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     14. Dezember 2018, 11:28 Uhr
 


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Wie lange wird die Chemie in Basel noch stimmen?

Basel, das „Goldene Tor der Schweiz“, hat sein Gold erworben mit Hilfe einer langen Geschichte der Ausbeutung von Mensch, Tier und Pflanze, kurz mit der Ausbeutung von Leben, die in dieser Stadt eine besonders starke Ausprägung gefunden hat.

Geschichtliche Stichworte
Ende 16./Anfang 17. Jahrhundert: Religiös verfolgte Hugenotten exportieren die Seidenbandweberei von Frankreich nach Basel.

18. Jahrhundert: Blüte der Basler Textilindustrie dank Zucht und Ausbeutung der Seidenraupe, die durch Erhitzen des von ihr gesponnenen Kokons getötet wird; so kann der wertvolle Kokonfaden für die Herstellung der edlen Textilie verwendet werden: Töten als erster Schritt zum Reichtum der Seidenproduzenten.

1. Hälfte 19. Jahrhundert: Einführung der Heimarbeit (Posamenterei) im Baselbiet durch die reichen Basler Seidenherren, dabei Ausbeutung der armen Kleinbauern, die in ihren bescheidenen Häusern für Hungerlöhne Seidenbänder für die „Heere“ in Basel weben. Diese sozial-kommerzielle Ausbeutung setzt sich trotz politischer Trennung zwischen Stadt und Land im Jahr 1833 bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts fort.

2. Hälfte 19. Jahrhundert: Entwicklung synthetischer Farbstoffe (synthetische Chemie) für die Basler Textilproduktion.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich aus der Färbereitechnik die chemisch-pharmazeutische Industrie (Agroprodukte, Medikamente und andere Chemikalien); dabei Ausbeutung der Tiere im Tierversuch und Verschmutzung der Umwelt auch über die deutsche und französische Grenze hinaus (1918 Entdeckung von Ergotamin, 1929 Calcium-Sandoz, 1939 Entwicklung des hochgiftigen DDT-Geigy, 1949 Butazolidin mit seinen gefährlichen Nebenwirkungen, usw.).

Während des Zweiten Weltkriegs bewusste Annäherung an das Nazi-Regime seitens der führenden Kräfte der Basler Chemischen (Lieferung von Textil-Farbstoffen für Uniformen und von Medikamenten für Armeeangehörige).

Die chemisch-pharmazeutische Industrie schafft viele Arbeitsstellen mit guter sozialer Absicherung ihrer Mitarbeitenden, bezahlt hohe Löhne und gilt deshalb als vorbildlich auf dem Arbeitsmarkt.

1970 Fusionierung von Ciba und Geigy, damit dominierende Stellung Basels in der Pharmabranche.

1986 Sandoz-Katastrophe in Schweizerhalle bei Basel (eine Apokalypse à la Seveso – seinerzeit von Roche in Italien verursacht - wird knapp vermieden) mit anschliessenden Grossprotesten der Bevölkerung gegen Sandoz, die aber bald absterben; denn die Macht der Chemie ist in Basel allgegenwärtig.

Gegen Ende 20./Anfang 21. Jahrhundert: Entwicklung der Gentechnologie: Ausbeutung bzw. Manipulation von Leben an sich.
Infolge globaler Vernetzung der Aktivitäten der Pharmakonzerne Novartis und Roche sowie der ausgelagerten Agro-und Chemikalienproduzenten Syngenta, Clariant sowie Ciba Spezialitätenchemie entsteht ein wachsender Druck auf die in der Branche tätigen Arbeiter, Angestellten, Forscher usw. Immer mehr Psychostress in der Arbeitswelt: Ausbeutung der Mitarbeitenden nicht mehr materiell, wie noch bei den Baselbieter Posamentern, sondern emotional.

Was die Umweltverschmutzung anbelangt, so ist sie heute kaum mehr beweisbar. Besonders im Dunkeln liegen die Auswirkungen von Bio- und Gentechnologie: Wie soll man nachweisen, ob ein genmanipuliertes Virus in die Luft oder ins Wasser gelangt ist?

Fazit
Wegen Verfolgung einer religiösen Glaubensgemeinschaft in Frankreich (Hugenotten, die nach Basel auswandern) entsteht in einer relativ kleinen Stadt der Schweiz eine dominierende Macht, die von der Ausbeutung menschlicher, tierischer und pflanzlicher Ressourcen lebt und sich auch weltweit immer mehr ausdehnt. Welches die psychologischen Auswirkungen dieses Wahnsinns auf die Bewohner von Basel und seiner Region in Zukunft sein werden, ist noch ungewiss. Immerhin, eine Hoffnung besteht: Bekanntlich wirkt Wahnsinn selbstzerstörerisch, und eines Tages wird auch dieser Wahnsinn irgendwie implodieren (hoffentlich nicht explodieren).

Weitere Überlegung
Dort, wo Basel entstanden ist, weist der Rheinstrom einen abrupten Knick nach Norden auf. Und da fliessendes Wasser starke Energien besitzt und sie auch ausstrahlt, könnte doch ein solcher Knick in der Strömung eine grosse Dynamik entwickeln und sich sowohl im positiven als auch im negativen Sinn auf die Bewohner der Stadt und auf ihre Umwelt auswirken. Als positiv betrachte ich die Entstehung einer schönen Stadt inmitten einer lieblichen Landschaft, als negativ die Entstehung einer lebensfeindlichen Industrie mitten in dieser Stadt. Vielleicht wird das dynamische Rheinknie in Zukunft wieder eine positive Tendenz auslösen - zumindest darf man die Hoffnung nie aufgeben.

Persönliche Überlegung
Persönlich bin ich als ehemalige Mitarbeiterin der Basler Chemie stark geprägt von deren negativen Tendenzen. Ich spüre auch viel Negatives in der Stadt Basel selbst, zum Beispiel die Unterwerfung von Regierung und Behörden unter das Diktat der Chemie- und Pharmakreise. Oder die wirtschaftliche Monokultur der Branche, welche die Stadt von dieser Branche abhängig macht und sich deshalb bestimmt nicht positiv auswirken kann. Basel ist für mich faszinierend und abstossend zugleich - wenn ich über die im Jahr 1225 gebaute Mittlere Rheinbrücke gehe, die von der Grossbasler Schifflände ins Herz von Kleinbasel führt, faszinieren mich beim Blick rheinaufwärts das mittelalterliche Münster und die barocken oder klassizistischen Patrizierhäuser, rheinabwärts stossen mich die Hochkamine und der ganze Industriekomplex, der sich dort krebsartig ausbreitet, ab. Hinter dem „goldenen Tor“ gibt es viel Rost und Schrott. Die Basler haben das bisher in Kauf genommen um des Goldes willen – aber wie lange wird die Chemie in dieser Stadt noch stimmen?

Lislott Pfaff

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