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     11. Dezember 2018, 00:08 Uhr
 


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Die Globalisierung der Exotik

"Jetzt wird die Kalahari Beef-Country", so wird ein Tourismus-Chauffeur in einem Reisebericht von Michael Obert zitiert. Der Fahrer durchquert die Trockensteppe am Steuer eines Landrovers auf dem Trans-Kalahari-Highway, an Tankstellen, an einer weidenden Rinderherde und an einem Viehlaster vorbei. Aus dem Kassettenrekorder ertönt ein Johann-Strauss-Walzer, während "eine Straussenfamilie über Sanddünen tänzelt". Nach 2 weiteren Stunden im Landrover entdeckt der Reisende nur noch "Gabelstapler statt Straussenfamilien". Der ursprünglich auf abenteuerliche Fahrten in der afrikanischen Wildnis spezialisierte Führer hat die Kassette aus Mangel an Abenteuern in den Rekorder gelegt, während er die Fahrt gelangweilt, "ohne besonderen Aufwand, ohne Mühen, fast ohne Risiko" absolviert, wie der Journalist schreibt.

Viehlaster seien übrigens heute die Regel auf dem 600 km langen Trans-Kalahari-Highway, während die Farmer früher ihre Rinder durch die Wüste treiben mussten, um sie in Südafrika zu verkaufen – eine umständliche und teure Angelegenheit. Nun sind die Kosten für die Viehzüchter dank der 130 Millionen CHF teuren Transitstrasse gesunken, und sie können jetzt auf ihren riesigen Farmen nicht nur Brahmanen- und Afrikander-, sondern auch Simmentaler-Rinder halten. Die Zunahme (und Globalisierung) der Viehbestände wirkt sich unter anderem als Nachteil für die Lebensräume der Wildtiere aus, die von den Zuchttieren mehr und mehr verdrängt werden.

Auf die oben beschriebenen Non-Adventures des Soft-Tourismus kann ich zum Glück verzichten, um ferne Kontinente und exotische Völker wie jenes der seit 12'000 Jahren existierenden Buschleute der Kalahari zu erkunden, die dort in ihren Rundhütten aus Lehm lebten. Diese wurden von den Viehzüchtern und von europäischen Einwanderern ohnehin aus ihren angestammten Wohngebieten verjagt oder von ihrer Regierung umgesiedelt und mit Bier zivilisiert. Die Indianerreservate in den USA lassen grüssen... Bleibt nur noch die landschaftliche Exotik der fremden Kontinente. Aber diese kann ich viel bequemer auf der Filmleinwand, auf dem Bildschirm oder aus Büchern – wie zum Beispiel jenen von René Gardi – erleben.

So wandelt sich die ganze Welt zu einem einzigen monotonen Bier- und Coca-Cola-Country, zu einem von Highways umspannten, von europäischer und amerikanischer Musik überfluteten Planeten. Zum Glück wurde der ursprüngliche Zustand, die Übereinstimmung zwischen Mensch, Tier und Natur, die einstmals in solchen Regionen voller fremdländischer Romantik herrschten, zum Teil in früheren Filmen, Fotos und Reiseberichten festgehalten. Andernfalls würden diese uralten Kulturen und Wildtierpopulationen nicht nur verschwinden, sondern auch vergessen bleiben.

Lislott Pfaff

Quelle: Obert, Michael: "Der Kalahari fehlt der 'Geruch des Lebens' ", Basler Zeitung", 08./09.06.2002

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