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     11. Dezember 2018, 17:10 Uhr
 


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Pilzli, die Amsel

Ghostwriting nach einem mündlichen Bericht von Liv Alder, Reinach BL

An einem milden Maiabend sassen mein Mann und ich im Garten unter einer Birke und genossen die Wärme, die immer noch in der Luft lag. Negerli und Susi, unsere beiden Katzen, hatten sich wohlig im Gras ausgestreckt und blinzelten dann und wann in den letzten Sonnenstrahl, der sich über die Hecke hinweg in unseren Garten stahl.

Plötzlich verwandelten sich die beiden friedlichen Vierbeiner in blutrünstige Raubtiere und wollten sich auf ein kleines schwarzes Etwas stürzen, das von der Birke herab ins Gras gefallen war. Geistesgegenwärtig scheuchte mein Mann die Katzen weg, und ich bückte mich zu dem kleinen Vogel hinunter, der kläglich piepsend am Boden lag. Ich nahm ihn in die Hände. Es war eine junge Amsel, deren rechtes Bein verstümmelt war: Vom Kniegelenk abwärts fehlte die untere Beinhälfte. Ich trug den armen Kerl ins Haus, bettete ihn in eine weich gepolsterte Schachtel und liess ihn aus einem flachen Teller ein paar Tropfen Wasser trinken. Wir waren beide ziemlich ratlos, da wir noch nie eine junge Amsel aufgezogen hatten. Wie macht man das?

Am darauffolgenden Morgen landeten die Amseleltern draussen vor dem geöffneten Wohnzimmerfenster und versuchten, durch die Spalten der heruntergelassenen Lamellenstoren hindurch Würmer für ihr Kleines zu bringen. Wie sie herausgefunden hatten, dass Pilzli – so hatten wir den Vogel getauft – bei uns im Haus war, ist mir heute noch ein Rätsel. So sah ich mich gezwungen, Pilzli mit Würmern zu füttern, obwohl mir das eher unsympathisch war. Dabei hielt ich ihn mit einer Hand auf dem Knie und stopfte ihm das sich windende Futter mit einer Pinzette in den Schnabel, was Pilzli sichtlich zusagte. Als mein Nachbar davon hörte, grub er jeden Tag Würmer für das gefrässige Pilzli aus seinem Komposthaufen. So war für unseren neuen Hausbewohner immer für Nachschub gesorgt.

Unsere übrigen Haustiere – die beiden Katzen und die Schäferhündin Ilona – liefen mir auf Schritt und Tritt nach, wenn ich mit der Amsel in der Hand in den Garten an die frische Luft ging, und schienen über mein Tun verständnislos den Kopf zu schütteln. Pilzli aber entwickelte sich zusehends und wurde immer kräftiger. Nun fand ich, unser Ziehkind müsse fliegen lernen. Ich begann im Garten mit dem Flugunterricht. Als Pilzli, auf seinem gesunden linken Bein balancierend, auf meinem Handteller stand, warf ich ihn einfach in sein Element, in die Luft. Tatsächlich flog er ein kleines Stück, war aber nicht imstande, mit nur einem Bein auf einem Baum zu landen, und plumpste ins Gras. So trug ich ihn halt wieder ins Haus und nahm mir vor, Pilzli das Fliegen beizubringen – koste es, was es wolle. Das Training fand nun im Hausinnern statt. Immer wieder warf ich den Vogel in die Luft und versuchte ihn aufzufangen, wenn er herunterfiel.

Eines Morgens hörten wir den Vogel im Schlafzimmer laut rufen, und als wir nachsahen, sass Pilzli zuoberst auf der hohen Standuhr und rief: „Ich kann es, ich kann es!“ Er war selbstständig hinaufgeflogen, und es war ihm tatsächlich gelungen, auf seinem einen Bein zu landen. Nach weiteren Flugübungen im Wohn- und Schlafzimmer beschloss ich, Pilzli nochmals im Freien fliegen zu lassen, trug ihn in den Garten und warf ihn in die Luft. Und – er schaffte es, landete sicher auf der Birke, flog aber wieder ins Haus zurück, das inzwischen sein Nest geworden war. Daraus wurde eine tägliche Routine, und die Flugsicherheit der jungen Amsel wurde immer grösser.

Wieder einmal vollführte Pilzli im Garten seine Übungsflüge, während ich unter einer hohen Tanne sass und ihm zuschaute. Da sah ich, wie die Eltern in unseren Garten geflogen kamen und dann zusammen mit ihrem Kind stolz auf dem Rasen hin und her hüpften, will sagen paradierten, als wollten sie sich bedanken für Pilzlis Rettung. Daraufhin verschwand die ganze Amselfamilie. Die Eltern hatten also ihr Kind wieder zu sich genommen, und wir sahen Pilzli lange Zeit nicht mehr.

Im Spätherbst/Winter stand ich unter der Lärche beim Hauseingang und hörte plötzlich den typischen Gesang von Pilzli. Mein Mann und ich begannen ihn überall draussen zu suchen, krochen unter den Gartentisch oder reckten den Kopf in die Höhe – kein Pilzli. Was konnten wir tun? Abwarten… 2 Tage später erzählte uns eine sehr tierliebende Nachbarstocher, sie habe im ersten Stock ihres Elternhauses Schulaufgaben gemacht, als Pilzli ans Fenster kam, zu ihr hereinhüpfte, sich von ihr streicheln liess und Vogelfutter von ihr annahm. Diese Zutraulichkeit unseres Zöglings machte uns Sorgen. Würde er eine Gefahr erkennen und vor ihr flüchten?

Eine Nachbarsfrau, die gegenüber unserem Haus wohnte und jeden Winter Vögel fütterte, sah Pilzli und seine Eltern beim Futterhäuschen. Sie befürchtete, dass der invalide Pilzli von den anderen Vögeln drangsaliert und vom Futterhäuschen weggedrängt würde. So ging sie jeden Morgen um 6 Uhr hinaus und versorgte Pilzli und seine Eltern – als die anderen Kostgänger noch nicht da waren – mit Körnern. So wussten wir: Pilzli lebte noch. Und er überlebte auch den Winter.

Denn an einem Frühlingsabend sahen wir ihn nochmals im Garten. Er sass auf einem Zweig der Lärche und wippte dort lange Zeit auf und ab. Offenbar wollte er so unsere Aufmerksamkeit erwecken und sich von uns verabschieden. Von da an sahen wir Pilzli nie mehr. Wir hofften, dass er nicht wegen seines Handicaps einer Katze oder einem anderen Raubtier zum Opfer gefallen war. Immerhin trösteten wir uns damit, dass er sich dank unserer Fürsorge noch einige Zeit seines Lebens freuen und mit seinen Eltern zusammensein konnte. Und vergessen werden wir unseren Pilzli nie…

Lislott Pfaff

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