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     18. August 2018, 10:01 Uhr
 


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Der Harlekin

Am Montagmorgen des 3. März 2011 erschien Renate Mitzwang einige Minuten nach 8 an ihrem Arbeitsplatz im Retortenkontroll-Labor der Reproduktionstechnischen Abteilung an der Gynäkologischen Klinik von Basel und begann mechanisch mit den üblichen Routinetests, trug in die Datenbank ein, wie weit die Organogenese der im künstlichen Fruchtwasser schwimmenden Achtwochen-Embryos jeweils fortgeschritten war. In ihren Ohren dröhnte immer noch der Trommeldonner der vergangenen 4 Stunden, ihr Blut pulsierte immer noch im Takt der Rhythmen und Melodien, welche die Stadt überflutet hatten.

Sie entnahm dem Fach Nr. 56 eine künstliche Gebärmutter und trug sie zum Zerebrometer, um den Entwicklungsstand des embryonalen Gehirns zu bestimmen. Während das Gerät leise surrte, prasselte ein letzter Trommelwirbel von der Altstadt herüber und gaukelte ihr nochmals den Spuk der heidnischen Maskengestalten vor, der zwischen Nacht und Morgen, von farbglühenden Laternen gespenstisch beleuchtet, durch die dunklen Gassen an ihr vorübergezogen war. Nochmals hörte sie die Pfeifermelodien, die sich über dem makabren Staccato der Trommeln an den Häuserfassaden emporgerankt hatten, als müssten sie diesen Todeswirbel mit Tanzmusik verzaubern.

Und nochmals blickte der Harlekin sie durch die hohlen Augen seiner weissen Larve an, entfernte das Piccolo etwas von den Lippen, deutete auf den Schluss des trommelnden und pfeifenden Zuges, an dessen Spitze er marschierte, und rief ihr zu: „Komm mit!“ Nochmals folgte sie ihm in unerklärlicher Entrückung, im Sog der gleichmässig langsamen Schritte, bis die wilde Schar, die er anführte, stillstand. Und nochmals sah sie, wie er sich umdrehte, sein starres Maskengesicht über die Stirn schob und wie darunter zwei lächelnde braune Augen zum Vorschein kamen. „Ich habe Durst, willst du auch etwas trinken?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, hatte er seinen von faltiger Seide umwogten Arm um ihre Schultern gelegt und sich mit ihr durch das Gewimmel von Kostümen, Laternen und Zuschauern gedrängt...

*

Das Blinken der roten Warnleuchte riss Renate Mitzwang aus ihren Träumereien. Entsetzt blickte sie auf den Monitor, dessen Zeiger unbeweglich auf Null stand, und griff nach der künstlichen Gebärmutter. Zu spät. Das synthetische Fruchtwasser hatte sich bereits violett verfärbt. Die gleichmässige Temperatur des Brutkastens hätte dem Embryo nicht länger als 3 Minuten entzogen werden dürfen. – Sie hatte ihn getötet, fahrlässig getötet, den Sohn des einflussreichen Uranhändlers Anassis, dessen Betreuung ihr von den Vorgesetzten ganz besonders ans Herz gelegt worden war.

Renate Mitzwang wusste, was das für sie bedeutete: Lebenslängliche Verwahrung in einer Anstalt für sozial unerwünschte Elemente. Hätte es sich um einen Embryo gehandelt, dessen Samenspender irgendein Einwohner ohne roten Punkt im Datenregister war, so wäre das nicht halb so schlimm gewesen. Sie wäre dann wahrscheinlich mit einer fristlosen Entlassung davongekommen. Aber der Anassis-Sprössling, durch ihre Schuld im Fruchtwasser abgestorben! Fieberhaft überlegte sie, wie sie sich am besten aus dieser Affäre ziehen könnte. Anassis II musste unbedingt weiterleben, das war klar. Es gab nur eine Lösung, und ohne Zögern machte sie sich daran, sie zu verwirklichen.

*

Als Renate Mitzwang um 12 das Labor verliess, traf sie im Korridor Professor Helmini, ihren Vorgesetzten. Der asketisch wirkende Sechziger war Leiter der Reproduktionstechnischen Abteilung und hatte kürzlich ein wissenschaftliches Werk über die Embryoaufzucht in der künstlichen Gebärmutter veröffentlicht. „Ich wollte gerade zu Ihnen kommen“, sagte er, „es handelt sich um den Embryo Basler II. Wir müssen ein ganz besonders wachsames Auge auf ihn haben; sein Vater, Basler I, ist soeben unerwartet zum Generaldirektor der Helvetischen Atomkraftwerke AG ernannt worden.“

Um Renate Mitzwang begann sich der Korridor, der Professor, begann sich alles zu drehen. Die Wände schwankten, der Boden taumelte. „Ist Ihnen nicht gut?“ drang Helminis Stimme durch diesen Tumult. Sie schüttelte den Kopf. „Eine kleine Übermüdung“, murmelte sie. Helmini schritt auf die dunkelgrün gestrichene Labortür zu. „Ich möchte den Basler-Embryo kurz anschauen, vielleicht müssen wir noch einige Spezialtests ins Routineprogramm aufnehmen.“ Die Laborantin schaute mit schlaff herabhängenden Armen zu, wie er auf die Gestelle mit den Achtwochen-Embryos zuging.

Erst als Helmini sie mit verstörter Stimme rief, betrat sie das Labor und näherte sich wortlos, mit flackernden Wangen, ihrem Vorgesetzten. „Frau Mitzwang, was ist hier geschehen?“ In seinem hageren Gesicht spiegelte sich verständnislose Entrüstung, und er starrte auf das leere Gebärmutter-Fach Nr. 57, das mit „Basler II“ beschriftet war. Hinter dem Namen war von Hand ein kleines schwarzes Kreuz gemalt worden. Sie brachte kein Wort hervor. „Weshalb haben Sie mir nichts davon gesagt, dass Basler II abgestorben ist?“ Helminis Stimme klang nun sehr harsch: „Wann ist das passiert?“ „Gerade vorhin – ich wollte es Ihnen soeben melden.“ – „Wo haben Sie den toten Embryo?“ Sie deutete auf den luftdicht verschlossenen Behälter, dessen Inhalt für die Verbrennungsanlage bestimmt war. Hastig öffnete er den Verschluss, nahm das leblose Wesen mit dem überdimensionierten Kopf und den angedeuteten Umrissen eines menschlichen Körpers vorsichtig in die Hände und betrachtete es einige Zeit aufmerksam. „Aber der Tod ist ja infolge Wärmeentzugs eingetreten!“ rief er aus. „Können Sie mir das erklären?“ Sie blickte ihn verzweifelt an und versuchte, das Würgen im Hals hinunterzuschlucken.

"Nun?" Endlich gestand sie ihm alles: die fahrlässige Tötung von Anassis II und den Austausch des toten Anassis II gegen den lebenden Basler II. „Ich dachte“, stammelte sie, „dass Anassis II - dass er nicht tot sein durfte...“ – „Allerdings“, erwiderte er kalt, „Sie können sich ja vorstellen, was das für das Image unserer Klinik bedeutet. Ich muss Sie natürlich voll für diesen Skandal verantwortlich machen.“ Er drehte sich um und verliess das Labor.

*

Ein Krähenschwarm schwirrte krächzend über die nassen Gräber. Grau wie die Grabsteine hing der Regenhimmel herab. Vor der Grube, in der die soeben beigesetzte Selbstmörderin Renate Mitzwang lag, stand ein Mann in dunkelblauem Mantel: der Uranhändler Anassis. Der Regen peitschte ihm in heftigen schrägen Güssen entgegen, und hastig legte er eine rote Rose auf die frisch umgegrabenen Erdschollen. Dann strebte er dem Friedhofausgang zu, wandte sich aber nochmals um und schaute zurück – mit denselben braunen Augen, die unter dem Jubelgesang der Piccolos durch die Löcher der bleichen Harlekinmaske Renate Mitzwang angeblickt hatten...

Lislott Pfaff

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