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Die Vertreibung der Bauern

Die Zeitung "Schweizer Bauer"berichtete am 12. Oktober 2002 in einem gut dokumentierten Artikel über die Botschaft des Bundesrates zur Agrarpolitik 2007 (AP 2007) und darüber, wie den "Bauern das Aussteigen erleichtert" werden soll – neben einer Grafik, die aufzeigt, dass seit 1900 nicht weniger als 4 von 5 Schweizer Bauern von ihren Höfen vertrieben worden sind.

Offenbar genügt dieses bisherige dramatische Bauernsterben im Zeichen der irrwitzigen globalisierten "Strukturbereinigung" noch nicht: Die Bauern sollen weiterhin entweder zum masslosen Rationieren (mit all den ökologischen Katastrophen-Folgen) gezwungen oder aber mit sanfter Gewalt in ein soziales Auffangnetz befördert werden, in dem sie vielleicht mit ein paar Bundesfranken noch eine Zeitlang zappeln dürfen – auf Kosten des Volkes übrigens, das Intensivprodukte aus verwüsteten Landschaften schlucken muss.

Diese hirnrissige Politik erinnert mich ganz an die Gewässerbegradigungen und Landschaftsausräumungen, die ich als Journalist schon in den 60er-Jahren angeprangert habe und die nun mit hohen Kosten wieder zum Teil rückgängig gemacht werden. Inzwischen sollte doch bis hinauf zu den Bundesinstanzen vorgedrungen sein, dass dort unten auf der Erde die ökologische Vielfalt zählt und diese allein in der Lage ist, Gleichgewichte herbeizuführen. Zudem ist die naturnahe, biologische Landwirtschaft gerade in der Schweiz in einem ungeahnten Aufschwung begriffen, und diese wiederum ist im wohlverstandenen Sinn nur in kleineren landwirtschaftlichen Einheiten möglich, die sich in die Kreisläufe einbinden lassen.

In den Beamtenhirnen ist offenbar noch immer das US-Vorbild von der landschaftsverwüstenden mechanisierten und chemisierten Massenproduktion unausrottbar, obschon sich die genveränderten und hormongeschwängerten US-Landwirtschaftsprodukte nach meinem Empfinden nicht mehr zum Konsum eignen; so etwas tue ich mir jedenfalls nicht an. Der in der Schweiz bundesrätlich nach wie vor geförderte Übergang zur Intensiv- und Industrielandwirtschaft ohne Rücksicht auf menschliche und ökologische Opfer müsste mit den Mitteln der Kriminalistik verfolgt und bestraft werden. Denn damit werden ausgerechnet jene Bauern mit brachialer Gewalt aus dem Produktionsprozess geworfen, welche eine kleinräumige und naturschützerische Landwirtschaft betrieben haben. Damit geht auch ein grosses Wissen über den naturnahen Anbau verloren; die Agrotechniker und -chemiker, welche sich unter solchen Prämissen durchsetzen und nicht zu bremsen sind, fuhrwerken dann auf ihre Weise, genau so, wie es die Bundesbehörden offenbar gern sehen. Und das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal http://www.umwelt-schweiz.ch/buwal/de/fachgebiete/index.html) listet dann die Schäden auf. Und in der gleichen Ausgabe der erwähnten Bauernzeitung (12. Oktober 2002) las man den bezeichnenden Titel "Zu viele Pestizide in den Gewässern".

Die Politik müsste genau umgekehrt ausgerichtet sein: Förderung des Biolandbaus und damit von kleineren Betrieben, die ein ganzes Sortiment qualitativ hochwertiger Erzeugnisse herstellen, auf die örtlichen Gegebenheiten ausgerichtet sind und den Konsumenten sowie der Natur im umfassenden Sinne nützen. Die Umschulungsbeiträge müssten nicht zur Kleinbauern-Vertreibung eingesetzt werden, sondern im Gegenteil dazu beitragen, den Bauernbehörden, vielen Landwirtschaftsschulen und -lehrern sowie Industriebauern in Anfängerkursen endlich gewisse ökologische Zusammenhänge näher zu bringen.

Das amtlich geförderte Bauernsterben, eine sanfte Form von Mord, bringt den öffentlichen Händen leider Liquidationsgewinnsteuern ein. Diesem einsamen Gewinn stehen unendliche Verluste gegenüber, die Lebensräume, Pflanzen, Tiere und Menschen gleichermassen zu tragen haben. Der grösste Liquidationsgewinn würde anfallen, wenn endlich die bisherige Landwirtschaftspolitik verflüssigt und als Sondermüll entsorgt werden könnte. Es müsste hier ausnahmsweise sichergestellt sein, dass sie nicht mehr in die Kreisläufe zurückfinden kann.

Walter Hess

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