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     September 21, 2019 19:52 CET
 


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Mäuse fressen Heckenpflanzen

Unsere von einem Gärtner gepflanzte Naturhecke aus einheimischen Sträuchern wie Felsenbirne wird von Mäusen angegriffen. Einzelne Pflanzen kann ich mit 2 Fingern aus der Erde ziehen; die Wurzeln sind abgefressen. Was kann man gegen die Mäuse und deren Machenschaften tun?
R.G., CH-5023 Biberstein

Antwort: Wenn Sie vom Textatelier Anleitungen zum Vergiften der Mäuse erwarten, sind Sie an der total falschen Adresse... Denn man sollte ja nicht so tun, als würden Mäuse (zoologisch als Echte Mäuse bezeichnet) nur Schaden anrichten. Sie sind ein notwendiger Bestandteil des ökologischen Gefüges, lockern verdichtete Böden und sind eine Nahrungsgrundlage z.B. für Mäusebussarde und andere Greifvögel wie Eulen, sodann für Katzen – falls man diese nicht mit Büchsenfutter vom Mausen abhält und zur Untätigkeit erzieht –, ferner für Füchse, Iltisse, Mauswiesel, Igel usf.

In den kalten Monaten haben wir oft Besuch von unserer Hausmaus (Mus musculus domesticus), die wir mit Kastenfallen fangen und dann wieder in die Freiheit entlassen – ausser Hause. Einzelne besonders fangfreudige Mäuse haben wir schon mehrmals gefangen; wir sind gute Bekannte. Sie wissen, dass ihnen nichts passiert. Zum Glück: Die Hausmäuse haben in modernen, hermetisch abgedichteten Kunststoffbauten nämlich wenig Lebenschancen, weshalb ihr Bestand erheblich zurückgegangen ist. Sie stehen zwar noch auf keiner Roten Liste der gefährdeten Arten; aber man muss diesen freundlichen Kulturfolgern allmählich Sorge tragen. An das Leben in Kunststoffverpackungen müssen sie sich zuerst noch gewöhnen, wie wir Menschen auch.

Auf eine unserer Hausmäuse, die im Vorratsschrank ein paradiesisches Leben führte, machten wir zu Dritt Jagd. Bis heute haben wir nicht herausgefunden, wie es ihr immer wieder gelingt, in diesen recht gut abgedichteten Schrank zu gelangen. Wir verbarrikadierten den Ausgang mit Kartonschachteln, trieben die Maus in die Enge. Sie gab nicht auf, nahm jedes Schlupfloch wahr – und entkam uns. Sie war intelligenter als wir 3 zusammen. Ich habe mich damals etwas geschämt und von ihr gelernt, dass man auch in verzweifelten Lebenslagen nicht aufgeben sollte. Wir werden es also mit Ablenkungsfütterungen versuchen... Das rettet zumindest ein Teil unseres Selkbstbewusstseins.

Viele Mausarten haben sich wie die Hausmäuse den Menschen angeschlossen und sich zu Allesfressern entwickelt; sie finden immer etwas, das ihnen mundet. In der Regel leben Nagetiere vegetarisch und essen Gras, Triebe, Blätter, Früchte, Samen, Pilze und tatsächlich sogar Wurzeln, Stängel und Rinden. Auch alte schmackhafte Schuhe und Gummistiefel widerstehen ihren Schneidezähnen nicht, messerscharfe Werkzeuge, denen sich ein Mahlwerk aus Mahlzähnen anschliesst. Eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zum menschlichen Fressverhalten ergibt sich daraus, dass viele Nagetiere bei der Nahrungsaufnahme ebenfalls ihre Hände zu Hilfe nehmen. Die Vorderbeinchen sind echte Greiforgane, mit denen sie, wie wir auch, Pflanzen, Früchte und Samen zum Munde führen; Besteck haben sie bisher noch nicht eingeführt.

Mäuse haben auch keine Verteidigungswaffen entwickelt, betreiben also eine eigentliche Friedenspolitik. Ich möchte sie deshalb zusammen mit anderen Nagetieren für den Friedensnobelpreis vorschlagen. Die aus ihrer Friedfertigkeit resultierenden hohen Verluste machen sie durch eine enorme Fruchtbarkeit wett. Fast alle Weibchen sind polyöstrisch, d.h. sie können mehrmals im Jahr Junge zur Welt bringen; Mäuse bringen es gelegentlich auf 5 bis 6 Geburten zu bis 9 Jungen, eine stolze Leistung, für die man Bewunderung aufbringen würde, wäre es einem manchmal nicht tatsächlich fast zu viel des Guten. Diese Vermehrungsfreudigkeit ist ihnen zum Verhängnis geworden: Mäuse werden in Labors millionenfach zu Versuchszwecken missbraucht; allmählich sehen die Pharmakologen zwar ein, dass das neben dem Tiermissbrauch auch gerade noch ein Unsinn ist.

Wenn wir jeweils wieder eine muntere Maus in der Kastenfalle haben, bewundern wir ihr seidenglänzendes mausgraues Fell, die spitze Schnauze mit den Tasthaaren, die grossen Ohren und die treuen Augen. Angeknabberte Nahrungsmittelpackungen signalisieren meiner Frau – die allerdings ohne weiteres auf solche Besuche verzichten würde, wie sie unmissverständlich zu erkennen gibt –, den Lebensmittelvorrat endlich aufzubrauchen, eine gute Tat. Kürzlich war neben unserem Vollwertreis erster Güte eine ganze Packung Vollkornspaghetti ausgeräumt, deren Verfalldatum abgelaufen war. Man sage einmal, Hausmäuse hätten keinen Nutzen!

Weil man also die Mäuse nicht einfach mit Mordabsichten anschleichen soll, gilt es im Fall, der unseren Fragesteller beschäftigt, eine Lösung zu finden, wie Sie trotz Mäusen zu Ihrer Hecke kommen. Schauen wir zu, wie es die Natur macht, die immer Hecken hervorbringt, wenn diese nicht durch menschliche Eingriffe schon im Frühstadium verhindert werden: Meistens liegen abgebrochene Äste, sperriges Schnittgut aller Art und umgefallene Bäume herum, die Vögeln als Unterschlupf und Nistgelegenheit dienen. Sie düngen den Untergrund und säen gleichzeitig. Aber sie pflanzen nicht einfach in Abständen von 90 cm einen Samen, sondern produzieren Überschüsse, wiewohl die Natur immer mit Überschüssen arbeitet. Am Ende braucht es geradezu einige Mäuse, um die viel zu dicht stehenden Pflanzen auszulichten. Was an Pflanzen überlebt, ist noch viel mehr als genug.

Hermann Benjes[1] hat schon in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Natur abgeschaut, wie man das macht und das Vorgehen ungefähr wie folgt beschrieben: Auf dem zu "verheckenden" Geländestreifen wird eine etwa 3 bis 4 m breite und 1 m hohe Barriere aus Baumschnitt und Stauden, die anderswo entfernt werden mussten, errichtet. Solch wertvolles Material ist bei Strassenunterhaltsdiensten oder bei Nachbarn ohne weiteres zu beschaffen. Das organische Material wird einigermassen gleichmässig verteilt. Zu welcher Jahreszeit das Buschwerk, allenfalls unter Beigabe einiger Gesteinsbrocken, aufgeschichtet wird, spielt überhaupt keine Rolle, da die Natur rund ums Jahr stattfindet. Dieses liegende Gestrüpp bietet viele Hohlräume und damit Stätten des Überlebens für eine Fülle von Tieren; sie sorgen für ein vielfältiges Mikroklima.

Benjes wollte den flurbereinigten, ausgeräumten Landschaften, diesen maschinengerechten Agrarwüsten, zu mehr Leben verhelfen und sie in ihre Ursprünglichkeit zurückführen, eine Aktion gegen die Trostlosigkeit. Er beschrieb die ökologischen Abläufe im Asthaufen exakt: In hundertfacher Artenvielfalt wird der neue Lebensraum sofort besetzt. Unter den Vögeln spricht sich das schnell herum. Für Bodenbrüter ist die so genannte Benjeshecke von Anfang an das Paradies schlechthin. Die Busch- und Baumbrüter müssen natürlich noch etwas Geduld haben. Auch ihnen bietet das Gestrüpp ideale Ansitzmöglichkeiten, Insektennahrung und Unterschlupf bei Gefahr. Eingebunden in den Kot der Vögel gelangen die Samen der späteren Heckensträucher ins Gestrüpp. Die Wahrscheinlichkeit, dass einige davon bis auf den Boden der Hecke gelangen und dort keimen, wird mit jedem Regen grösser. Das Totholz bricht nach einigen Jahren spurlos in sich zusammen. Nur die Reste der dicksten Zweige deuten nach Jahren noch an, was hier einmal stattgefunden hat. Würmer und Asseln, Käfer und Pilze, Springschwänze und Bakterien haben das Holz in feinste Walderde verwandelt, die den "Nachrückern" jetzt den Start erleichtern.

Ein Bekannter, dem ich dieses Rezept einmal unterbreitet habe, antwortete, er sei jetzt 60 Jahre alt und möchte die Hecke noch erleben... Die gärtnerisch inszenierte Hecke hatte er allerdings bis dahin nicht erlebt. Aber man kann ja schliesslich auch die Vorgänge in einem Reisighaufen verfolgen, sich über alle Tiere, die sich hier einfinden, freuen, inklusive Mäuse, die hier durchaus erwünscht sind. Auch das sind Naturerlebnisse. Und am Schluss haben wir eine Hecke, die Krönung der Erlebnis-Abfolge. Die Lieferfrist ist länger, aber die Chancen, das Ziel zu erreichen, sind grösser, nahe bei 100%.

Man kann um die einzelnen Pflanzenwurzeln herum technische Schutzmassnahmen wie das Eingraben von Gittern treffen; aber den Pflanzen dürfte es in solch einer Umgebung ungefähr so wohl sein wie den Damen, die früher ein Mieder getragen haben. Wurzeln von Pflanzen, die in kleinen Töpfen gärtnerisch aufgezogen wurden, haben einen Drall (Drehwuchs), und solche Pflanzen sind immer kränklich und deshalb wahrscheinlich eine Delikatesse für Mäuse, weil sie sich weniger kräftig entwickeln und zarter sind.

Die Natur inszeniert Ihre Hecke gratis. Kaufen Sie mit dem gesparten Geld ein naturkundliches Bestimmungsbuch mit ausführlichen Beschreibungen von Pflanzen und Tieren, lernen Sie die neu eintreffenden Gäste kennen, freunden Sie sich mit diesen an – inklusive mit unseren beliebten Feldwaldmäusen (Waldmaus, Kleine Waldmaus, Apodemus sylvaticus L.), Feldmäusen (Microtus arvalis), gewöhnlichen Schermäusen (Avicola terrestris), Haselmäusen (Muscardinus avellanarius), Springmäusen (Dipodidae), Hüpfmäusen (Zapodidae), Wühlmäusen (Micotidae) etc., und verfolgen Sie deren Verhalten. Das wird Sie von Anfang an faszinieren.

Ich wünsche Ihnen viel Erbauung und Ihren Mäusen weiterhin viel Spass. Sie gehören zu den treuesten Freunden.

W.H.

PS. Eine liebevoll gestaltete Internetseite zum Thema ("Das Mäuseasyl"): http://mitglied.lycos.de/Maeuseasyl/lexikon.htm

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[1] Adresse: Hermann Benjes, Darmstädter Strasse 21, D-64404 Bickenbach.

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