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     19. Oktober 2018, 00:42 Uhr
 


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Goethe – Humanist, Menschenhändler und Jäger

„Die Erbtugend des Menschen ist die Ehrfurcht vor allem Leben“ , soll Johann Wolfgang von Goethe geschrieben haben und prägte sich so der Nachwelt als herausragender Humanist ein. Immer wieder werden dem deutschen Dichterfürsten die edelsten Motive für seinen Lebenswandel angedichtet. Bei allem Respekt vor Goethes grosser dichterischer Leistung – seine Bilanz in menschlicher Hinsicht weist eine starke Schlagseite in negativer Richtung auf:

So war Goethe zwischen 1779 und 1786 bei Herzog Karl August von Weimar Kriegsminister, versah also ein Amt, das alles andere als die von ihm postulierte „Ehrfurcht vor allem Leben“ beinhaltete. In diesem Amt beteiligte er sich unter anderem am Verkauf unliebsamer Untertanen (Häftlinge, Obdachlose usw.) an die Engländer und an die Preussen. Sie wurden als Soldaten für fremde Kriegsdienste verschachert und mussten als solche auf fremden Schlachtfeldern ihr Leben lassen.

Nicht genug damit: Die von Goethe als „Erbtugend des Menschen“ bezeichnete Ehrfurcht vor dem Leben hinderte ihn auch nicht daran, sich als passionierter Jäger der Aristokratie anzudienen, wie es sich für einen herzoglichen Beamten gehörte. Denn zu jener Zeit war die Jagd das Privileg des Adels – und Goethe war eben nicht nur ein Dichterfürst, sondern auch ein Fürstenverehrer. So soll der grosse Komponist Ludwig van Beethoven nach seinem Besuch beim grossen Dichter in Weimar diesen für seine Servilität gegenüber dem Adel kritisiert haben, da er am Strassenrand stehend die vorbeifahrende herzogliche Karosse mit einem Bückling gegrüsst habe (während Beethoven seinen republikanischen Stolz mit aufrechter Haltung bezeugte).

Theorie und Praxis klaffen halt oft weit auseinander, und auch beim Autor des berühmten Werks „Dichtung und Wahrheit“ überschattete die Dichtung bei weitem die Wahrheit des gelebten Lebens. Aber Goethe ist beileibe nicht der Einzige, der sich bewusst ein Denkmal für alle Ewigkeit schuf und sich derart die kritiklose Verehrung späterer Generationen sicherte. Die ganze Menschheit dichtet immer noch munter drauflos und outet sich bei jeder Gelegenheit als das, was sie nicht ist und nicht sein kann.

Lislott Pfaff

Quelle: „Das Goethe-Tabu“ von W. Daniel Wilson, dtv 1999.

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