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     17. Dezember 2018, 20:45 Uhr
 


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Ein Kapitel Zeitungsgeschichte: Nonsens aus Grossraumbüros

Von Walter Hess

Der Journalismus ist wirklich auch nicht mehr, was er einmal war; ein Blick in moderne Zeitungen mit ihren grossen Schriften und den vielen Bildern lehrt das; nur wenige Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen haben dem Niedergang erfolgreich getrotzt.

Zum Zerfall haben viele Gründe geführt: Die Zeit für einen wohlüberlegten Kommentar oder für die gründliche Anhörung der kritisierten Ämter, Unternehmen und Personen steht kaum mehr zur Verfügung, weil die Medienschaffenden im administrativen Kleinkram versinken und dennoch ihren Primeur haben müssen; gelegentlich wird noch ein Pro-forma-Telefon gestartet. Sie werden zu Planern, Zeilenzählern, Gestaltern, Setzern, Marketingberatern und vertrödeln die davoneilenden Stunden mit Koordinationssitzungen und Werkbesprechungen, wo es unterschwellig vor allem um die Befestigung der sozialen Hackordnung geht. Für ihre Kernaufgabe fehlt es an ausreichend Zeit. Wer mit ihnen spricht und dann wieder liest, was sie publizistisch von sich geben, versteht die Welt nicht mehr und sucht bei Ödön von Horváth Zuflucht: „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.“

Klimatisierte Labyrinthe
Oft müssen Medienschaffende zu all dem Elend in dschungelartigen Grossraumbüros , einem klimatisierten Labyrinth aus Schreibkojen und spanischen Wänden, unter miserablen Arbeitsbedingungen arbeiten. Diese hallenden Hallen lassen keine Konzentration zu und wirken sich negativ auf die Güte der Berichte (wie auf die Arbeitsresultate überhaupt) aus. Dafür bieten sie beste Voraussetzungen fürs Mobbing – wo jede und jeder gegen jeden und jede und gegen alle die Übel dieser aus den Fugen geratenen Welt ankämpfen. Ein Riesenverschleiss. Wie in den weltberühmten, seit 1993 erscheinenden Dilbert-Comics von Scott Adams [1]( www.dilbert.com ) kommen sich die kleinen Angestellten-Guerillas darin noch kleiner und um so eher als Versager vor; es ist derselbe Effekt, der sich bei Gläubigen in gross dimensionierten Kirchen und Kathedralen einstellt; sie fühlen sich „klein wie Kirchenmäuse…“.

Im Büroalltag hat nur der Chef das Privileg eines eigenen Glaskastens, von dem aus er die Lage überblicken und kontrollieren kann. Ich habe mich seinerzeit standhaft geweigert, mein Dachstockbüro mit seinen stimmungsvollen Holzbalken in einem inzwischen abgerissenen Altbau an der Bahnhofstrasse in Aarau gegen einen klimatisierten Freilaufstall mit Bodenhaltung einzutauschen, in dem die Leute husteten und grippeähnliche Symptome bis zur Lungenentzündung entwickelten.

Die grosse Leere
Offenbar scheint sich bei solchen Haltungsformen überhaupt niemand wohl zu fühlen, und die Leistungen sind entsprechend mager. Nichtsdestotrotz machte sich in Los Angeles 1993 der US-Werbepapst Jay Chiat [2]daran, die winzigen Arbeitsparzellen mit den Zweckmöbelchen auszuräumen und seinen Angestellten einfach grosse leere Räume zur Verfügung zu stellen, ein ähnlicher Vorgang wie innerhalb der Druckprodukte: Leere Flächen nehmen immer mehr überhand.

Wie Warren Berger in der Zeitschrift „Wired“ berichtete, soll Chiat tatsächlich gemeint haben, nur in leeren Räumen könnten sich die modernen Kreativ-Nomaden wirklich auf ihre Arbeit konzentrieren, wenn sie es nicht vorzögen, gleich zu Hause zu arbeiten – ein richtiger Manager also. Die mit dem Bürolebensstil befasste Medienszene, wo die Eingesperrten ihre genau festgelegte Arbeitszeit absassen, leitete diese neuen Entdeckungen ihrem Publikum dankbar und voller naiver Begeisterung weiter. Die „New York Times” feierte erleichtert das „Ende des Arbeitsplatzes“, und die visionäre englische „Times [3]“ erblickte in Chiats Belegschaft die „Vorboten des Informationszeitalters“. So war es wohl auch.

Da sprach die Praxis eine weniger euphorische Sprache: In den Hohlräumen liess sich zwar trefflich brainstormen; doch an ein eigentliches Arbeiten war bei all den Konversationsgeräuschen nicht zu denken. Und Schwierigkeiten traten besonders dann auf, wenn nützliches Gerät wie ein Laptop nötig war; wenigstens die Mobiltelefonie funktionierte dank ihrer Schnurlosigkeit noch. Die meisten Arbeitskräfte flüchteten in die Projekt- oder in Nebenräume, wenn überhaupt noch einer frei war; sie stritten sich darum. Chiat steuerte dem entgegen, indem er Phase 2 seines Antimöblierungsplans in Kraft setze: Niemand durfte länger als einen Tag am gleichen Ort verweilen. Alle Arbeitsunterlagen mussten immer auf die Wanderschaft mitgenommen werden; einzelne legten sich in ihrer Verzweiflung einen Rollcontainer zu. Die meisten fanden ihren Plunder, den sie irgendwo abgestellt hatten, nicht mehr und fragten ständig herum. Man kann sich etwa vorstellen, wie es da um die vielgerühmte Effizienz bestellt war.

Meine Familienangehörigen und ich waren einmal bei netten Farmersleuten mit verhältnismässig konservativem Gehabe in Franconia (New Hampshire USA) zu Gaste. Die Pappteller mit den Jumbo-Hormonfleisch-Steaks wurden in einem Raum ohne Tisch serviert. Immerhin gab es einige klapprige Stühle; man konnte sich setzen und den Teller auf die horizontalen Oberschenkel aufsetzen. Die Coca-Cola-Dose und die Ketchup-Plastikflasche stellte man auf den Boden. Ohne Stühle wäre das Essen komplett zur lustlosen Überlebensübung verkommen; es brauchte dazu nicht mehr viel.

Die einzige Lösung ist in solchen Fällen das Ergreifen der Flucht bei der erstbesten Gelegenheit. Genau so reagierten auch Chiats Angestellte - mochten die Designer-Magazine, die sich des Arbeitsplatzwunders annahmen, noch so von der offenen, nonterritorialen Büroszene ins Schwärmen geraten sein. Die Angestellten verschwanden zum Beispiel im Parkhaus und versuchten, im eigenen Auto zu arbeiten; ein bisschen umständlich war bloss das ewige Hinaus- und Hereinfahren fürs Telefonieren mit dem Handy. Es verbreitete sich allmählich eine Panik, weil die fast zur Selbstaufgabe gezwungenen Arbeitsplatzlosen anzunehmen begannen, im Kopf nicht mehr richtig zu funktionieren. Doch dann fanden die Kreativen wieder zur Stabilität zurück, zum eigenen Büro, zum eigenen Arbeitsplatz – wie es mit Innovationen [4] so geht.

Konzernjournalismus
Offene Büros oder Bürolandschaften sind im multimedialen Zeitalter die gegebene Hülle für den neu entstandenen Datenbankjournalismus , den man auch Konzernjournalismus nennen könnte, der alle möglichen konzerneigenen Medien bedient und diese auch zum Thema macht. Die Total-Reporter des „Orlando sentinel“ schreiben Texte, die sie zwischendurch W3C-konform abspeichern und treten zwischendurch im Fernsehen auf. Wenn Reporter mit Kamera am Kopf, Mikrofon am Revers und Tastatur am Handgelenk umherrasen, entsteht zwangsläufig ein verkrüppelter, zu nichts verpflichtender und alle heissen Themen unverbindlich umschreibender Journalismus. Die Zauberworte heissen clustering [5] und synergy . Als „Profit Fever“ bezeichnete das Corporate Newspapering AJR im Mai 2001 die Krankheit der Presse in den USA. Das Unternehmen kam zu einem niederschmetternden Ergebnis: Die Zeitungen wurden als provinziell und von mediokrer journalistischer Qualität abqualifiziert; unabhängige Blätter gebe es praktisch nicht mehr. Und die Zeitungen würden gehandelt wie Schweinehälften. Nach dem Terroranschlag auf die WTC-Türme in New York war es dann um Unabhängigkeit, Profil und Mut zur eigenen Haltung vollends geschehen. Die US-Medien sind in einem Provinzialismus verkommen, den sich in anderen Ländern kein Lokalblatt leisten kann.

Die Rationalisierung hat verheerende Auswirkungen: Die sorgfältige Ausleuchtung dessen, was hinter dem Thema liegt, ist aus zeitlichen Gründen nicht möglich, und die Allrounder können auch nicht überall eingehende Kenntnisse haben; diese Hansdampfe in allen Gassen bieten immer Gewähr für Oberflächlichkeit. Das genügt für Zeitungen, die ihr Schwergewicht auf Kurzartikel und Schmuckfarben legen allerdings vollauf, und fürs Fernsehen sowieso.

Die zum gleichen Konzern gehörenden verschiedenartigen Medien bebauchpinseln sich gegenseitig, bis sich beim Publikum der Überdruss einstellt; das ist nicht nur in den USA so. Entsprechende Vorwürfe musste sich seinerzeit z.B. das Schweizer Magazin „Facts“ gefallen lassen, nachdem es häufiger als andere über den Ende 2001 wieder eingestellten ebenfalls Tamedia -eigenen Schmuddelsender „TV3“ berichtet hatte [6]. Die so entstehenden Berichte waren voneinander abhängig, gleichgeschaltet. Gegenseitig verteilte kritische Worte unter Familienangehörigen und Verwandten sind schliesslich ungehörig, da das eigene Nest bekanntlich nicht beschmutzt werden sollte. Da ist alles in scheinbarer Harmonie; Differenzen werden aus dem Blickfeld geschoben. Auch konzernübergreifend wächst alles zusammen. Die einzelnen Medienarten wie Presse, Radio, TV und Internet lassen sich voneinander inspirieren, sie imitieren und wiederholen sich, ein fürchterlicher, banalisierender Kreislauf, der am Ende nur noch geistigen Stahlbeton wie die Übertragung vom Leben in Containern und Schönheitsoperationen hervorbringt.

Unter solchen äusseren Umständen wird nach dem Prinzip der Synergie undefinierbare Massenware medienneutral und abseits jeder weltanschaulichen Präsenz rund um die Uhr fabrikmässig und seelenlos drauflos produziert, egal, ob für Zeitung, Radio, Fernsehen, Online usf. Copy. Paste. Die Journalisten erstellen einen „Content" (Inhalt). Das so Erarbeitete, abschätzig treffend Shovelware (Schaufelware) genannt , wird nach Vorgaben aus der Marketingabteilung gegebenenfalls noch leicht modifiziert und in die unterschiedlichsten Medien eingespeist: Nachrichten-Management.

Chefredaktor Howard Tyner von der Tribune Company in Chicago hat die Redaktion als „Nachrichten-Eimer“ beschrieben, aus dem sich jeder das nehmen kann, was seine Geschichte hoffentlich besser macht. Die Meldungen müssen strukturierbar oder strukturiert sein, ein Erfordernis, das den Stil zusätzlich verdirbt, noch agenturmässiger macht. Ein einstündiges TV-Interview mit Tom Cruise wurde zerlegt, zum Beispiel seine Aussagen zu Scientology als Film und Text thematisch eingeordnet, damit sie bei Bedarf abgerufen werden können. Umgekehrt machen die einzelnen Geschäftszweige und Medienverbünde kreuzweise für andere hauseigene Medien Schleichwerbung – publizistische Fouls in Serie.

Die Nachricht ist zur Ware geworden, bei der Korrektheit einerseits und die Einfügung freier Erfindungen anderseits vernachlässigbare Kriterien sind. Die Journalisten können ihre Arbeiten gleich selber am Radio oder Fernsehen präsentieren, falls sie noch den Mut haben, mit ihrem eigenen Namen zu ihrer Arbeit zu stehen. Denn die multimedialen Ansprüche haben unverkennbar eine Qualitätsminderung zur Folge.

An einem berühmten Beispiel, an der öffentlich-rechtlichen BBC, kann das bereits bewiesen werden: Um 1993 wurde John Birt zum BBC-Chef gekürt. Angefeuert von fachunkundigen McKinsey -Unternehmensberatern stülpte der Organigramm-Fan und Apparatschik Birt dem renommierten Unternehmen ein neues Managementsystem über. Dieses zielte darauf ab, die Effizienz in jedem Bereich zu fördern, indem etwa im Nachrichtenbereich die bi-mediale Arbeit eingeführt wurde. Die Radiomacher sollten auch fürs Fernsehen tätig werden und umgekehrt, eine Idee, wie sie nur in den Gehirnen ausgebrütet werden kann, die durch keine Fachkenntnisse belastet sind. Dementsprechend verlief die angestrebte Wirksamkeit genau in die falsche Richtung.

Das so entstandene Programm litt wegen der ausgeprägten Mitarbeiter-Frustrationen offensichtlich. Kaum noch eine erfolgreiche Serie wurde produziert, und der frische Wind hatte zu blasen aufgehört. Sogar das Reportagemagazin "Panorama" geriet in die Flaute, weil Entscheidungen verschleppt wurden und meistens nur noch ein Nachklapp im Windschatten der Konkurrenz möglich war. Auch die wichtigsten Sportübertragungsrechte gingen verloren, und die besten Mitarbeiter wie der Chefkorrespondent John Sargent und die Sport-Ikone Des Lynam liefen davon bzw. zu ITV über. Letzterer gab zu Protokoll, er habe keine Lust, in Zukunft die Weltmeisterschaften im Hüpfekästchen-Springen zu übertragen. Als Anerkennung für dieses Missmanagement wurde Birt nach seinem Abgang zum Lord gekürt. Sein Nachfolger, Greg Dyke, reduzierte das Management und versuchte, neue Talente an die BBC heranzuführen, ein Re-relaunch, diesmal ohne McKinsey -Beratung.

Auch Stimmen müssen stimmen
Die Vermischung betraf in diesem Fall nur 2 Sektoren (Radio und TV). Die Nachteile potenzieren sich in komplexeren Häusern. Das Sparen bei Inhalten kann teuer werden. Es gibt verschiedene fragwürdige Möglichkeiten der Synergiennutzung: So hat das Schweizer Radio DRS die professionellen Nachrichtensprecher beiderlei Geschlechts auf den 31. Dezember 1999 ohne grosses Aufheben abgeschafft. Seither werden die Nachrichten oft von den gleichen Leuten gelesen, die sie zuvor zusammengestellt haben. Damit wurden vertraute, wohlklingende, disziplinierte Stimmen mit einer angenehmen Klangfarbe wegrationalisiert, die in fast ritueller Art für Radiohörer den Tagesablauf geprägt hatten und durch eine beinahe makellose Aussprache und ein angemessenes Sprechtempo den Nachrichten so etwas wie ein Qualitätssiegel aufgedrückt hatten. Sie waren die letzten Anker der Glaubwürdigkeit innerhalb des Infotainments. [7] Sie wurden anderweitig auch gern als Off-Sprecher eingesetzt, sogar bei privaten Anlässen.

Ihr Verschwinden wurde vom Publikum mit Wehmut zur Kenntnis genommen. Dieselbe Entwicklung zeichnete sich auch beim Fernsehen ab. Die beliebte, perfekte und korrekte Dagmar Berghoff, eine sympathische Dame ohne Skandale, verliess zum gleichen Zeitpunkt die ARD-„Tagesschau“, diese wichtigste Nachrichtensendung Deutschlands, um der TV-Moderne den Platz zu räumen. Das waren spürbare Verluste.

Einer der ersten und berühmtesten Nachrichtensprecher war Walter Cronkite von CBS Anfang der 70er-Jahre, der den Zuschauern vertraut war und zudem sich ein virtuelles Vertrauensverhältnis aufbaute; noch heute ist er eine legendäre Gestalt. Solche Gesichter und/oder Stimmen sind aus allen Sendern hervorgegangen. In jüngster Zeit hat man diesen wichtigen personifizierten Institutionen, die für Glaubwürdigkeit und Beständigkeit bürgten, nicht genügend Sorge angedeihen lassen. Die Stimmen und Personen sind austauschbar und - tatsächlich - sie wechseln ständig.

Gerade im Radio sind Stimmen tragende Elemente. Im Schweizer Radio gab es eigentliche Stimmlegenden wie Heiner Gautschi , der lebensnah aus New York berichtete, Hans O. Staub , der mit seiner unverkennbar heiseren, kratzenden Stimme das Pariser Geschehen intelligent kommentierte, usf. Stimmen dürften der Kontinuität zuliebe nicht beliebig ausgewechselt, vertauscht werden. Aber das gilt im Zeichen der Flexibilität wohl nicht mehr.

Von der Inhalte-Erzeugung zum Marketing
Der Geschäftsführer des Spiegel-Verlages, Karl Dietrich Seikel, beschrieb das moderne Info-Management in einem im November 1999 in Berlin [8] gehaltenen Vortrag fachkundig: "Am Anfang steht die Inhalte-Erzeugung, dann folgen Programmierung, Marketing und Produktion, und letztes Glied in der Kette ist die Kundenschnittstelle. Die Berater von McKinsey sehen in der zunehmend fragmentisierten Gesellschaft vor allem jene Medienunternehmen im Vorteil, die ihre Stärken an beiden Enden der Wertschöpfungskette haben."

Solch neue Produktions- und Distributionsformen sind einem reinen, eingeschränkten und am Ende kurzsichtigen Rationalisierungsdenken entsprungen. Leute, die alles machen müssen, auch wenn ihre Stärken nicht überall liegen können, sind abwertende Aushängeschilder. Datenbankjournalistische Produktionen ihrerseits haben wegen der sich aufdrängenden Nivellierungen, die sich aus dem Zwang zur multimedialen Tauglichkeit ergeben, und des enormen Zeitdruckes wegen Mehrfachverarbeitungen zwangsläufig noch mehr Oberflächlichkeit zur Folge. Der Bildschirm- und neuerdings auch Radio-Journalismus mit ihrem Mangel an Tiefgang greifen mit strangulierender Wirkung auf den Zeitungsjournalismus über. Der Abschied vom liberalen journalistischen Qualitätsbegriff wird so definitiv besiegelt. Investigative [9]Reportagen im guten Sinne, mit denen zahlreiche angesehene Zeitschriften ihren Ruhm und ihr Ansehen begründet haben, begannen ebenfalls unter den Redaktionstisch zu fallen.

Klassische Reportagen sind Perlen des Journalismus, Erzählungen, meist von selbst Erlebtem, Kurzgeschichten, Resultate von Beobachtungen, die subjektiv und in der Ich-Form schlicht geschrieben sein dürfen. Der Reporter war Augenzeuge und berichtet ehrlich, was er wie erlebt hat. Bei Heise online ( www.heise.de ) ist dies noch der Fall.

Während viele Fernsehanstalten die Reportage gewissermassen als Gegenwelt zum schreierischen Clip-Fernsehen neu entdecken, hat erzählerisches Tun im Rahmen des Datenbankjournalismus keine Chancen mehr: Selbst die u.a. mit originalem Material aus der „New York Times“ und „The Washington Post“ zusammengestellte und in F-92521 Neuilly-sur-Seine bei Paris domizilierte, aber dezentral gedruckte „International Herald Tribune“ ( www.iht.com ), von der es eine spezielle Asien-Ausgabe (aus Hongkong) gibt, ist über weite Strecken zu einem Produkt von schematisch arbeitenden Schreibtischtätern geworden. Zahlreiche Berichte dieser 1887 gegründeten Traditionszeitung tragen heute folgende Herkunftsbezeichnung: „Compiled by Our Staff From Dispatches” [10]. Das ist im Verband mit der wörtlichen Übernahme von reichlich und ausschliesslich angelsächsischen Agenturmeldungen ( Reuters und AP ) ein Ausdruck von Sparmassnahmen.

Ein Exempel für eine Informationsindustrie neuen Zuschnitts sind die "San Jose Mercury News", die einen kompletten Internet-Service anbieten: vom Wetterbericht über Karriere-Informationen, ein elektronisches Zeitungsarchiv, Clipping-(Ausschnitt-)Service und eine professionelle Suchhilfe für Kleinanzeigen. Die Ouvertüre zur Zukunftsmusik erklingt bereits.

Die "New York Times" widmet sich publizistisch ausgiebig allen Aspekten rund um die zusammenwachsenden Kommunikations- und Informationsindustrien mit ihrer Beilage "Circuits" (=Kreisläufe); darin finden sich kritische Berichte über die Entwicklungen im Internet und in anderen neuen Medien. In dieser Beilage tut sich ein ehemaliger Chefredaktor, Max Frankel, als einflussreicher Medienkritiker hervor. Er kann sich über Fehlentwicklungen, die der Kritik bedürfen, wahrlich nicht beklagen.

Die Frage nach der Verantwortung
Aus der undurchsichtigen Art der Entstehung von publizistischen Produktionen entsteht die Frage nach der Verantwortung. Der Journalist kann am Ende nicht einmal mehr zu einem Text stehen, der mit seinem Namen gezeichnet ist: Die Redaktion hat, vielleicht aus Platz- und/oder Umbruchgründen, Sätze und Abschnitte weggelassen, die Arbeit (inklusive ihre Aussagen) also verstümmelt. Den Vorspann hat ein anderer geschrieben, und Überschrift und Bildlegenden wurden bei der graphischen Gestaltung aufgrund des zur Verfügung stehenden Platzes eingefügt. Der Plakataushang, der ebenfalls eigenen, im Marktschreierischen fussenden Gesetzen gehorcht, wurde wiederum von anderen Instanzen verfasst; als plakativ schreiendes Aushängeschild kann er leicht zum Pranger werden. Viele Zuständigkeiten verlagern sich von der Redaktion in die Produktion. Und meistens erlaubt die Organisation eines Mediums nicht, die Verantwortlichkeit exakt zuzuordnen, weil Artikel und Berichte das Werk anonymer Medienarbeiter sind. Solche Unzulänglichkeiten treten immer deutlicher zutage; verantwortungsbewusste Verlage regeln die Verantwortlichkeiten klar.

Der international ausgeweitete Datenbankjournalismus kann sich nur noch mit international hochgespielten Themen wie Clinton/Lewinsky, Terrorismus, Katastrophen und Kindereien aus dem Klatschsektor , den von der CNN ausgewählten Kriegen sowie anderen aus Amerika vorgegebenen Globalstories für die Globalclass wie den Geschehnissen an der Wallstreet und den Management-Rotationen sowie Gewinnwarnungen der Weltkonzerne befassen. Die Haltung und Optik der globalisierten Massenkommunikationskultur müssen einem weltweit gültigen, amerikanisierten Standard entsprechen. Damit wird die journalistische Desinformation auf die Spitze getrieben, eine Coca-Kolonialisierung der Medien, die seit langem im Gange ist und offensichtlich weitergeht.

Hinweis
Bei diesem Kapitel handelt es sich um einen Auszug aus einem im Entstehen begriffenen Werk von Walter Hess über den Zerfall der Medienkultur auf der Grundlage einer 40jährigen publizistischen Erfahrung.

[1] Scott Adams hat sein Dilbert-Prinzip im „ Wall Street Journal" sinngemäss einmal wie folgt formuliert: „Die Unfähigen werden dorthin versetzt, wo sie am wenigsten Schaden anrichten können; sie werden ins Management befördert. "

[2] Jay Chiat hat 1984 mit einem TV-Spot für Apple Macintosh die Computerrevolution einläuten geholfen .

[3] Der Fernsehmoderator Werner Höfer in einer Kolumne: „Kalauer aus den Vorkriegsjahren: ‚Was halten Sie von England?‘ – Die ‚Times‘“.

[4] In der deutschen Sprache ist das Wort Innovation um etwa 1500 aufgetaucht. Es bedeutet Erneuerung, Veränderung. Im Zusammenhang mit der Industrialisierung wurde es zunehmend mit technischem Fortschritt gleichgesetzt, der ja auch nicht unbedingt in höhere Sphären führen muss.

[5] Clustering bedeutet in diesem Zusammenhang das Bestreben, in geografisch benachbarten Räumen möglichst viele Blätter unter die eigene Kontrolle zu bekommen, um rationalisieren zu können und Wettbewerber auszuschalten. So gehören inzwischen 99 Zeitungen zum Gannett- Konzern (Stand Ende 2001).

[6] Bei der Zeitung „Tages-Anzeiger“ gibt es ein Handbuch für die Redaktion, in welchem fürs Medienressort verbindlich festgehalten ist, dass „die Gleichbehandlung aller Medien, ohne Rücksicht auf deren Organisationsform oder Zugehörigkeit zu einem Konzern“ ein Grundsatz der Berichterstattung sei.

[7] Infotainment ist aus dem Zusammenzug von Information und Entertainment entstanden.

[8] Karl Dietrich Seikel hielt den Vortrag vor dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Fachverbandes der Publikumszeitschriften.

[9] Eine Investigation ist eine Untersuchung, eine Nachforschung. Früher sagte man dem recherchieren, und der Schweizer Volksmund verstand darunter manchmal "Dreck am Stecken suchen, wo keiner ist"...

[10] Das heisst: „Verfasst von unserer Nachrichten-Redaktion.“

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