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     14. Dezember 2018, 11:26 Uhr
 


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Aufwachen, Dornröschen!

Ein fast satirisches Märchen

Dornröschen schlief seinen hundertjährigen Schlaf hinter der hundertjährigen Dornenhecke und wollte nicht aufwachen, da ihm die Welt gar zu garstig erschien. Der liebliche Schlummer des Nichtwissens erschien der rosenwangigen Prinzessin weit angenehmer, als ein böses Erwachen zur hässlichen Realität. Sie wollte die Augen lieber geschlossen halten vor gigantischen Kühltürmen, vor wohnraumfressenden Banken- und Versicherungspalästen, vor der langsam dahinserbelnden Natur. Sie wollte ihre hübsch geformten Ohren lieber abschirmen vor dem Brausen der Autobahnen, vor dem Knattern der Presslufthämmer, vor dem Jammern der verhungernden Kinder. Sie wollte ihre zart geschwungenen Lippen lieber nicht öffnen müssen, um das Schweigen gegenüber dem Elend der Welt zu brechen. Kurz, Dornröschen wollte in dem geruhsamen Traum einer heilen Welt verharren. Und kein tapferer Prinz bahnte sich mit dem Schwert einen Weg durch die dichte Dornenhecke, um die schlafende Prinzessin in die Wirklichkeit zurückzuholen.

Eines Tages aber tauchte ein junger Ritter im Land der schlafenden Prinzessin auf. Er war gross, stark und mutig und hiess Lanzelot. Nachdem er einen Monat zuvor im Nachbarland dem grässlichen Drachen namens Macht seine drei greulichen Köpfe Geldgier, Gewalt und Gemeinheit abgeschlagen hatte, suchte er nun einen neuen Job. Er hatte erfahren, dass er einen solchen im Lande von Dornröschen finden würde, hatte sich deshalb unverzüglich in den Sattel seines schimmernden Schimmels geschwungen und war in das verwunschene Land geritten.

Als er ankam, war er erstaunt über die grosse Stille, die in diesem Land herrschte: Der ewige Schnee der sieben Berge glitzerte wortlos, die Zipfelmützen der sieben regierenden Zwerge wackelten friedlich, und die Einfamilienhäuser dämmerten stumm vor sich hin zwischen den stramm stehenden Tulpen und den makellos gepflegten Rasenflächen. "Was soll es denn in dieser heilen Welt für mich zu tun geben?" rief Lanzelot aus und senkte enttäuscht seine zuvor tapfer geschwungene Lanze.

*

Da erschien sein alter Freund, der Kater Schnurr, rieb seinen kleinen Kopf an Lanzelots Knie und flüsterte: „Ich kann dir zeigen, wo es etwas zu tun gibt für dich - aber du wirst dafür mehr brauchen als nur eine Lanze. Denn zuerst musst du das Dornendickicht des Establishments durchdringen, dann die zahllosen Knechte und Lakaien wecken, die von diesem Establishment eingeschläfert wurden, und wenn du diese Aufgaben erfüllt hast, kommt erst das Schwierigste: Du wirst eine schlafende Prinzessin, die nichts von der Wirklichkeit wissen will, mit einem Kuss aus ihren Träumen reissen müssen.“ Lanzelots Augen, die bei der Erwähnung der beiden ersten Aufgaben kampflustig: geblitzt hatten, trübten sich entmutigt, als der Kater die letzte schilderte, und er seufzte: „Kannst du für den dritten Job nicht einen anderen Arbeitslosen suchen?“ Kater Schnurr schüttelte den Kopf: „Es ist eine Bedingung, dass alle drei Aufgaben von ein und demselben Menschen gelöst werden müssen. Selbst wenn du die beiden ersten Aufgaben bewältigt hast, wird das nichts nützen, solange du nicht auch mit der dritten fertig wirst, denn sonst wird das Dornendickicht nachwachsen, und die Knechte und Lakaien werden wieder einschlafen.“

Lanzelot überlegte lange, dann gab er sich einen Ruck und sagte: „Gut, ich will es versuchen. Kannst du mir für die erste Aufgabe einen guten Rat geben?“ – „Ich gebe dir eine Rüstung“, schnurrte der Kater, "die undurchdringlich ist. Sie wird dich vor der Zudringlichkeit der Dornen schützen. Zieh sie an, bevor du dich ins Dickicht der Hecke begibst, die Dornröschens Schloss fest umschliesst.“ Der Ritter tat, wie ihm geheissen, liess seinen schimmernden Schimmel in der Obhut von Kater Schnurr zurück und begab sich ins Dornendickicht.

Nachdem ein Tag und eine Nacht vergangen waren, stolperte Lanzelot, keuchend und erschöpft, auf der anderen Seite der Hecke mitten in den Park in des Dornröschen-Schlosses hinein. Kater Schnurr empfing ihn mit lautem Freudenmiauen und wischte ihm mit seinem Schwanz den Schweiss von der Stirn. „Nun, wie war's?" fragte er aufgeregt. Lanzelot legte sich in seiner ganzen Länge ins hohe Gras des Schlossparkes, das früher einmal ein smaragdgrüner englischer Rasen gewesen war, und lachte trotz seiner Müdigkeit laut auf.

„Du kannst dir nicht vorstellen“, sagte er und spuckte einen Dorn aus, der an seiner Zunge geklebt hatte, „du kannst dir nicht vorstellen, wie dumm und hartnäckig so ein verfilztes Dickicht ist. Kaum hatte ich den ersten Schritt in die Hecke getan, wollte sie schon meine Rüstung zerreissen. Als sie merkte, dass ihr das nicht gelang, liess sie, während ich weiter vordrang, rasch eine Heckenrose aufblühen, die sich mir duftend entgegenneigte, mit einer sorgfältig zusammengefalteten Tausenddollarnote zwischen den Blütenblättern. ‚Was soll das ?' fuhr ich die Rose an, und sie lächelte und lispelte: ‚Diese Note ist dein, wenn du auf der Stelle umkehrst, Lanzelot.' Ich brach das Röschen, schüttelte das lumpige Papierfetzchen aus den Blütenblättern und steckte die Blume an den Helm der Rüstung. So zog ich weiter fürbass.

Jetzt aber legten sich Tausende von Rosenranken, deren Dornen aus Chemieaktien und Obligationen von Kraftwerken bestanden, um meine Beine und Arme - ich konnte keinen Schritt mehr tun, keine Bewegung mehr machen. ‚Nimm sie, nimm sie, du wirst reich werden, wenn du sie behältst!' raunte mir die Hecke zu und hielt mich mit ihren Börsenpapieren fest. Während ich noch überlegte, wie diesem Übel abzuhelfen sei, trillerte plötzlich hoch über mir eine unsichtbare Lerche. Sie trillerte so laut, dass die Ranken vor Schreck zu zittern begannen. Nun wusste ich, wie ich diese Bösewichte loswerden konnte: Ich spitzte die Lippen und pfiff mein fröhlichstes Vagabundenlied. Die Ranken bebten zuerst, und als ich nicht zu pfeifen aufhörte, begannen die dornigen Aktien und Obligationen zu schrumpfen, wurden dürr und fielen eine nach der anderen ab. Nun konnte ich die dornenlosen Ranken ohne allzu grosse Anstrengung abstreifen, und kraftlos blieben sie hinter mir am Boden liegen.“

„Haben sie es nicht nochmals versucht?“ fragte der Kater gespannt. Lanzelot schüttelte den Kopf, und während er faul auf seinem Grashalm herumbiss, fuhr er fort: „Sie probierten es auf andere Weise. ‚Lanzelot', lockte die ganze Hecke, ‚Lanzelot, wenn du nicht weitergehst, wird bei deiner Rückkehr ins Land der sieben Zwerge hinter den sieben Bergen ein Schloss auf dich warten, tausendmal schöner als das Schloss von Dornröschen und mit den modernsten Schikanen ausgestattet. Vor dem Schlosstor wird ein Wunderwagen, ein Ferrari, stehen mitsamt dem Chauffeur oder auch ohne, falls du gerne selbst ans Steuer sitzen möchtest. Dieses Auto wird dich über alle sieben Berge fahren, und alle sieben Zwerge werden dir huldigen, wenn sie dich daherbrausen sehen'…“

Lanzelot schwieg eine Weile, nachdenklich am Grashalm kauend. „Und?“ rief der Kater atemlos aus, „was hast du geantwortet? Hast du's ihnen auch gegeben, wie sie's verdienten?“ Der Ritter zuckte die Achseln. „Weisst du, Schnurr“, meinte er langsam, „ich konnte mich nicht gleich entscheiden, immerhin, ein Ferrari... Aber dann merkte ich plötzlich, wie die am Boden liegenden Ranken hämisch zu grinsen anfingen, und es wurde mir bewusst, dass das Ganze ein Bluff war. Wäre ich tatsächlich umgekehrt, so hätte ich mir das Schloss samt Wunderauto ans Bein streichen können. Schnurr atmete erleichtert auf. „Gottseidank“, sagte er leise, „gottseidank - nun, und wie ging's weiter?“

„Ach, dann wurde der Filz des Dickichts immer dichter, und selbst meine Lanze vermochte nichts mehr auszurichten. Als ich schon fast am Verzweifeln war, schlüpfte direkt vor meinen Füssen eine kleine Maus aus dem Boden, kletterte an meiner Rüstung hoch und flüsterte mir ins linke Ohr: ‚Lanzelot, sei schlau und sing das Lied von Leib und Leben, auch wenn es dir zuwider ist: Mit Leib und Leben will ich dieser Wirtschaft dienen... Du kennst es ja!' Tatsächlich habe ich dieses Lied vor vielen Jahren in der Schule der Ritterschaft gelernt, und ich konnte mich nicht nur an die Melodie, sondern auch noch an den Text erinnern. So jodelte ich denn in den höchsten Tönen:

‚Mit Leib und Leben will ich dieser Wirtschaft dienen, mit meiner Arbeit sie befruchten Tag und Nacht, für den Konsum will ich mich werkend mühen, damit die Banken und die Börsen blühen, damit die Wirtschaft nicht zusammenkracht.'

Der Erfolg meines Gesangs war eklatant. Das Dickicht teilte sich schweigend vor meinen Schritten, und es ging nicht mehr lange, bis ich es hinter mir hatte.“ Der Kater hatte sich, als er das Lied hörte, vor Lachen am Boden gewälzt, sprang nun geschmeidig wieder auf die Beine und schrie: „Bravo, Lanzelot, bravo, gut gemacht hast du das, glänzend! Ich gratuliere!“ Und er tanzte um den am Boden liegenden Ritter herum, bis der Mond über dem Schloss aufstieg und Lanzelot daran erinnerte, wofür er eigentlich hier war.

„Lass mich ein paar Stunden schlafen“, sagte er zum Kater Schnurr, „dann werde ich mich wieder an die Arbeit machen.“ Schnurrend legte sich Schnurr neben ihn, und die beiden schliefen bis zum Sonnenaufgang, während der im Mondschein schimmernde Schimmel friedlich neben ihnen graste.

*

Gähnend rieb sich Lanzelot die Augen, als Schnurr bereits von einem morgendlichen Erkundigungsgang ums Schloss herum zurückkam. Der Ritter erhob sich, machte ein paar Fitnessübungen, ergriff seine Lanze und fragte, munter: „Was gibt's denn Neues im Schloss, Schnurr?“ – „Nicht viel“, erwiderte der Kater, „ich habe durch die Fenster in ein paar Säle und in die Schlossküche gespäht. Dort schnarcht der Chefkoch immer noch neben einer Platte Spaghetti, die weisse Schürze voller Tomatensauce-Flecken. Der Lehrling hat nicht einmal seinen Zeigefinger aus der Schokoladencrème gezogen, in die er ihn vor dem Einschlafen heimlich getaucht hatte. Das Lächerlichste aber sind die Minister und Ratsherren in den verschiedenen Sitzungszimmern. Sie sind vor ihren Aktenhaufen eingenickt, einige sogar beim Sprechen, denn ihre Münder sind immer noch weit geöffnet. Am komischsten kam mir jener Ratsherr vor, der mit erhobenem Zeigefinger vor einer Tabelle mit Hunderten von Ziffern steht, die er offenbar vor dem Einschlafen seinen Ratskollegen zu erklären versuchte. Die waren aber sicher schon während seiner Ausführungen eingeschlummert, denn bei allen ist das Kinn sanft auf die Brust gesunken, so dass der Ratsherr seine Rede wohl vor einer schlafenden Versammlung gehalten hatte, um dann selbst auch einzuschlafen. Wirklich ein erhebender Anblick!“

Lanzelot lachte, dann aber setzte er wieder seine übliche distinguierte Rittermiene auf und fragte den Kater: „Kannst du mir für die zweite Aufgabe einen guten Rat geben?“ „Einen Rat kann ich dir nicht geben“, antwortete Schnurr, „aber hier hast du eine Zauberflöte. Sie bläst ganz von allein himmlische Melodien, sobald du sie in die Höhe hältst, Melodien, wie sie bisher noch kein menschliches Ohr gehört hat. Und diese Musik ist so unwiderstehlich, dass selbst ein Tauber sie wahrnehmen muss. Damit sollte es dir gelingen, die tief schlafenden Schlossbewohner zu wecken und wach zu halten, denn sie neigen dazu, nach dem Aufwachen sofort wieder einzunicken – das ist ja der Trick des Dornendickichts, das damit sein Establishment vor wachen Menschen schützt.“ Lanzelot ergriff die Flöte und steckte sie in sein Wams, denn die Rüstung hatte er abgelegt. „Viel Glück!“ rief ihm der Kater nach, als der Ritter entschlossen dem Schloss zuschritt.

Das Hauptportal war nur angelehnt, und der Ritter betrat hallenden Schrittes die grosse Empfangshalle. Hier standen zwei Schlosswächter mit langen Speeren in den Händen, schlafend natürlich. Lanzelot zog seine Zauberflöte aus dem Wams, hob sie in die Höhe, und sie begann zu musizieren wie ein ganzes Orchester. Die Wächter zuckten zuerst mit den Beinen, dann mit den Armen und schliesslich mit dem Gesicht. Es ging nicht lange, bis sie die Augen öffneten und Lanzelot verwundert anstarrten. Die Verwunderung machte aber rasch der Entrüstung Platz, sie packten ihre Speere und wollten sie Lanzelot in den Bauch rennen. Mit einem Sprung rettete er sich die Treppe hinauf und liess die Flöte geschwind wieder sinken. Sobald die Töne abstarben, erlahmten die Schlosswächter und schliefen gleich wieder ein. Lanzelot atmete auf. „Das ist ja noch einmal gut gegangen“, murmelte er vor sich hin, „das nächste Mal muss ich vorsichtiger sein. Am besten gehe ich zuerst in die Küche, dort ist sicher niemand bewaffnet. Überdies bekomme ich allmählich Lust auf eine anständige Mahlzeit.“

Er suchte also die Küche und entdeckte dabei verschiedene Räume – Bibliotheken, Büros, Tresorgemächer, Waffensäle usw. Da sie alle menschenleer, waren, hatte er keine weiteren Abenteuer zu bestehen, und nach einiger Zeit betrat er tatsächlich die grosse Schlossküche mit dem schlafenden Personal. Er hätte gerne Spaghetti gegessen, aber da sie kalt waren, musste er den Chefkoch wecken, was er zunächst mit Schütteln, Kitzeln und mit mehr oder weniger unsanften Püffen probierte. Das alles half aber nicht viel, so dass er sich doch wieder für das Mittel der Zauberflöte entschloss. Sobald ihr die überirdisch schönen Töne entströmten, begann sich die Küche zu beleben. Der Koch stiess einen gurgelnden Rülpser aus, der Lehrling fuhr zusammen und zog erschrocken seinen Finger aus der Schokoladencrème, und die Serviertöchter und Kellner hielten sich schwankend an ihren beladenen Tabletts fest. Ohne die Flöte zum Schweigen zu bringen, redete Lanzelot die Leute an: „So, ihr Schlafmützen, wollt ihr euch endlich an die Arbeit machen, oder soll ich etwa dem Zeremonienmeister Bericht erstatten?“ Nun kam Bewegung in das Küchenpersonal. Der Chefkoch rappelte sich auf, scheuchte den Lehrling von der Schokoladencrème weg und stellte die Spaghettipfanne auf den Herd.

Mit der Methode, die sich so gut bewährt hatte, verschaffte sich Lanzelot nun ein fürstliches Mahl, so wie es einem Ritter von blauem Geblüt gebührt, liess sich auch reichlich mit Kaffee und Likör versorgen und hetzte dabei die ganze Küchenmannschaft derart umher, dass an ein Einschlafen gar nicht mehr zu denken war. Bevor er vom gedeckten Tisch aufstand, liess er die Flöte zur Sicherheit nochmals ein Prestissimo staccato aufspielen und warnte das Personal vor weiterem Faulenzen. Frisch gestärkt betrat er daraufhin das Sitzungszimmer, das ihm Kater Schnurr beschrieben hatte. Der Anblick der Ratsherren war tatsächlich so lächerlich, dass Lanzelot es bereute, keinen Fotoapparat bei sich zu haben. Schonungsvoll begann er mit einem Adagio, um die Herren nicht zu sehr zu erschrecken. Sie schlugen denn auch sehr langsam die Augen auf und schauten verschlafen die Tabelle an, die vorn neben dem Rednerpult stand. Dann wandten sie die Köpfe in die Richtung, aus der die Musik kam, und erblickten den schlanken Ritter, der sich mit einem spöttischen Lächeln nachlässig an die Wand lehnte. Auch der Redner wandte sich ihm zu und konnte vor Überraschung seinen immer noch offenen Mund nicht mehr schliessen.

Jetzt schritt Lanzelot mit seinem sportlich-elastischen Gang - er hatte ihn sich im Leichtathletik-Training angeeignet - langsam auf die Herrenrunde zu und sagte leise, aber nachdrücklich: „Nun, meine Herren, ich erkläre die Sitzung für geschlossen. Jetzt wird gehandelt und nicht mehr gesessen, verstanden?“ Dabei schwenkte er drohend seine Lanze und stiess sie knapp vor dem verdutzten Redner senkrecht in den Fussboden.

*

Ungeduldig schlich Kater Schnurr vor dem Hauptportal des Schlosses auf und ab. Er hatte sich hier mit Lanzelot verabredet, sobald dieser die zweite Aufgabe gelöst haben würde. Aber es waren nun schon zwei Tage und zwei Nächte verstrichen, ohne dass sich der Ritter blicken liess. Was mochte ihm zugestossen sein? Schnurr drehte nochmals eine Runde, da sah er eine Schwalbe direkt auf sich zufliegen, was ja Schwalben bei Katern normalerweise nicht zu tun pflegen. Schnurr blieb stehen, und die Schwalbe zwitscherte: „Lanzelot ist mit einem Tranquilizer eingeschläfert. worden und liegt im blauen Saal – man muss ihm sofort helfen, Mit einem gewaltigen Satz landete der Kater auf dem Fenstersims des blauen Saales und konnte sich mit eigenen Augen von der Richtigkeit der Schwalbenbotschaft überzeugen. Der Ritter lag allein auf einem Louis-quinze-Sofa und schlief den Schlaf des Gerechten. Am Boden neben ihm stand noch das Whiskyglas, das ihm zum Verhängnis geworden war. „Bring den Schimmel her!“ rief er der Schwalbe zu.

Es war für den schimmernden Schimmel ein Leichtes, die Fensterscheibe mit seinem rechten Vorderhuf einzuschlagen, aber Lanzelot erwachte nicht von dem klirrenden Lärm. Zum Glück fand Schnurr die Zauberflöte im Wams des Ritters, und er gab sie der Schwalbe in den Schnabel, die damit zur Zimmerdecke hinauf flog. Unverzüglich begann die Flöte in den herrlichsten Tönen zu flöten, und Lanzelot fuhr erschreckt aus seinem tiefen Schlaf auf. „Wo bin ich?“ stammelte er und rieb sich die Augen. „Frag nicht so viel“, raunzte ihn der Kater an, „und lass das nächste Mal das Whiskyglas lieber stehen. Das ganze Schloss schläft wieder selig, und wenn du dich nicht sputest, wirst du mit deiner Arbeit nie mehr fertig werden.“

Der Ritter sprang vom Louis-quinze-Sofa auf, ergriff seine Lanze, steckte die Flöte, die ihm die Schwalbe wieder zutrug, ins Wams und rannte die Treppe hinab in die Ratssäle. Diesmal leistete. er ganze Arbeit. Auch der letzte Floh im hintersten Winkel war und blieb wach, nachdem Lanzelot die Runde durch das Schloss gemacht hatte. In der Küche brodelte und dampfte es, in den Schlafzimmern flogen die Daunen und wirbelte der Staub, und die Minister und Ratsherren flatterten wie aufgescheuchte Krähen durch Korridore und Säle, um überall zum Rechten zu sehen.

Nur zuoberst im höchsten Turm schlief Dornröschen immer noch in seiner stillen Kammer. Lanzelot sass mit dem Kater Schnurr auf einer Bank in dem jetzt wieder smaragdgrünen Rasen des Schlossparks und stützte sein Kinn in die linke Hand. Mit der Rechten streichelte er gedankenverloren den neben ihm sitzenden Kater, und von Zeit zu Zeit seufzte er laut und vernehmlich. Schnurr sah ihn missbilligend an. „Ich hätte nie geglaubt, dass du so feige sein könntest“, sagte er vorwurfsvoll zu Lanzelot, „wo ist denn dein Rittertum geblieben?“ Lanzelot gab ihm keine Antwort und blickte nur verstohlen zu dem einsamen Turm hinauf. „So schlimm ist es doch gar nicht“, ermunterte ihn der Kater, „ist es etwa unangenehm, eine Prinzessin wachzuküssen?“ – „Das nicht“, erwiderte Lanzelot, „aber du weisst ja so gut wie ich, dass Dornröschen nicht den geringsten Wert darauf legt, in die reale Welt zurückgeholt zu werden... Wie soll ich mich denn vor der Prinzessin rechtfertigen, wenn sie einmal wach ist? Sicher wird sie mich ins Pfefferland wünschen. Und es gibt nichts Schlimmeres als ein schönes junges Mädchen, das dich ins Pfefferland wünscht." – “Ach was“, machte Schnurr, du hast ja nichts zu verlieren. Deine Aufgabe besteht darin, Dornröschen mit einem Kuss zu wecken und es danach für hundert Jahre wachzuhalten, weiter nichts.“ - „Das ist es ja eben“, jammerte Lanzelot, „wie soll ich es denn anstellen, eine wütende Prinzessin, die nichts anderes als träumen will, in wachem Zustand zu halten? Ich kann doch nicht Tag und Nacht die Flöte spielen. lassen, was sie mir ohnehin verbieten wird, um ihre Ruhe zu haben.“ „Lass uns überlegen“, sinnierte der Kater, „denn jammern hat keinen Sinn. Wenn du mit dieser letzten Aufgabe nicht zurechtkommst, waren die ganzen bisherigen Anstrengungen für die Katze – und das ist wahrhaftig zu wenig“, fügte er naserümpfend hinzu.

*

Dornröschen schimpfte, seufzte und stampfte mit den niedlichen Füssen auf den Boden. Sie warf dem Ritter bitterböse Blicke zu und überschüttete ihn mit Vorwürfen, wie es eben so die Art junger Frauen ist, die eines Mannes überdrüssig sind. In den ersten Minuten nach dem Erwachen hatte sie ihn zwar mit einem hinreissenden Augenaufschlag belohnt und seinen Kuss sogar – wenn auch etwas verschlafen – erwidert. Aber dieser glückliche Augenblick hatte nicht lange gedauert. Kaum hatte sie einen Blick durchs Turmfenster geworfen und dabei einen jener Transporter erblickt, in denen Dutzende von Schlachtschweinen dicht gedrängt und angstvoll quietschend in die Fleischfabrik gefahren wurden, hatte sie auch schon die Augen mit den Händen bedeckt und war aufs Bett zurückgesunken. Als sie, von den Flötentönen am Schlafen gehindert, das Weinen der hungernden Kinder auf der ganzen Welt hörte, hielt sie sich mit ihren zarten Fingern die Ohren zu und verlangte ein Glas Whisky mit Tranquilizer.

Aber Lanzelot nahm sie in die Arme und redete ihr zu: „Nicht schlafen, Dornröschen, aufwachen, aufwachen und wach bleiben! Du musst wach bleiben, bitte, mir zuliebe.“ – „Ich sehe keinen Grund, dir etwas zuliebe zu tun, nachdem du mich so sackgrob aus meinen schönsten Träumen gerissen hast“, giftelte die Prinzessin und befreite sich entrüstet aus seiner Umarmung, „wer hat dich überhaupt hieher geschickt, du ungehobelter Eindringling?“ – „Der Kater Schnurr", antwortete der Ritter ernst und strich sein zerdrücktes Wams glatt. „Der Kater Schnurr?“ wiederholte Dornröschen gedehnt, „der Kater Schnurr... tatsächlich?“ – „So wahr ich hier neben dir sitze“, beteuerte Lanzelot, „nie hätte ich es gewagt, deine Träume zu stören und zu zerstören, wenn nicht Schnurr mich geheissen hätte, es zu tun.“

Nachdenklich und etwas verlegen wickelte die Prinzessin eine Strähne ihres langen blonden Haares um den Mittelfinger der linken Hand und schien um Worte zu ringen. Ritterlich wie er war, trat Lanzelot, um ihr Zeit zu lassen, ans Fenster des Turmzimmers. Weit dehnte sich das Land vor seinen Augen, von Autobahnen durchzogen, mit Kühltürmen gesprickelt. Der Himmel war perlgrau verschleiert vom Industriedunst, die Wiesen glänzten grüngrün vom Bleistaub der Autobahnen und die Bäche blaugrau vor Schmutz. Einzig der Schlosspark leuchtete smaragdgrün, und silbern schimmerte sein grasender Schimmel darin.

Plötzlich hörte der Ritter hinter sich ein Schluchzen, und als er sich verwirrt umwandte, erblickte er ein in Tränen aufgelöstes Dornröschen. Mit einem einzigen Schritt stand er neben der Prinzessin, wusste aber nicht, was er tun sollte, da er mit weinenden Frauen keine Erfahrung hatte. Dornröschen tastete nach dem rosaseidenen Spitzentaschentuch unter dem Kopfkissen, wischte damit ihre Augen und begann dann stammelnd:

„Von ihm – habe ich immer wieder geträumt... Ich – ich kenne ihn. Ich verdanke ihm mein Leben. Sie schneuzte sich in ihr rosaseidenes Spitzentaschentuch und fuhr fort: „Schnurr – genauso hiess er... Als die dreizehnte Fee mich zum Sterben im fünfzehnten Lebensjahr verfluchte, erschien plötzlich ein gefleckter Kater am offenen Fenster und miaute. Die zwölfte Fee, die ihren Geburtstagswunsch noch nicht ausgesprochen hatte, drehte sich um und rief leise: ‚Schnurr, komm her!' Mit einem einzigen Satz sprang der Kater auf ihre Schulter und schnurrte laut an ihrem Ohr. Im Traum vernahm ich, was er ihr zuschnurrte. ‚Verwandle den Tod in einen hundertjährigen Schlaf', flüsterte Schnurr, ‚und hebe damit den Spruch der bösen Fee auf.' Die gute Fee lächelte, trat an meine Wiege und sagte: ‚Dornröschen soll nicht sterben, wenn sie fünfzehn Jahre alt sein wird, sondern in einen hundertjährigen Schlaf sinken.' Mit wütendem Zischen verliess die böse Fee das Zimmer, und alle klatschten Beifall... Ich weiss nicht, wie oft ich das geträumt habe in diesen – hundert Jahren. Es ist, als hätte ich es hundertmal erlebt. Und jedesmal, wenn dieser Traum zu Ende war, wusste ich: Der Kater Schnurr hat mir das Leben gerettet.“

Sie schaute Lanzelot an, der geduldig und aufmerksam zugehört hatte, und fragte ganz, ganz leise: „Und was will er jetzt von mir, der Kater Schnurr?“ – „Dass du bei mir bleibst und mir hilfst und beistehst in den nächsten hundert Jahren“, antwortete Lanzelot, „es gibt unheimlich viel zu tun in diesem Land und in vielen anderen Ländern. Wir müssen alle Macht, alle Gewalt und alle Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen, noch viele Dornenhecken durchdringen, noch viele Schläfer wecken und aufrütteln, damit sie wach bleiben.“

Gerade in dem romantischen Augenblick, als Dornröschen seinen Kopf auf die ritterliche Schulter bettete, erschien, wie im hundertjährigen Traum, der Kater Schnurr am offenen Fenster. Er miaute und rief: „Gratuliere, Lanzelot, du hast es geschafft! Ich wünsche euch für euer hundertjähriges Leben und Wirken viel Glück und Erfolg. Was mich anbetrifft, so ist mein Lebenswerk zu Ende, ich werde nun den Platz im Katerparadies aufsuchen, der dort für mich reserviert ist. Lebt wohl, lebt wohl...“. Damit drehte er sich um und sprang oder flog vielmehr mit hoch erhobenem Schwanz zum Fenster hinaus.

Wenig später sprengte Lanzelot auf dem schimmernden Schimmel, Dornröschen vor sich auf dem Sattel, durch den Schlosspark und durch die jetzt gelichtete Hecke ins Land hinaus in Richtung der sieben im ewigen Schnee glitzernden Berge, auf dem Weg zur nächsten Aufgabe. Die Prinzessin lächelte glücklich mit rosigen Lippen, und der Ritter sass aufrecht im Sattel, die Zügel in der linken, die Lanze in der rechten Hand, aufrecht und zu allem entschlossen…

Lislott Pfaff

Mit freundlicher Erlaubnis der Autorin dem Buch „Deine Technik geschehe…“ (Eigenverlag, 1990, ISBN 3-907 447-01-8) entnommen.

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