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     10. Dezember 2018, 23:28 Uhr
 


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An einen Area Manager im Pharma-Marketing der Basler Chemie

Lieber Herr XY,

ja, ich verstehe schon, wenn Sie Ihre Arbeitgeber verteidigen: „Wes Brot ich ess . . .“, nicht wahr? Und es ist ein gut gestrichenes Brot, ein Butterbrot und keines mit Margarine, das Sie da essen, seit Jahrzehnten. Oder sind es nicht Jahrzehnte her, seit Sie mit hochfliegenden Idealen, das Diplom in der Schulmappe, sich dem Ernst des Lebens zuwandten? Sie haben geheiratet, sind mit Elan die berufliche Karriereleiter hinauf geklettert bis zur so genannten höheren Position. Natürlich können Sie von dort nicht auf Ihre Firma hinabspucken, das wäre unanständig. Aber man braucht ja nicht gleich zu spucken, man kann auch einmal nur nach unten blicken . . . Vielleicht bleibt einem dann die Spucke ohnehin weg, wenn man in den Abgrund hinabschaut. Nur – man muss es wollen, und es kostet fast gleich viel, wenn nicht mehr Mühe als das Hinaufklettern. Denn man muss schwindelfrei sein, um hinabzugucken in den Abgrund, und das wird immer schwieriger, je höher man geklettert ist. Ich habe es gewagt, ich habe den Abgrund gesehen, wenn auch nicht von derselben Höhe herab, wie es bei Ihnen der Fall wäre. Aber auch so: Es graute mir davor  . . .

Sie haben 2 Dinge gesagt zur Verteidigung Ihrer Brotgeber: das mit der Luftverschmutzung sei sicher nicht mehr so schlimm, da ja die Chemie schon so viele technische Vorkehrungen dagegen getroffen habe, und früher habe man eben die Luft gar nie gemessen. Auf diese Bemerkung möchte ich aus fachtechnischen Gründen nicht eingehen, sondern Ihnen nur empfehlen, einmal all jene Kinder mit diesem Gedanken zu konfrontieren, die unter Haut- und Atemwegsallergien leiden und nur dank regelmässigen Aufenthalten auf Ibiza oder Teneriffa über die Runden kommen. Die Krankenkasse bezahlt notabene solche Gesundungsferien nicht, so dass ohnehin nur die Privilegierten davon profitieren können. Der „grosse Haufen“ bleibt eben allergisch, und dafür gibt es ja schliesslich die Medikamente aus der Pharmaproduktion der Basler Chemie: Das Marketing bleibt beschäftigt, und die Gewinne sind gesichert.

Die zweite Bemerkung haben Sie der ersten angefügt, sie war sozusagen deren logische Folge: Man vergesse, dass es schon immer Krankheiten und Seuchen gegeben habe auf dieser Welt – zum Beispiel die Pest –, und man spiele die heutigen Krankheiten oder Epidemien hoch, so als sei das etwas Besonderes. Hier muss ich Ihnen nun allerdings den Vorwurf machen, dass Sie mit solchen Aussagen mir gegenüber kräftig heucheln. Denn Sie wollen doch sicher nicht Ihre berufliche Position untergraben: Zum Marketing der Pharmabranche gehört es doch, bei der potenziellen Kundschaft das Krankheitsbewusstsein und damit das Behandlungsbedürfnis zu wecken. Und wer ist die potentielle Kundschaft der Pharmabranche? Es ist jede und jeder, vom winzigsten Säugling bis zum gebrechlichsten Greis.

Wenn die Krankheit Aids einen Markt von 1,5 bis 3 Milliarden Dollar verspricht, wie es in der Hauszeitung einer Basler Chemiefirma stand, so lohnt es sich bestimmt, diesen Markt schon jetzt zu beackern, ihn mit ein wenig Panik vor dieser Seuche zu düngen, damit er um so ertragreicher werde, sobald die Ernte reif ist. Das heisst, sobald die heute prognostizierten Erkrankungsfälle eingetreten und die entsprechenden Impfstoffe und Medikamente entwickelt sind. Es dürfte eine Binsenwahrheit sein, dass auch Angst vor Krankheit krank machen kann. So beliefert man denn die gefügigen Opinion leaders und die willigen Publizisten unablässig mit Communiqués und anderem Informationsmaterial, auf dass der Welt kundgetan werde, was für eine schreckliche Geissel der Menschheit diese Krankheit Aids sei und wie viel Dankbarkeit diese Menschheit der Pharmaindustrie dafür schulde, dass sie ihre moralische Verpflichtung ernst nehme und die Forschung vorantreibe, um sobald als möglich diese schreckliche Krankheit bekämpfen zu können. Der Prestigegewinn aus dieser Publicity ist gar nicht abzusehen: Das angeschlagene Image der Chemie als Ganzes könnte wieder in neuem Glanz erstrahlen. Das bescheidene Entgelt von ein paar Milliarden, das bei Erreichen dieses Ziels winkt, wird nobel verschwiegen oder nur verschämt nebenbei erwähnt. Aber jene Firma, die gewinnt bei diesem Wettlauf um das erste nebenwirkungsfreie Aids-Mittel oder den ersten wirksamen Aids-Impfstoff, wird sich um ihre Aktienkurse keine Sorgen mehr machen müssen.

Wie gesagt, Angst vor Krankheit kann auch krank machen. So wird also fröhlich Angst und damit krank gemacht, zum Segen der Medikamentenhersteller und nach der Devise: des Einen Leid, des Andern Freud. Wenn man diesen Teufelskreis einmal durchschaut hat, wenn man einmal hinabgeblickt hat in den Ab- und Hintergrund unseres Krankheitswesens (der Begriff „Gesundheitswesen“ ist ein unerträglicher Euphemismus), möchte man sich am liebsten distanzieren von diesen Mechanismen, indem man versucht, für sich selber, für den eigenen Körper, wenn möglich auch für die eigene Seele Verantwortung zu übernehmen. Das ist nicht leicht, der Weg der Ablösung von der possessiven Mutter Medizin ist mit Steinen des Anstosses gepflastert. Denn diese offiziell anerkannte Medizin wird beherrscht von der allgegenwärtigen Pharmaindustrie. Von eben dieser Industrie, wo Sie, lieber Herr XY, als so genannter Area Manager dazu beitragen, dass auch in der Ihnen unterstellten Region das Krankheitsbewusstsein nicht nachlässt.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Bemühungen und verbleibe mit gesunden Grüssen:
Ihre L. Pfaff

(verfasst zwischen 1986 und 1990)

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