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     20. August 2018, 20:08 Uhr
 


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Die Zeit von Göttin Ostara

Die Zeit vor Ostern, bei uns Karwoche genannt, ist eine Zeit, da die Natur in einer Symphonie aus Licht, Wärme, Farben und Melodien ertrinkt. Es ist die Zeit der germanischen Frühlingsgöttin Ostara, der erdennahen Lebensfreude, der hautnahen Erotik und der überschäumenden Lust am Dasein. Eine Zeit, da nicht ein strenger Gott, sondern eine tolerante Göttin herrscht und alles Leben leben lässt. In meinem Garten tut ein uralter Birnbaum, als wäre er auf Freiersfüssen, und streckt seinen Blütenschnee der Sonne und den Schmetterlingen entgegen. Dahinter lodert leidenschaftlich der Feuerbusch. Tapfer zwitschert, trällert, schnäbelt die Vogelwelt. Kinder giigeln[1] beim hitzigen Spiel mit dem Ball. – Ostara stellt die Welt auf den Kopf und richtet in ihr ein chamäleongleiches Chaos an.

In dieser Zeit des explodierenden Hochgefühls soll nach christlichem Glauben höchste Trauer herrschen. Nur die schwarze Farbe ist angesagt, allenfalls noch nebliges Grau, die Feuchtigkeit der Grabesgruft, bedrückendes Klagegeheul. Statt Lebensfreude Todessehnsucht, bittere Tränen statt lächelnder Erotik, tiefster Frust statt jubelnder Lust. Aber damit nicht genug:

Der Sadismus feiert Urständ, als ein Mensch ans Kreuz, an dieses brutale Hinrichtungsgerät genagelt wird und dort unter unerträglichem Leiden langsam verserbelt. Dies unter Zittern und Weinen der wenigen Anhänger eines von der Staatsgewalt Verfolgten, der später zum Religionsstifter emporstilisiert und schliesslich in einem Musical als "Superstar" gefeiert wird. Weshalb beendet niemand dieses Leiden, weshalb kommt nicht ein Mutiger mit Zivilcourage daher, um den Gekreuzigten zu befreien? Das wäre doch eine Legende, die der so genannten Religion der Liebe würdig wäre! Ein Superstar wäre dann der Befreier und nicht das Opfer.

Aber nein, Leiden muss sein in dieser düsteren Religion, Leiden als blutige Sühne für unser sündiges Handeln und Wandeln auf dieser Erde. Erst nachdem wir diese Sünden hinter uns gebracht haben, soll dann die Belohnung kommen: So, wie der Gekreuzigte aus dem Grab in die Höhe, in den lieblichen Himmel auffahren durfte, so dürfen wir, nachdem wir gestorben sind, scheints auferstehen und endlich in paradiesischen Gefilden für ewig Frieden und Freude geniessen – vorausgesetzt, dass unsere Sünden hier auf Erden im üblichen Rahmen geblieben sind. Andernfalls winkt scheints in der Hölle der Teufel mit seiner glühendheissen Fegefeuergabel.

Oder wie ist das nun genau nach christlichen Vorgaben? Niemand weiss nichts Genaues nicht... Also doch lieber sündigen, solange man kann, lieber dem Triumph des Lebens statt dem Triumph des Todes huldigen, lieber lebendige Lust statt faulem Frust. Oder wie es der schweizerische Aphoristiker Emil Baschnonga prägnant ausdrückt:

"Leben nach dem Tod?
 Leben vor dem Tod!"

Lislott Pfaff

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[1] Giigeln: Baselbieter Dialektausdruck für herzhaft, glucksend lachen.

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