Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     11. Dezember 2018, 17:29 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 

Das geheimnisvolle Qi

Im Feng Shui, der chinesischen Wissenschaft der Geomantik[1] und des gesunden Wohnens, dreht sich alles ums Qi (Chi, Ch'i, Tsi, gesprochen: Tschi). Wenn dieses richtig fliesst, ist die Welt in Ordnung. Aber was ist das eigentlich? In "Meyers Enzyklopädischem Lexikon" ist CHI als Abkürzung für Concours Hippique International erwähnt, Springreiten also. Auch hier geht es um harmonische Bewegungen und einen Parcours, aber der Bezug ist zufällig und gewisse Übereinstimmungen sind konstruiert, ebenso Verbindungen zum 22. Buchstaben des griechischen Alphabets: Chi, dargestellt als X.

Beim Qi des Feng Shui handelt es sich um die altchinesische Auffassung von Lebensenergie (auch "Hauch", "Dampf"“ oder Atemluft), gewissermassen um die Ursubstanz, aus der alle Erscheinungen des Universums und alles Leben hervorgegangen sind und hervorgehen; es wird meistens als materielle Energie gedacht.

Wie alles andere auch, so ist aus der fortschreitenden Verdichtung dieses Qi der Mensch entstanden. Der Geist des Universums, sein kosmischer Atem und der menschliche Geist werden deshalb als Einheit betrachtet. Der menschliche Körper wird als Mikrokosmos verstanden, der ein Abbild der äusseren Welt darstellt und dessen einzelne Teile den Phänomenen des Universums entsprechen: der Kopf dem Himmel, die Füsse der Erde, die 5 inneren Organe den Planeten usf. Umgekehrt wäre die Leere ein Qi, das wieder in seinen ursprünglichen undifferenzierten Zustand zurückgekehrt ist[2]. Pendants zum Qi, die aus anderen Kulturen stammen, sind der indische Begriff Prana und der japanische Ki.

Dementsprechend ist das Qi eigentlich Energiematerie, welche der Mensch von Geburt an in sich trägt und mit dem er behutsam umgehen muss; denn wenn es verschwendet wird und verbraucht ist, tritt der Tod ein[3]. Das Qi durchpulst und belebt als vegetative Kraft alles. Es ist überall vorhanden, auch in Bergen und Felsen, in Bächen, Flüssen und Seen in den Pflanzen, Tieren und Menschen. Daraus ergibt sich folgerichtig eine Verhaltensweise von elementarer Bedeutung: Der Mensch fügt sich in die Natur ein, empfindet sich als Bestandteil davon. Würde die entsprechende naheliegende Erkenntnis in einen möglichst überall allgemein anerkannten und befolgten Grundsatz münden, würde dies zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit unserem Lebensraum führen. Wenn das nur schon die Politiker erkennen und die Gesetze darauf abstimmen würden, wäre schon einiges gewonnen – wenn immer die Gesetze auch noch befolgt werden sollten!

Zum Qi gehören nicht zuletzt die kosmischen Einwirkungen, d.h. die energiereiche kosmische Strahlung mit ihrer Elektrizität, ihrem Magnetismus (kosmische Magnetfelder) als natürlichen Erscheinungsformen usf., die gesundheitlich nutzbar gemacht werden können.

Nur bei einem umfassenden Verständnis der Abläufe und Vernetzungen in der Natur ist ein ungestörter Fluss der Energien gewährleistet, und nur so sind ein gesundes Leben, angenehme Beziehungen zwischen Lebensräumen, Pflanzen, Tieren und Menschen denkbar. Im Feng Shui wird der Qi-Fluss des Umfeldes gesteuert, um das menschliche Qi zu verbessern und so Glück, Wohlstand und Lebenskraft zu vergrössern.

Harmonien müssen auch in den Gebäuden mit ihren Einrichtungen und Pflanzen vorhanden sein, in denen sich der Mensch wohl die meiste Zeit seines Lebens aufhält. Hier muss sich das Qi beschwingt bewegen und entfalten können, um den besten Nutzen für die Menschen zu erzeugen. Die Beachtung von Harmoniegesetzen bei Formen, Farben, Zirkulationsflächen, bei der Anordnung von Möbeln und Einrichtungsgegenständen usf. schafft Wohlbehagen und führt zu Lebensfreude. Dies wiederum sind Voraussetzungen für Leistungsfähigkeit und Erfolg. Harmonien garantieren den unbehinderten Energiefluss und beugen somit Blockaden vor, die negative Auswirkungen hätten und Krankheit bedeuten würden.

Das Qi, das vor allem durch Eingangstür und Fenster ins Haus kommt, bewegt sich in typischen Bewegungsmustern: sanft geschwungen oder mäandrierend, kaum einmal geradlinig (mit Ausnahme des Lichts = Yang Qi). Es sollte nicht zu schnell und nicht zu langsam fliessen, muss jede Ecke erreichen können, Störendes und Verbrauchtes wegspülen und frischen Atem in die Räume oder in einen Lebensraum überhaupt bringen. Das verhindert, dass eine Landschaft, ein Haus oder ein Organismus stickig, modrig und am Ende krank werden und deshalb nicht mehr richtig funktionieren können. Es gibt verschiedene einfache Massnahmen, um diesen Lebensenergiefluss zu lenken; teure Anschaffungen oder Umbauten sind unnötig. Wesentlich aber sind die Beachtung von Ordnung und einiges Wissen über Raumdynamik. Auch Ställe für Tiere sollten solchen Prinzipien gehorchen.

Der Begriff Qi lässt zweifellos einen gewissen Interpretationsspielraum offen: Atem, Luft, Sauerstoff und als das Unerklärliche, das unser Leben erhält, im weitesten Sinne. Die damit verbundene Feng-Shui-Philosophie verlangt aber zwingend die Einsicht, dass alles Energie ist und alles fliesst, dass Energieflüsse wichtig sind und keine Staus und keine Lecks auftreten dürfen. Wir brauchen kosmisches Qi, wir brauchen Sauerstoff als Grundlagen für ein gesundes Leben. Und das Bewusstsein, dass wir uns zweckmässig einrichten müssen (man liegt, wie man sich bettet…), gehört ebenfalls dazu.

Sobald wir bei der Ausgestaltung unseres Lebensraumes auf Harmonien und Energieflüsse achten, fühlen wir uns wesentlich besser, komfortabler. Vielleicht fliehen deshalb so viele Leute aus ihrer Wohnung, weil sie noch nie etwas vom Qi gehört haben.

Walter Hess

__________
[1] Die Geomantie oder Geomantik war ursprünglich eine Wahrsagekunst über die Erde. Im Feng Shui geht es vor allem um die dem Standort angepasste Ausrichtung eines Gebäudes bei der Planung, das heisst dessen Einbettung in die natürlichen Gegebenheiten, was zu harmonischen Lösungen führt.
[2] Quelle: Goepper, Roger: "Das alte China. Geschichte und Kultur des Reiches der Mitte", C. Bertelsmann Verlag GmbH., München 1988.
[3] Nach daoistischer Vorstellung beherbergt der Körper auch noch andere Elemente wie jing (Essenz) und shen (Geist).

*
* *

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier