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Neuer Kanton, Nachbeben auf dem Klo

Kurioses und Bemerkenswertes während und nach einem Erdbeben

Von Heinz Scholz , Schopfheim D

Knirschendes Gebälk – Frau hüpfte aus dem Bett – Nachbeben auf dem Klo – Wie die Schweiz zu einem Kanton in Deutschland kam – Das Basler Erdbeben von 1356 – Starkes Erdbeben alle 1000 Jahre?

Am Sonntag, den 5. Dezember 2004, um 2.52 Uhr, bebte die Erde mit einer Stärke von 5,4 auf der Richterskala. Das Epizentrum befand sich in 12 km Tiefe unter Waldkirch, nördlich von Freiburg (D). Es folgten 100 kleine Nachbeben. Viele Menschen wurden aus dem Schlaf gerissen. Die einen hörten ein Grummeln, die anderen bemerkten eine schaukelnde Bewegung der Schlafstatt. Auch ich schreckte aus Morpheus Armen auf und hörte gerade noch einen leichten Donnerschlag, die Rollläden klapperten und die Fensterscheiben vibrierten. Meine Frau meinte, sie rutsche ans Bettende und drifte wieder in die alte Position zurück.

Es war mir sofort klar, dass es sich hier um ein Erdbeben handelte. Denn wir wurden schon des Öfteren mit diesem Naturereignis konfrontiert. Beim letzten grösseren Beben wackelten die Schränke und klirrten die Gläser. Aus der Ferne war ein ungewöhnlich lautes Donnerhallen zu hören. Dies war im Februar 2003 der Fall gewesen. Nach der jetzigen seismischen Aktivität wanderten wir zunächst einmal aufs Klo. Dann kehrte wieder Ruhe ein, und wir konnten uns wieder der „süssen Labsal“ (so nannte Euripides den Schlaf) voll und ganz hingeben.

Waldkirchner Bürger berichteten dann von knirschenden Fachwerken, schwankenden Häusern und ächzenden Dachstühlen. In Denzlingen erlitt eine Frau einen Kreislaufkollaps, als sie in panischer Angst aus dem Bett hüpfte. Eine Freiburger Frau übertrieb masslos, als sie felsenfest behauptete, sie habe das Gefühl gehabt, es sei ein Güterzug durch ihr Schlafzimmer gedonnert. Andere glaubten an einen Flugzeugabsturz, und eine Dame erinnerte sich an Bombenabwürfe im Krieg. Die meisten waren jedoch überzeugt, hier könne es sich nur um ein Erdbeben handeln, schliesslich hatten sie schon so manches Beben erlebt.

Die Wasserwerke registrierten um diese Zeit einen erhöhten Wasserverbrauch. Das unsanfte Wecken veranlasste viele, die Toilette aufzusuchen. „Nachbeben auf dem Klo“, titelte „Der Sonntag“ einen Bericht über den erhöhten Wasserverbrauch und die folgenden Nachbeben, die kaum oder gar nicht bemerkt wurden. Die Stadt Weil registrierte einen Wasserverbrauch um 32 Kubikmeter pro Sekunde; üblich sind in dieser nächtlichen Zeit nur 5 Kubikmeter.

Immer wieder wird betont, Erdbeben könne man nicht vorhersagen. Aber es gibt auch Meldungen über Tiere und sehr empfindliche Menschen, die schon vor einem Erdbeben etwas spüren. So berichtete mir eine Frau, dass sie schon am Abend vor dem letzten Erdbeben eine Unruhe verspürte, die einen Schlaf unmöglich machte. Erst einige Zeit nach dem Ereignis konnte sie einige Stunden schlafen. Auch Tiere verhielten sich unruhig (siehe auch meinen Bericht „Tierisch klug“, Kapitel „Tierverhalten vor Erdbeben“).

Am nächsten Tag überschlugen sich die Meldungen von diesem Ereignis, das in unserer Region ja öfters vorkommt. In allen Medien wurde ausführlich, manchmal in übertriebener Weise, über dieses Erdbeben berichtet. So wurde Wolfgang Brüstle vom Erdbebendienst des Landesamtes für Geologie, Rohstoffe und Bergbau in Freiburg von der „Badischen Zeitung“ als „Erdbebenpapst“ bezeichnet. „Bild“ fragte in blutroten Lettern „Bricht Deutschland am Rhein auseinander?“

Die kurioseste Meldung brachte das Nachrichtenportal Al Bahar aus den Arabischen Emiraten. In Unkenntnis der regionalen Verhältnisse setzten sie die Stadt Waldkirch in den „Schweizer Kanton Emmendingen“. Nun können sich die Schweizer beruhigt zurücklehnen. Sie haben es geschafft. Es wurde ihnen ein Kanton in Deutschland „geschenkt“. Nichts ist mehr zu hören von der Vereinnahmung der Schweiz durch die EU oder die Gründung eines neuen Bundeslandes durch deutsche Grossvisionäre.

Das grosse Erdbeben von Basel
Wohl die wenigsten wissen, dass die Stadt Basel bereits 856 heimgesucht wurde. Auf dem Lande kam es zu zahlreichen Erdrissen und Felsspalten. 10 Jahre bevor das grosse Erdbeben von Basel im Jahre 1356 die Stadt in Schutt und Asche legte, hatte es bereits einen heftigen Erdstoss gegeben. Die bischöfliche Pfalz hinter dem Münster stürzte in den Rhein. 1348 kam es in Osteuropa zu einem starken Beben. Allein in Ungarn, in Kärnten und in der Steiermark fielen 26 Städte und Burgen zum Opfer. „Wahrlich ein düsterer Auftakt zu der Katastrophe, die jetzt über Basel hereinbrechen sollte“, so Rudolf Suter. Er schildert den Schreckenstag in seinem 1956 publizierten Buch „Basel und das Erdbeben von 1356“ wie folgt:

„Der 18. Oktober 1356, ein Dienstag, begann wie jeder gewöhnliche Tag. Keine Vorzeichen, kein ‚Erdbebenwetter' kündeten Unheil. Jedermann ging seiner Beschäftigung nach. Kurz vor der Vesperstunde, etwa um 2 Uhr nachmittags, erfüllte ein gewaltiges Rauschen die Luft, der Boden begann zu wanken, die Häuser zitterten in ihren Grundfesten, die Mauern schienen sich zu neigen, die Kirchtürme gerieten in pendelnde Bewegung, so dass die Glocken von selbst Vesper zu läuten begannen – und welch eine Vesper! Bleich vor Grauen und Furcht, in höchster Todesangst eilten die Menschen aus den Häusern, durch die Strassen, vor die Stadt ins Freie. Manchem gelang die Flucht nicht mehr; fallendes Gebälk und Mauerwerk begrub ihn. Der Chor und die Türme des Münsters stürzten ein. – Dies alles hatte ein einziger, der erste Stoss bewirkt.“

Es kamen ungefähr 300 Menschen ums Leben (der Chronist Heinrich Taube von Selbach spricht sogar von 1000 Toten). Als es dunkel wurde, sah man die schaurig lodernden Feuer über der Stadt. Viele der Geflüchteten rannten wieder in die Stadt, um Hab und Gut vor den Flammen zu retten. Auch Schurken waren unterwegs, um zu plündern. Da erschütterte ein gewaltiger 2. Erdstoss die geschundene Stadt. Es kamen viele Menschen zu Tode, und viele weitere Gebäude stürzten ein. Nach einigen Tagen war die Stadt ein „rauchender Aschehaufen“. Mindestens 34 Burgen, Schlösser und Dörfer der Umgebung wurden zerstört.

Nach einer Überlieferung soll die junge Tochter Anna der Gräfin von Thierstein weinend in der Wiege gefunden worden sein, die von 2 grossen Trümmerstücken eingeklemmt und beschützt worden war.

Bis zum Jahresende folgten weitere, jedoch kleinere Erdstösse. 1357 wurden die Strassburger und Basler in Angst und Schrecken versetzt, als die Erde bebte. Dann kehrte für lange Jahre Ruhe ein.

Die Basler bauten ihre Stadt innerhalb kurzer Zeit wieder auf. Anstelle der Holzhäuser wurden nun solche aus Stein erbaut. Dabei wurde eine grosse Menge Steine von den Brüchen am Hornfelsen, bei Rheinfelden und im Schwarzwald herbeigeschafft. Das neue Münster wurde übrigens 1363 eingeweiht. Bei dieser Veranstaltung war der König Peter von Cypern anwesend.

Man geht heute davon aus, dass das grosse Beben von Basel eine maximale Stärke von 6,5 auf der Richterskala hatte.

Alle 1000 Jahre ein schweres Erdbeben?
Der Oberrheingraben ist eine der seismisch aktivsten Zonen Deutschlands. Basel und der Kreis Lörrach und der Raum Balingen (D) gehören zur Zone 4 (stark gefährdet). Durchschnittlich einmal im Monat kommt es hier zu einem Beben der Stärke 3. Alle 10 Jahre gibt es ein Erdbeben der Stärke 5 und alle 1000 Jahre ein noch stärkeres Beben. Aber das muss nicht so eintreffen. So gab es in den letzten 4 Jahren schon einige Erdbeben der Stärke 5 und mehr.

Warum kommt es bei uns zu vermehrten seismischen Aktivitäten? Schuld sind Spannungen in Erdschichten, besonders in Bruchzonen. Vor 50 Millionen Jahren brachen die Vogesen und der Schwarzwald auseinander, und es bildete sich der Oberrheingraben, wo heute der Rhein fliesst.

In der Vergangenheit gab es am 3. September 1978 das stärkste Beben mit einer Stärke von 5,7 im Zollernalbkreis. Am 22. Februar 2003 bebte die Erde in den Vogesen mit einer Stärke von 5,4. Am 23. Februar 2004 folgte ein weiteres Beben mit einer Stärke von 5,1, das von Ostfrankreich ausging. Dieses war auch in Basel und Freiburg zu spüren. Am 22. Juni 2004 bebte die Erde bei Basel (Stärke 2,8) und eine Woche später in Brugg im Kanton Aargau (Stärke 4,2). Der Freiburger Erdbebenexperte Wolfgang Brüstle hält übrigens Erdbeben der Stärke 6 in unserer Region für denkbar. Eine höhere Aktivität sei unwahrscheinlich.

Zum Glück sind Schäden an Gebäuden infolge der strengen Bauvorschriften nicht gravierend. Bei welcher Erdbebenstärke uns das Dach auf den Kopf fällt, das können auch die Experten in Freiburg nicht vorhersagen.

Heinz Scholz

Informationsquellen
www.altbasel.ch/fussnoten/erdbeben.html (Infos zum grossen Erdbeben von Basel, mit Literaturangaben).
www.lgrb.uni-freiburg.de (Erdbebenmeldungen, Seismogramme, Infos)
Google-Suchmaschine: Stichwort „Erdbeben der Region“.
Berichte in der „Badischen Zeitung“ (vom 6. und 7. Dezember 2004) und „Der Sonntag“ (vom 12. Dezember 2004).

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