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     August 10, 2020 10:54 CET
 


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Wonach sucht man beim "Stein der Weisen"?

Was versteht man unter dem "Stein der Weisen"? Was wird da gesucht? Hat etwa, wer den gefunden hat, die Welt verstanden? Oder so ähnlich? Bitte erklären Sie mir diese Angelegenheit!
W.B., D-91004 Erlangen

Antwort: Laut "Meyers Enzyklopädischem Lexikon" (1981) handelt es sich beim Stein der Weisen (Lapis philosophorum) um die "in der Spätantike aufgekommene Bezeichnung für die wichtigste (feste oder flüssige) Substanz der Alchimie, mit der bzw. deren Hilfe in der letzten Phase (Projectio) der Transmutation die unedlen Ausgangsstoffe in die edlen Zielstoffe (Gold, Silber) verwandelt werden sollten. Bei den Arabern wurde der Stein der Weisen (Al Iksir) auch als Allheilmittel oder als das Leben verjüngendes und erhaltendes Lebenselixier aufgefasst." Soweit das Lexikon. Alchimisten wie Arnoldus Villanovanus und Raimundus Lullus schreiben dem Stein neben heilenden und verjüngenden auch sittlich bessernde und schliesslich auch eine erlösende Kraft zu.

Es handelt sich also im das ideale, seit Jahrhunderten gesuchte, aber bis heute (vielleicht: zum Glück) noch nicht gefundene alchimistische Präparat, das unedle Metalle in Gold umwandeln und alle Krankheiten heilen sollte, im übertragenen Sinne also ein Allwundermittel, über das sich Johann Wolfgang von Goethe wie folgt äusserte:

"Wie sich Verdienst und Glück verketten,
das fällt den Toren niemals ein;
wenn sie den Stein der Weisen hätten,
der Weise mangelte dem Stein."

Wir suchen nach diesem Stein, wenn auch gelegentlich in modifizierter Form, noch heute. Im Moment, so scheint es, hofft man ihn in Form der Gentechnologie zu finden... Und was würden wir mit all den verheissenen Möglichkeiten anfangen? Bessere Menschen produzieren? Aber wer sagt, was ein besserer Mensch ist? Der Philosoph Peter Sloterdijk, der bereits 1991 (in seinen "Berichten zur Lage der Zukunft") von Züchtungsphantasien übermannt worden ist und 1999 eine grosse Diskussion dazu heraufbeschworen hat?

In der Geschichte wurde der viel gesuchte Wunderstein bald als Pulver von roter oder weisser Farbe, dann wieder als Flüssigkeit bezeichnet, und nun sind eben die Gene dran. Einzelne Entwicklungsphasen der Vorstellung vom Stein der Weisen und seiner Zusammensetzung lassen sich für die Antike noch nicht mit Sicherheit erkennen.

Die Alchimie sah ihre Hauptaufgabe darin, ihn aufzufinden oder aus anderen Stoffen herzustellen, wobei sich die Alchimie (Alchemie) in verschiedenen Gebieten der Erde (Europa, Nordafrika, Indien, China, Japan) unterschiedlich entwickelte. In Europa dauerte das alchimistische Zeitalter fast 1500 Jahre, ungefähr vom Beginn unserer Zeitrechnung an. Die arabische Alchimie setzte um etwa 800 ein. Die Araber übernahmen nach der Eroberung Ägyptens (640 nach unserer Zeitrechnung) viele chemische Kenntnisse von den Bewohnern der Nil-Gegend und gaben sie später, durch allerlei mystische Spekulationen entstellt, als ihre eigenen Erkenntnisse aus. Nach den Forschungen von Masuki Chikashige stammen die ältesten chinesischen Schriften von Ko Hung (Pao Pu) aus dem 3. Jahrhundert. Dieser strebte die Herstellung eines Elixiers aus pflanzlichen und mineralischen Bestandteilen (Zinnober, Auripigment, Arsensäure, goldhaltige Silikate) an, das ein Alter von 1000 bis 3000 Jahren, ja sogar Unsterblichkeit sichern sollte. Das erinnert ganz an Versprechungen von dubiosen Pharmaforschern, schlitzohrigen Finanzberatern und bluffenden Unternehmensmanagern, wobei allerdings damals bei den Chinesen keine betrügerischen Absichten vorgelegen haben sollen. Die fernöstliche Alchimie hat sich völlig selbstständig entfaltet und sich auch nicht zu einer wissenschaftlichen Chemie weiterentwickelt. Die indische Alchimie lässt sich bis etwa 1000 bis 800 vor unserer Zeitrechnung zurückverfolgen.

Experimente rund ums Goldmachen – die Suche nach dem Grossen Elixier – haben bis heute angehalten. Durch geduldiges Ausprobieren, Vergleichen und Beobachten ist vor allem im Abendland auch die chemische und metallurgische Technologie vorangetrieben worden und bildete die Grundlage für die ab dem 15. und 16. Jahrhundert aufblühende wissenschaftliche Chemie. Meisterwerke nüchterner Beobachtungskunst und Erfahrungsverwertung sind die Werke aus dem 16. Jahrhundert von Biringuccio (Pirotechnia, 1540) und G. Agricola (De re metallica, 1556); beide behandeln das Gebiet der Metallurgie.

Der Traum von der Wundersubstanz ist noch heute nicht ausgeträumt, auch wenn Paracelsus (1493–1541) die Unmöglichkeit erkannt hat, den Stein der Weisen zu entdecken. Er forderte statt dessen, aufgrund chemischer Untersuchungen Arzneimittel herzustellen, und er entdeckte den medizinischen Gebrauch des Opiums und von Quecksilber in Form von (gefährlichen) Präparaten. In seinen Schriften finden sich viele mystische Ideen, auch solche astrologischer Natur. So ordnete er den Planeten verschiedene Körperteile zu, z.B. das Herz der Sonne, das Gehirn dem Mond, die Leber dem Planeten Jupiter usw.

Viele Geheimnisse sind nach wie vor ungelöst. Und vielleicht ist es sogar von Vorteil, dass es überhaupt noch Geheimnisse gibt. Sonst wäre es auf dieser Welt recht langweilig.

Walter Hess

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