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     September 21, 2019 07:30 CET
 


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Tapetenwechsel und die Tücken des Ablösens

Gibt es einen Trick, um alte Tapeten elegant ablösen zu können?
U.L., 5400 Baden

Antwort: Tapeten, die wieder eine Art Renaissance erfahren, haben es in sich. Sie lösen sich manchmal freiwillig ab, wenn sie kleben sollten, und wenn man sie entfernen will, gebärden sie sich sehr hartnäckig, klammern sich regelrecht an den Untergrund. Deshalb ist es sinnvoll, die Frage der Ablösetechnik rechtzeitig aufs Tapet zu bringen, damit man für Ernstfälle gewappnet ist.

Der Begriff Tapetenwechsel dient auch als Metapher für eine vorübergehende oder längere Zeit bleibende Veränderung der gewohnten Umgebung, der während der Ferien manchmal nur ein Regenwechsel ist. Für den wörtlich genommenen Tapetenwechsel aber genügen vorerst einmal ein Kübel warmes Wasser – Regenwasser eignet sich besonders gut –, gegebenenfalls mit ein wenig Spülmittel drin (es geht ebenso gut auch ohne solches), ein Schwamm und ein breiter Spachtel. Die mit Papiertapeten verkleidete Wand wird nun mit dem Schwamm gut eingefeuchtet, d.h. die Tapete durchtränkt. Um das Durchdringen der Papiertapeten mit Wasser zu beschleunigen, bietet der Handel Perforationsgeräte wie Nagelroller an, die aber nicht unbedingt nötig sind. Sobald die Tapete durchfeuchtet ist, kann sie mehr oder weniger gut von der Wand gelöst und abgezogen werden; wenn sie allzu sehr reisst und sich in Schichten auftrennt, kann man mit einem Spachtel nachhelfen, d.h. für grössere Fetzen sorgen.

Man muss einfach wissen, dass eine Papiertapete nur in feuchtem Zustand einigermassen mühelos abgelöst werden kann. Der Kleister wird dann wieder verflüssigt und vernachlässigt seine Aufgabe; jetzt gilt das Gegenteil: Gott gebe, dass es nicht mehr klebe. Je nach Tapetenart und Untergrund sind die Verhältnisse anders. Ich habe zum Beispiel die Beobachtung gemacht, dass auf Gipswände aufgezogene Tapeten nach dem Befeuchten sehr schnell trocknen, weil der hygroskopische Gips das Wasser gierig aufsaugt. Man muss dann mit zusätzlichen Befeuchtungen für eine gute Durchnässung der vergilbten Tapeten sorgen, selber etwas pröbeln und einfühlsam die für den speziellen Fall richtige Lösung treffen.

Apropos "Lösung": Warmes Wasser ist ein günstiges, umweltfreundliches Lösungsmittel. Ein bisschen Spülmittel kann es porengängiger machen, und ein Spritzer Putzessig im Wasser (Säure) greift den Gips (Dihydrat des Kalziumsulfats, chemisch: CaSO4.2H2O) etwas an und kann das Tapetenablösen ein wenig erleichtern.

Ein Kapitel Tapetengeschichte gefällig? Papiertapeten wurden in China schon im 16. Jahrhundert eingeführt. In Europa verwendete man damals Tapeten aus Leder oder Stoff (Samt oder Seide). Preisgünstiger waren Flocktapeten oder Velourstapeten: auf Leinwand aufgeklebter Wollstaub. Im 18. Jahrhundert kamen Wachstapeten auf, die mit Ölfarben bemalt waren. Tapetenarten alter Schule waren häufig mit einem Holzrahmen befestigt und wurden nicht angeklebt, ähnlich den Wandteppichen.

Anschliessend kamen Bildtapeten in Mode, welche Gemälde imitierten (Panoramatapeten). Solche an die Wand geklebten Landschaftsbilder sind heute wieder vermehrt anzutreffen; sie bringen ganze Landschaften in die Wohnräume und vermitteln den Eindruck von unendlicher Weite. Aber auch Blumenmuster oder geometrische Designs sind beliebt. Bei den Raufasertapeten handelt es sich um die heute üblich gewordenen Papiertapeten, die durch aufgewalzten und aufgeklebten Holzschliff oder aufgeklebtes Sägemehl ihre raue Oberfläche erhalten und mit Farbe übermalt werden können oder auch müssen.

So gibt jede Tapete beim Entfernen andere Probleme auf. Es gibt noch vereinzelte dekorative Wandverkleidungen, die zu unersetzlichen Kostbarkeiten geworden sind und bei denen niemand ans Abkratzen oder Demontieren denkt. Das Wegwerfzeitalter war seinerzeit eben noch nicht erfunden.

W.H.

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