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Herdentrieb als Globalisierungsfundament

"Beinahe täglich spielt sich an den europäischen Börsen ein unwürdiges Schauspiel ab. Am Vormittag holen die Investoren die Gewinne oder Verluste nach, welche Wall Street am Vorabend nach dem Handelsende in Europa gemacht hat, und schauen, in welche Richtung sich die Futures in den USA entwickeln. Über Mittag beruhigt sich der Handel etwas, und ab 15 Uhr 30 gibt wieder der amerikanische Aktienmarkt die Richtung vor." "NZZ", 12. August 2002: "Mut zur Emanzipation"

Biologisches Wissen, jedem Lexikon zu entnehmen: Viele Tierarten haben die Tendenz, in einer Herde zusammenzuleben, eine exakt vorgezeichnete Rangordnung einzuhalten und den Herrentieren zu folgen. Auch viele Menschen kennen diese Eigenschaft. Sie sind bereit, sich kritiklos unterzuordnen bis hin zur Selbstaufgabe, zur Anonymität. Sie verhalten sich genau so, wie die übrige Herde auch, dem Selbsterhaltungstrieb folgend, um es leichter zu haben, um nicht ausgeschlossen und zur leichten Beute eines Raubtiers zu werden.

Überträgt man solche Allgemeinplätze aus dem Biologieunterricht der Primarschulstufe auf eine zunehmend globalisierte und oberflächlich fast durchgehend informierte Gesellschaft, kommt man zu erschreckenden Erkenntnissen. Wir zeichnen bewusst schwarz-weiss im Wissen, dass es immer noch gewisse Grautöne gibt, allerdings mit abnehmender Tendenz.

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Betrachten wir die Herdentriebfolgen an einem besonders eindrücklichen Beispiel: dem Drama namens Finanzmärkte: Wenn alle Marktteilnehmer Wertpapiere kaufen oder alle solche verkaufen, wenn alle in eine bestimmte Währung stürzen oder panikartig daraus fliehen, kommt es zu dramatischen Überreaktionen, die jede Stabilität erschüttern und Systeme zusammenbrechen lassen. Es stellen sich Krisen ein, welche die Herde wiederum zu einer neuen gemeinsamen Reaktion verleiten, was neue Überzeichnungen verursacht. Die Internet-Börsenblase ist ein bezeichnendes Beispiel dafür. Der Euphorie ("Euphoria of Finance") folgte die Angst ("Fear of Finance"[1]). Investorpanik-Reaktionen (und auch das Gegenteil davon) sind an der Tagesordnung: Zieht eine bekannte Persönlichkeit ihr Kapital aus einer bestimmten Region ab, vermuten die Beobachter, diese habe dafür gute Gründe (spezielle Kenntnisse) und ziehen ihr Geld vorsichtshalber ebenfalls zurück. So können ganze Länder ins Elend geraten. Umgekehrt kommt es sachlich ungerechtfertigten Blasen, deren Eigenschaften hinlänglich bekannt sind.

Die Existenz des Herdentriebes ist kein Insiderwissen einiger weniger Erleuchteter. Deshalb wird er von Meinungsmachern und vermehrt auch von Landesregierungen oder übergeordneten Machtgremien vermehrt genutzt, um das Erreichen eigener Ziele zu erleichtern. International agierende Kommunikationsnetzwerke können dafür engagiert werden. Sie kennen sich in der Lenkung, Führung und Verführung der Massen aus. Kommunikationsberatung heisst das. Ob man eine Wahl gewinnen, Feindbilder aufbauen und einen Krieg lancieren oder die Menschen für Überwachungsmassnahmen empfänglich machen will, Fachexperten wissen den Herdentrieb weltumspannend in vorgegebene Bahnen zu lenken.

Die Plattform für Informationskriege können nur die Medien sein. Also muss es gelingen, die Leitmedien zu beeinflussen und gleichzuschalten beziehungsweise unangepasste auszuschalten. Das ist verhältnismässig einfach; denn auch bei der Mehrzahl der Medien war schon immer ein ausgeprägter Herdentrieb vorhanden, was sich allein bei der Angleichung der Serien im Fernsehen, bei den weltweit verbreiteten immer gleichen Sendeformaten und bis hin zum standardisierten Layout der gedruckten Presse äussert – Ausnahmen, die es zum Glück noch gibt, bestätigen die Regel.

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Viele Religionen und Gurus aller Art nutzen die Bereitschaft der Massen zum Mitlaufen zum Ausbau ihres Machtbereiches und damit auch für kommerzielle Zwecke. Das kritische Denken und Hinterfragen wird bei den Gläubigen bewusst unterdrückt, damit sie zu Narren Gottes werden; früher war es überhaupt verboten. Wer Kritik zu äussern wagte, war ein Ketzer und lebte lebensgefährlich. Wer sich nicht an die in einer Gemeinschaft gültigen Order hält oder gar aus ihr austritt und eigene Wege geht, den trifft die Strafe aus der Schafherde mit voller Wucht. Denn es wäre ja der Untergang einer Herde, wenn sich alle selbständig machen würden.

Das Herdenverhalten hat einen verflachenden, simplifizierenden Einfluss auf den Lebensstil. Wenn alle dasselbe wollen, kommen nur noch Massenprodukte in Frage; das Individuelle verschwindet. Bereits die Dörfer und Städte sehen sich immer ähnlicher – und die ausgeräumten Landschaften auch. Am Schluss essen alle das vorgegebene Bequemlichkeitsfutter und fühlen sich wegen der Auswahl aus 8 Hamburger- und 12 Pizzasorten mit gewissen Farbnuancen bei gleich bleibendem Geschmack unheimlich kreativ. Selbst beim Wein sind solche Angleichungen auszumachen; man wird am Ende wohl noch zwischen Sprudel, Weiss, Rosé und Rot und ein paar unterschiedlichen Etikettenmotiven wählen können.

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Das Gefährliche an Äusserungen des Herdentriebes ist auf dieser Stufe das Verschwinden des Individuellen und damit auch herkömmlicher handwerklicher Fähigkeiten und alter angepasster Sorten. Gebrauchsprodukte müssen für den Riesenmarkt einheitlich und somit maschinell erzeugt sein, und es gibt beim Gemüse oder bei den Früchten keine alte Sorte, welche die enorme Nachfrage nach Uniformiertem zu befriedigen vermöchte. Da müssen standardisierte und hochertragsreiche Neuzüchtungen her, die auch zu den standardisierenden Grossverteilern passen. Anmerkung für die jüngere Generation: Früher gab es noch Dorfläden, in denen Produkte aus der Nähe zu haben waren.

Die zentralisierte Grossproduktion erzeugt enorme Verkehrsbedürfnisse, in Tunnels, zu Lande auf Strassen und Schienen, auf Wasserwegen und in der Luft. An sich wäre es naheliegend, das Herumreisen einzustellen, weil es ja wenig Erbauung bietet, weite Strecken zurückzulegen, um am Reiseziel dieselben kulturellen Äusserungen anzutreffen wie zu Hause. Aber das Reisen und Staustehen sind ebenfalls Äusserungen des Herdentriebes, und die dramatische Zunahme des Güterverkehrs überdeckt ohnehin die Auswirkungen allfälliger gegenläufiger Bewegungen.

Die unbeeinflusste Natur kennt wohl den Herdentrieb – er ist keine menschliche Erfindung –, aber daraus resultieren dort keine Monokulturen. Die fast unbegrenzte Vielfalt der Natur lässt ihn zur untergeordneten Grösse werden. Im Allgemeinen ist die Biodiversifikation die Garantin für die Stabilität der Systeme, das heisst es stellen sich sofort Pufferungen ein: Nimmt eine Art zu sehr überhand, werden dadurch ihre Widersacher gestärkt und vermehrt, und es kommt zu Regulationen; in Fichtenmonokulturen zum Beispiel nimmt der Borkenkäfer diese Aufgabe wahr. Solch ein dynamisches Geschehen ist überall und ununterbrochen vorhanden.

Die durch den landwirtschaftlich tätigen Menschen künstlich inszenierten Monokulturen auf Äckern, in Wäldern und in Ställen sind deshalb nicht lebensfähig. Die Natur behilft sich sofort mit so genannten "Schädlingen" oder Seuchen, um durch eine Zerstörung der Gleichförmigkeiten den Boden vielgestaltigere Verhältnisse zu schaffen. Die Monokulturen können nur durch eine Unterbindung der Regulationsvorgänge, meistens durch Chemikalien, einigermassen über die Runden gebracht werden.

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Aus all diesen bekannten und durch Erfahrungen erhärteten Abläufen müsste die Erkenntnis herauswachsen, in den Biotopen jeder Art (inklusive in menschlichen Gehirnen) sei der Ausbildung von Vermassungen und damit auch dem Herdentrieb entgegenzuwirken und die befruchtende Individualität zu fördern. Das Mittel dazu wäre eine verbesserte Bildung unter Einbezug der Schärfung des kritischen Denkens. Das wäre im übergeordneten kulturellen Interesse nötig, im Hinblick auf eine Höherentwicklung. Konkret aber haben u.a. politische und wirtschaftliche Verantwortungsträger wenig Interesse an aufmüpfigen Kritikern, die eine ständige Unruhe und lebhafte Diskussionen provozieren. Es ist zweifellos einfacher, eine Schafherde als eine Ansammlung von Eigenbrötlern ohne Gruppenzugehörigkeitsgefühl zu führen. Auch eine Armee kann nur erfolgreich operieren, wenn die Befehle exakt eingehalten werden.

Ist dementsprechend der Herdentrieb mit dem Kulminationspunkt der globalen Vereinheitlichung genau das, was die Menschheit im 21. Jahrhundert braucht? Es gibt zweifellos Persönlichkeiten ausserhalb der Herde, welche das bejahen. Wer aber in die Massen eingebunden ist, lebt gefährlich. Er ist ein Manipulationsobjekt und wird über Modediktate auch als Konsument programmiert. Er muss alles Interesse haben, sich selber zu schulen, um Abläufe durchschauen und Entscheidungsfähigkeiten entwickeln zu können, die ihn befähigen, sich in einem vereinnahmenden Umfeld eigenständig zu behaupten.

Er kann von aussen kaum Hilfe erwarten. Er muss die Initiative ergreifen und sich selber schulen und helfen.

Walter Hess

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[1] Titel einer Beilage des britischen Magazins "Economist", 1992.

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