mithalten. Was bleibt ihnen dann anderes übrig als zu fusionieren? Dann können sie vielleicht auch einmal vom grossen Kuchen ein Stück abbekommen. Das ist die Kehrseite der Medaille. Auch für die breite Masse der Autoren ist das bitter. So leben laut Society of Authors ¾ der britischen Autoren von Jahreseinkünften um etwa 20 000 Pfund. Sie können sich ja des Themas Hunger vertieft annehmen.

Aber damit noch nicht genug. Philipp Downer , Leitender Direktor der Buchhandelskette Borders , will den Autoren an den Kragen. Er möchte gern, dass die Preisvorgaben der Verlage wegfallen und die Autoren nicht mehr nach dem bisherigen Tantiemenprinzip entlöhnt werden. So sollen die Schreiber nicht mehr den Anteil am Festpreis, sondern am Nettoerlös eines Titels bekommen. Dann werden eben die Autoren ärmer und die Verleger oder Buchverkäufer reicher. Bei vielen Verlagen in Deutschland und der Schweiz wird diese Entlöhnung nach dem Nettoerlös schon lange praktiziert. Das kann ich bestätigen. Vielfach werden Autoren übers Ohr gehauen. So erlebte ich, dass sich Verlage für den Vertrieb nicht allzu sehr einsetzen, Lagerkosten scheuen und die Bücher schon nach kurzer Zeit verkaufen wollen. Restbestände werden billig an andere Vertriebsorganisationen verramscht. Der Autor erhält dann natürlich nur den Bruchteil des Honorars.

Kultur-Bremser
Vorbei sind auch die Zeiten, in denen Verleger persönliche Beziehungen zu den Autoren aufbauten, diese berieten und immer zu Gesprächen bereit waren. Vorbei sind die Zeiten der Gentleman-Verleger wie die Gebrüder Ullstein, Friedrich Cotta und Ernst Rowohlt , um nur einige zu nennen. Heute haben die neuen Manager, die in meinen Augen als Bremser der kulturellen Entwicklung auftreten, das Sagen. Sie wissen alles besser (dies gilt auch für Redakteure von Zeitschriften) und produzieren auf Teufel komm raus in rasanter Folge wirtschaftliche Bücher und Zeitschriften. Wenn nicht mindestens 15% Rendite im Jahr herausspringen, dann ist was faul im Verlagsmanagement.

Heike Wilhelmi weist auf den immer brutaleren Verdrängungswettbewerb hin. 2 / 3 der neuen Bücher verschwinden schon nach einigen Monaten aus dem Buchhandel. Die Buchhändler handeln aus ihrer Sicht richtig. Warum sollen seriöse und inhaltsschwere Bücher in den Regalen verstauben? Es ist doch heute so leicht, unwichtige Biographien und seichte Romane für viel Geld zu verkaufen. In unserer Zeit ist eben Masse statt Klasse gefragt. Was solls? Der publizistische Niedergang scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein.

Die verhältnismässig wenigen Schreiber, die noch auf Qualität setzen, müssen eine Herkulesarbeit leisten, um darauf bremsend einzuwirken.

Quellen
„Masse statt Klasse – Deutsche Grossverlage fusionieren“ von Wolfgang Zimmermann, World Socialist Web Site (Internet, 1998–2004).
„Buchbranche im Wandel“ von Hella Kemper, 2002, Zeit online, unter www.zeit.de/archiv/2002/09
„Der Triumph der Erwartung über die Realität“ (Über den Status zeitgenössischer englischer Literatur in Deutschland und den Buchmarkt in England) von Anette Müller, Juni 2002, www.literaturkritik.de
„Weniger Tantiemen? Britische Autoren fürchten um ihre Zukunft“ von Thomas Kielinger, 5. März 2004, www.welt.de
„Von Schriftstellern am Hungertuche – oder wenn Verleger sich aufs Pokern verlegen“ , Jokers Katalog Nr. 49, September 2004.

 

Zitat

„Die Zeiten der grossen Verlegerpersönlichkeiten sind vorbei. Firmengruppen und Aktionäre dominieren die Medienszene. Die Medienlandschaft mutiert zum Mediengeschäft. Zeitungen, Fernsehstationen, Radiosender und Online-Firmen sind zunehmend Unternehmen wie andere auch. Sie betreiben Konkurrenzbeobachtung, vergrössern ihre Marketingabteilung, erhöhen ihren Werbeetat und denken über Produktentwicklung nach. Der Einfluss des Managements auf die Redaktionen wird zunehmend stärker.

Das Berufsfeld im Bereich des Medienmanagements wird zunehmend grösser und vielfältiger. Im Grenzbereich zwischen PR und Journalismus fehlt es an intelligenten Medienmanagern, welche die Sensibilität für die Besonderheit von Medienunternehmen ebenso aufbringen wie die Professionalität im Umgang mit der Disziplin Marketingmanagement.“

Silvia Huber
Lehrbeauftragte des Instituts für Kommunikationswissenschaft, Salzburg (nähere Fakten im Internet unter „Verlegerpersönlichkeiten“)

Zitate über Schriftsteller und Bücher

„Neun Zehntel unserer ganzen jetzigen Literatur haben keinen anderen Zweck, als dem Publiko einige Taler aus der Tasche zu spielen. Dazu haben sich Autor,Verleger und Rezensent fest verschworen.“
Arthur Schopenhauer

„Der Erfolg vieler Werke erklärt sich aus der Beziehung, die zwischen der Mittelmässigkeit des Autors und der Mittelmässigkeit des Publikums besteht.“
Nicolas Chamfort

„Berühmt zu werden ist nicht schwer, man darf nur viel für kleine Geister schreiben. Doch bei der Nachwelt gross zu bleiben, dazu gehört schon etwas mehr.“
Christian Fürchtegott Gellert

„Ein sicheres Zeichen von einem guten Buch ist, wenn es einem immer besser gefällt, je älter man wird.“
Georg Christoph Lichtenberg

„Es geht den Büchern wie den Jungfrauen. Gerade die besten, die würdigsten bleiben oft am längsten sitzen. Aber endlich kommt doch einer, der sie erkennt und aus dem Dunkeln der Verborgenheit an das Licht eines schönen Wirkungskreises hervorzieht.“
Ludwig Feuerbach

„Der einzige Fehler, den die recht guten Schriften haben, ist der, dass sie gewöhnlich die Ursache von sehr vielen schlechten und mittelmässigen sind.“
Georg Christoph Lichtenberg

„Die meisten Bücher von heute sehen so aus, als wenn sie an einem Tage verfasst worden wären, und zwar aus den Büchern, die am Tage zuvor gelesen worden sind.“
Nicolas Chamfort

„Der Umgang mit schlechten Büchern ist oft gefährlicher als mit schlechten Menschen.“
Wilhelm Hauff

„Manche Bücher darf man nur kosten, andre muss man verschlingen und nur wenige kauen und verdauen.“
Francis Bacon

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