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     17. Dezember 2018, 20:42 Uhr
 


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Ballade des Pendus

Die berühmte "Ballade von den Gehenkten", ein Grabspruch, den François Villon* 1463 in der Todeszelle in Erwartung der Hinrichtung am Galgen gedichtet hat und in der er sein Schicksal und das seiner ebenfalls zum Tode verurteilten Kumpane beklagt (gedruckt 1489), publizieren wir nachstehend in 4 verschiedenen Sprachen: zuerst im Original (Pariser Dialekt), dann in deutscher Übertragung, sodann als besondere Delikatesse als Nachdichtung in der Baselbieter Mundart (aus dem Nordwestschweizer Kanton Basel-Landschaft) und endlich in englischer Übersetzung.

L’Epitaphe, en forme de ballade, que feit Villon pour luy et ses compaignons, s'attendant à estre pendu avec eulx.

Freres humains qui après nous vivez,
N'ayez les cuers contre nous endurcis,
Car, se pitié de nous povres avez,
Dieu en aura plus tost de vous mercis.
Vous nous voiez cy attachez cinq, six:
Quant de la chair, que trop avons nourrie,
Elle est pieça devorée et pourrie,
Et nous, les os, devenons cendre et pouldre.
De nostre mal personne ne s'en rie;
Mais priez Dieu que tous nous vueille absouldre!

Se freres vous clamons, pas n'en devez
Avoir desdaing, quoy que fusmes occis
Par justice. Toutesfois, vous sçavez
Que tous hommes n'ont pas bons sens rassis;
Excusez nous, puis que sommes transsis,
Envers le fils de la Vierge Marie,
Que sa grace ne soit pour nous tarie,
Nous preservant de l'infernale fouldre.
Nous sommes mors, ame ne nous harie;
Mais priez Dieu que tous nous vueille absouldre!

La pluye nous a debuez et lavez,
Et le soleil dessechiez et noircis;
Pies, corbeaulx, nous ont les yeux cavez,
Et arrachié la barbe et les sourcis.
Jamais nul temps nous ne sommes assis;
Puis ça, puis la, comme le vent varie,
A son plaisir sans cesser nous charie,
Plus becquetez d'oiseaulx que dez a couldre.
Ne soiez donc de nostre confrairie;
Mais priez Dieu que tous nous vueille absouldre!

Ballade von den Gehenkten

Eine deutschsprachige Nachdichtung aus unbekannter Quelle

Ihr Menschenbrüder, die ihr nach uns lebt,
verhärtet euer Herz nicht gegen uns;
denn wenn ihr Mitleid mit uns Armen habt,
wird Gott euch um so eher gnädig sein.
Hier seht ihr uns gehängt, zu fünft, zu sechst;
was unser Fleisch war, das wir allzu sehr gemästet,
es ist in Stücken abgefressen und verfault,
und wir Gebeine werden Staub und Asche.
Es möge niemand über unser Unheil lachen;
doch bittet Gott, er möge allen uns verzeihen.

Wenn wir euch Brüder nennen, sollt ihr’s nicht
verachten, auch wenn wir nach Recht und Brauch
Getötet wurden. Wisset jedenfalls,
dass alle Menschen nicht gesetzten Sinnes sind.
Tut für uns, da wir hingeschieden,
Fürbitte bei dem Sohn der Jungfrau,
dass seine Gnade für uns nicht versiege
und uns vom Bannstrahl der Verdammnis rette.
Wir sind jetzt tot, und niemand wolle uns mehr stören;
doch bittet Gott, er möge allen uns verzeihen.

Der Regen hat uns abgespült, gewaschen,
die Sonne uns gedörrt, geschwärzt;
die Elstern und die Raben haben uns die Augen ausgehöhlt
und Bart und Brauen abgerissen.
Nie haben wir ein Weilchen Ruhe;
hierhin und dorthin, wie der Wind sich dreht,
treibt er uns unabhängig ganz nach seiner Lust,
von Vögeln ärger noch zerpickt als Fingerhüte.
Kommt also nicht in unsere Bruderschaft;
Doch bittet Gott, er möge allen uns verzeihen.

Galgevögel-Ballade

Nachdichtung im Baselbieter Dialekt Lislott Pfaff

Wil dir no läbet, wo mir gstorbe sy,
so heebet doch Beduure mit eus Arme
und machet eucher Härz nit z heert derby,
so het dr Himmel au mit euch Verbarme!
Doo hange mer, feuf, sächs, mit gstreckten Arme,
und s Fleisch, so feiss vom Ässen und vom Suuffe,
das wird verfrässen und verfuult jetz gly,
au d Chnoche, Staub und Äsche, heebe nit.
O, lachet en nit uus, dä truurig Huuffe
und bättet, ass dr Himmel eus vergit!

Nämmet s nit chrumm, wil mir euch Brüeder sääge!
Mer sy hiigrichtet woorde, das isch wohr.
Diir wüsset aber, s isch nit jeedem glääge,
rächt z tue, dr graadi Wääg z goh Johr für Johr.
Drum, wil mer toot sy, bhüetet eus dervor,
ass miir im eewige Lääbe nit no müesse
d Gnaad vo dr Maria ihrem Suhn ybüesse!
Ins Höllefüür zum Tüüfel wei mer nit.
Kei Möntsch sell imene Toote Stei aschiesse,
nei, bättet, ass dr Himmel eus vergit!

Mer sy jetz gwäsche, baadet vo däm Rääge
und vo dr Sunne grööschtet, s isch e Gruus,
und d Gwääggi picke d Auge, picke d Määge
und ryssen is dr Bart und d Wimperen uus.
Mer hei kei Ruej, dr Wind bringt eus dr Schmuus
und wääjt eus hin und här, wie s ihm grad gfallt,
er höört nie uuf und plogt is. Miir hei chalt,
hei Löcher - mehr ass s im ene Fingerhuet git.
Drum wäärdet nit wie mir, es bringt kei Sääge,
und bättet, ass dr Himmel eus vergit!

Epitaph in the Form of a Ballade

Nachdichtung in englischer Sprache von Algernon Charles Swinburne, in "Poems and Ballads", Second Series (London: Chatto and Windus).

Men, brother men, that after us yet live,
Let not your hearts too hard against us be;
For if some pity of us poor men ye give,
The sooner God shall take of you pity.
Here are we five or six strung up, you see,
And here the flesh that all too well we fed
Bit by bit eaten and rotten, rent and shred,
And we the bones grow dust and ash withal;
Let no man laugh at us discomforted,
But pray to God that he forgive us all.
If we call on you, brothers, to forgive,

Ye should not hold our prayer in scorn, though we
Were slain by law; ye know that all alive
Have not wit always to walk righteously;
Make therefore intercession heartily
With him that of a virgin's womb was bred,
That his grace be not as a dr-y well-head
For us, nor let hell's thunder on us fall;
We are dead, let no man harry or vex us dead,
But pray to God that he forgive us all.

The rain has washed and laundered us all five,
And the sun dried and blackened; yea, perdie,
Ravens and pies with beaks that rend and rive
Have dug our eyes out, and plucked off for fee
Our beards and eyebrows; never we are free,
Not once, to rest; but here and there still sped,
Driven at its wild will by the wind's change led,
More pecked of birds than fruits on garden-wall;
Men, for God's love, let no gibe here be said,
But pray to God that he forgive us all.
Prince Jesus, that of all art lord and head,
Keep us, that hell be not our bitter bed;
We have nought to do in such a master's hall.
Be not ye therefore of our fellowhead,
But pray to God that he forgive us all.

*Wer war François Villon?

Hier einige lexikalische Angaben zu François Villon, eigentlich F. de Montcorbier oder F. des Loges. Er war ein französischer Dichter, wurde 1431 in Paris geboren und galt ab 1463 als verschollen. Er stammte aus kleinsten Verhältnissen. Durch Unterstützung des Kaplans Guillaume de Villon, dessen Namen er gegen 1455 annahm, konnte er an der Sorbonne studieren (1452 Magister Artium). 1455 erschlug er im Streit einen Priester und musste aus Paris fliehen, führte ein abenteuerliches Wanderleben in der Provinz, war Mitglied einer Diebesbande, sass mehrfach im Gefängnis, wurde 1463 in Paris zum Tode verurteilt, begnadigt, aber verbannt; danach ist seine Spur verloren. Dieser geniale Dichter war also ein Kleinkrimineller – aber vielleicht gehört das zusammen.

Das unter dem Namen Villon überlieferte Werk (die tatsächliche Verfasserschaft ist nicht gesichert) bildet Höhepunkt und Abschluss der mittelalterlichen französischen Lyrik. Villon nutzte die traditionelle Balladenform, um in bis dahin nicht gekannter Intensität persönlichen Empfindungen Ausdruck zu verleihen. In "Le petit testament" (entstanden 1456, vom Autor "Le lais" genannt) verkündet der Dichter sein (parodistisches) Vermächtnis; die 40 Achtzeiler vermitteln ein formal kunstvolles satirisches Zeitgemälde. Als Hauptwerk gilt "Le grand testament" (entstanden 1461; deutsch "Das grosse Testament"), dessen 2023 Verse (gegliedert in Strophen aus achtsilbigen Versen, in Balladen und Rondeaus) ohne Illusionen und nur teilweise von Ironie gemildert über Leben und Tod reflektieren. Daneben stehen Gedichte, die 1457 am Hof des Herzogs Charles d'Orléans in Blois anlässlich eines Dichterwettbewerbs entstanden sind, sowie Balladen, deren bekannteste "La ballade des pendus" (entstanden vielleicht 1463; deutsch u.a. "Ballade von den Gehenkten", "Das Lied der Gehenkten") ist.

In 11 Balladen nutzte Villon die nur Eingeweihten verständliche Gaunersprache. Die überlieferten Werke wurden erstmals 1489 unter dem Titel "Le grand testament Villon et le petit" gedruckt. Villons Sprachkunst, die zynischen Witz ebenso beherrscht wie tiefe Empfindung, seine ausserhalb jeder Tradition stehende Sicht auf die Gesellschaft wurden erst seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in ihrer Bedeutung erkannt: A. Rimbaud, A. Apollinaire und B. Brecht liessen sich von ihm inspirieren. Bedeutende deutsche Nachdichtungen stammen von K. L. Ammer, P. Zech und R. Dehmel, H. C. Artmann übertrug Balladen in Wiener Mundart.

Ausgaben: "Œuvres", herausgegeben von A. Longnon und L. Foulet (Neuausgabe 1980). "Das kleine und das grosse Testament", herausgegeben von F.-R. Hausmann (1988, deutsch-französisch); "Die lasterhaften Balladen und Lieder des F. Villon", Nachdichtung von P. Zech (Neuausgabe 1995); "Sämtliche Dichtungen", übersetzt von W. Küchler (1997). Benützte Quelle: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001: "Der Brockhaus multimedial premium 2001", 5 CD-ROMs.

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