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     19. Oktober 2018, 00:41 Uhr
 


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Unterwegs zur Weisheit: Toleranz

Autor: Walter Hess

In der Technik bedeutet Toleranz die zulässige Abweichung von vorgegebenen Sollwerten, und in der Medizin geht es um die Grenzen der Widerstandsfähigkeit eines Organismus gegenüber (schädigenden) äusseren Einflüssen. Selbstverständlich können diese Definitionen leicht auf unseren landesüblichen Lebensstil übertragen werden: Wir tolerieren Abweichungen innerhalb einer gewissen Bandbreite bis hin zum Punkt, wo wir sagen: „Jetzt längts“ – oder „Jetzt pubertät’s es“. Da schlägt sich das liberalistische Prinzip nieder, wonach die Freiheit des einen dort aufhört, wo die Freiheit des anderen anfängt.

Die Bandbreite zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem ist keine fest definierte Grösse. Sie unterliegt gewissen Modeerscheinungen und variiert je nach Thema sowie individuellen Standorten und Empfindlichkeiten. Wie tolerant bin ich, wenn ich selber betroffen bin? Wann beginnt mich ein äusserer Einfluss zu stören? Bis zu welcher Grenze lasse ich eine Störung meines Wohlbehagens zu? Und wie tolerant sind wir gegenüber fremden Lebensformen?

Schriftsteller, die als innovativ auffallen wollen, beschreiten oft den umgekehrten Weg: Sie unterliegen dem Einfluss der Weltmächtigen, plädieren für Öffnungen und globale Anpassung, empfinden kulturelle Eigenarten als inakzeptabel, kleinkariert. Sie wollen Weitblick beweisen, übersehen aber die Verluste der kulturellen Nivellierung. Auch in dieser Haltung manifestiert sich ein Toleranzmangel.

Offensichtlich ist die Bandbreite des Tolerierten in den letzten Jahren nach allen Seiten schmaler geworden. Abweichlertum von den Vorgaben des Zeitgeistes und den gängigen Normen des Akzeptierten sind nicht gern gesehen.

Problematik des Wahrheitsanspruchs
Besondere Schwierigkeiten mit der toleranten Haltung bekundeten in früheren Jahrhunderten jene Religionen, die durch ihren absoluten Wahrheitsanspruch auch die Hintertüren, durch die wenigstens ein Hauch von Verständnis für andere Denkweisen hätte eintreten können, noch verrammelt hatten. Der Ursprung der Toleranz war denn auch der Kampf um die Religionsfreiheit.

Religionskriege waren und sind die Folge der Intoleranz beim Zusammenprall verschiedener Zivilisationen. Die Phase ist noch nicht überwunden. Eine Ausnahme war seit je Indien, das als Land der Toleranz (R ãmãyana) gilt, lässt man das Kastenwesen einmal ausser Acht. Hinduismus und die damit verbundene Philosophie stehen dort im Dienst der Lebensgestaltung. Hier konnten sich, in einer von Priestern beherrschten Gesellschaft, materialistische, skeptizistische und atheistische Lehren entfalten. Doch auch unsere zunehmenden multikulturellen Erfahrungen, die zu einer erweiterten Kenntnis des ehemals Fremden führen, wirken allmählich entkrampfend – manchmal tritt allerdings auch der gegenteilige Effekt ein. Auch im westlichen Kulturraum sind die Religionen unter den modernen Randbedingungen offener geworden; wahrscheinlich hat dieser Vorgang innerhalb des Christentums bereits zur Zeit der Aufklärung zögernd eingesetzt.

Weltpolitischer Mangel an Toleranz
Dafür hat die Weltpolitik im Hinblick auf die Toleranz einen schweren Rückschlag erlitten. Da wird allein noch toleriert, was nach westlicher Demokratie aussieht, die in vielen Ländern zur Demokratur geworden ist, zu einer Mischform zwischen Demokratie und Diktatur mit ständig ausgebauten Repressions- und Überwachungssystemen, wie es sie noch vor wenigen Jahrzehnten ausschliesslich in totalitären Staaten gab. Toleranz, Freiheit und Menschenwürde stehen zwar in grossen Lettern auf den Fahnen, verschwinden aber in der Praxis zunehmend. Denn die Folgen von Überheblichkeit und Intoleranz schlagen zurück. Sie rufen Unsicherheiten und Kriminalität hervor, worauf dann Gegenmassnahmen eingeleitet werden, welche die Freiheiten zunehmend einschränken.

Einige Anführer der Westmächte können sich nicht vorstellen, dass es noch andere Formen des Zusammenlebens als neoliberale Sitten und Gebräuche geben könnte, und sie führen die Zeit der Kolonialisierung über politische Einflussnahmen und Interventionen in aller Welt fort. Der Toleranzmangel ist verheerend. Das belebt zudem die Streitkultur innerhalb der modernen Kommunikationsgemeinschaften enorm, macht diese aber auch riskant. Immer öfter werden Personen aufgrund unkonventioneller Äusserungen auf den Index gesetzt und anschliessend pauschal diffamiert. Sie werden, oft mit medialer Hilfe, aus dem demokratischen Spektrum ausgegrenzt, ihrer Stellung und Reputation beraubt und schliesslich mundtot gemacht – weg vom Fenster. Dabei würde die Toleranz im Grunde zu den demokratischen Prinzipien gehören, indem Gegensätze unter einem Hut versammelt und ausgelebt werden.

Solange wir nicht gefressen werden…
Menschen mit weltoffenem Geist wie Karl May lieferten Musterbeispiele für Toleranz (etwa in „Die Sklavenkarawane“): „,Da gebe ich dir vollständig Recht, lieber Doktor’, sagte Schwarz. ‚Wir haben daheim noch eine ganz falsche Vorstellung von diesen Sudanvölkern. Um sie kennen zu lernen, muss man zu ihnen kommen.’ – ‚So gefallen s' dir gut, he?’ fragte der Graue. – ‚Gar nicht übel.’ – »Auch wann s' Menschen fressen?’ – ‚Auch dann, wenn sie nur mich nicht fressen. Sie haben gar keine Vorstellung von der Abscheulichkeit dieses Genusses; sie muss ihnen erst beigebracht werden. Nach geschlagener Schlacht verzehren sie die getöteten Feinde ...’“.

Toleranz könnte also heissen, jemanden mit seinen eigenwilligen Ansichten und Handlungsweisen in Frieden leben zu lassen, jedenfalls solange diese nicht dazu führen, dass wir aufgefressen werden; denn wo es uns an den Kragen geht, hört sowieso jede Toleranz auf. Und böse Nachbarn gibt es überall, gerade auch rund um die immer knapper werdenden Arbeitsplätze. Diese werden allmählich zur Rarität, zu Objekten der Verteidigung bei abgeschaffter Toleranz. Wer sich bedrängt fühlt und sich für seine Haut und sein Überleben wehrt, futiert sich um den Toleranzgedanken.

Die Spannungspotenziale nehmen in schwierigen Zeiten offensichtlich zu. Und wie viel Toleranz im Sinne von Duldsamkeit ist angezeigt, wenn Unwahrheiten und Schikanen überhand nehmen und uns beim Streben nach Glück behindern? Die „absolute Toleranz“ wäre lediglich möglich, gäbe es keine Gesellschaft, das heisst wenn jeder Mensch sein Leben isoliert leben könnte. In der Praxis aber müssen auch die Grenzen der Toleranz individuell gesteckt werden.

Die Lehren des Konfuzius
Die Toleranz ist wahrhaftig immer eine individuelle Angelegenheit, wie man sieht. Sie nimmt ihren Anfang beim Individuum – oder eben auch nicht. Der kleine persönliche Raum ist die Keimzelle für die weitere Entwicklung des mehr oder eben weniger friedlichen Zusammenlebens. Das wusste vor 2500 Jahren schon Konfuzius, der das nach ihm benannte ethische, weltanschauliche und staatspolitische System („Konfuzianismus“) schuf, das nach höchsten Weisheiten und Vollkommenheiten strebte. Wer die Welt in einem Zustand harmonischer Gesittung wünschte, musste zuerst das eigene völkische Leben in Ordnung bringen. Und das begann damit, dass das eigene häusliche Leben geregelt werden musste. Die Voraussetzung dafür aber war, das persönliche Leben zu regeln, und das wiederum hatte über die Festigung des eigenen Herzens zu geschehen. Dies war nur dadurch zu erreichen, indem sich der Einzelne um einen aufrichtigen Willen bemühte. Die Basis für diesen Willen war das Verständnis, das auf Einsichten durch Erfahrungen und Forschungen gründet.

So entstanden aus dem Verständnis als fundamentaler Grösse heraus die Voraussetzungen für Ordnung, Toleranz und damit für den Weltfrieden. Die Pflege des persönlichen Lebens ist tatsächlich die Grundlage für alles; allein darauf kann ein harmonischer Oberbau entstehen. Wer somit die Ordnung der Reihenfolge kennt und einhält, ist unterwegs zur Weisheit.

Wenig ist besser als nichts
Hilft die Achtung der Würde von Andersdenkenden weiter? Kann eine einzelne Person die Welt verändern? Mit solcherart grundsätzlichen Fragen ist man immer wieder konfrontiert. Soll man zur Natur Sorge tragen, wenn sich die meisten Menschen nicht darum kümmern? Was bringt das denn überhaupt?

Solche Fragen sind Bestandteil des globalen beziehungsweise globalisierten Denkens – sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Man sagt, viele Probleme könnten nur gelöst werden, wenn alle mithelfen, zum Beispiel beim Schutz des Klimas, beim Verhindern der Verpestung der Gewässer usf. Und weil es dann logischerweise einige Länder gibt, denen die Vernunft und damit die Einsicht fehlt, oder aber weil die nötigen Mittel für Schutzmassnahmen nicht vorhanden sind, tut niemand etwas. So wird dann das globale Denken zur Gefahr: Es verhindert, dass wenigstens dort, wo bester Wille vorhanden ist, etwas getan wird. Denn wenig wäre besser als nichts.

Das Toleranzprinzip muss sich im Kleinen und damit überall in den pluralistischen Gesellschaften aufbauen. Es kann sich nur aus unendlich vielen Einzelaktionen zusammensetzen. Wer zu diesem Aufbau beiträgt, wird durch ein reines Gewissen und eine innere Zufriedenheit belohnt. Die betreffende Person hat Bestand vor sich selbst und besitzt auf der Basis von Toleranz alle Voraussetzungen zur Selbstverwirklichung innerhalb einer ethisch reifenden Gesellschaft.

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