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     17. Dezember 2018, 21:30 Uhr
 


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Als Kind hatte ich immer ein Projekt mit der Grossmutter, wenn ich zu ihr in die Ferien fuhr. Sie war eine Frau mit ausgeprägtem Schönheitssinn, handwerklichen Fähigkeiten und Anspruch auf Perfektion. Bei ihr wollte ich jedesmal etwas stricken. Sie half mir, auf dass ich ein ganzes Stück, am Anfang Socken und Halstücher, später Pullover, nach Hause bringen konnte. Jeden Abend kontrollierte sie meine Arbeit, während ich schlief. Nichts wurde übersehen. Auch minime Fehler merzte sie aus. Sie zog das Gestrickte so weit zurück, bis die fehlerhafte Stelle verschwunden war und ergänzte es, damit ich anderntags dort weiterfahren konnte, wo ich gestern gewesen war. Sie verlangte Perfektion, half einem aber auch, diese zu erreichen.
Ich liebte es, mit ihr "Fächtli" herzustellen. Mit dieser Verstärkung werden Fersen und Sockenspitzen strapazierbarer gemacht. Es wird zur normalen Sockenwolle die Fächtliwolle mitgestrickt. Obwohl diese dünnen Wollfäden im Fachgeschäft zu kaufen sind, wollte Grossmutter sie selber aus der vorhandenen Sockenwolle herstellen. Nur so stimme der Farbton sicher überein, erklärte sie.

Um "Fächtli"-Wolle zu erhalten, musste der gezwirnte Wollfaden wieder aufgedreht werden. Grossmutter teilte das Fadenende und löste die Drehung so weit auf, dass zwei einzelne Fadenstränge entstanden. Den einen gab sie mir in die Hand, den andern hielt sie selbst. Am Wollknäuel wurde ein langes Stück Faden abgerollt und mit einer Nadel befestigt. Wir liefen auseinander. Die Wolle teilte sich. Der Knäuel tanzte und sprang schliesslich auf. Dann konnten wir, jedes für sich, das neu erhaltene Fächtli auf ein zusammengefaltetes Papier aufwickeln. In mehreren Etappen erreichten wir schliesslich die erforderliche Verstärkungswolle. Diese Arbeit erforderte volle Konzentration. Und sie beschenkte uns mit Ruhe und einer Art Glücksgefühl.

Wenn ich heute einen turbulenten Tag erlebt oder eine Reise unternommen habe und mir vor dem Einschlafen alle Einzelheiten vor den inneren Augen herumspringen, weiss ich, dass ich geduldig warten muss, bis mein ganzer Weg abgespult ist. Ich fühle mich dann bei der Grossmutter. Meine Erlebnisse oder die Reise ist nicht mit dem Teilen eines Fadens vergleichbar, aber das, was ich als Erlebnisse aufgewickelt habe, muss wieder zurückfinden an den Anfang. Erst dann habe ich Ruhe.

Rita Lorenzetti

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