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     19. Oktober 2018, 00:40 Uhr
 


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Naturformen: Plädoyer für die Unregelmässigkeit

"Menschen machen immer alles falsch der Natur und sich selbst gegenüber.
Der Mensch hat anscheinend eine selbstzerstörerische Kraft auf Erden.
Die Natur der Pflanzenwelt ist immer aufbauend.
Sie ist unser Lehrmeister, sowohl im schöpferischen als auch im ökologischen Sinn."
Friedensreich Hundertwasser


Rausch der Farben und Formen: Hundertwasser-Therme in Blumau (Steiermark, Österreich)
[Textatelier-Archivaufnahme]

An den Formen liegt viel. Sie wecken und befriedigen das Schönheitsempfinden; sie locken oder sie sind einfach da, ohne einen erkennbaren Sinn.

In der unbelebten und belebten Natur gibt es eine unendliche Formenvielfalt – jeder Stein, jedes Blatt, jede Blüte und jedes Tier der gleichen Art sehen unterschiedlich aus – und auch alle Menschen sind Individuen, allein schon durch ihre äussere Erscheinung. Naturformen entstehen z.B. bei der Erosion durch Wasser, Wind, schmirgelnden Flugsand und Steine, die der Schwerkraft folgen. Es sind Spuren von allen möglichen Bewegungen. Unregelmässigkeit und Vielgestaltigkeit sind die Attribute des Modellierens, wie es im Rahmen der Naturgesetzmässigkeiten geschieht. Biologie und Kunst haben sehr viel miteinander zu tun. Selbst ein Fresko, dem die Hälfte durch den Zahn der Zeit weggenagt worden ist, entfaltet eine neue Aussagekraft.

Der in starre Regeln eingebundene Mensch, der ständig nach dem Gesetzmässigen, Wiederholbaren (wie in der selbstbeschränkten Wissenschaft), nach dem Symmetrischen und Nachvollziehbaren sucht und reduktionistisch in Gegensätzen denkt, arbeitet fast immer mit vereinfachten rein geometrischen Formen: mit geraden Linien als kürzester Verbindung zwischen 2 Punkten, Quadraten und Rechtecken, Dreiecken, Kreisen, die mit einem Zirkel gut zu bewerkstelligen sind, Kugeln und Musterstrukturen. Es sind groteske Abstraktionen, Tribute an den Rationalismus, ans Lineal und andere Zeichengeräte. Das Vervielfältigen (Klonen) gehört in dieses Kapitel des Kopierens vorgegebener Muster.


Natur-Design: Die Chocolate Hills (Schololadenhügel) auf der philippinischen Insel Bohol
[Textatelier-Archivaufnahme]

Wenn die Pflanzenwelt Formen und Strukturen wie angenäherte Hyperbel-Segmente hervorbringt und diese in eine Spirale hineinführt, werden die Bauregeln zu einer kaum ausschöpfbaren Komplexität verknüpft. Alle Strukturebenen eines Lebewesens sind darin erfasst, verdreht und durch eine rotierende Wiederholung in abgewandelten Formen ins Unendliche gesteigert. Solche Variationen finden sich sogar im mikroskopischen Bereich. Deshalb ist kaum voraussehbar, was nach Formbildungsprozessen am Ende genau entstehen wird. Selbst die Vererbungsgesetze sind schwammig. Es können nur auf statistische Art Wahrscheinlichkeiten angegeben, aber keine konkreten Vorhersagen gemacht werden.

Das Normierte, fest Vorgegebene passt ins Zeitalter der Technik. Es äussert sich auch beim Menschen-Styling von der Zahnkorrektur bis zur plastischen Chirurgie, die Rundungen ausprägt. Hängebäuche und -hintern, Dackelfalten, Tränensäcke und Hautfurchen, die einem Menschen etwas Unverkennbares geben und seine Geschichte erzählen, werden gestrafft – und häufig übel verzogen, störendes Fett abgesaugt, bis die wiegende Schönheit eines Ipanema-Girls mit den Rundformen am richtigen Ort erreicht ist. Nötigenfalls werden die untersten Rippen herausgesägt, damit die Taille besser zeichnet. Für dieses Modellieren werden Gesundheitsbeeinträchtigungen wie ruinöse Silikonschäden in Kauf genommen.

Abkehrungen von der zur Mode gewordenen Norm gibt es selbstverständlich auch – vor allem bei Kunstwerken. Es sind Werke, in die Gemütsregungen, Empfindungen, Stimmungen eingeflossen sind. Sie sprechen uns intensiv an. Auch die Architektur kann dadurch gewinnen: Ich erinnere mich an die befestigten, handgeformten Getreidespeicher (Proviantlager) der Berber in Médenine (Tunesien): Handgeformte Lehmhäuser, "Ghorfa" genannt, mit unregelmässigen Treppen und Fenstern, die alle gegeneinander irgendwie verschoben sind, wie aus dem Lot geraten – kein Vergleich zu einem Wohnblock mit sich beliebig wiederholenden Modulen. Auch bei Thomas Mann (im "Zauberberg") ist zu einer solch trostlosen Gleichförmigkeit nachzulesen: "Dem Leben graut vor der genauen Richtigkeit."

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Aktion beschwingtere Badezimmer: Design von Friedensreich Hundertwasser im Gästehaus der Therme Blumau (Steiermark, AU)
[Textatelier-Archivaufnahme]

Stellen Sie sich eine 200 m lange Mauer aus 10 m breiten Betonelementen vor, wie sie bei Verwendung vollkommen identischer Schalungen entstehen, oder gar eine 10 km lange Schallschutzmauer einer Autobahn entlang. Wer 10,05 m (ein Betonelement und 1 Fuge) von dieser Mauer oder Wand gesehen hat, kennt die gesamte Mauer. Denn es passiert nichts Neues mehr – es sind ständige Wiederholungen, immer das gleiche Regelmass, vielleicht alle 100 m eine Nische, aber auch dieses Element wiederholt sich ununterbrochen. Es ist, als würde hier der gleiche Satz oder die gleiche Aussage ständig wiederholt. Ständig wiederholt. Ständig wiederholt. Die Leserschaft würde bald einmal die Lust am Weiterlesen verlieren.

Auf der deutschen Ostseeinsel Rügen (Gebiet "Prora") gibt es einen 4 km langen, fünfstöckigen Block, der in der nationalsozialistischen Ära für Ferienzwecke in die Landschaft geklotzt worden war – ebenfalls ganz im Geiste der Moderne, wo die Vermassung über das Individuelle herrscht. Streng funktionelle Kasernenarchitektur. Man rufe sich demgegenüber eine lange Mauer aus unterschiedlich grossen Natursteinen vors geistige Auge, die Vorsprünge, Nischen, Löcher und Klaffen aufweist, und aus der verschiedene Pflanzen wachsen und in welcher alle möglichen Tiere Unterschlupf gefunden haben. Sie könnten vor dieser Mauer stundenlange Exkursionen vornehmen und würden immer wieder Entdeckungen machen. Es würde Ihnen nie langweilig.

Selbstredend müssen vielerorts stabile Betonmauern sein, wenn ganze Berghänge gestützt werden sollen, wenn man die natürliche oder künstlich beschleunigte Erosion verlangsamen will. Aber auch wenn eine Mauer nur eine bescheidene Stützfunktion hat, sollte die Gelegenheit wahrgenommen werden, auf Stereotypien zu verzichten. Ich habe begonnen, beim Bau von kleinen Gartenmäuerchen die gerade, formal langweiligste Seite der Natursteine gegen den Berg zu stellen und die wilde, zerklüftete sichtbar zu belassen. Und das sieht lebendig aus, weil die Elemente nur ähnlich, aber nicht identisch sind, wie bei allen Bio-Mustern.


Er rundete Formen ab: Der Bio-Designer Luigi Colani (links) mit "Honorar" aus Holz und Rolf P. Hess nach einem Vortrag beim Gewerbeschulhaus Lenzburg (1987). Colani hätte in dieser Umgebung noch viel mit Abrunden zu tun...
[Textatelier-Archivaufnahme]

Friedensreich Hundertwasser, Luigi Colani und andere Formenkünstler können dazu inspirieren. Hundertwasser hat darüber hinaus versucht, die Architektur zu personifizieren, das Haus als Organismus zu verstehen, wie das auch bei der 5000 Jahre alten chinesischen Lehre Feng Shui der Fall ist. Das Haus darf keine Totgeburt sein, die am Leben und am Sterben gehindert wird. Das Rastersystem der geraden Linie ist laut seinen Feststellungen "das Symbol und Symptom der Selbstzerstörung unserer Gesellschaft". Denn die gerade Linie führt zum Untergang. Ich fotografiere lieber Hütten als monotone Wohnblocklandschaften, und würde lieber in einer individuell gestalteten Hütte als in einem phantasielosen Wohnsilo leben.

Jede Struktur ist ein Abbild des Prozesses, aus dem sie hervorgegangen ist, und sie wird erst verständlich, wenn der Prozess bekannt ist. Mit anderen Worten bedeutet das, dass die Dynamik des Ganzen das Fundamentale ist und sich die einzelnen Teile nur im Kontext dieser umfassenden Dynamik erklären lassen.

Wie ökologische, so lassen sich auch soziale Phänomene nur aus dem Geflecht der Beziehungen erklären. An der Notwendigkeit zum Denken und Werten in Zusammenhängen scheitert die reduktionistische Wissenschaft meistens. Wie auch bei der Gentechnologie betrachtet sie die einzelnen Bausteine isoliert und versucht, daraus das Ganze zu verstehen, was meistens misslingt. Die Lehre des Erkenntnisprozesses (Epistemologie) käme zu befriedigenderen Resultaten.

Wo verkehrt gedacht wird, werden falsche Resultate produziert. Sie sind und bleiben auch dann falsch, wenn keine ökologisch abgestützte Politik betrieben und kein ökologisch orientiertes Verhalten angestrebt wird.

Walter Hess

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