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     September 21, 2019 07:29 CET
 


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Naturfarben aus dem Urwald?

Heute sagte mir ein Maler aus Liestal, bei dem ich mein Wohnzimmer mit einer Naturfarbe streichen lassen wollte, Naturfarben stammten aus den Tropenwäldern und seien deshalb nicht empfehlenswert. Stimmt das?
A.F., CH-4410 Liestal

Antwort: Naturfarben kommen nicht einfach aus dem Tropenwald, sondern aus allen möglichen Quellen. Viele Naturfarben bestehen aus Erd- und Mineralpigmenten (z.B. auch aus Lehm), die selbstverständlich nichts mit dem Urwald zu tun haben. Als organische Tier- und Pflanzenpigmente dienen etwa vermahlene Braunkohle (Casseler Braun) und Rebholzruss (Rebschwarz). Ferner kommen Eisenoxid- und zahllose andere Metallpigmente, Titandioxid usf. zum Einsatz.

Selbstverständlich werden Farben auch aus Pflanzen hergestellt, die theoretisch u.a. auch von Urwaldpflanzen stammen können. Auch Textilien und Teppiche werden mit Pflanzenfarben gefärbt und als besonders wertvoll empfunden. Meine eigenen Exkursionen in den Urwäldern Amazoniens und auf Borneo haben mir allerdings gezeigt, dass farbige Pflanzen dort sehr selten sind. Der Urwald ist viel weniger farbig als uns zeichnerische Darstellungen im Disney- beziehungsweise Tarzan-Stil oft weismachen wollen. Selbst grösseren Tieren begegnet man selten, gelegentlich einer friedlichen Schlange, einer Ameisenwanderung. Im Urwald drinnen gibts wenig Licht, und das Leben spielt sich insbesondere in den Baumkronen ab; von dort her ertönen alle möglichen Gesänge und Rufe.

Angenommen, die im Bereich von Urwäldern lebenden Volksstämme würden Pflanzen zur Farbenproduktion verkaufen, wäre daran wohl wenig auszusetzen. Auch sie haben ein Recht, etwas zu verdienen. Wenn der Wald einen Wert hat, kann das durchaus ein Motiv sein, ihn zu erhalten, zu schützen. Das Problem für Tropenwälder sind in der Regel die grossen Holzkonzerne, die alles kurz und klein schlagen und deren Management in der Regel nichts mit den einheimischen Bewohnern zu tun hat beziehungsweise höchstens deren traditionellen Lebensraum zerstören lässt. Gegen selektive Waldnutzungen, welche den Bestand nicht schädigen, ist nichts einzuwenden.

Vielleicht kennt Ihr Maler das ausserordentlich harte Carnaubawachs, das meistens von den in Brasilien, Paraguay und Argentininen verbreiteten Carnauba-Palmen (Copernica[1] cerifera), den wichtigsten Wachslieferanten, stammt und zusammen mit Terpentinöl und Leinöl zu Fussboden- oder Möbelhartwachsen verwendet wird. Das aber bedroht den Urwald nicht.

Nutzungen von Wäldern und Pflanzen sind schliesslich auch in unseren Breitengraden erlaubt. Und unsere eigenen Naturwälder haben wir Geschäftstüchtigen mit ganz wenig Ausnahmen vollständig ruiniert. Viele von diesen sind durch unsere Waldwirtschaftsbetriebe in plantagenartige Fichten-Monokulturen umgewandelt worden. Darin versuchen Borkenkäfer freundlicherweise, die Überbestände an gleichförmigen Rottannen zu reduzieren, damit Neues Platz bekommen soll. Dummerweise werden die Borkenkäfer bekämpft – gescheiter wäre es, die Plantagenförster endlich mit mehr ökologischem Verständnis auszustatten, eine Erziehungsaufgabe.

Ganz allgemein werden Naturfarben aus Rohstoffen hergestellt, welche keine Vergiftungen der Biosphäre hervorrufen, und auch ihre Entsorgung ist problemlos. Es ist möglich, solche Farben selber zu mischen, etwa unter Beizug von gebranntem Kalk, Kreide, Eigelb, Bier, Quark und Naturpigmenten. Naturfarben haben eine zauberhafte Ausstrahlung voller Lebendigkeit, im Gegensatz zu den Synthetikfarben, die kinderleicht zu verarbeiten sind und von jedermann an die Wände geklatscht werden können. Häufig gefährden sie die Gesundheit der Maler und der Bewohner.

Maler, die von Naturfarben abraten, würde ich grundsätzlich nicht beschäftigen. Das zeigt, dass diesen die entsprechenden Kenntnisse fehlen oder aber sie scheuen den Mehraufwand, der meistens mit dem Auftragen von Naturfarben verbunden ist: Abläufe und Trocknungszeiten müssen richtig koordiniert werden. Das braucht erhöhte Fachkenntnisse. Anderseits gibt es auch Maler, die den Umgang mit Naturfarben als Herausforderung betrachten und sich freuen, ihren Auftraggebern zu Wänden zu verhelfen, die voller Harmonie sind und deren Anblick eine Wohltat fürs ästhetische Empfinden ist. Naturfarben haben auch eine schönere Alterung (Patina) als Plastikoberflächen, denen es an jeder natürlichen Wirkung und meist auch an Atmungsfähigkeit fehlt.

PS. Für die modernen Einheitshosen Blue Jeans, die weltweit im Einsatz sind, braucht es pro Jahr etwa 16'000 Tonnen Indigo, das ursprünglich aus der Färberwaid (Isatis tinctoria) gewonnen worden ist. Der blaue Farbstoff wird heute umweltbelastend von der petrochemischen Industrie produziert; die Pflanzen könnten diesen enormen Bedarf nicht decken. Die globalisierte Gleichmacherei führt zu enormen Ungleichgewichten im Natur- und Rohstoffhaushalt, wie man sieht.

Sie sehen die Dimensionen. Haben Sie ein gutes Gewissen, wenn Sie Ihre 4 Wände mit Naturfarben verschönern lassen, die zu Ihrem Typ passen und ihrem Zimmer die gewünschte Wirkung geben.

Walter Hess

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[1] Die Gattung Copernica hat ihren Namen vom Astronomen Nikolaus Kopernikus (1473–1543). Sie ist von den Antillen bis zum tropischen Südamerika verbreitet und umfasst 44 Arten. Davon finden sich allein 25 Arten auf Kuba, wo auch die Breifächrige Wachspalme (englisch: Copernica Palm) anzutreffen ist.

Ergänzungen zum Thema Pflanzenfarben

Besten Dank für Ihre Auskünfte. Ich sende Ihnen nun noch einige Ergänzungen, die ich von meinem Maler, Markus Moor in CH-4460 Gelterkinden BL, erhalten habe, der vorwiegend mit Mineralfarben arbeitet:

Er bezeichnet Mineralfarben oder Wohnraumfarben sowohl in ökologischer als auch in preislicher Hinsicht als ideal: Sie werden ohne Lösungsmittel hergestellt, haben garantiert keine synthetischen Zusätze und verursachen keine Geruchsbelästigung, da sie mit Wasser verdünnt werden. In diesem Sinne sind auch Mineralfarben Naturfarben. Preislich sind sie günstiger als die so genannten Naturfarben, die aus pflanzlichen Stoffen, ebenfalls ohne Lösungsmittelzusätze, hergestellt werden, aber bis doppelt soviel kosten wie Mineralfarben.

Für Aussenanstriche verwendet Moor Silikon-Mineralfarben. Sie sind offenporig und lassen deshalb das Mauerwerk atmen.

Ungeeignet sind Mineralfarben für Holz- und Metallanstriche. Hingegen gibt es bei den "Auro"-Naturfarben einen weissen Heizkörperlack, der aus Baumharz hergestellt wird.

Naturfarben (wie z.B. die Marke "Auro") haben gegenüber den Mineralfarben den Nachteil, dass ihre Deckkraft schlechter ist, was einen zusätzlichen Anstrich nötig macht und so die Kosten nochmals in die Höhe treibt. Ferner sind sie nicht geschmacksneutral, da sie mit einem Zusatz versehen sind, der nach Zitrone riecht und der während des Malens Kopfschmerzen und weitere Belästigungen hervorrufen kann (der Geschmack verflüchtigt sich nach dem Verarbeiten der Farben).

A.F.

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