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     17. Dezember 2018, 20:42 Uhr
 


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Normen

Wir werden zwar als Original geboren, doch ist es nicht leicht, als Original zu leben. Alles Eigenständige löst in den Mitmenschen rasch Abwehr und Angst aus. Schnell merken Kinder, dass es einfacher ist für sie, wenn sie sich gleichen. Ähnliche Kleider, ähnliche Haarschnitte, ähnliche Schultaschen. Sie verhindern fürs erste schon einige Konflikte.

Zur Norm gehören, gibt das ruhige Gefühl, in der Allgemeinheit beheimatet zu sein. Wir sind von vielerlei Normen beeinflusst. Als Kind nehmen wir Normen unbewusst auf und wenden sie für die eigenen Vorstellungen von Recht und Falsch, von Gut und Bös an.

Ich erinnere mich an eine Klage unserer Tochter, als in der Primarschule ein Familienbild gezeichnet werden musste. Sie jammerte über die ungleichen Körpermasse ihrer Eltern. Für ein harmonisches Familienbild schwebte ihr ein etwas grösser als die Mutter gewachsener Vater vor. Da wir nicht in eine solche Vorgabe passen, erwies sich die Aufgabe als schwierig. Von innen heraus wollte sie eine Arbeit machen, die einer Norm entspricht. Zeichnete sie wahrheitsgemäss, erfüllte sie diese nicht. Lügen wollte sie offenbar nicht. Darum seufzte sie: "Der Vater ist doch der grösste!" Schliesslich löste sie die Aufgabe gut, indem sie ihn zur Mitte hin platzierte und ihm wenigstens den besten Platz gab. Dieses Beispiel zeigt, wie es uns ergehen kann, wenn wir meinen, unbewussten oder bewussten Vorgaben genügen zu müssen. Die Norm ist Richtschnur, Vorbild, Regel, Grössenvorschrift, Standard. Bei Produkten garantiert sie die Einheitsform.

Normal bedeutet durchschnittlich, üblich, normalerweise im allgemeinen. Und Normalität ist Vorschriftsmässigkeit.

Normen sind Regeln oder Vorschriften, die das Zusammenleben erleichtern sollen. Sie wirken dort, wo wir sagen. "Es ist üblich." Zum Beispiel:
– dass wir einander beim Grüssen die Hand geben.
– dass wir einander zum Geburtstag gratulieren.
– dass wir uns für gewisse Anlässe festlich kleiden.
– dass wir einer Theateraufführung applaudieren.
– dass wir einige Dienstleistungen zusätzlich mit Trinkgeld honorieren.
– dass wir beim Eintreten in ein Haus die Schuhe putzen.
– dass wir unsere Häuser abschliessen. Usw.

Innerhalb jeder Familie entwickeln sich eigene Normen. Jede Berufsrichtung hat die ihren. Solche dienen auch der Sicherheit und der Ökonomie.

Es werden Vorgaben entwickelt, wie Arbeitsprozesse ablaufen müssen. Solche angelernten Bewegungen, die mit der Kraftanstrengung haushälterisch umgehen, münden manchmal in regelrechte Rituale ein. Das Verhalten wird getrimmt, damit Sicherheit entsteht. Soldaten kennen die Extremform solcher Ausbildung.

Als Vorbilder prägen die Eltern ein Gefühl für "das, was sich gehört". Wie sie miteinander umgingen, ihre Kultur in der Wohnungseinrichtung, die Art der Sauberkeit und Ordnung, ihr ganzes Sein wurde für uns zur ersten Norm. Geprägt wurden wir auch aus der Erfahrung, wie mit Freud und Leid umgegangen worden ist.

Später hat die Schule Umgangsformen vermittelt. Das Zusammenleben unter Gleichaltrigen wurde eingeschliffen. Wir lernten Formen und Normen verwandter und befreundeter Familien kennen. Das Blickfeld für Vorgaben, was allgemeingültig sei, weitete sich immer mehr. Die Religion vermittelte und wachte über sittliche Normen (Ehrlichkeit, Achtung vor dem Eigentum anderer, Hilfsbereitschaft, Treue usw.).

Anders verstehen wir die Norm in der Produktion. Wenn sich einzelne Teile gleichen müssen, garantiert sie die verlangte Einheitsform. Hier ist sie nicht mehr nur richtungsweisend. Eine Produkte-Norm ist eine streng anzuwendende Vorschrift. Absurd wäre es, diese Gleichheit von den Menschen zu verlangen.

Veränderte Autorität
Heute gehören Werbung und Film zur stärksten Instanz, die Normen vorgeben. Hinter ihnen stehen aber nicht Vertreter unserer Gesellschaft, die das Beste für die Gemeinschaft wollen. Es sind Fabriken, deren Produkte wir kaufen sollen. Damit ist über die Qualität dieser Normen schon viel ausgesagt. Es werden uns also nötige und unnötige Normen eingeflüstert. Im Gegensatz zu den lauten Kanzelworten von einst, geschieht Beeinflussung ab Bildschirm auf sanfte und oft auch auf lustige Art. Durch die Werbung erreichen uns eher neue Normen, während der Film vielfach an alten rüttelt und sie verändern will. Mehr als wir wahrhaben wollen, hat sich das Fernsehen in den Stuben als Kanzel installiert.

Werbebotschaften wirken bei vielen Menschen als getreu zu erfüllende Norm. Vor Jahren, als das Fernsehen damit begann, Werbung auszustrahlen, konnte das veränderte Verhalten gut beobachtet werden. Mir ist eine alte Verwandte in Erinnerung geblieben, die ihr Gesicht und den Körper zeitlebens mit Kernseife wusch und dann plötzlich Badezusätze verlangte. Darauf angesprochen, verwies sie aufs Fernsehen. Dort hätten sie es doch gezeigt. Und das wirkte für sie zwingend.

Das Thema Schönheit will uns auf viele zu ihr gehörenden Normen verpflichten. Figuren-Normen, Schmink-Normen. Trends: Frisuren, Kleiderfarben, Kleiderlängen. Auch Sport kann nur noch in ganz bestimmten Kostümen betrieben werden. Sogar für den sonntäglichen Familienausflug mit den Velos scheint eine windschlüpfrige Ausrüstung zwingend zu sein. Trendnormen werden gerne erfüllt, weil sie gesellschaftlichen Glanz verleihen.

Aus der griechischen und römischen Kultur sind uns in der Schule Schönheitsideale vermittelt worden, die als klassische Vorbilder wirken. Sicher tragen wir auch ein individuelles Gefühl in uns, was als schön zu gelten hat. Hinzu kommen Erfahrungen von geliebten Gesichtern und Körpern, einfach weil wir von diesen Menschen Gutes erfahren haben, ohne dass es sich um Aphrodite- oder Adonis-Gestalten handeln muss.

Wollen wir all diesen Vorbildern nacheifern, geraten wir unweigerlich in Stress. Es wird ja nicht davon geredet, dass wir uns selber werden, sondern einem vorgegebenen Ideal oder Idol nacheifern sollen.

Einst wurde den Frauen und Männern Mass genommen und die Kleider danach geschneidert. Heute müssen wir in vorgegebene Masse hineinsteigen. Heute sind wir unter Kopien eingereiht.

Trotzdem erweisen sich auch Konfektionsgrössen als Statussymbole. Manche Frauen sind stolz, wenn sich ihr Körper in jene Nummer hineinzwängen lässt, die das bekannte Top-Model braucht. So können sie sich mit ihm identifizieren. Eine Verkäuferin aus einem Zürcher Modehaus erzählt, dass sie immer wieder fassungslosen Ausbrüchen begegne, wenn sich die erstrebte Grösse als zu klein erweise. Einmal habe sie einer Kundin die Grössenetikette Nr. 40 aus einem Kleid herausgetrennt und das Stück als Nr. 38 verkauft, weil sie nur so zu beruhigen war.

In der Jugend wirken Modeströmungen verbindend. Wer mitmachen kann, fühlt sich im Zeitgeist. Die Kapriolen gehören zu den Experimenten des Selbstausdrucks. Jede Saison bietet neue Möglichkeiten zu erforschen, was einem steht und wie wir uns wohl und bei uns selbst fühlen können. Wir lernen nach und nach bewusst zu wählen und zu kombinieren und werden eigenschöpferisch. Manchmal ist es aber schwierig, sich eigenständig zu verhalten, weil nur Angebote da sind, die den Zeitgeist ansprechen und das zeitlose Modell zu teuer ist.

Diesem Lauf wollen aber nicht alle wie beschrieben folgen. Sie ziehen es vor, die Diktate bis ins Alter anzunehmen. Sie haben Spass am Wechselspiel der Modeschöpfer und lassen sich gern sagen, was recht sei. Diese Menschen sind dann die erbittertsten Kritiker und Kritikerinnen, weil sie vorgeben zu wissen, was recht und gültig sei. Ihre Norm ist Gesetz.

Normen grenzen auch aus
Dieses Leid erfahren jene, die dem propagierten Schönheitsideal nicht entsprechen. Sie können zu klein, zu gross gewachsen oder zu mollig sein. Mitmenschen müssen sie deswegen nicht direkt blossstellen. Allein die Angebote beweisen ihnen, dass es sie offenbar nicht geben sollte, denn ihre Grössen sind nicht oder nur spärlich vorhanden.

Kleidernormen sind der Serieherstellung dienlich. Es ist sicher nicht beabsichtigt, jemanden mit der Skala der allgemein gebrauchten Grössen zu diskriminieren. Wer sich da nicht berücksichtigt findet, darf sich als Original fühlen.

Wie viel ärmer wären wir ohne die Menschen, die etwas neben der Norm stehen, z.B. die fülligen Männer und Frauen. Da wird Standhaftigkeit und Sicherheit vorgelebt. In ihrem Umfeld fliesst das Od[1], dieser weiche Stoff, der Gemütlichkeit und Geborgenheit schafft. Warm ist es um sie. Sie geizen nicht mit Sinnesfreuden. In ihrem Umfeld gibt es immer etwas zu geniessen. Zudem wirken sie beruhigend auf die Nervösen.

Was würde wohl aus dem Gesang einer Montserrat Caballé, der spanischen Primadonna, wenn er aus einem drahtigen, schlanken Körper entspringen müsste? Eine solche Stimme braucht einen angemessenen Resonanzkörper. An Frauen ist manchmal zu beobachten, wie sich das Lachen in der Schwangerschaft verwandelt. Aus klirrenden Tönen werden mit zunehmender Körperfülle weiche, warme Klänge. Die gross Gewachsenen möchten manchmal kleiner und die Kleinen grösser sein.

Natur und Kultur
Auch Landschaften üben Einfluss aus. Sie bringen die typischen Appenzeller, Urner, Basler, Glarner, Jurassier usw. hervor.

Alles, was lebt, ist unverwechselbar einmalig. Die Industrie, die sich um unser Aussehen kümmert, schlägt aber dauernd Korrekturen vor. Die Haut ist eines ihrer Hauptthemen. Diese bedarf nach ihrer Vorgabe industriell zur Verfügung gestellter Pflegemittel. Das Gesicht wird als langweilig empfunden. Die Industrie stellt Farben zur Verfügung, damit es bemalt werden kann. Ebenso können die Haarfarben "korrigiert" werden. Auch die Brüste, selbst wenn sie gesund sind, können verändert werden. Von den schädlichen und leidvollen Begleiterscheinungen eines solchen Eingriffs wird nicht gesprochen. Die Körperform könne an jeder beliebigen Stelle von Polstern befreit werden, offerieren Schlankheitsinstitute. Alte Haut sei nicht mehr ästhetisch. Sie könne problemlos mit Face-Lifting verjüngt werden. So wird Unzufriedenheit gezüchtet.

"Übertriebene Schönheitsideale tragen dazu bei, dass sich 2 von 3 Frauen unter 20 Jahren zu dick fühlen. Modetrends können zu Sucht führen." Diese Aussage entstammt einem Plakat für Suchtprävention im Kanton Zürich. Falsch verstandene Ideale machen krank. Es ist unmöglich, Menschen zu kalibrieren. In der Natur gibt es die strenge Modellform nicht. Jeder Baum trägt zwar Blätter einer bestimmten Gattung, ihre Formen sind aber nicht deckungsgleich. Es gibt wie bei den Menschen die langen, dünnen, kleinen, grossen, runden und molligen. Auch Gesteine, Blumen, Tiere, alle zeigen sich in individueller Art. Nur Menschen lassen sich dazu verleiten, Sklaven von Prototypen zu werden. Natur muss nicht als Wildwuchs gesehen werden, wenn sie der beschriebenen "Kultur" gegenübersteht. Kultur ist zwar Zähmung der Natur. Natur stirbt aber, wenn sie traktiert wird. Und auch die Kultur wird dekadent, wenn sie übertrieben angewendet wird.

Normen als Reichtum
Mit Normen sind Kulturen geschaffen und als Verhaltenskodex sichtbar gemacht worden. Normen wollen Menschen untereinander befrieden. Es gab aber auch immer wieder Normen, die unterdrücken. Und aus dem demokratischen Verständnis von Schweizern sehen fremde Normen manchmal beklemmend aus.

Wie hilfreich sie sein können, erfahren wir, wenn wir unseren angestammten Kreis verlassen und uns neu orientieren müssen. Eine sonst unbewusst benutzte Sicherheit ist plötzlich nicht mehr da. Die Leitlinien gelten nichts oder verletzten vielleicht sogar am andern Ort. So richtig Heimweh erfuhr ich in meiner Jugend in einem mir fremden Land vor allem dann, wenn ich Orts- und Namensschilder betrachtete. Sowohl ihre grafische Gestaltung als auch die Aussagen lösten in mir grosse Verlassenheit aus.

Wir müssen nicht einmal in einen andern Erdteil reisen, um diese Erfahrung zu machen. Eine Partnerschaft stellt die gleiche Herausforderung dar. Jeder Mensch ist ein anderes Land. Wir fühlen uns erst wohl beieinander, wenn wir erfahren haben, welche Werte im Mittelpunkt stehen. Gerade für eine Liebesbeziehung, die halten soll, ist es unerlässlich, einander ins Zelt der Seele einzuladen und die dort eingelagerten Vorbilder, Normen und Reichtümer zu zeigen. Das Wissen aus dem eigenen Volk oder der eigenen Familie muss ausgetauscht werden. Dann kann Harmonie wachsen. Nur das Unbekannte und das Versteckte machen Angst.

Wandel
Wenn Erfinder Normgrenzen überschreiten, bringen sie Neues, das, wenn es gut ist, sehr rasch zur neuen Norm wird. Es findet ein steter Aufbruch und anschliessend eine Fixierung statt. Wir können in unserem Leben zurückschauen und verfolgen, wie Normen ihren Wert verloren haben und durch neue abgelöst worden sind.

Die Krawatte, auch ein Normprodukt, wird wieder getragen. Einer alten Sitte ist mit frischen Farben und edlen Materialien neu zugestimmt worden.

Die klassische Familien-Norm ist geknackt und um Varianten bereichert worden. Auch Produkte-Normen verändern sich in dem Masse, wie wir unsere Erkenntnisse ausdehnen. Und Sorgen machen uns heute die EU-Normen, die zwingend geworden sind.

Im Idealfall schützen uns Normen und bringen uns Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein bei. Wenn sie aber nur kalt und kontrolliert angewendet werden und wenn mit ihnen Macht ausgeübt wird, haben wir es mit Diktatur zu tun. Wenn Normen der reinen Fleiss- und Pflichterfüllung dienen, machen sie Menschen kleinlich und engstirnig. Vernunftmässig stimmen wir den Normen zu. Unter ihren Bedingungen stöhnen wir öfters. Es wird immer Leidende geben, solange wir allgemeine Richtlinien brauchen und diese ohne Toleranz anwenden.

Rita Lorenzetti

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[1] Unter dem Od ist die Ausstrahlung des menschlichen Körpers zu verstehen, die eine Person umgebende Kraft, ein Teil der Aura, die wohltätig auf andere Menschen übergeht. Dem Od sollen auch die Zärtlichkeit und die Fähigkeit zum Geniessen entstammen. Menschen mit viel Od ziehen andere gern an sich, sind Geniesser und weisen eine beachtliche Leibesfülle auf. Vieles über Od und Lebensenergie kann im Buch „Biophotonen, das Licht in unseren Zellen“, von Marco Bischof (Verlag Zweitausendeins) nachgelesen werden. Auch der deutsche Naturforscher und Industrielle Carl Freiherr von Reichenbach (1788-1869) widmete einen Teil seines Lebens und Vermögens der „Od-Kraft“, wie er seine Version der Lebensenergie nannte.

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