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Eine Rede unter dem Seziermesser

Kommentierende Bemerkungen zur Abschiedsansprache des damaligen "Natürlich"-Chefredaktors Walter Hess am 14. Juli 2002 auf Schloss Wildegg AG (Schweiz)

Das Textatelier bietet als eine seiner 39 Ghostwriting-Dienstleistungen das Verfassen von Reden an. Deshalb ist es wohl angezeigt, am Beispiel einer konkret gehaltenen Rede auf einige Grundsätze beim Aufbau des Manuskriptes aufmerksam zu machen. Die rhetorischen Talente sind dann eine andere Sache; sie sind an dieser Stelle ausgeklammert (der Idealfall ist der freie Vortrag).

Der Inhalt einer Rede muss immer auf den Kern des Anlasses, auf das spezielle Publikum und das aktuelle Umfeld ausgerichtet sein und darf und soll die Persönlichkeit des Referenten spiegeln, das heisst von Leben und Individualität erfüllt sein. Beruhigende Passagen, die der Erholung der Zuschauer dienen, sind oft nötig und erlaubt, niemals aber Langeweile.

Die nachstehend angefügte, etwas gekürzte und leicht modifizierte Rede hielt Walter Hess bei der Feier zum pensionsbedingten Rücktritt aus der Chefredaktion der Zeitschrift "Natürlich"im Garten des Schlosses Wildegg am 14. Juni 2002. Der festliche Anlass war von Martina Molin einfühlend und mit einem ausgesprochenen Sinn für den passenden Rahmen organisiert worden. Rund 120 Personen waren der Einladung gefolgt, darunter etwa 60 Leserinnen und Leser, welche der Zeitschrift seit 22 Jahren die Treue gehalten hatten – was wäre eine Zeitschrift ohne treue Leser? Unter den Geladenen befanden sich ferner zahlreiche Verlagsfachleute, publizistische und künstlerische Mitarbeiter, Familienangehörige, Freunde usf.

Dementsprechend richtete sich die Rede im Hauptteil thematisch im Wesentlichen auf den Zustand des heutigen, an der Verkürzungsmanie schwer erkrankten Journalismus aus – mit einer Überleitung zu den neuen Horizonten im Internet, dargelegt am Beispiel des damals gerade entstandenen Textateliers. Die gut halbstündige Rede wird hier seziert und kommentiert. In den Kästen sind jeweils erläuternde Bemerkungen angebracht.

Ein paar Worte sprechen, wie es sich gehört

Liebe Lüüt, alli wo doo sind

"Liebe Leute, alle Anwesenden": Mundartliche Anrede, die keine einzelne Person ins Zentrum stellt. Anders wäre es, wenn die Feierstunde auf eine bestimmte Persönlichkeit oder auf eine Personengruppe ausgerichtet wäre. Dann müssten die Namen genannt und vorangestellt werden.

Sie kennen mich gut genug und ich Sie auch. Sie wissen fast alles über mich ich aber weiss weniger über Sie: Sie entblössen sich ja nicht dauernd publizistisch. Und doch gehört es sich, bei solchen Gelegenheiten ein paar Worte zu sprechen.

Die Zuhörer werden direkt angesprochen, und es wird ein Bezug zum publizistischen Beruf des Referenten hergestellt.

Die Vorbereitungen waren unter dem Oberbegriff Überraschung abgelaufen. Bestenfalls tauchten Indizien auf. Und dann die perfekte Überraschung: Dieser enorme Aufmarsch im Wildegger Schlosshof und nicht etwa auf dem Areal der Zementfabrik! Ich bin überwältigt. Das sieht beinahe nach einem Staatsempfang aus. Die Ehrung gilt einer Zeitschrift.

Damit erfolgte der Bezug zum Standort der Festgemeinde. Die Bedeutung des Anlasses und damit vor allem der Eingeladenen kann dadurch betont werden. Dazu tragen auch folgende weitere Einzelheiten bei:

Wir befinden uns an einem musealen Ort, auf dem Areal einer Aussenstation des Schweizerischen Landesmuseums, wo die Pro Spezie rara manchmal Samen und Setzlinge von alten Sorten verkauft. Die Organisation setzt sich für seltene und vom Aussterben bedrohte Geschöpfe aus der Pflanzen- und Tierwelt ein, wie aus ihrem Namen hervorgeht. Das passt zu dieser Abschiedsfeier: Wer sich verabschiedet und damit eine vorgezogene Form des Aussterbens praktiziert, wird in landesüblicher Art anstandshalber den wertvollen Arten zugerechnet.

Der Bezug zum Ende einer von Kuriositäten geprägten personellen Ära und die Doppeldeutigkeiten verleiten die Zuhörer zum Schmunzeln. Im gleichen Stil werden nun weitere mehrdeutige Bezüge hergestellt:

Das Mobiliar im Schloss Wildegg aus dem 17. und 18. Jahrhundert passt haargenau zu unserer Denkweise. Wenn Sie es bewundern, werden Sie begeistert sein... Und der Lustgarten passt zu unseren Schreiblüsten und natürlich der Weitblick. Dieser Weitblick:… Der Ort könnte nicht geschickter und symbolträchtiger ausgewählt worden sein.

Damit ist der Rahmen abgesteckt, die Position markiert, der Gegenstand der Rede selbstbewusst angedeutet: Blick über den Horizont hinaus. Und die Zuhörerschaft darf am Ringen um die passende Thematik teilhaben, wobei der „Link“ zu einem damals gerade aktuellen Ereignis hergestellt wurde:

Ja, was sagt man bei solchen Gelegenheiten in einem derart festlichen Rahmen? Zuerst dachte ich, ich könnte mit einem Vortrag über Acrylamid[1] richtig liegen, mit dem ich mich gerade fürs "Natürlich" befasst habe. Denn bei solchen Festivitäten gibt es in der Regel immer Pommes Chips. Sie sind tragende Elemente von Festivitäten, eigentliche Partyknüller nicht aber bei diesem Anlass! Und genau diese sind jetzt auch noch in Verruf geraten, ausgerechnet zum Beginn der Sommersaison mit ihren Gartenfesten. Nehmen wir statt bei Chips deshalb besser beim Danken Zuflucht. Es kann Verlegenheit oder Pflichtübung sein. Mir ist es ein Bedürfnis.

Worte des Dankes müssen meistens sein. Bringen wir sie hinter uns, so lange die Leute noch aufmerksam sind, ohne sie damit zu ermüden:

(...) Ein ganz herzlicher Dank gilt Ihnen allen, die Sie die Einladung angenommen haben, denn das Erscheinen eines Menschen, die Opferung von Zeit, ist das schönste Geschenk, das man entgegennehmen darf.

Es folgt, was gesagt werden muss, individuell adressiert oder pauschal, wie es die Situation gebietet. Worte des Dankes laufen immer Gefahr, ins Floskelhafte abzugleiten, und gibt man sich noch so Mühe, sie mit lebensphilosophischen Höhenflügen zu umranken. Deshalb muss schleunigst Erfrischenderes angekündigt werden:

Damit können wir diesen Teil des Erntedankfestes als beendet erklären und zum Thema Erfahrungen übergehen, zum Erkenntnistheoretischen; denn wer zurücktritt soll bitte an die Nachwelt weitergeben, was er durchfahren und welche Schlüsse er daraus gezogen hat. Erfahrungen sind die Grundlagen für sichere Orientierungen bei der Vorausschau. Das Vertrautsein mit Handlungszusammenhängen, mit Sachzusammenhängen unter Rückgriff auf vorhandenes Wissen das ist es, was uns alle sicher durch die Labyrinthe leitet.

Um nicht in den Höhen des Tiefsinns zu versinken, wird hier eine auflockernde Einlage zwingend: Der Referent kramt aus einem umfangreichen Aktenkoffer etwa 700 A4-Blatt Papier hervor.

Ich habe da alles aufgeschrieben, was ich an Erfahrungen gesammelt habe… Ich hoffe, dass Sie etwas Zeit haben und nicht schon heute wieder aufbrechen müssen… Bis übermorgen um 16 Uhr sollten wir das Gröbste hinter uns haben...

Allerdings habe ich immer wieder schmerzlich erfahren müssen, dass das Erfahrungswissen wenig gefragt ist; mein grosses Dokumente-Archiv über alle möglichen Aspekte des Aargaus und der Welt ausserhalb davon wurde aus Nachfolgerkreisen nur ein einziges Mal benützt. Und inzwischen ist die Zeit noch schnelllebiger geworden. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich dieses Erfahrungswissen überspringe, weil Erfahrungen heute kaum noch gefragt sind.

Der grösste Teil der Papierberge wird jetzt demonstrativ weggeworfen zur Erheiterung und Erleichterung des Publikums.

So. Sie sehen, Erfahrungen sind nützlich, bringen uns weiter. Sie bringen uns schneller voran. Was zu beweisen war.

Bei der anschliessenden so genannten Stabübergabe wird das grosse Thema Erfahrungen nun auf das Alltagsniveau heruntergebrochen:

In dieser Runde sind 2 nette und ausserordentlich tüchtige, in Belangen der naturbezogenen Lebensführung versierte Menschen, welche die Chefredaktion übernehmen werden: Petra Horat Gutmann und Alex Bieli. Diesen Nachfolgern habe ich alle meine essenziellen Erfahrungen weitergegeben, Ihnen alles gesagt, was es so braucht, um eine Chefredaktion garantiert erfolgreich zu führen. Zum Beispiel: Wo das Körbli für den Postausgang ist. Wo man die eingehende Post findet. Wo die alten "Natürlich"-Nummern gelagert sind – für alle Fälle. Und welches Formular man verwendet, wenn man 2 oder 3 Ferientage anmelden will, falls jemand überhaupt dazu kommt. Und wo man Büroklammern bestellt. Welcher Papierkorb für Kunststoffumhüllungen und welcher für Papier vorgesehen ist.

Das ist grundlegendes Wissen für jede Redaktion. Und würden das alle ausgedienten Redaktoren so freigiebig weitergeben wie ich das soeben getan habe, brauchte es all diese marketing-orientierten journalistischen Ausbildungsstätten nicht.

Der Abstecher in Form eines Seitenhiebes auf die Publizisten-Ausbildung, die sich in Nebensächlichkeiten verrannt hat, führt auf die Ebene des Ernsthafteren zurück:

Im Übrigen wäre es falsch, die nachrückenden Generationen auf seine eigene Linie trimmen zu wollen. Ich selber liess mich auch nie in vorgegebene Muster einfügen und erfand selber immer wieder neue Fehler. Zum Glück gab es genügend Leser, die all den Unsinn, den wir produzierten, gerne mochten. Und einzig und allein darauf kam es mir an nicht auf den Unsinn, sondern auf die Leser.

Aber wie findet man Leser in grösserer Zahl? Dutzendweise, ja Hunderte? Ich rate zu Expertenbefragungen, zu Unternehmensberatern amerikanischen Zuschnitts, McKinsey, welche u.a. die Swissair zu Höhenflügen anspornten.

Nach allgemeinen Feststellungen wird es Zeit für ein hautnahes, persönliches Erlebnis:

Ich darf Ihnen ein Beispiel anvertrauen. Vor ein paar Jahren wurde aus dem altehrwürdigen AT-Haus ein AZ-Haus[2] . Nach der vollzogenen Fusion untersuchte ein viel versprechender zeitschriftenkundiger Fachexperte aus dem Ringier-Verlag[3] unsere Objekte und gab seinen Kommentar dazu ab. Der 1. Satz seiner umfangreichen, tiefsinnigen und sehr kostbaren Analyse über das von mir geleitete "Natürlich"ist mir unvergesslich. Er bestand aus 2 Wörtern:"So nicht."

Der moderne junge Mann drückte sich in einer bestechenden Kürze und Klarheit aus. Ganz im häppchen-journalistischen Ringier-Stil. Eine "Blick"-Schlagzeile, 2 Wörter, die alles sagen, wie ein Abbruchhammer wirken: "So nicht." Da ist alles falsch. So kann man es doch nicht machen, ist der innere Gehalt des Wortpaares, wenn ich richtig interpretiere.

Aber ich blieb stur. Meine Devise: "Trotzdem und gerade deshalb so weiter." Weil das vernichtende Urteil von einem Ringier -Mann kam, war es für mich ein Kompliment. So etwas motiviert.

Nur weiter so. Kürze und Verkürzungen waren ein Merkmal der vergangenen Jahrzehnte.

Dieses Erlebnis wird vom Referenten nun zum Anlass dafür genommen, seinen Hang zu ausführlichen, umfassenden und vernetzt zusammenhängenden (kommentierenden) Berichterstattungen an einem damals gerade aktuellen Exempel darzulegen:

Das ehemalige "Meyers Frauen- und Modeblatt" wurde schlicht zum "Modeblatt" und dann zu "Meyer's". Wahrscheinlich wäre bei der nächsten Titelverkürzung gerade noch das "M" übrig geblieben. Aber diese Phase ist auf dem direkten Weg von "Meyer's" ins Zeitschriften-Nirwana übersprungen worden.

Genau wie der Zeitschriftentitel wurde auch der Textteil von "Meyer's" gekürzt, ständig verkürzt; jeder Buchstabe, der nicht unbedingt sein musste, wurde eingespart. Diese Zeitschrift stellte sich, wie andere auch, sehr exakt auf die (laut Pisa-Studie) 40% leseschwachen Schweizerinnen und Schweizer ein, auf Leute also, denen das Lesen unendlich schwer fällt, die nur sehr beschränkte Lesefähigkeiten haben. Die Wahl genau dieses einen Zielpublikums ist für ein Druckmedium meines Erachtens aber doch sehr riskant. Das erinnert an den Verkauf von Kühlschränken an Nordpol- oder von Speicherheizungen an Saharabewohner.

Da sich die Rede an Zeitschriftenmacher, -schreiber und -konsumenten richtete, konnte nun voll aufgedreht werden da ging es zur Sache:

Die Leseschwäche hat inzwischen derartige Ausmasse angenommen, dass bereits der Ruf nach Bildungsfeuerwehren ertönt. Hoffentlich löscht man dann nicht gleich auch noch den übrig gebliebenen Geist aus und bucht diese Aktion unter Wasserschäden ab.

Ich führe die Leseschwächen zu einem Teil auf die Verkürzungsmanie bei den Druckmedien zurück. Und so drängt es sich angesichts der ausgebrochenen Bildungskatastrophe auf, erste Hilfe zu leisten. Vorerst wäre die gute alte Buchstaben-Beutelsuppe wieder aufzuwerten…

Ende März 2001 gab der Rat der Schweizerischen Wissenschaftlichen Akademien einen Bericht heraus. Das Thema: "Durch Bildung und Forschung die Zukunft gestalten." Darin steht, etwas holperig formuliert zwar: "Die Studierenden aus der Schweiz bekunden zunehmend Schwierigkeiten in den Bereichen von Sprachkenntnissen, natur- und sozialwissenschaftlichen Kenntnissen."

Der Stil, der auf ein gewisses Legasthenikertalent hindeutet, ist nicht das Schlimmste. Schlimmer ist die Aussage. Denn sie weist eindeutig darauf hin, dass wir auch an Hochschulen schon fast US-amerikanische Verhältnisse haben. Und weil dort zu allem Elend auch noch das ökologische Wissen entschwindet, müsste man die Zeitschrift "Natürlich"“ mit einem erhöhten Studentenrabatt an den höheren Schulen verteilen. Sonst zählen Naturwerte nichts mehr, und dann lassen unsere Studienabgänger auf dem Aletschgletscher nach Erdöl bohren, wie George W. Bush das in einem Naturschutzgebiet von Alaska tun wollte.

Die Lesefähigkeiten des Volkes und damit auch ein gewisses Bildungsniveau können nur dann über die Runden gebracht werden, wenn noch geschrieben und gelesen wird. Die Feststellung gilt auch in umgekehrter Form: Als bei "Meyer's" nach den Schnittmusterbögen auch die Buchstaben fast vollständig eliminiert waren es gab nur noch Hinweise auf Bezugsquellen der gemodelten Kleider , da hatte sich auch die Zeitschrift selber abgeschafft.

Die Verlagsrechte wären zu kaufen gewesen, aber niemand wollte diesen zwar nicht textilfreien, aber textfreien Modekatalog noch haben. Ein Kleiderständer ersetzte die rein aufs Visuelle ausgerichtete Zeitschrift vollauf.

Die Ansprache erhielt hier einen zeitkritischen, belehrenden, aber auch aufrüttelnden Charakter ein zentrales publizistisches Thema war angeschnitten und mit klaren Aussagen untermalt; durch eine gewisse Wiederholung wird die Aussage verstärkt, eingehämmert:

Denn Leser, die nicht lesen können, sind keine Leser. Und es ist für sie sinnlos, eine Zeitschrift zu abonnieren. Zu sehen gibt es ohnehin genug. Es gehört zu den grossartigen Leistungen der "Natürlich"-Redaktion, dass sie solche Zusammenhänge schon in den Säuglingsjahren der Zeitschrift erkannt und eine Zeitschrift für funktionierende Alphabeten und nicht für funktionale Analphabeten gemacht hat. Und wir haben uns sogar zur Meinung hinreissen lassen, Zeitungs- und Zeitschriftenverlage müssten das Lesen statt das Tschutten (Fussballspielen) und dergleichen fördern, haben damit wohl aber schon etwas übers Goal hinausgeschossen.

Nach dem Eigenlob ist eine gewisse Relativierung fällig:

Von Fussball verstehe ich übrigens auch nichts.

Nichts gegen Fussball-Weltmeisterschaften und Grümpelturniere, nichts gegen erläuternde gute Bilder, die mehr als Worte sagen, und nichts gehen informative, kunstvolle Zeichnungen. Aber nach dem 380. Pressebild von Moritz Leuenberger weiss ich, wie er in allen Lebenslagen aussieht. Und auch den besänftigenden Gesichtsausdruck von Ruth Dreifuss[4] kenne ich inzwischen. Liesse man solche überflüssige Bilder weg, gäbe es Platz für Buchstaben.

Zeitungen und Zeitschriften müssen ans geschriebene Wort glauben. Sie schaffen sich selber ab, wenn sie den Text ausrotten.

Eine philosophische Betrachtung (hier zum Schreiben) kann nach solchen Donnerschlägen eine Phase der beschaulichen Nachdenklichkeit herbeiführen:

Der Umgang mit der Sprache beim Schreiben ist etwas Wundervolles. Man kann die Sprache drehen und wenden. Man kann mit ihr Unerklärliches begreifbar machen und Klares vernebeln. Man kann mit ihr poltern und Pfähle einrammen, säuseln, winken und aus ihr aufputschende Soldaten- und beruhigende Schlaflieder dichten. Sie lässt sich zu einem Gewebe stricken. Man kann mit ihr häkeln, die Sätze zu Schnüren und Drahtseilen formen, auch zu Netzen. Man kann Wortfolgen zerhacken heute üblich , Sätze verbiegen, Karrieren aufbauen und zerstören. Die Sprache macht alles mit. Nur eines darf man mit ihr nicht tun: Sie schrittweise abschaffen. Es sei denn, es seien nur noch Ami-Brocken, so genannte Anglizismen, übrig geblieben. Dann wäre das Abschaffen von solch einem Dekulturations-Kauderwelsch zu den guten Taten zu zählen.

Folgerichtig lag nun die Frage im Raum, was ein Journalist, der seinen Beruf liebt, nach der Pensionierung tut; denn das Persönliche interessiert immer. Ein gewisser Werbecharakter ist auf diese Weise wohl erlaubt.

Soweit das Grundsätzliche. Nun zum eigenen Psychogramm. Es geht um die fundamentale Frage, wie denn ein Mitglied der rar werdenden Spezies der Vielschreiber mit seiner Pensionierung zu Rande kommt. Schock. Schwarzes Loch. Absitzen aufs Altenteil. Wie geht das zusammen: Pensionierung ohne das Schreiben, eine Zeit der Sprachlosigkeit ohne Lautsprecher in Form von Druckmaschinen und Vertriebsabteilung?

Ich musste mir etwas einfallen lassen, und die Umstände waren gerade günstig. Ich hatte nämlich zufällig zu Ohren bekommen, dass in den Computern die Speicherkapazitäten immer grösser würden und im Internet praktisch unbegrenzt Platz sei. "Du muesch a Homepage iirichte"[5], sagte mein Schwiegersohn. Ich hatte eine strenge Erziehung. Und immer wenn man mir etwas befiehlt, etwa ich müsse eine Homepage einrichten, dann füge ich mich. Er richtete für mich eine ein; ich brauchte bloss ein paar Wörter zu erfinden.

Und so entstand dann unser virtuelles Unternehmen Textatelier, dessen Name bezeichnenderweise aus Text und Atelier besteht, das etwas mit Werkstatt zu tun hat. Da werden also Texte zusammengeschustert. Wir banden diesen Laden über einen Internet-Service-Provider – kurz ISP an einen Grosscomputer an und ich schrieb in meiner Freizeit unbeschwert wild drauflos, vorerst etwa 200 Artikel, teilweise längerer Natur; viele sind sehr ausführlich. Sie brauchten Bildschirme in der Form von Telefonstangen, nur nicht so rund, wollte man alle Zeilen aufs Mal anzeigen. Und dann fragte ich meinen Schwiegersohn, ob unsere "Kiste"allmählich voll sei.

"Nein, nein", antwortete er, unsere MySQL-Datenbank habe Platz für 50 Millionen Zeilen. Das schien mir etwas knapp zu sein. Für mich hat eine Zeile etwa 55 Anschläge, Zwischenräume eingerechnet. Aber was ist eine Zeile in der Datenbanksprache? Ich wurde belehrt: Es ist ein Dokument; auch ein ganzes 1000-seitiges Buch ist eine Datei, ein Dokument. Auch ein Buch ist 1 Zeile.

"Dann habe ich ja Platz für 50 Millionen ausgewachsene Bücher", jubilierte ich.

"Genau so ist es", bestätigte mein junger technischer Berater in väterlich-belehrender Tonlage.

Ich lobpries die technischen Errungenschaften: Einfach fantastisch, was der menschliche Geist alles zuwege bringt. Wie konnte ich nur, in blindem Vertrauen, die Natur würde es schon richten, meine ersten 65 Jahre in einer Art Dämmerzustand vertrödeln! Es gibt halt doch nichts Grossartigeres als die menschliche Innovationskraft!

Ich rechnete fieberhaft: Wenn ich täglich bloss 10 Bücher (Zeilen) schreiben würde, hätte ich 5 Millionen Tage zu tun. Nun bin ich 65, und dafür hat es lediglich 23 740 Tage gebraucht. Meine Zeit genügt mit dem besten Willen nicht, um die Datenbank auch nur annähernd zu füllen.

Ich habe mich dann entschlossen, einige Leute beizuziehen, die ebenfalls gern schreiben und mit Texten umgehen ohne Zeilen-Guillotine. Auch bestqualifizierte Zeichner sind gefragt; denn eine Zeichnung füllt auch wieder 1 Zeile.

Inzwischen aber hört man, dass Kapazitätsprobleme bei der Internet-Übertragung auftauchen sollen. Bitte schieben Sie nun nicht voreilig die Schuld mir in die Schuhe! Es hängt mit der Bewirtschaftung des Netzes zusammen. Der Netzbetreiber KPN-Qwest schaltet gerade einige Glasfaserstrecken ab ausgerechnet jetzt. Und jetzt könnte auch hier der Platz wieder knapp werden.

Und nach alledem wird zum besinnlichen Ausklang, zu den Schlussworten angesetzt:

Das Wirken von uns Menschen ist sehr begrenzt. Wir werden immer wieder zurückgebunden und müssen mit unserer eigenen unglaublichen Begrenztheit leben.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Selbst Ihre Aufnahmefähigkeit ist begrenzt. Ich möchte Sie damit nicht beleidigen, sondern ich weiss, wie sehr einem lange Reden auf die Nerven gehen. Der Abend in diesem Schlossgarten verdient Besseres.

Ich wünsche Ihnen ab jetzt viel Vergnügen.

Der sanfte Schluss stellt den Gedanken an die unsere Endlichkeit in den Raum und ist zwischen den Zeilen eine Aufforderung, den festlichen Rahmen zu geniessen. Das Ende muss nicht immer aus einem Feuerwerk bestehen. Es darf auch einmal ein besinnlicher, unsentimentaler Ausklang sein, herausgewachsen aus dem Gefühl für die angemessene Stimmung.

____________

[1] Das Acrylamid war gerade in gebackenen, frittierten Kartoffelprodukten wie Pommes Chips und Pommes frites entdeckt worden. Es gilt als erbgutschädigendes, krebserregendes Nervengift.
[2] Hier ist die Fusion von "Aargauer Tagblatt" (AT) und "Badener Tagblatt"“ (BT) im Jahr 1996 angesprochen. Daraus ist die "Aargauer Zeitung"“ (AZ) entstanden. Faktisch war es eine Übernahme des AT durch das BT.
[3] Der Ringier-Verlag ist die beherrschende, tonangebende Grösse im Schweizer Medienwesen. Wenige Wochen nachdem diese Rede gehalten worden war, flog die inszenierte Kampagne um den ehemaligen Schweizer Botschafter Thomas Borer auf, mit der sich der zum Verlag gehörende "Sonntags-Blick" über ethische Prinzipien hinweggesetzt hatte.
[4] Moritz Leuenberger und Ruth Dreifuss sind amtierende Bundesräte (Mitglieder der Schweizer Landesregierung).
[5] "Du musst eine Homepage einrichten."

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