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     10. Dezember 2018, 23:31 Uhr
 


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Bakterien verdienen Zuneigung

Für Louis Pasteur (1822-1895) waren sie "Geister des Todes, allgegenwärtige Mörder, die furchtbarsten Feinde der Menschheit": die Bakterien. Und der deutsche "Bazillenvater"[1] Robert Koch (1843-1910) hatte die gloriose Idee, durch eine gnadenlose Bakterien-Ausrottungskampagne den menschlichen Tod zu besiegen. Viel intelligenter sind wir inzwischen nicht geworden: die Bakterienjagden gehen weiter. Es soll dem Vernehmen nach sogar Menschen geben, die nicht nur pasteurisierte, sondern sogar uperisierte Kuhmilch zu sich nehmen...

Solches passt ins übliche Bild: wir wollen die Natur und auch sonst alles Missliebige durch Ausrottungskampagnen besiegen. Ein naturverbundener Bäcker sagte mir vor ein paar Jahren, von einem amtlichen Lebensmittelinspektor sei ihm die Verwendung eines hölzernen Rührspatels und anderer Holzgeräte in seiner Backstube untersagt worden, weil sie den Bakterien ideale Schlupfwinkel böten; die hölzernen Utensilien mussten durch solche aus Kunststoff ersetzt werden... Kurz darauf berichtete die International Herald Tribune, dass bei einem Vergleichstest in einem US-Labor das Holz weit besser als Kunststoff abgeschnitten habe: Auf Holzbrettchen sterben die Bakterien nach 3 Minuten ab, auf Kunststoff aber gedeihen sie prächtig. Bakterienfreunde verwenden also Kunststoff... Mir persönlich ist ein kleiner Holzsplitter im Salat lieber als ein Fetzen Kunststoff.

Ich bin überzeugt davon, dass in der unendlich vielfältigen und turbulenten Welt der Mikroorganismen haargenau dieselben ökologischen Prinzipien gelten wie in der gesamten belebten Natur. Vernichtet man einzelne Arten und Lebensgemeinschaften, werden die Nischen sofort durch neue besetzt. Geschieht die Vernichtung nach schullandwirtschaftlichem Vorbild durch Gifte wie all die Pestizide, nehmen robustere, widerstandsfähigere Arten den freigewordenen Platz ein, und allmählich bilden sich zusätzliche Resistenzen wie z.B. in der Insektenwelt, die dadurch vom Regulationsfaktor zur Bedrohung werden kann.

Die Welt der Mikroben, die der Holländer Antoni van Leeuwenhoeck im Jahre 1676 mit selbst gebastelten Vergrösserungsgläsern entdeckt hat, ist ein wunderschönes, eindrückliches Beispiel für solche Abläufe. Die Reproduktionsgeschwindigkeiten sind dort ausserordentlich hoch, ganz im Gegensatz etwa zu den Bäumen, weshalb die Förster für die kranken, ausgeräumten, uniformen Wälder die Schuld auf ihre Vor- und Vorvorgänger abschieben können. Die Umtriebszeiten gehen dort in die Jahrzehnte, Jahrhunderte, im Gegensatz zur Welt der Mikroorganismen, wo Stunden oder gar Minuten fürs Heranwachsen einer neuen Generation genügen. In bloss 5 bis 6 Jahren bringen die Bakterien, einzellige Lebewesen, deshalb erstaunliche Anpassungen (Resistenzbildungen) zuwege. Sie produzieren neue Stämme und stellen sich bald auf die geänderten Gegebenheiten ein. Allein bei den Salmonellen sind mehr als 2000 Typen bekannt. Mit Leichtigkeit werden Resistenzgene unter den unterschiedlichsten Mikroben ausgetauscht und verbreitet.

Das eindrücklichste Beispiel für die Folgen unserer Vernichtungsfeldzüge gegen die Bakterien sind unsere Spitäler. Das Personal führt dort einen heldenhaften Ausrottungskrieg gegen die Mikroorganismen mit den schlagkräftigsten Waffen; man gründet ganze Hygieneabteilungen und bildetet tüchtige Hygieneschwestern aus. Es gibt nichts Hygienischeres als unsere Spitäler, abgesehen von den händeschüttelnden Chefärzten. Die Spitäler haben infolgedessen logischerweise auch die gravierendsten Probleme mit resistenten Mikrobenarten. Nur die hartnäckigsten unter ihnen, wie gewisse Varietäten der Staphylokokken (traubenförmige Bakterien) und Pseudomonas (Stäbchenbakterien, die den blaugrünen Eiter hervorbringen), konnten all die Abwehrschlachten überleben. Da praktisch alle gutartigen Bakterien besiegt und ausgerottet sind, blieb den gefährlichsten aus dieser Mikrowelt das Feld allein überlassen, was ideal für ihre Vermehrung ist. Das sind typische Vorgänge der Herausselektion und des Ansporns zur Vermehrung von Auserwählten. Da die stabilsten Erreger fast konkurrenzlos sind, können sie sich dementsprechend unbehelligt ausbreiten und anpassen.

Die letzte Errungenschaft des Desinfektionswettlaufs, der für unsere Hygieniker nicht nur lauter Niederlagen, sondern zu all dem Elend auch noch schlimmere Gegner hervorbrachte, ist der multiresistente Staphylokokkus aureus, der in den USA ausserordentlich gefürchtet sein soll. Er existiert in einer besonders krankmachenden Form seit etwa 1993 und hat das Talent, Wundinfektionen und Blutvergiftungen zu erzeugen, die nur noch mit einem einzigen Antibiotikum (dem auf schmerzhafte Weise intravenös verabreichte Breitbandantibiotikum "Vancomycin") vorläufig noch einigermassen in Griff zu bekommen sind. Da muss man die Packungsbeilage der Nebenwirkungen wegen schon ein paarmal lesen ("Übelkeit, Schüttelfrost, Fieber, Ausschlag, Nierenschäden, Hörverlust, Blutgerinnsel, Blutdruckabfall und (selten) Herzversagen"). Und bereits sind Vancomycin-resistente Enterokokken aufgetaucht...

Unsere gravierenden Eingriffe in die Mikroben-Ökologie haben folgerichtig so genannte "Killer-Bakterien" hervorgebracht. Eine Meldung der Deutschen Presseagentur vom 26. Mai 1994 begann mit dem folgenden Text: "Mindestens 1000 Personen sind weltweit seit 1989 an dem mysteriösen Leiden erkrankt, das in Grossbritannien Angst und Schrecken verbreitet. 'Einige hundert' Patienten seien an einer Infektion mit den Killer-Bakterien gestorben, teilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf mit". Dann folgte die übliche Warnung der Behörden – vor der Panik...

Nachdem das Volk der Medienkonsumenten genügend beruhigt war, wurde erläutert, was die betreffenden "fleischfressenden Killer-Bakterien" aus der Familie der bekannten, wie zu Perlschnüren aufgereihten Streptokokken (Streptococcus pyogenes, Gruppe A) alles anrichten. Sie verursachen die nekrotisierende Fasciitis. Das Gewebe wird von ihnen regelrecht zersetzt. Die betreffenden A-Streptokokken stellen ein Enzym her, das die Kittsubstanz zwischen den Gewebezellen auflöst, um sich in den Schneisen weiter auszubreiten. Der Arzt Roy Fay vom Gesundheitsamt in Gloucestershire (Grossbritannien): "Es ist wie verhext: die relativ harmlosen Streptokokken-Bakterien produzieren plötzlich giftige Chemikalien, die wie Waschmittel blitzschnell Fett auflösen." Einige wenige dieser Bakterien haben auch die Fähigkeit, Gifte herzustellen, die im menschlichen Körper ein regelrechtes Inferno verursachen: den septischen Schock, der innert weniger Stunden zum Tod führen kann. Der Schock ist eines der ungelösten Probleme der auf verlorenem Posten agierenden Infektionsmedizin.

Auch in der Schweiz gab es seit 1989 mehrere Todesfälle, die auf "Killer-Bakterien" zurückzuführen waren. Genaue Zahlen fehlen, da diese Krankheit hierzulande vorsichtshalber der Meldepflicht nicht unterstellt worden ist, obschon mildere Formen von Gewebefrass seit über 100 Jahren bekannt sind. Offensichtlich aber haben Schweregrad und Ausmass zugenommen. Laut dem Genfer Hygienik-Professor Georges Duces belasten Spitalinfektionen (Volksmund: "Spitalkäfer") das Schweizer Krankheitswesen heutzutage mit etwa 500 Millionen CHF pro Jahr. Das damit einhergehende Patienten-Elend kann man sich ausmalen. In Deutschland gibt es ebenfalls Statistiken: In dortigen Krankenhäusern ziehen sich jährlich bis zu 800 000 Patienten eine derartige Zweitkrankheit zu, und bis zu 13 000 von ihnen sterben daran, mehr Menschen als in jenem autobegeisterten Land durch Verkehrsunfälle umkommen. Wäre das vollständige Ausmass des Dramas bekannt, würde das die Menschen wohl allzu sehr beunruhigen. Stattdessen schenken wir unsere Aufmerksamkeit fast ausschliesslich den Verkehrsunfällen; vom verbeulten Blech können wir gar nicht genug zu sehen bekommen. Die "Spitalkäfer" ihrerseits werden weitgehend totgeschwiegen, ganz unter dem Motto: Keine Panik, bitte! Sonst würden sich die Menschen am Ende noch um ein gesünderes Leben bemühen...

Das friedliche Zusammenleben mit den Bakterien, den liebenswürdigen und den angriffigen, wird durch den heute exzessiven Antibiotika-Einsatz bei Mensch und Tier erschwert oder gar verunmöglicht. Bakterien sind 100'000mal älter als die Menschheit; uns gibt es erst seit etwa 30'000 Jahren. Pflanzen, Tiere und Menschen waren somit seit eh und je gezwungen, sich mit der alteingesessenen Mikrowelt zu arrangieren; bestandesregulierende Seuchen gehörten wohl zu diesem speziellen Aspekt evolutionären Geschehens. Mikroben sind allgegenwärtig. Die Wissenschaft hat bisher rund 1600 verschiedene Bakterienarten bestimmt, denen der Mensch mit dem besten Willen nicht entkommen kann. Das Davonlaufen wäre selbst dann falsch, wenn es möglich wäre.

In unserem Rachenraum bildet ausgerechnet eine Streptokokkenart die Gesundheitspolizei. Im Darm helfen Bakterien bei der Verdauung mit, und andere sind im Immunsystem, bei der körpereigenen Abwehr also, beschäftigt; Bakterien leben auf unserer Haut und in den Tränen; etwa 300 Arten sind allein im Mund anzutreffen, falls wir dort den Bestand nicht mit Desinfektionsmitteln aus aggressiven Zahnpasten deregulieren. Millionenfach schweben die Bakterien in der Atemluft, auch auf dem Säntis und allen anderen Bergen. In jedem Gramm Komposterde leben mindestens eine Milliarde von ihnen.

Ein gesunder, widerstandsfähiger Organismus hat von Bakterien nichts zu befürchten, selbst von "Killer-Bakterien" nicht. Kleinkinder nehmen alles in den Mund, infizieren sich und bauen Abwehrkräfte auf, falls das fehlinstruierte Eltern nicht verhindern. Man dürfte Kinder auch nicht durch vorbeugende Impfungen gegen normale Kinderkrankheiten daran hindern, sich zu kräftigen. Bringt man das körpereigene Abwehrsystem durch Operationen, durch den üblicherweise masslos überbordenden Einsatz aus der Palette der unzähligen Antibiotika oder durch andere Medikamente zum Zusammenbruch, ist ein derart geschwächter Körper ein idealer Nährboden für die Mikroben, besonders wenn im Spital im Rahmen eines chemischen Wettrüstens wie in einer Zuchtanlage besonders aggressive Arten herangezogen worden und in grossen Mengen vorhanden sind. Selbst die durch Impfungen als besiegt erklärte Tuberkulose kehrte in einer multiresistenten Form zurück.

Wegen der Resistenz-Bildungen mussten die Antibiotikagaben mengen- und wirkungsmässig in den letzten Jahrzehnten enorm gesteigert werden; seit der Entdeckung des Antibiotikum-Oldtimers Penicillin durch Alexander Fleming (1928) hat sich die Lage grundlegend verschlimmert. Die ehemalige Wunderwirkung ist verpufft. Penicillin-resistente Pneumokokken lehren uns das Fürchten: sie können eine Reihe von Krankheiten wie Blutvergiftungen sowie Lungen- und Ohrenentzündungen hervorrufen. Wo geradezu vor wenigen Jahrzehnten geradezu Penicillin-Orgien veranstaltet worden sind (wie in Spanien und Ungarn), sind solche resistenten Bakterienstämme besonders weit verbreitet. Die Antimikroben-Armada wird trotz alledem aufgerüstet: Breitband-Antibiotika töten alles ab, was ihnen in die Quere kommt und noch keine Resistenz entwickelt hat; Wirkungen und Nebenwirkungen sind praktisch immer identisch. Angesichts der laufend intensivierten Dosierungen, die zum monotonen und undifferenzierten Abtöten eingesetzt werden, liegt in dieser Feststellung eine wahre Tragik.

Gleichartige Abläufe sind auch in der Tiermast festzustellen. Auch dort treten immer gravierendere Seuchen auf, von der Schweinepest bis zum Rinderwahnsinn. Tiere, die sich in der freien Natur behaupten könnten und dort gesund bleiben würden, können nur noch in desinfizierten Ställen ("Zutritt verboten!") überleben. Und was vom menschlichen Tisch an Speiseresten übrig blieb, ertragen die armen Intensivschweine kaum mehr. So hat sich das schweizerische Bundesamt für Veterinärwesen am 22. Dezember 1993 genötigt gesehen, verschärfte "Weisungen über das Sammeln und Verwerten von Abfällen als Tierfutter" zu erlassen. Kernpunkte der Vorschriften: Die Verfütterung von Speiseabfällen ist neu bewilligungspflichtig... Und vom Menschen zurückgelassene Speisereste müssen während 20 Minuten auf Siedetemperatur gehalten werden. Diskrete Frage: Wie ist es denn eigentlich um den Zustand unserer eigenen Nahrung bestellt?

Der Hygienefimmel hat sich zur wahren Katastrophe ausgeweitet, die (nach landläufigem Dafürhalten und schulmedizinischer Lehrmeinung) immer stärkerer abtötender Eingriffe bedarf. Der Umkehrschluss wäre zwar intelligenter: Die gesammelten Erkenntnisse lassen alle unsere Hygiene-Rituale, u.a. eine Folge der penetranten Wasch- und Putzmittelwerbung, als verhängnisvoll erscheinen. Das heisst beileibe nicht, dass wir schmutzig in der Landschaft herumlaufen und die Wohnung ihrem Schicksal überlassen sollten. Was man unter Sauberkeit versteht, darf und soll sein: mit den Sinnen wahrgenommener Schmutz stört sicher und soll entfernt werden. Dafür genügen fast immer Wasser, Seife, vielleicht ein Putzmittel mit Quarzsand oder Bimsstein, Putzessig gegen Kalk.

Die Putzspirale aber dreht sich: Rein- und Weissheit sind käuflich geworden. Der Drang und gewisse Zwang zur Sauberkeit ist unter dem Einfluss der Mikrobenjäger und einer immer mächtiger gewordenen Reinigungs- und Chemieindustrie zur Hygiene (aus dem Griechischen, wo das Wort so viel wie "Gesundheit" bedeutet) ausgeweitet worden. "Hygienisch" steht nach unserem modernen Sprachverständnis für "mikrobiologisch sauber"; das Mass für die Hygiene sind somit die Keimzahlen. Die Hygiene wurde zur Religion. Ein Schweizer Reinigungsunternehmen hat folgerichtig eine "Hygiene-Bibel" herausgegeben.

Deshalb lautet die logische, leider anerkannte landesübliche Schlussfolgerung: Je weniger Keime, um so hygienischer – und um so erstrebenswerter. Weil man die Keime in Laboratorien gut zählen kann, war das Feld für ein jagdsportliches Hygiene-Halali geebnet: Wer in seinen Produkten am wenigsten Keime hat, ist der Sauberste, lautet die verhängnisvolle Devise, eine Grundlage für die Weiterführung des Unheils auf breiter Ebene.

Diesem Unfug sind Schleckereien, die aus frischem Rahm zubereitet wurden, hausgemachte Mayonnaisen und Käse aus Rohmilch weitgehend zum Opfer gefallen. Pâtissiers und Köche mussten auf synthetische Konserven ausweichen, wollten sie als "sauber" gelten. Für das Heer der Immungeschwächten kommt wahrhaftig nur noch Konserviertes und Stabilisiertes in Frage, und damit hat man uns nicht nur um die Auseinandersetzung mit Naturelementen, sondern auch um wesentliche gastronomische Genüsse gebracht. Die Sterilisationstechnik im Pasteurschen Sinne hat auch das ermöglicht.

Der bisherige Umgang mit den Bakterien führte in eine der vielen Sackgassen, in die sich unsere Wissenschaft und Gesellschaft verrannt hat. Zu einer vernünftigen Haltung scheint niemand mehr fähig zu sein – etwa zu dieser: Wir brauchen nicht mehr Schmutz. Aber wir dürfen uns nicht mehr so viel Hygiene leisten. Wir müssen dringend lernen, mit den Bakterien so in Harmonie zusammenzuleben wie wir es mit den wild wachsenden Pflanzen und frei lebenden Tieren tun sollten.

Erst dann könnten wir unsere Hände wieder in Unschuld waschen.

Walter Hess

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[1] Das Wort "Bazillen" (zu lateinisch "bacillus" = Stäbchen) wird in der Umgangssprache für Bakterien benutzt. Im wissenschaftlichen Sinn aber wird damit eine stäbchenförmige Bakteriengattung (hauptsächlich Bodenbewohner) bezeichnet, zu der auch der Milzbrandbazillus und der Heubazillus gehören. Einige Bazillenarten gehören zu den Antibiotika-Produzenten.

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