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Kuba: Widerstand gegen alle US-Attacken

Ein Reisebericht aus dem Jahr 1996, aktualisiert 2006

Von Walter Hess


Gute Beziehungen: Fidel Castro und der Schriftsteller Ernest Hemingway [Fotos: Walter Hess]

Kuba. Was ist das? Tabakanbau? Einst eines der reichsten Länder in Lateinamerika, heute ein Armenhaus? Fidel Castro? Letzte Zuckungen des Sozialismus nach der spanischen und dann amerikanischen Kolonisierung? Zerfall? Lethargie? Ein Vorbild hinsichtlich Bildung, Gesundheitssystem und Umweltschutz? Lohnt es sich noch, nach Kuba zu reisen? Ja, nicht nur der Zigarren und der gesellschaftspolitischen Kuriositäten wegen. Es hat dem erpresserischen US-Druck widerstanden und ist eines der letzten Länder, das nicht unter der US-amerikanischen Kontrolle ist und seine eigene Kultur entwickelt: eine Leistung, die Respekt verdient.

Wer heutige politische und soziale Zustände verstehen will, kommt nicht darum herum, sich einen Überblick über geschichtliche Abläufe zu verschaffen. Im Falle von Kuba sind die Fakten eindeutig. Die Insel, die einst regengrün und mit Feuchtwäldern und Savannen bedeckt war und die nun zum Teil von Zuckerrohr- und Tabakmonokulturen beherrscht wird, hat das verdammte Pech, in der unmittelbaren Nachbarschaft der USA zu liegen; die längliche Insel in der Karibik, die 110 860 km 2 umfasst, ist sozusagen die südliche Fortsetzung der alles vereinnahmenden „Staaten“. Distanzen konnten nur künstlich aufgebaut werden.

Ein Kennzeichen der aggressiven US-Politik ist – auch heute noch – das „Interventionsrecht“, das sich amerikanische Politiker damals wie heute zuzubilligen pflegen, die „Arroganz der Macht“ (so der ehemalige Senator William Fulbright). Wer nicht nach der US-Pfeife tanzt, nicht auf Erpressungen eingeht und beispielsweise mit Kuba Handel treibt, wird bestraft, muss mit Repressionen rechnen[1].

Im vorletzten Jahrhundert begannen die USA, mit legalen und illegalen Mitteln ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen unter Vorwänden wie „Demokratie“ und „Menschenrechten“, von deren Vollzug sie selber keine Ahnung zu haben scheinen, auch im karibischen Raum und in Lateinamerika zu sichern. Übrigens ist Kuba Gründungsmitglied des Rats der Menschenrechte; die USA gehören nicht dazu, und sie haben dort auch nichts zu suchen.

Kriegerische Einmischungen gab es von US-Seite von Mexiko bis Chile, von Brasilien bis Haiti, von Grenada bis Panama. Doch mehr und mehr Staaten werden selbstbewusst (neuerdings: Bolivien), kehren dem Aggressor den Rücken zu, lassen sich nicht länger ausbeuten und unterdrücken, dem Vorbild von Kuba und nun auch von Venezuela unter Hugo Chavez folgend.


Nostalgie inbegriffen: Wohnen in Havanna

Massenmorde durch die Eroberer
Kuba ist die grösste Insel der Grossen Antillen. Sie war der Ausgangspunkt für die Erschliessung und Unterwerfung des mittel- und südamerikanischen Gebiets, inkl. des südlichen Nordamerika, durch goldgierige europäische Eroberer. Deshalb erkannten die mit Kreuz und Schwert ausgerüsteten Spanier auf ihrer Suche nach dem Goldland Dorado deren strategische Bedeutung. 20 Jahre nach der Entdeckung Kubas durch den Italiener Kolumbus (1492 bei Gibara), der in spanischen Diensten stand, wurde die Insel durch den spanischen Konquistadoren Diego Velázquez de Cuéllar erobert (1511); er gründete einige Siedlungen wie Santiago de Cuba und die heutige Hauptstadt Havanna. Zwar hatten schon Kolumbus’ Leute die ersten spanischen Massaker in der Neuen Welt veranstaltet. Doch die Gräueltaten der nachfolgenden Velásquez-Equipe übertreffen alles, was auch eine auf kriminelle Abwege entgleiste menschliche Phantasie auszubrüten vermag[2]. Dieser Schwerverbrecher starb 1524 im Alter von 59 Jahren.

Nur etwa 10 % der rund 300 000 Personen umfassenden, friedlichen und gastfreundlichen indianischen Urbevölkerung überlebte, wenigstens vorübergehend, die Invasion der Europäer. Die Indianer wurden als Eigentum der Eroberer betrachtet und an Soldaten, Würdenträger und Kirchenleute verteilt. Aber auch sie wurden in der Folge von den Spaniern mit unmenschlichen Arbeitsanforderungen in den Tod getrieben oder erschlagen, weil die Schinder den Arbeitseinsatz der Indianer als ungenügend betrachteten. Es war einer der grössten Massenmorde der Kolonialgeschichte. Zudem wurden hier wie anderswo auf jungfräuliche Länder die Denkweisen, Schwächen und Unmenschlichkeiten der christlichen europäischen Kultur übertragen, inklusive Seuchen.


Ehret einheimische Schaffen: Kubanischer Gärtner mit selbst gedrehter Zigarre

Schweinebucht-Erinnerungen
Deshalb gibt es auf Kuba seit langem keine Indianer mehr, und das für Touristen attraktive museale Indianerdorf bei Guamá am Schatzsee ist im Herbst 1996 dem Wirbelsturm „Lili“ zum Opfer gefallen. Ich war wenige Tage später zu einer Exkursion rund um die Insel auf Kuba und habe stattdessen die nahe und berühmte Schweinebucht besucht, wo ebenfalls gerade die Sturmverwüstungen aufgeräumt wurden; viele entwurzelte Teakbäume wurden gerade in Stücke zersägt.

Dort hatten schon ganz andere Stürme stattgefunden: 1500 von den USA präparierte und aufgehetzte und logistisch betreute Exilkubaner und US-Marineeinheiten veranstalteten unter CIA-Leitung im April 1961 eine Invasion mit dem Ziel, Fidel Castro zu Fall zu bringen. Sie wurde aber von Castro niedergeschlagen, eine Demütigung der USA wie in Vietnam; ich habe mich über diese Schlappe einer Grossmacht, die mehr ins Militär als in die Bildung investiert, aufrichtig gefreut – und ich war nicht allein.

Laut einem selbstkritischen CIA-Bericht, der nach 36 Jahren Geheimhaltung Ende Februar 1998 endlich veröffentlicht worden ist, war „die Aktion lächerlich oder tragisch – oder beides“ gewesen. Im Bericht wird die US-Niederlage auf Arroganz, Ignoranz und Inkompetenz zurückgeführt. Stark waren die USA anschliessend aber in der masslosen atomaren Aufrüstung, die heute noch fortdauert, und im Ausbau des Kalten Kriegs, der eskalierte. Kuba musste sich zwangsläufig immer stärker an die ehemalige Sowjetunion anlehnen, woher Milliardenzuschüsse eintrafen. Zudem konnte dort Zucker abgesetzt werden, den die Amerikaner boykottierten. Wenn Kuba kommunistisch oder sozialistisch werden musste, wie immer man es nennen mag, war Amerikas überhebliches Verhalten die Triebfeder dazu. Castro führte die Insel mit starker Hand und versuchte, durch Investitionen in die Bildung und ins Gesundheitswesen die Sinnkrise zu überwinden. Zudem liess er Waisenhäuser und Altersheime bauen. Er hat aus einem Volk aus rund 90 % Analphabeten eines der am besten gebildeten Völker gemacht und Massstäbe in Bezug auf die medizinische Ausbildung gesetzt, währenddem im grossen nördlichen Nachbarstaat das Geld in die Rüstungsindustrie floss, die Kultur ihren Niedergang antraten und immer mehr desinformierte Menschen verblödeten. Selbstverständlich gibt es auch in den USA geistige Eliten und kritisch denkende Menschen, aber ein Massenphänomen sind die gut Ausgebildeten nicht, ansonsten die Politik des Landes intern kritischer hinterfragt würde.


Mehr Freiheit verlangt: Unruhe in Havanna (27. November 1996)

Sklaven für die Zuckerfelder
Doch ich eile der Geschichte voraus. Wir haben vorerst auf die Zeit der spanischen Konquistadoren zurückzugreifen, die mit den Indianerreichen gründlich aufräumten: Um die Indianer-Ausrottung mehr als wettzumachen, wurden Sklaven aus Afrika herangeschafft, die vor allem auf den Zuckerrohrfeldern eingesetzt und aus Beobachtungstürmen zu harter Arbeit angetrieben wurden. Der Zucker brachte damals noch hohe Gewinne für die spanische Oberschicht. Unruhen waren programmiert. Die Zuckerbarone lebten in Saus und Braus, wovon die hinterbliebene Architektur hinreichend Beweise liefert, ebenso die Totenstadt des Friedhofs Colón in Havanna, eine riesige, frömmelnde Marmororgie, wie sie bei mir Brechreize hervorzubringen pflegt. Da waren offenkundig in der Regel mehr Geld und Prunksucht als stilsicherer Geschmack vorhanden. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dauerte der Unabhängigkeitskampf gegen die spanische Kolonialmacht, der selbstverständlich nicht zu gewinnen war.

Die spanische Kolonialzeit war nur kurz durch eine britische Intervention unterbrochen gewesen (1762). 1898 intervenierten die USA, die auf Kuba einen Armeestützpunkt errichteten und ihre politische und wirtschaftliche Macht ausdehnten, bis ihre Macht zur Ohnmacht wurde. In den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts kontrollierten die USA über 55 % der Zuckerproduktion und den grössten Teil der Minen, Eisenbahnen usf. Sie machten Havanna zu ihrem Freudenhaus, das von Spielcasinos und einer Rauschgiftmafia garniert war. Die meisten Bordelle und Casinos, in denen die US-amerikanische Oberschicht das süsse Leben genoss, waren im Besitz der US-amerikanischen Mafia. Frank Sinatra mit seiner Nähe zu den Mafiabossen trat hier als grosser Unterhalter auf und wurde zum Idol. Der US-amerikanische Mafioso Lucky Luciano begleitete Sinatra zum Erfolg, und wir Schweizer müssen noch heute (2006) die ständigen Ehrerbietungen an Sinatra durch Radio DRS ertragen. Ich habe mehrmals vergebens interveniert.

Die Amerikaner hatten auf Kuba so etwas wie einen geschützten Raum, in dem sie tun und lassen konnten, was immer ihnen beliebte, und die einheimische Bevölkerung litt unter sozialer Ungerechtigkeit und Armut. Vor allem das diktatorische Regime von Fulgenico Batista y Zaldívar (1901−1973) war fest in Amerikas Hand und Abhängigkeit; Kuba war eine korrupte amerikanische Wirtschaftskolonie, vor allem unter Batista (1952 bis Ende 1958). Unter seiner Diktatur wurden etwa 20 000 Personen gefoltert, ermordet, und ihre Leichen wurden als abschreckende Beispiele auf die Strassen geworfen.

Die Zustände auf dem amerikanisierten Kuba waren unbeschreiblich, bis die Staatspräsidenten-Marionette Batista 1959 von Fidel Castro Ruz und seinen einigen hundert Leuten, vor allem Studenten und Intellektuelle, gestürzt wurde; es gab keinen Massenaufstand, sondern es war eine Befreiung für die Insel. In den westlichen Medien wurde via die USA das Gerücht verbreitet, Kuba sei von einer Diktatur in die andere gestürzt worden, um den amerika-feindlichen Castro herunterzumachen. Doch da bestanden schon markante Unterschiede. Amerikanisch gesteuerte Desinformationen verteufelten die Zustände auf Kuba bis heute, ein schmutziger Psycho-Krieg.

Die Castro-Ära
Schon als junger Rechtsanwalt hat Castro (geboren am 13.8.1920 in der kubanischen Provinz Oriente) das von den USA unterstützte und mit Waffen versorgte Batista-Regime bekämpft. Er hielt kühne Reden, wehrte sich gegen Folterungen und die Ermordung von Revolutionären. Und mit einem Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago begann am 26. Juli 1953 seine Revolution. 77 seiner Anhänger wurden von Batistas Truppen erschossen, gefangen genommen und zu Tode gefoltert. Castro entkam mit 18 Mann in die Berge, wurde aber von einer Patrouille der Landgendarmerie im Schlaf überrascht und 2 Jahre lang eingesperrt (die Haftdauer war auf 15 Jahre angesetzt). Er verteidigte sich selber und sagte im Rahmen seines Plädoyers: „Verurteilt mich. Das hat nichts zu bedeuten, die Geschichte wird mich freisprechen.“ Im Gefängnis entging er einem Giftattentat, weil sich ein Offizier geweigert hatte, dem Salat Arsen beizumischen.

Im Juli 1955, nachdem Castro im Rahmen einer Generalamnestie freigelassen worden war (nach Folterskandalen sah sich Batista dazu gezwungen), begab er sich mit einer Gruppe von 82 Revolutionären nach Tuxpan in Mexiko ins Exil, um sich auf den Guerillakampf vorzubereiten. Dort lernten die Männer Ernesto Che Guevara kennen. Sie brachen im November 1956 mit der Yacht „Granma“ nach Kuba auf, um das Batista-Regime zu vertreiben. Castro behielt die Überzeugung, schliesslich doch noch über die Verbrecher gegen die Menschlichkeit und die Diktatur zu siegen. Die Guerillas gewannen nach einem zweijährigen Guerillakampf gegen die grosse, starke und an sich weit überlegene Batista-Armee Oberhand, eine gewaltige Leistung. Nur 21 Rebellen überlebten das mörderische Feuer, unter ihnen war Castro. Und sie eroberten innert 2 Jahren ganz Kuba. Am 1. Januar 1959 flüchtete der US-Vasall und Diktator Batista aus dem Lande. Die CIA hatte ihn bis zuletzt unterstützt. Die gelungene Revolution wurde vom Schriftsteller Ernest Hemingway als historische Notwendigkeit begrüsst.

Seither hat der studierte Jurist Castro als Líder maximo auf Kuba das Sagen und seit wenigen Jahren sogar auch den päpstlichen Segen, obschon er sich anfänglich ins Privatleben zurückziehen wollte. Castro ist der dienstälteste Herrscher der Welt. Nach seinem Besuch der Schweiz im Mai 1998 hat er hierzulande einige zusätzliche Sympathien gewonnen; knifflige Journalistenfragen parierte er mit Geschick, und sein Auftritt an der WHO-Versammlung in Genf mit seinem Rundumschlag gegen die Globalisierung war beeindruckend, aber leider nutzlos. Alle seine Bedenken bestätigen sich. Es war, als habe Castro den Rat des damaligen Papsts Johannes Paul II. befolgt, wonach sich Kuba der Welt öffnen müsse − aber die Welt müsste sich ihrerseits eben auch Kuba öffnen. Der Papst hat Kuba im Januar 1998 besucht.

Ausser der Freilassung von 300 Gefangenen hinterliess der Papst-Besuch auf Kuba allerdings kaum sichtbare Zeichen von Öffnung. Auch die USA bleiben stur; das damals rund 30-jährige Wirtschaftsembargo wurde von Bill Clinton nur minim gelockert, und bereits das hat ihm im US-Kongress heftige Kritik eingetragen und zu einer rechtlichen Überprüfung geführt, in echt amerikanischer Manier, wo ein Advokatenheer nach Beschäftigungen sucht. Amerikaner dürfen nicht nach Kuba reisen – ein merkwürdiger Begriff von Freiheit ... Direktflüge USA−Kuba gibt es nicht.

Das Embargo dauert an und wurde neuerdings sogar verschärft: Das Bush-Regime in Washington schränkte Ende Juni 2004 die Möglichkeiten für Familienbesuche und Geldüberweisungen nach Kuba weiter ein, die schäbige Haltung betonend. Dafür unterzeichnete Castro am 23. November 2004 anlässlich des Staatsbesuchs des chinesischen Staats- und Parteichefs Hu Jintao 16 neue Kooperationsabkommen mit der Volksrepublik, u. a. ein Venture in Kubas Nickelindustrie über 500 Mio. USD. Und neuerdings besteht Hoffnung auf eine verstärkte Erdölförderung auf der Insel, nachdem im Dezember 2004 eine neue Lagerstätte östlich von Havanna entdeckt worden ist. Das ist aber auch verhängnisvoll, weil es die Gier der Energieverschwender-USA, im nahen Kuba die Macht übernehmen zu können, noch verstärkt.

Demokratie-Aushängeschild Guantánamo Bay
Das Positive der Distanzierung Vereinigte Staaten−Kuba: Die traurige Insel ist in der nachindianischen Zeit zum ersten Mal in der Geschichte immerhin keine Fremdherrschaft mehr, aber auch keine Demokratie nach Schweizer Muster − mit den heutigen politischen Zuständen und der Unterdrückung der Meinungsfreiheit im Schnüffelstaat USA kann sie es allerdings locker aufnehmen. Eine Ausnahme ist die Guantánamo-Bucht (spanisch Bahía de Guantánamo) im südlichen Teil Kubas, wo das US-Militär einen Stützpunkt und ein menschenrechtswidriges Lager zur Folterung von Menschen eingerichtet hat, die unter Terrorismusverdacht stehen. Ein 28 Kilometer langer Grenzzaun mit 44 Wachttürmen sowie ein Minenfeld umschliessen die Bucht. Die zivile Gerichtsbarkeit der USA kann darauf keinen Einfluss nehmen; deshalb unterhalten sie in verschiedenen Ländern Foltergefängnisse. Castro hat längst die Rückgabe des Gebiets gefordert; der Pachtvertrag ist 2002 abgelaufen. Aber Vereinbarungen halten die USA nur ein, wenn es ihnen nützt.

Wahrscheinlich werden die Amerikaner von hier aus Kuba die Freiheit und Demokratie bringen, wenn Castro nicht mehr sein wird ... Ihr eigener Rechtsstaat ist längst zum Polizeistaat verkommen, und über das Mass an Moralität braucht man ja wohl kaum noch Worte zu verlieren. US-Präsident George W. Bush hatte bereits von einer „Kommission zur Unterstützung eines freien Kubas“ ein 400 Seiten umfassendes Szenario ausarbeiten lassen ... Was für eine Arroganz! Und die Republikaner schlugen ein Gesetz vor, um 80 Mio. USD für die „Unterstützung der Demokratiebewegung in Kuba“ locker zu machen ... Nachdem über ein Dutzend Versuche, Castro zu erschiessen oder zu vergiften fehlgeschlagen hatten, blieb den USA nichts anderes übrig, als den natürlichen Tod abzuwarten; laut dem kubanischen Geheimdienst gab es 637 Anschläge. Er hat 9 US-Präsidenten im Amt überlebt.


Touristengerechte Augenweide: Tänzerinnen in Havanna

Straffe Führung mit Sinn für Bildung
Die Insel Kuba ist von auswärtigen Tyrannen befreit, aber unter straffer Führung. Castro schaltete seine oft von den USA aufgebauten Gegner mit harter Hand aus, ansonsten er wohl seinen revolutionären Kurs nicht hätte durchhalten können. Doch sind Castros Leistungen trotz der zentralistischen Staatsführung beachtlich. Seine Errungenschaften sind ein hervorragendes Bildungs- und ein freies Gesundheitssystem für alle. Sogar Amerikaner studieren kostenlos in Kuba. Die Medikamente sind umsonst (falls solche überhaupt erhältlich sind). Die Arzneimittelfabriken des Landes stellen rund 900 verschiedene Präparate her. Die Ärzte sind so schlecht bezahlt, dass viele auswandern oder im Tourismus arbeiten. Denn auch hier wirkt der US-Boykott − länderübergreifend. Diese blödsinnige Politik der Sanktionen, wie sie die USA und Israel betreiben, will die Menschen gegen die Regierung aufbringen; das wird nicht erreicht. Dafür verarmt und leidet die Bevölkerung, und der Hass auf die Boykotteure nimmt zu.

Noch eine gute Seite des Kuba-Modells: Naturheilkundliche Kenntnisse wurden zu neuem Leben erweckt, weil nur wenig Arzneimittel aus dem Ausland hereinkommen. Die Fülle von alten Heilpflanzenbüchern, denen ich auf Märkten und in kubanischen Bibliotheken begegnet bin, lässt auf eine grosse Bedeutung der Naturmedizin („Medicina Verde“) schliessen – damals wie heute wieder. Es kommt notgedrungen zu einer Fusion von akademischer und traditioneller Medizin. Und 77 von 80 Kliniken in Havanna setzen Akupunktur ein. Von den 8000 Zahnärzten der Insel arbeiten etwa 3000 mit althergebrachten Behandlungsmethoden; dazu gehört die Homöopathie zur Betäubung. Weil die Gefahr einer Überverarztung nicht gegeben ist, reisten in den letzten Jahren Gesundheits-Touristen nach Kuba. Die Verarztung ist hervorragend, die Rechnungen sind vergleichsweise klein.

Castro wird auf der Insel nicht besonders verehrt, obschon er auch glühende Verehrer hat, aber geschätzt und respektiert. Er ist eine ambivalente Figur, setzt sich für sein Volk ein, aber lässt ihm wenig Freiheiten; das Spitzelwesen ist ausgebaut, allerdings in handwerklicherer art als in benachbarten Schnüffelstaat USA, der eine globale Kontrolle aufbaut.

Als Castro am 80. Geburtstag im August 2006 nach einer Darmoperation sichtlich geschwächt im Spital war, schlug ihm eine Welle der Sympathie entgegen, und insbesondere viele ältere Kubaner hatten Angst vor einer Zukunft ohne Castro. Sein Bruder Raoul (1931) leitete die Staatsgeschäfte interimistisch und unspektakulär. Er gilt als farbloser Langeweiler und Beamtentyp.

Ché
Geradezu Heldenstatus hat Ernesto „Ché“ Guevara Serna (1928−1967), der, Zigarren rauchend, zusammen mit Castro gegen Batista gekämpft und 1958 Santa Clara eingenommen hatte, in der kubanischen Regierung mitwirkte und dann in anderen lateinamerikanischen Ländern für einen unabhängigen Sozialismus kämpfte. Seine Idealvorstellung waren Menschen, die aus Solidarität und nicht aus Raffgier handeln. Das passte schon damals nicht ins westliche Modell.

Ché wurde in Bolivien erschossen, wo er sein Befreiungswerk hatte fortsetzen wollen. Sein früher Tod gehört zu den grossen Mythen des 20. Jahrhunderts; nur wer früh stirbt, wird unsterblich. Ché wird auf Kuba als Märtyrer und Held verehrt, und sein Bild ist in Kuba auf Schritt und Tritt anzutreffen, sogar im Riesenformat am Gebäude, in dem sich an der riesigen Plaza de la Revolutión in Havanna das Innenministerium befindet. Er war konsequent bis zur Selbstvernichtung. In gewissem Sinne trifft das auch auf Castro zu, der gegenüber noch ärmeren Ländern solidarisch ist und das Volk von Angola gegen den Destabilisierungskrieg Südamerikas auch militärisch unterstützte. Und es waren kubanische Ärzte auch im Erdbebengebiet von Pakistan tätig. Castro hat auch Hilfe angeboten, als George W. Bush die Überschwemmungsopfer von New Orleans, vor allem Schwarze, im Stiche liess, Ausdruck des in den USA noch immer vorhandenen Rassismus.

Monologie der Macht
Der Schriftsteller Eduardo Galeano bezeichnet Kuba als „das solidarischste Land der Welt“, weil Kuba die Tore für die Haitianer geöffnet hatte, die vor Hunger und Militärdiktatur flüchtend, von den USA abgewiesen worden waren. Auch für Castro hat er, aus lateinamerikanischer Sicht, gute Worte übrig. Für ihn ist „Fidel Castro ein Symbol nationaler Würde. Sein Symbol ist für uns Lateinamerikaner, die schon 5 Jahrhunderte der Demütigung hinter sich haben, eine Herzensangelegenheit.“ Einschränkend stellt Galeano dann fest: „Aber Fidel sitzt seit vielen Jahren in der Mitte eines bürokratischen Systems, das die Monologie der Macht als Echo wiedergibt und die Routine des Gehorsams über die schöpferischen Energien siegen lässt; früher oder später hebt dann dieses bürokratische System − Einheitspartei, Einheitswahrheit − von der Wirklichkeit ab. In diesen Zeiten tragischer Einsamkeit, die Kuba erleidet, entlarvt sich der allmächtige Staat als allohnmächtig.“

Das ist treffend gesagt, und diese Verhältnisse haben sich nach dem Zerfall der Sowjetunion (um 1990) ausgeprägt. Castros Traum von einer egalitären Gesellschaft, in der Milch und Honig fliessen, blieb unerfüllt. Die Freiheiten der Kubaner sind heute noch immer eingeschränkt, auch wenn ihnen seit 1993 der Besitz von ausländischen Devisen (US-Dollars) nicht mehr verboten ist: zaghafte marktwirtschaftliche Reformen vor dem endgültigen Zusammenbruch des sozialistischen Auslaufmodells Kuba, das sich seit 1976 erklärtermassen auf die damalige Sowjetunion ausgerichtet hatte. Die neuen Reformen, die „pertura“ (Weltmarktöffnung) bringen die egalitäre Gesellschaftsstruktur ins Wanken, und sie ermöglichen ein gewisses Wirtschaftswachstum. Unterstützung kommt heute aus Venezuela unter Hugo Chavez, dem neuen Bündnispartner.

Dollar-Apartheid
Seit Beginn des Castro-Regimes sind die Nahrungsmittel und Konsumgüter auf Kuba rationiert und im beschränkten Rahmen nur über die Libreta (Bezugskarte) zu einem kleinen Preis erhältlich (1996: 30 g Fleischwaren pro Tag, für Erwachsene 1 Flasche billigen Rum vom Fass und 6 Aspirintabletten gegen das Kopfweh, das sich davon vielleicht einstellt, sowie 2,4 kg Zucker). Laut amtlichen Publikationen sind seit der Mitte der 1990er-Jahre auch diesbezüglich „Zeichen von Erholung“ vorhanden, worauf auch das Erstarken und die Aufwertung des kubanischen Pesos hindeutet. Die Gehälter und Pensionen wurden angehoben. Dürrekatastrophen brachten wieder einige Rückschläge. Viele Lebensmittel wie Speiseöle und Artikel des täglichen Bedarfs wie Seife und Kleider sind nur gegen Dollars erhältlich; Fleisch ist rar. Zudem existiert noch eine Art Touristengeld; solche Scheine („certificados“) bekommt man auf Banken und in Hotels manchmal anstelle von US-Dollars, und sie werden überall gern entgegengenommen. Aber eine Unterernährung gibt es nicht.

Der Tourismus ist neben Zucker und den weltbesten Tabaken die wichtigste Einnahmequelle von Kuba. Ausländer dürfen Dollars ausgeben so viel sie wollen; echte und kopierte grosse Zigarren findet man in Fülle. Mit dem Peso, der Nationalwährung, kommen die Besucher praktisch nicht in Kontakt. Kubaner aber dürfen mit Dollars nicht dasselbe tun wie Ausländer – man nennt das „Dollar-Apartheid“. Sie dürfen keine Videorecorder und dergleichen erwerben und keine Satellitenempfangsschüsseln ans Fenster oder aufs Dach stellen. Ausländische Presseerzeugnisse dürfen nur an Kiosken erworben, nicht aber abonniert werden. Der Zugang zu ungefilterten Informationen ist erschwert. Es gibt viele, auch unsinnige Vorschriften. So dürfen Kubaner auch keine Crevetten und Langusten fangen. Diese Meeresfrüchte aber dürfen sie in staatlichen Devisenläden kaufen, müssen sie aber selber verzehren ... Die Fischfänge sind für den Export oder die Hotels bestimmt. Das Meer ist nicht übernutzt; die Korallenriffe sind intakt.

Fast alle Kubaner sind gezwungen, mit illegalen Geschäften die Planwirtschaft zu überlisten, wenn sie etwas besser leben wollen. So wurde ich beim Besuch einer für den lokalen Markt produzierenden Zigarrenfabrik von einem Arbeiter in einen hinteren Raum gebeten. Er hob ein Hosenbein an, und in seinen Socken steckte ein Zehnerbündel Kopfzigarren, das er mir für 5 Dollar verkaufte. Der Zigarrenschwarzmarkt blüht ohnehin; die staatlichen Läden sind schlecht organisiert, und die Beratung ist dort miserabel. Auf der Strasse wird oft Zigarren-Falschware angeboten. Doch die Branche boomt, vor allem wegen der Nachfragebooms aus den USA über den Schwarzmarkt. 1996 sind auf Kuba von den 3000 Zigarrendreherinnen und -drehern 70 Mio. Zigarren hergestellt worden, 1997 be­reits über 100 Mio. allein für den Export. Bei den grossen Formaten und den Robusto-Zigarren, die grosse Deckblätter verlangen, besteht ein riesiger Mangel. Die Preise steigen.

„Havanna“, die Zigarre
Die Zigarre ist in der westlichen Welt zum Kultobjekt der Genussmenschen geworden, Ausdruck einer hedonistischen Lebenseinstellung, und die „Havanna“ ist nun einmal die Beste, wie ich selber aufgrund zahlreicher Tests bestätigen kann – ein Objekt der Begierde, aber auch ein Erfolgs-, Status- und Phallussymbol. Ich habe selbst die lose handgewickelten Zigarren genossen, die mir der Gärtner im Pavillon-Hotel „La Ganjita“ bei Santa Clara auf Kuba regelmässig am frühen Morgen brachte.

Die besten und geschmacklich raffiniertesten kubanischen Tabake wachsen im Tal Pínar del Rio, einer der schönsten Landschaften, die durch riesige Kalksteinkegel (mogotes) belebt ist. Die fermentierten Blätter werden in kunstvoller Handarbeit zu makellosen Meisterwerken geformt. Die Zigarrenindustrie hat Lieferengpässe. Der US-Staat verliert Millionen an Tabaksteuern, weil die kubanischen Zigarren nur auf Schmuggelpfaden ins Land kommen können – und das geschieht ihm Recht. Weil in den USA bei der Zigarettenproduktion jeder Trick zum Auslösen der Tabaksucht angewandt worden ist, kam es zu den nutzlosen und häufig sogar kontraproduktiven Anti-Raucher-Kampagnen. Stattdessen sollte man die Menschen den genussvollen Umgang mit den besten Tabaken lehren (Zigarettentabake gehören nicht dazu) statt ihnen zusammen mit den manipulierten US-Zigaretten auch diese Genüsse zu vermiesen.

Eine Besonderheit sind in Kuba die Paladares, die in Privatwohnungen untergebrachten Restaurants, die inzwischen legal geworden sind. Sie werden hoch besteuert. Aber das Geschäft offenbar rentiert dennoch, und die Bauern und Fischer können heimlich ihre Waren liefern, unter Umgehung der Agromercados. Ich habe in Havanna in solch einem „Privathaus“ für rund 15 Dollars festlich getafelt; die Familie gab sich alle Mühe. An einem Tisch nebenan brach ein neu gekaufter Plastikstuhl zusammen, was weniger eine Folge der aufgetragenen Speisemengen war, es lag vielmehr an der miesen Kunststoffqualität. Limiten sind überall gesetzt.

Der Zustand von Kuba
Die grobe, imperialistische amerikanische US-Blockadepolitik, die auf alle Länder Einfluss zu nehmen versucht, hat mit ihren wahllosen Strafaktionen die Zuckerinsel der ehemaligen Sowjetunion förmlich in die Arme getrieben; das Ziel war das Aushungern der Bevölkerung. Die Karibikinsel sollte reif für die Amerikanisierung (und die Rückkehr der US-Mafia) gemacht werden. Das Ziel schien bald einmal erreicht zu sein; doch dann schaffte es Castro, die Lebensbedingungen langsam zu verbessern. Die Kubaner liessen sich nicht unterkriegen, zeigten sich erfinderisch und machten aus der schwierigen Lage das Beste.

Eine Stütze des Landes ist der Tourismus, der offenbar rasch zunimmt; rund 2,3 Millionen Besucher reisen pro Jahr herbei. Die Hotel-Infrastruktur wird laufend ausgebaut. Es fehlt nicht an wunderschönen Landschaften wie dem Viñales-Tal in der Provinz Pinar del Rio im Westen oder dem 60 000 ha grossen, weitgehend unberührten Humboldt-Nationalpark bei Baraguá am Golfo de Ana Maria im Südosten (Provinzen Holguin und Guantánamo) mit seinen Regen-, Feucht-, Nebel- und Trockenwäldern sowie Mangroven – ein Rest der ehemals grandiosen Vegetation. Dort hatte Castro ein Staudammprojekt gestoppt, dem eine der ökologisch wertvollsten Regionen zum Opfer gefallen wäre. Das Parkprojekt wird seither von der Frankfurter Tropenwald-Stiftung „Oro Verde“ gefördert.

Von der ehemals faszinierenden Pflanzenwelt künden im übrigen noch einige subtropische Baumriesen, die vereinzelt auf der Insel stehen geblieben sind, und der Botanische Garten etwa 25 km ausserhalb von Cienfuegos („100 Feuer“), der allerdings vom Wirbelsturm ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Diese Versammlung von Pflanzen war ursprünglich das Zuckerrohr-Experimentierfeld eines reichen Amerikaners und dann Studienort für Harvard-Studenten. Die Wildpflanzen des Kulturlands aber sind von einer ausgeklügelten Herbizid-Wirtschaft weitgehend vernichtet worden; allerdings haben wir diesbezüglich nicht auf Kuba herabzuschauen ... Die Landwirtschaftsintensivierung nach US-Muster hat in Kuba jedenfalls noch nicht in diesem grässlichen Ausmass bis zum Überhandnehmen genmanipulierter Pflanzen stattgefunden; diesen Markt hat Monsanto noch nicht erschlossen. Insgesamt ist die Natur noch vergleichsweise reichhaltig; die Korallenriffs sind weitgehend intakt – wo sonst ist das noch der Fall?

Als gigantische Geschmacksverwirrung, als trivialer Bocksmist, muss als Gegenstück zu den Überresten unverdorbener Natur das schrille „Kunst­werk“ Mural de la Prehistoria im Valle de las Dos Hermanas bei Viñales bezeichnet werden: eine rund 200 m breite und 180 m hohe Felswand wurde 1971 gerodet und vom Maler Leovigildo González Morillo dilettantisch mit Schnecken, einem Saurier und geschlechtslosen menschlichen Wesen bemalt. Die Idee zu dieser Naturverschandelung hatte Celia Sánchez, die bis zu ihrem Tod (1980) Castros Lebensgefährtin war. Castro, von dessen Privatleben fast nichts bekannt ist, hatte wahrscheinlich in einer schwachen Stunde seinen Segen zu diesem Unfug gegeben. Seither vertritt er die Auffassung, jedes Tourismusprojekt habe die Natur zu respektieren. Aber die Umsetzung fehlt: Die Felswand-Schmiererei, die höchstens den Geschmack der ohnehin nicht anreisenden Amerikaner treffen würde, könnte man ja überwuchern lassen. Doch ausgerechnet während meiner Rundreise war dort eine Rodungsequipe, teils an Seilen hängend, am Werk, um den Korrekturversuch der wild wachsenden Pflanzen niederzumetzeln.

Übers lärmige Touristenghetto Varadero kann ich nicht berichten, weil mir die Zeit und die Lust fehlten, dort herumzuliegen. Ein Bekannter schrieb mir von dort, er sei im Verstärker- und Presslufthammer-Sound immer in Trance gefallen ...

Die Einnahmen aus dem Reiseverkehr (1995: 1,5 Mia. USD, 2005: 2,5 Mia. USD) standen ursprünglich immer hinter dem Devisenbringer Nr.1, dem Zucker, zurück. Doch nachdem die Sowjetunion als Zucker-Absatzmarkt verloren war, ging die Produktion zurück, und Kuba baute dafür den Dienstleistungsbereich aus. Von den 156 Zuckerfabriken wurden deren 70 mit total rund 120 000 Beschäftigten geschlossen. Kuba setzt vermehrt auf Zuckerrohr-Derivate wie Rum, Melasse, Chemikalien wie Furfurai[3], Medikamente, Brennstoff, Tierfutter aus fermentierten Begasse­schnipseln, Papier und Begassebretter[4] (Spanplatten, Isolationsmaterialien und Rohre). Dies geschieht auch im Interesse der Einsparung von Devisen.

Die Zuckerrohrfelder werden jeweils zwischen Februar und April abgeerntet – heute wieder vermehrt mühselig von Hand mit der Machete, da immer mehr Maschinen wegen Altersschwäche ausfallen. Fidel Castro wurde nachgesagt, er könne Zuckerrohr schneller als jeder andere schlagen. Die Pflanzen haben bei gleich bleibenden Temperaturen zwischen 24 und 30  ° C die besten Voraussetzungen[5]. Sie wachsen ohne weiteres nach (kubanische Jahresproduktion 1996: 4,45 Mio. Tonnen, heute sind es noch 2 bis 2,5 Mio. t).

Weitere wichtige Export­güter sind der Tabak für die bereits erwähnten besten Zigarren der Welt[6] mit ihrem relativ bescheidenen Nikotingehalt und sodann die Nickel-Förderung.

Zigarrenrauch gibt es auf Kuba wohl fast so viel wie Autoabgase – ich persönlich ziehe den ersteren vor. Autos können auf Kuba kaum gekauft werden, und das recht gute Strassennetz ist weitgehend leer oder von Oldtimern befahren. Dementsprechend braucht es keine exakten Verkehrsregeln. Wenn ein Auto links fährt, überholt man es eben rechts – und umgekehrt. An wichtigen Kreuzungen steht oft ein gelb uniformierter Beamter („gelbe Maus“), welcher die zufällig heranfahrenden Staatsfahrzeuge, meist Lastwagen, anhält und die zur Strecke bzw. zum Fahrtziel passenden Leute darauf verteilt, oft nach stundenlangen Wartezeiten. Das ehemals dichte Eisenbahnnetz wird kaum noch gebraucht.

Havanna
Havanna , die Hauptstadt, einst die „Perle der Karibik“, hat den ehemaligen Glanz verloren; sie soll jetzt aber wieder restauriert werden. Neben einigen neuen Hochhäusern dominiert der Zerfall, besonders in der Altstadt, die von der Unesco zum Weltdenkmal erklärt worden ist. Der Putz bröckelt gleichwohl bis hinein zu den Armierungseisen ab. Und in der Nacht ist es dunkel. Noch nie habe ich abends um 9 Uhr eine solch dunkle Grossstadt gesehen wie vom 10. Stockwerk des Hotels „Melia Cohiba“ aus. Es gibt erfreulicherweise fast keine Geschäftsreklamen, und viele Gebäude können nicht mehr bewohnt werden.

Im Dunkel spielt sich die verbotene Prostitution ab. Wie mich eine angeblich 20-jährige Elvira zweimal ins Zimmer im Hotel „Melia Cohiba“ anrufen und mich an den nahen Strand bei der ehemals prächtigen Uferstrasse Malecón einladen konnte, ist mir noch immer schleierhaft. Woher wusste diese zugängliche Dame, dass ich allein war? Sie brauchte zweifellos Dollars. Ich habe sie nie gesehen. Draussen gab es gerade Ansätze von einem tropischen Sturm.

Exotische Religion
Das kubanische Temperament trägt viele afrikanische Elemente in sich, weshalb man zu Recht von einem Afro-Kubanismus spricht. Das ist auch in der Religion so. Der aus Spanien eingeschleppte Katholizismus, den nur etwa 200 Nonnen und Priester am vollständigen Einschlafen hindern, ist im Schatten einer exotisch-vitalen Mischreligion, vom Volk Santería genannt. Sie ist eine orgiastisch ausufernde Vermählung von animistisch-afrikanischem Geisterkult, katholischer Heiligenverehrung, karibischer Tanzparty mit haitianischem Vodoo und brasilianischem Umbanda, eine farbige Angelegenheit also, die oft zur Raserei ausartet. Die Heiligen aus dem Katholizismus sind aus Intoleranz und zum Schutz vor Repressionen einbezogen worden, ein metaphysischer Kuhhandel gewissermassen. Vom Regime wurden die katholischen Priester angehalten, beim Abraten von anderen Religionszugehörigkeiten den Ausdruck „brujería“ (Hexenkunst) zu meiden, den Multikulturalismus zu akzeptieren und Weitherzigkeit walten zu lassen. Der Jesuitenzögling Castro konnte unter solchen Vorzeichen getrost den Papst Johannes Paul II. einladen, der das US-Embargo ablehnte und also aussenpolitisch nützlich war. Zudem lehnten der inzwischen verstorbene Papst und Castro den schrankenlosen Kapitalis­mus als Heilslehre übereinstimmend ab.

Beste Bildung – wofür?
In Kuba wird Bildung gross geschrieben, wie man überall spürt. Viele Leute sind ausserordentlich sprachenkundig; sie sprechen neben Spanisch ein hervorragendes Englisch und oft sogar Deutsch. Meine Zimmerpflegerin in Santa Clara bedankte sich für die ihr überlassenen Schokoladen mit einem perfekt geschriebenen englischen Brief, einer strahlenden Zeichnung und einem lebensgrossen Schwan, den sie aus dem Bettüberwurf geformt hatte.

Kubas Bevölkerung ist ausgesprochen lesefreundlich. Es gibt viele Buchhandlungen, Leihbibliotheken und Tauschzentralen. Die Nachfrage nach Büchern ist gross, da die einzige Tageszeitung stur kommunistisches Gedankengut unters Volk bringt und dieses mit aufmunternden Berichten übers Elend hinweg tröstet. Vor dem volkskundlichen Museum in Havanna kaufte ich ein Dutzend Bücher zu Botanik und Geschichte; als die Händler meine Interessensgebiete wahrgenommen hatten, schleppten sie immer weitere Werke herbei. Ich erwartete nicht, dass ich am Zoll damit Schwierigkeiten haben würde, abgesehen vom Gewicht. Nach dem Einchecken in Varadero wurde mein Name ausgerufen, mein Koffer geöffnet, und 3 über 50-jährige Bücher wurden beschlagnahmt. In gut einer Stunde wurde von einer freundlichen Gruppe von Beamten 3 A4-Formulare minuziös ausgefüllt. Ich müsse eine offizielle Ausfuhrgenehmigung einholen, sagte man mir. Dann könnten die Bücher innert 60 Tagen ausge­führt werden. Sie sind immer noch dort. Aber so hat alles seine Ordnung. Ich habe Verständnis für diese Massnahme, die zudem die Wartezeit in der Abflughalle belebt hat.

Trophäenjäger Hemingway
Und wenn wir schon bei der kubanischen Literatur sind, kommt man wohl nicht am Gedenken an den amerikanischen Schriftsteller Ernest Hemingway vorbei, der touristisch intensiv vermarktet wird. In seinen Lieblingslokalen „La Bodeguita“ und dem Ristorante „Floridita“ in Havanna (original: „La Habana“) ebenso wie im „La Terrazza“ im Fischerdorf Cojimar, im Osten Havannas gelegen, wo das Paradestück „Der alte Mann und das Meer“ spielt, ist Hemingways Jagd- und Schiessfreude fotografisch reich dokumentiert. Hemingway liess sich gern mit Fidel Castro zusammen ablichten – und wohl auch umgekehrt. Der Cocktail Cuna del Daiquiri mit dem pulverisierten Eis (der laut dem Autor schmeckt, „als führe man mit Skiern einen verschneiten Gletscher hinunter“), ein eher rum- als ruhmreiches Getränk, das an der Zerstörung von Hemingways Leber wesentlich mitbeteiligt war, ist im „Floridita“ doppelt so teuer wie andernorts, d. h. mit einem Touristenpreis versehen (4 USD).

Man kommt als Kuba-Tourist auch nicht um eine Besichtigung von Hemingways Villa (Finca) in San Francisco de Paula herum. Die Besucher dürfen von aussen, wo sich u. a. 4 Hundegräblein (Friedhof) befinden, einen Blick ins Allerheiligste im Innern werfen, auf Bücher, Sessel und Tischlampen, eine edle Einrichtung. Man darf aber nicht fotografieren, weil in einem Souvenirladen nebenan Ansichtskarten verkauft werden. Verschiedene Jagdtrophäen verunzieren allerdings die Wände von Hemingways Heim, darunter der gewaltige, schwarze Kopf eines harmlosen Wasserbüffels, der ungefähr so gefährlich ist wie ein Muni aus einheimischer künstlicher Besamung. Und im Turmzimmer oben liess sich Hemingway neben einem erlegten Tiger malen − am Boden liegt das Fell eines jungen Löwen mit Glasaugen im Kopf. Von einem zweifellos ausserordentlich begabten Schriftsteller, der mit dem Nobelpreis geehrt wurde und die Menschheit eigentlich erkenntnismässig und/oder ethisch hätte weiterbringen sollen, hätte ich grundsätzlich einiges mehr als die Ver­herrlichung des Tötens und ein Macho-Gehabe erwartet; aber seine kraftvollen Schilderungen haben schon eine Faszination.

Intellektuell weiter bringt einen auch die „Tropicana“-Show nicht, die fast jeden Abend unter Bäumen bei einer luftigen Kulisse in Havannas Vorort Marianao dargeboten wird. Doch sie ist perfekt inszeniert, hat einen ungeheuren Schmiss − keine Ansagen, keine Pausen, originale Musik, rund 200 Mitwirkende. Ein optisches und akustisches Feuerwerk ohne Rauch, das einem tropischen Sturm gleich alle Nöte Kubas hinwegfegt. Und so etwas ist dort schon dringend nötig.

Ja, − wie sagte doch Françoise Sagan: „Kuba, das ist nicht so einfach.“ Und nach dem allmählich absehbaren Tod Castros dürfte alles noch viel, viel schwieriger werden.

Literatur
Cardenal, Ernesto: „In Kuba. Bericht von einer Reise“, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1985.
Demur, Jean A.: „Kuba”, Editions Rencontre 1962.
Detroux, L.: „Los Herbicidas y su Empleo”, Edition Revolucionaria, La Habana 1968.
Dingemann, Rüdiger: „Krisenherde der Welt“, Georg Westermann Verlag, Braunschweig 1996.
Franklin, Jane: „The Cuban Revolution an the United States. A Chronological History”, Ocean Press, Melbourne, Australia 1992.
Fulbright, J. William: „Die Arroganz der Macht“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1970.
Galeano, Eduardo: „Von der Notwendigkeit, Augen am Hinterkopf zu haben“, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1992.
Helmhausen, Ole: „Kuba − nützliche Reisetips von A−Z", Verlag Hayit, Köln 1995.
Helmhausen, Ole: „Kuba − preiswert reisen“, Verlag Hayit, Köln 1992.
Humbert, Roger P.: „El Cultivo de la Caña de la Azúcar”, Editorial Pueblo y Educatión, La Habana 1979.
Leon, Hermano: „Flora de Cuba”, Cultural S.A., La Habana 1946.
Myrdal, Gunnar: „The Challenge of World Poverty”, Random House Inc., New York 1970.
Oficina Nacional Tips: „Business Tips on Cuba. Lebensmittelindustrie“ und „Industrie der Zuckerrohrderivate“, Verlag: Oficina National Tips, Calle 30, No. 302, esq a 3ra, Miramar, La Habana. August 1996.
Pflug, Hartung: „Geschichte der Neuzeit. Das religiöse Zeitalter 1500 – 1650“, Verlag Ullstein, Berlin 1907.
Roig, Juan Tomás: „Plantas medicinales, aromáticas o venenosas de Cuba”, Editorial Cientifico-Tecnica, La Habana 1988.
Ziegler, Jean: „Gegen die Ordnung der Welt. Befreiungsbewegungen in Afrika und Lateinamerika“, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1985.

[1] In den USA wird noch heute die „Helms/Burton Bill“ angewandt (oder zeitweise ausgesetzt, wies beliebt), ein anachronistischer und illegaler Versuch zur extraterritorialen Durchsetzung von Strafaktionen gegen Länder, die mit Kuba Handelsbeziehungen pflegen; ähnliche US-Gesetzgebungen gibt es auch hinsichtlich anderen Bösewichten, so lange davon die Wirtschaftsinteressen der USA nicht tangiert werden. Mit der „Helms/Burton Bill“, nach ihren Autoren Dan Burton und Jesse Helms benannt, werden zwar eine Reihe von WTO-Regeln (Welthandelsorganisation) verletzt, und sie ist auch vom humanitären Standpunkt aus verwerflich, aber das kümmert die Amerikaner nicht. So wird z. B. das WTO-Prinzip verletzt, gemäss dem kein Mitgliedland über Handelssanktionen gezwungen werden darf, seine souveräne nationale Politik zu ändern. Auch im Zusammenhang mit den masslosen Holocaust-Forderungen an die Schweiz setzen sich US-Bundesstaaten darüber hinweg.

[2] Der Priester Bartolomé de las Casas, der den Feldzug von Velázquez und seines Hauptmanns Panfilo de Narváez begleitete und dabei zum Verteidiger der Urbevölkerung wurde, berichtete 1542 in seinem „Kurzgefassten Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder“:„Die Spanier (...) verschonten kein Alter, weder Geschlecht noch Wöchnerinnen, noch schwangere Frauen, ja sie öffneten diesen sogar die Leiber und rissen sie lebendig in Stücke. Und während sie Pfänder setzten, wetteten sie gleichzeitig und wetteiferten miteinander, wer mit einem einzigen Schwertstreich einen Menschen am Gürtel auftrenne oder entzweihaue...“.

[3]Furfurai ist der Rohstoff für die Herstellung von Furfurylalkohol, ein selektiv wirkendes Lösungsmittel in Schmierfetten und -ölen, Rostschutzkitt, Plastik, Herbiziden, Insektiziden, Fungiziden, Pharmaka, Nylon usf.

[4] Bei der Begasse handelt es sich um die zellulosehaltigen Rückstände, die bei der Verarbeitung der Halme anfallen.

[5] Weltweit gibt es 70 Länder, die Zuckerrohr produzieren; etwa 74 % des Zuckers werden aus Zuckerrohr gewonnen, der Rest aus Zuckerrüben. Die grössten Rohrzucker-Anbauflächen befinden sich in Lateinamerika und in der Karibik. Die Produktion von Rohrzucker beläuft sich insgesamt auf rund 105 Mio. t. (2005).

[6] Zu den besten Zigarrenmarken sind Cohiba, Partagas, Romeo y Julietta, Upman, Montecristo, Hoyo, Juan Lopez, Punch Super, Punch Black, Coluba und die milde Quai d'Orsay. Die Reihenfolge ist keine Wertung.

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