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Dogma Globalisierung

Fatale Folgen der weltweiten Verflechtungen
Eine Schrift zum Gedenken an José A. Lutzenberger

Der Industriekultur sei etwas gelungen, was weder dem Christentum noch dem Islam gelungen sei: sie habe den ganzen Planeten Erde erobert. Ob man von Kommunismus mit seiner lähmenden Planwirtschaft (Sozialismus) oder Kapitalismus (soziale Marktwirtschaft) spreche, sei einerlei; denn beide Wirtschafts- bzw. Gesellschaftsformen seien "industrialistisch" – genau wie heute die Globalisierung. In jedem Fall gehe man davon aus, dass dieser Planet Erde nicht in Ordnung, sondern verbesserungsbedürftig sei. Wer zum Beispiel den Regenwald rode und auf dem erodierenden Boden Rinder weiden lasse, handle im Sinne des Fortschritts fortschrittlich. Die Natur, die zuerst umgelegt werden muss und Kosten verursacht, erscheine bei dieser Betrachtungsweise als negativer Wert.

Der im Mai 2002 im Alter von 75 Jahren verstorbene José A. Lutzenberger, ehemaliger brasilianischer Umweltminister (1990–1992) und seinerzeit einer der weltweit einflussreichsten Ökologen, stellte dies am 21. Mai 1996 an seinem Vortrag an der ETH Zürich fest (Angaben zur Person siehe Kasten im Anhang dieser Arbeit: "Erinnerungen an José A. Lutzenberger"). Der Hörsaal G5 war schon eine Viertelstunde vor Beginn des Referates mit mehr als 300 Personen überfüllt; etwa 100 Personen mussten im Vorraum warten, wobei es beim damaligen Kenntnisstand an der Technischen Hochschule nicht möglich war, den Vortrag über Lautsprecher in den Vorraum zu übertragen. Die technische Anlage funktionierte gerade nicht. Das Thema des Vortrages lautete "Hat unsere moderne Industriegesellschaft eine Zukunft?" Offensichtlich nicht. Inzwischen deuten sogar die Börsendaten und andere Wirtschaftssignale darauf hin.

Wenn eine kleine Gruppe von Menschen miteinander spricht, braucht es weder Mikrophone noch Lautsprecheranlagen. Handelt es sich bei der Gruppe aber um eine Menschenmasse, stellen sich aufwändige und schwer lösbare technische Probleme, wie man sah. Mit zunehmender Grösse wird das Gebilde pannenanfälliger, und Pannen haben innerhalb masslos erweiterter Rahmen entsprechend umfangreichere Auswirkungen. Man sehe sich einmal den Zustand der Natur in den ehemals zentralistisch-kommunistisch gelenkten Ländern mit ihrer Umwelt-Ignoranz als abschreckendes Beispiel an. Sie wirkte bis zum Nitrofen-Skandal im Frühsommer 2002 nach, als Herbizide aus der DDR-Zeit Biofutter für Tiere und dann Menschen vergiftete. Ähnliche Entwicklungen laufen heute in den USA ab: Die Natur zählt nichts; US-Präsident George W. Bush wollte sogar in Naturreservaten von Alaska Erdöl ausbeuten – Sinnbild von totaler Rücksichtslosigkeit, geboren aus ökologischer Unkenntnis und Ignoranz.

Aus ökologischen Abläufen ist hinlänglich bekannt, dass kleine, kleinräumige, eng begrenzte Strukturen in ihrer unbehinderten Dynamik eine ausreichende Selbstregulierungskraft besitzen. Da kann eigentlich nicht viel passieren. Die Prozesse sind vielseitig gepuffert; das System bricht niemals vollständig zusammen. Wo die Natur sich selber überlassen bleibt, ist sie immer intakt und reguliert, obschon oder gerade weil eine ungeheure, ununterbrochene Dynamik herrscht.

Davon könnten wir Menschen einiges lernen, sofern wir wollten, uns nicht als ausserhalb der Natur stehend fühlen und wenn wir nicht blindlings dem unablässigen Drang zu Grössenwachstum und Vereinheitlichung nachgeben würden. Der skeptisch-humanistische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt sagte (in "Focus" 21-1996): "Die heute für die Multikultur eintreten, sind eben Kurzzeitdenker."

Aus den bereits erfolgten Konzentrationsprozessen müssten somit wieder Aufteilungen in kleine Einheiten (Regionalisierung) werden, wie dies manchmal sogar innerhalb von Grossunternehmen geschieht (Profit Centers). Doch entwickeln sich die kulturelle Nivellierung und die Wirtschaftsgeschichte im Allgemeinen weiterhin exakt in der gegenteiligen Richtung, wie am Beispiel der Landwirtschaft augenfällig aufgezeigt werden kann.

Der ehemalige Kleinbauer, der noch nachhaltig und autonom wirtschaften konnte, ist "zu einem winzigen Schräubchen in einer gewaltigen Technokultur" geworden (so Lutzenberger). Die Industrielandwirtschaft verbraucht Düngemittel, welche die Pflanzen krank machen, sodann Gifte, um sie über die Runden zu bringen, und Energie in gewaltiger Menge. Sie zerstört Lebensräume, Wasservorkommen, verödet die Landschaft und produziert Überschüsse, die am Ende mit enormem Aufwand vernichtet werden müssen. Man weiss das längst, und sogar die meisten Politiker haben das eingesehen, einsehen müssen; aber auf der ganzen Welt gehen die Konzentrationsprozesse weiter. Den bedauernswerten hinterbliebenen Bauern bleibt nur noch das Risiko und am Ende der Wegzug von ihrem Hof. Im Rahmen der EU-Osterweiterung wird sich das auch in den osteuropäischen Ländern beschleunigt abspielen; man wagt kaum, daran zu denken.

Zwischen die Landwirte und das gefrässige Volk hat sich die Nahrungsmittelindustrie geschoben, die es früher nie gab und nicht brauchte. Lutzenberger bezeichnete diese als "Lebensmittel denaturierende, vergiftende und sinnlos verpackende Industrie". Sie ist ebenfalls in den Globalisierungsprozess eingebunden, genau wie die Einkaufszentren, die sich zu Hypermärkten aufblähen; Vorbilder sind diesbezüglich die USA und Frankreich. Die Warentempel suggerieren einen Hauch von Weltniveau, das dem Publikum aus allen Kanälen und u.a. auch von den Plakaten der Zigarettenindustrie als erstrebenswert vorgegaukelt wird. Selbst das Bankgewerbe tendiert zur "universellen Bank"; hier war Japan (mit seiner Tokio-Mitsubishi-Bank) ein Schrittmacher, bis auch die finanzmarktwirtschaftlichen Luftschlösser dann einstürzten. So werden überall nicht etwa naheliegende sozial- und naturverträgliche Lösungen gesucht; es geht vielmehr um einen konzentrierten Ausbau des wirtschaftlichen Machtpotenzials.

Dabei soll nicht übersehen werden, dass hinsichtlich Branchen, die während der Hochkonjunktur übertrieben expandiert haben oder unzeitgemäss geworden sind (Auslaufmodelle), Fusionen oder Firmenschliessungen notwendige Strukturbereinigung bedeuten können. Ein gewisser Wandel ist immer da, aber die Globalisierung ist der bisher wohl stärkste Impuls dafür; und die Motivation dafür ist vornehmlich Machtstreben und nicht Vernunft.

Eine grenzen- und schrankenlose Globalisierung, ermöglicht durch weltweit vernetzte Computer (Telekommunikation) und zerfallende Flug- und übrige Transporttarife, die teilweise (wie auch in der Schweiz) öffentlich massiv subventioniert werden, und gekennzeichnet durch einen wildwüchsigen, ausufernden Handel, ist für die sozialen und ökologischen Zustände fatal. Dennoch wird alles getan, um die Konzentrationen zu fördern; die Unternehmen wollen einen unbeschränkten Auslauf. Vorerst können sie sich auf diese Weise der Kontrolle durch die zuständige nationale Verwaltung entziehen und werden nur noch durch den globalen Markt gesteuert; hier aber haben die USA das Sagen, hier üben die USA ihre auf Eigennutz zugeschnittene Kontrolle aus. Wer sich nicht unterzieht, wird als Schurke behandelt und bestraft.

Der globale Markt ist allerdings, vereinfachend und mit Einschränkungen gesagt, eine Art Nullsummenspiel: Gewinner leben auf Kosten der Verlierer. Es sind, gleich bleibende Rahmenbedingungen vorausgesetzt, einfach Umverteilungen. Im modernen Weltmarkt, diesem Fitnesszenter für Volkswirtschaften, gewinnt der Stärkere, wie überall, auch beim Sport: Es kann nicht nur Gewinner geben, auch wenn alle zum Podest drängen. Dort vorne trampelt man sich gegenseitig nieder.

Der überspitzte wirtschaftliche Leistungsdruck erträgt keine Rücksichtnahmen mehr; die Arbeit wird abgeschafft – jobless growht –, oder unterbezahlt wie in den USA oder anderen ethisch und intellektuell wenig entwickelten Ländern. Auf der Strecke bleiben auch humanitäre Aspekte und arme Länder, denen von Grossunternehmen, diesen neuen Kolonialherren, der Tarif bekannt gegeben wird. Die Hilfesuchenden dürfen sich nur noch fügen.

Fundamentalistische Hindus, die vor einigen Jahren in Indien gegen Fast food demonstrierten, veranschaulichten, dass nicht alle Welt eine Entwicklung nach unserem westlichen Denken, eine abgewandelte Ausgabe des Monotheismus, will. Die westliche Kultur (inzwischen zur Amerikanisierung geworden – die Japanisierung geriet ins Hintertreffen) ist wegen ihrer Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben in der Natur und den Lebensräumen mit dem besten Willen nicht globalisierungsfähig, wie jedermann einsehen muss, der mit einem Mindestmass an Fähigkeit zum kritischen Denken ausgestattet ist.

Meines Erachtens hat Prof. Christian Coméliau vom Genfer "Institut Universitaire d'Etudes du Développement" vollkommen Recht, wenn er das neoliberale Wirtschaftsmodell als falsch bewertet. Es ist seiner Erkenntnis zufolge nicht so, dass der Wettbewerb unbedingt ein guter ist und dass nur dieser Wettbewerb den besten Einsatz der verfügbaren Mittel garantiert. Wenn das Wettbewerbsklima so hart ist, dass es die wesentlichsten Kräfte auf die Zerstörung der Konkurrenz konzentrieren muss, ist es destruktiv. Und zudem, möchte man Coméliaus Feststellungen beifügen, schafft es letztlich gefährliche monopolitische Strukturen. Es werden Werte kommerzialisiert, die eigentlich nicht handelbar sind: Arbeit (eine Überlebensnotwendigkeit), natürliche Ressourcen und Menschenrechte. Im Klartext: Die Natur (bzw. der Planet Erde als in den Kosmos eingebundener Organismus) im Allgemeinen und die Arbeitskräfte sind am Ende die Leidtragenden, was selbst Arbeitnehmerorganisationen noch nicht erkannt haben; aber die Arbeiter spüren es schon lange.

Das Geld ist beweglich, die Staaten aber sind territorial gebunden. Im Rahmen solcher Abläufe wurden und werden die Staatsfinanzen immer maroder. Wer nur von "leeren" Staatskassen spricht, untertreibt gewaltig. Verzweifelte Versuche zu deren Konsolidierung durch Sozial- und Subventionsabbau beschwören soziale Unruhen herauf bis hin ins ehemalige reiche Land Argentinien. Der handlungsunfähig gewordene Staat buhlt um die Gunst der Investoren, und die 4-Jahres-Demokratie, in der kurzfristige Wahlerfolge mehr als langfristige Konzepte aufgrund von Visionen zählen, ist den aktuellen Problemen bei weitem nicht gewachsen. Die Liberalisierung nach amerikanischer Turbo-Kapitalismus-Manier (rücksichtslos gegen Natur und schwache, arme Menschen und Völker) wird verwässert; schade um den netten Wortbestandteil liberal, der mit Freiheit zu tun hat, und schade um das erstrebenswerte Ziel. Stört ein (Umwelt-)Gesetz das Expansionsstreben, geht das Unternehmen ausser Landes, dorthin, wo es keine Einschränkungen gibt. Die Globalisierung machts leicht möglich.

Totale Freiheit wirkt sich deshalb auch auf anderen Ebenen zerstörerisch aus, ob man es wahrhaben will oder nicht: Die Ansprüche an die Solidargemeinschaft und die Bereitschaft, sein Scherflein dazu zu leisten, klaffen immer deutlicher auseinander. Das historische Bündnis zwischen Kapitalismus, Demokratie und Sozialstaat löst sich allmählich auf. Der Markt ist zum Oberbegriff geworden, und dann kommt lange nichts mehr.

Die Verunsicherung, aus einer Orientierungslosigkeit und Entwurzelung herausgewachsen, führt zu einem Klima der Angst, zur Zurückhaltung im Konsum, welch letztere zwar eine Entlastung für die Biosphäre bringt, aber die gesellschaftlichen Spannungen erhöht. Denn immer mehr Leute werden zu "Randexistenzen", von denen Robert McNamara einmal sprach (Marginal men). Sie sind nach der Mechanisierung und Globalisierung weder als Arbeitskräfte noch als Konsumenten brauchbar und machen aus ihrer verzweifelten Lage oft durch kriminelle Aktionen auf sich aufmerksam. Der Terrorismus gehört in dieses Kapitel. Body Guard ist ein Beruf mit Zukunft. Das Leben findet zunehmend hinter Sicherheitszäunen und im Umfeld von Überwachungsanlagen statt. Die persönlichen Freiheiten werden entsprechend untergraben.

Die Marginal men sind eine Last. Und gleichermassen werden auch die ärmsten Länder marginalisiert, für die nur noch die Schäden von Waldabholzungen, Klimaveränderungen, Luft- und Gewässerverpestungen übrig bleiben. Ihre Kultur wurde bis in die Wurzeln zerstört.

Wirtschaftsphilosophien und -formen, die wie vieles andere Modetrends im Denken unterworfen sind und Dogmen herausbilden, beeinflussen den Planeten Erde gravierend. Jede Zeit lebt aus ihren Leitbildern, ohne sie zu verstehen und ohne ihre langfristigen Auswirkungen auch nur annähernd abschätzen zu können. Im Rückblick werden sie zu Mythen.

Es gibt Indizien, die eine vorausschauende Beurteilung und Weichenstellung ermöglichen würden. So wäre aller Wahrscheinlichkeit nach einzig und allein in Bezug auf den Schutz unseres Planeten ein globalisiertes Denken richtig und wohl auch nötig: Der Planet muss als Ganzheit betrachtet werden. Diese Denkweise ist z.B. als "Gaia"-Hypothese bekannt. Die Erde ist ein belebter Gesamtorganismus und ins kosmische Geschehen eingebunden, der in seiner Vielgestaltigkeit nicht weiter geschmälert und geschändet werden dürfte. Mit anderen Worten: Der Globus erträgt und braucht Globalisierungen nur hinsichtlich der Schutzbestrebungen, nicht aber als Doktrin für das wirtschaftliche Handeln und das Kulturverständnis, besonders wenn eine Plastikkultur im Spiele ist. Doch in der Praxis ist auch dies schief gelaufen: Naturschutzmassnahmen wurden auf tiefster Ebene nivelliert, dort unten, wo alle mitzumachen bereit sind, wo es nichts kostet und nicht anderweitig weh tut. Und das reicht nicht aus.

Die Wirtschaft darf selbstredend nicht einfach als ein Übel abgetan werden. Wie überlebenswichtig gute Arbeitsplätze sind oder wären, kann vor allem das Heer der Arbeitslosen bestätigen. Die Unternehmen müssen sich nur bemühen, auch ökologische Randbedingungen zu beachten, über das Energiesparen hinaus; das Bewusstsein von der Notwendigkeit einer lebendigen, lebensfähigen Natur müsste durchgehend vorhanden sein und emotional vertieft werden. Die berühmten "Grenzen des Wachstums" – das Bewusstsein von der Natur als limitierender Faktor – dürfen nicht aus den Augen verloren werden.

Jedes menschliche Handeln und Wirtschaften zur Mehrung des Wohlstandes ist ein ökologischer Eingriff. Den "Kühlschrank in jedem Haushalt", wie der Titel eines 1953 entstandenen Aufsatzes von Ludwig Erhard, dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler (1963–1966), lautete, haben wir längst. Und einiges wie die Tiefkühltruhe, das Auto und den Wohlstandsbauch dazu. Laut Lutzenberger basiert solch eine Lebensweise von 20% der Weltbevölkerung hauptsächlich auf der Verschwendung nicht erneuerbarer Ressourcen.

Die Volkswirtschaften haben, um das zu vertuschen, vor langer Zeit den irreführenden Begriff Bruttosozialprodukt BSP als Mass für die wirtschaftliche Leistung und Fortschritt erfunden. Dieser bewirkt, dass die Verschwendung von begrenzt vorhandenen Rohstoffen nicht als negativer Betrag in Erscheinung tritt und somit (laut Lutzenberger) niemand merkt, wie wir jeden Tag ärmer werden. Neue Ansätze gibt es erst am Rande: Forscher der University of California haben mit ihrem Genuine Progress Indicator (GPI) auch den Abbau des Umweltkapitals und des sozialen Kapitals einbezogen. Der Club of Rome schlug einen Index des nachhaltigen wirtschaftlichen Wohlstands ISEW (oder Ökosozialprodukt) vor. Dann sieht manches anders aus: Während das BSP in den USA laufend ansteigt, nimmt der Wohlstandsindikator GPI seit den 70-er Jahren ab...

Einen Stillstand gibt es nicht. Auch die Aktivitäten der Tiere (und überhaupt aller Lebewesen) führen Veränderungen herbei; die gesamte Natur ist auf Dynamik angelegt. Allerdings haben es Pflanzen und Tiere in den erdgeschichtlichen Zeiten fertig gebracht, die Erdoberfläche nicht nur nicht zu zerstören, sondern sogar mit einem wachsenden und somit stabilisierenden Artenreichtum zu versehen. Man fasst das unter dem Begriff Evolution zusammen.

Die aus diesem Prozess herausgewachsenen Menschen wie die Naturvölker waren anfänglich noch in der Lage gewesen, ihren Lebensraum nachhaltig zu nutzen, d.h. keine Zerstörungen zu hinterlassen. Die Pygmäen beispielsweise, die vor der Ankunft der Bantu und – besonders verheerend – der Weissen die Alleinherrscher des schwarzen Afrikas und äusserst erfahrene Jäger waren, erlegten wohl Elefanten und andere Tiere zum Zwecke von Nahrungsbeschaffung. Sie haben die Fauna dennoch bestenfalls mitreguliert, aber nicht entscheidend verändert.

Alle Völker, die wir aus einem primitiven Denken heraus von uns als primitiv bezeichnen (im christlichen Kulturkreis brauchte es Jahrhunderte, bis diese überhaupt als Menschen anerkannt wurden) und die wir aus der Geschichtsschreibung ausklammerten, haben sich ins Naturgeschehen eingefügt und auf bedrohliche Verhältnisse mit Intelligenz und Anpassungsfähigkeit reagiert. Ihr Handeln war auf Nachhaltigkeit[1], nicht auf unendliche Prosperität ausgerichtet. Sie konnten im feuchten Urwald mit seinen Insekten und Raubtieren, im Umfeld von Sümpfen, auf Bergen, in der Wüste und im ewigen Eis überleben, ohne bleibende Schäden anzurichten. Täglich errangen sie Siege über widerliche Umstände, über tödliche Bedrohungen; sie wuchsen an diesem Kampf empor. Sie kannten alle Pflanzen in ihrem Gebiet, verstanden Kräuter, Knollen, Zwiebeln, Wurzeln, Keimlinge, Rinde und Baummark sowie alle übrigen Dinge, die ein karger Boden hervorbringt (Würmer, Schnecken, Käfer, Mäuse usf.), sparsam und zweckmässig zu nutzen. Sie konnten mit Tieren friedlich zusammenleben und wurden zu dem, was die früher so genannten Eskimos Inuit nennen (sie bezeichnen sich selber so): wahre Menschen. Sie haben ihr soziales Leben organisiert und das Wachstum der Gruppe unter Kontrolle gehabt.

Und dann kamen die Missionare mit ihrem biblisch abgestützten Bestreben, die Naturgesetze umzustossen und das irdische Leben auf überirdische Phantasien auszurichten. Aus der alttestamentarischen Perspektive sind Menschen, bei denen Unwissenheit über Gott herrscht (Heiden), "von Natur" (d.h. von Grund auf und gänzlich) nichtig (Weish. 13,1). Alles Naturhafte wurde als irrig betrachtet; dementsprechend wurden "Irrlehrer" dargestellt als Menschen, die wie "unvernünftige Tiere auf bloss Naturhaftes" beschränkt sind (Judas-Brief 10; 2. Petrus-Brief 2,12[2]).

Ein solches religiöses Umfeld war eine grossartige Voraussetzung für ein grenzenloses Freibeutertum, untermauert von einem national ausgerichteten Machtdenken, das in Europa weit verbreitet war. Urvölker wurden im Rahmen der Kolonialisierung, die der Missionierung auf dem Fusse folgte, entweder ausgerottet oder aber zumindest sozial entwurzelt. Das zentrale Ereignis war die Beschaffung von Rohstoffen – von Bodenschätzen, Nutzpflanzen, Tieren und Bestandteilen davon und Menschen (Sklavenhandel). Wer Schusswaffen besass und diese rücksichtslos einsetzte, war allmächtig. Das letzte Relikt aus jenen schiessfreudigen Zeiten ist ausserhalb kriegerischer Ereignisse heute noch die Jagd. Es wird selbst noch auf Tiere geschossen, die kurz vor dem Aussterben sind, wie etwa auf Feldhasen, Steinadler und die wieder eingebürgerten Bartgeier, teils legal, teils illegal.

Nach der Missionierung und Kolonialisierung kam die Entwicklungshilfe, da es nirgends mehr möglich war, das vorkoloniale kulturelle Gefüge wieder herzustellen. Der Westen wollte die ganze Welt auf den gleichen Weg trimmen, den er selber eingeschlagen hat – heute heisst das Globalisierung. Die Ausbeutungsmechanismen sind inzwischen verfeinert worden. Handelsliberalisierungen wie im Gatt/WTO[3]-Abkommen führen, solange klare, ökologisch orientierte Rahmenbedingungen fehlen, zur Verdrängung von natur- und menschengerecht hergestellten Produkten vom Markt.

Konzentrationsprozesse aller Art, marktwirtschaftliche Zusammenschlüsse: die Welt wird kleiner, freihändlerischer, uniformer, anfälliger für Umweltkatastrophen und soziale Unruhen. Der Mythos "Globalisierung" sollte, statt gedankenlos nachgebetet, endlich kritisch überdacht werden. Die Frage: Müsste nicht gescheiter die Lokalisierung zum Leitbild erhoben werden? Kleine Gebilde sind von Natur aus freiheitlich. Sie müssen offen sein, ohne ihre Selbstständigkeit aufzugeben.

Die heutige Kunst bestünde darin, globale Verirrungen zu überwinden.

Walter Hess

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[1] Nach modernem Verständnis umfasst Nachhaltigkeit die folgenden 3 gleichwertigen Verträglichkeitsbedingungen: Natur-, Wirtschafts- und Sozialverträglichkeit. Dazu Thomas W. Bechtler, Präsident der Swisscontact, Zürich (im SKA-Bulletin 3.4-1996): "Noch ist die Umwelt in diesem magischen Dreieck unterbewertet. Öffentlichkeit und Unternehmer sind zur Korrektur dieses Ungleichgewichtes aufgefordert. Die Anforderungen an diesen Prozess sind hoch; insbesondere soll der Mangel wirtschafts- und sozialverträglich korrigiert werden. Zu vermeiden sind zu hohe Anpassungskosten; investierte Kapitalien dürfen nicht zerstört werden; die sozialen Veränderungen dürfen keine Krisen auslösen. Auf der anderen Seite muss zielstrebig, früh und wirksam genug gehandelt werden, damit ökologische Schäden in ausreichendem Mass vermieden und abgebaut werden können".
[2] Petr. 2,12: "Aber sie (die Irrlehrer) sind wie die unvernünftigen Tiere, die von Natur dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden; sie lästern das, wovon sie nichts verstehen, und werden auch in ihrem verdorbenen Wesen umkommen."
[3] Die Welthandelsorganisation WTO (World Trade Organization) trat am 1. Januar 1995 an die Stelle des bisherigen Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt). Sie bildet die Dachorganisation der 3 Grundverträge Gatt, GATS (Dienstleistungsabkommen "General Agreement on Trade Services") und TRIPS (Abkommen zum Schutz geistiger Eigentumsrechte "Trade-Related Aspects of Property Rights"). Die WTO besitzt völkerrechtlich eine eigene Rechtspersönlichkeit mit Sitz in Genf.

Erinnerungen José A. Lutzenberger

José A. Lutzenberger war auf dem politischen Parkett eine einzigartige Erscheinung: Er blieb seinen Grundsätzen treu, auch wenn er sich damit ins Abseits stellte. Er war Ökologe durch und durch und kannte das Leben der Blattschneiderameisen so genau wie die machtpolitischen Zusammenhänge auf dieser Erde. Er war ursprünglich Agrochemiker in Deutschland (bei BASF) gewesen und erkannte, "dass der Weg des chemischen Pflanzenschutzes, der mit Giften Schädlinge bekämpfen oder ausrotten will, ein grundsätzlich falscher, gefährlicher und auf lange Sicht mörderischer Weg ist". Lutzenberger versuchte, mit biochemischen und mikrobiologischen Massnahmen bessere Ergebnisse zu erzielen.

Laut seinen Beobachtungen und Feststellungen sind "Biologen zu Nekrologen" geworden, und er sprach von einem "biologischen Holocaust" durch die moderne Industriegesellschaft: "Die wahren Ursachen haben mit Religion, mit Weltanschauung zu tun", erklärte er auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag (10. Juni 1989) in Berlin. Und weiter: "Aus unserer jüdisch-christlichen, d.h. biblischen Vergangenheit haben wir die Vorstellung, dass wir Menschen die einzige Art sind, auf die es auf diesem Planeten ankommt (...) Aus dieser anthropozentrischen Weltsicht kommt unsere begrenzte, beschränkte, diskriminierende Ethik." Für ihn war die Industriegesellschaft eine "fanatische Religion und messianische Bewegung" er liebte es, Klartext zu sprechen. Er mochte es nicht mit ansehen, wie die Welt in entwickelte und unterentwickelte Gebiete aufgeteilt wurde. Er verfluchte die westliche Arroganz, die sich nicht vorstellen kann, "dass der Indianer im Urwald zufrieden ist, dass er dort glücklich ist". Er wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, "dass die grosse Verwüstung der Natur und organisch gewachsener Gesellschaftsformen von Europa ausgegangen, westlichem Geist entsprungen ist".

1990 wurde Lutzenberger vom konservativen brasilianischen Präsidenten Fernando Collor de Mello, dessen Wahlkampf vom Medienkonzern "Globo" gefördert worden war, zum Leiter des Sondersekretariats für Umweltfragen und damit faktisch zum Umweltminister berufen. Doch dies scheint rückblickend nur eine Alibimassnahme gewesen zu sein. Lutzenberger kämpfte an allen Ecken und Enden. Im Sommer 1990 gelang es ihm, einen 220-Millionen-USD-Kredit für eine riesige Güterregulierung in Amazonien (Programm "Planafloro") zu stoppen, die für den Tropenwald verheerende Auswirkungen gehabt hätte, und er konnte vorerst die Verlängerung der Transamazonica westwärts verhindern. Der Zustand des tropischen Regenwaldes verschlimmerte sich trotz alledem weiterhin, fast einem zivilisatorischen Naturgesetz folgend. Lutzenberger warf der Regierung, der er selber angehörte, öffentlich Korruption vor (was später eindeutig feststand) und wurde gefeuert. Er war untragbar geworden...

Ich hatte verschiedene Male mit José A. Lutzenberger und seiner ihm hilfreich zur Seite stehenden Tochter Lara Kontakt; er lebte in Porto Alegre (Rio Grande do Sul, Brasilien). Ende Januar 1994 weilte er für eine Reihe von Vorträgen, die er an der Hochschule St. Gallen hielt, einige Tage in der Schweiz. Es war für mich ein Höhepunkt meiner umweltjournalistischen Laufbahn, dass er mir für ein fast siebenstündiges Gespräch am Bodensee zur Verfügung stand ("Natürlich" 5-1994: "Die weltweite Verbreitung der Industriekultur"). Er hat mein ökologische Gewissen geschärft und mich in meinem Einsatz für Lebensräume und Natur bestärkt: "Es ist ein Rennen zwischen einer zunehmenden Bewusstseinsbildung und einer zunehmenden Zerstörung...".

Am 15.Mai 2002 habe ich einen Freund und Lehrmeister verloren, dem ich mit der obigen Betrachtung zur Globalisierung ein kleines publizistisches Denkmal setzen möchte. Diese Arbeit ist in den wesentlichen Teilen im 2. Semester 1996 entstanden und im Sommer 2002 etwas aktualisiert worden – verschiedene Voraussagen waren bis dahin eingetroffen.

Selbst die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) bezeichnete Lutzenberger nach dessen Hinschied als einen "der Leuchttürme der internationalen Umweltbewegung" und als "Grünes Gewissen Brasiliens", ein Umweltpionier von Rang, der in den internationalen Konzernen die grösste Gefahr für die Natur erkannte. Sein besonderer Feldzug galt der "Vergiftung Brasiliens", und seine politische Wirkung war sensationell: Der Gebrauch von so genannten Pflanzenschutzmitteln, die nun als Agrotoxine ("agro-tóxicos") bezeichnet werden mussten, reduzierte sich in Brasilien um 70%, was zeigt, welche Wirkung verantwortungsbewusste Politiker entfalten könnten.

Die von einem tiefen ökologischen Verständnis getragenen naturschützerischen Marksteine, die José A. Lutzenberger gesetzt hat, sind inzwischen unter dem Schutz der globalistischen Denkstrukturen und Verwirrungen begraben. Sie würden es verdienen, wieder ans Licht geholt und als Wegweiser benützt zu werden.

Walter Hess


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