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     September 21, 2019 07:27 CET
 


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Wen greifen die Amöben an?

Eine Bekannte in Asien hat kürzlich einen schweren Fall von Amöbenruhr aufgelesen. In verschiedenen Dokumenten im Internet habe ich nun gelesen, dass pro Jahr weltweit etwa 480 Millionen Fälle auftreten, ganz besonders in tropischen Gebieten und natürlich vor allem in "Third-world countries".

Ebenfalls habe ich gelesen, dass nur in 10 % der Fälle die Symptome akut werden, mit Blut im Stuhl, heftigen Magenkrämpfen, Fieber usw. Meine Frage: Wenn nun 6 Personen im gleichen Restaurant essen und trinken, wie kommt es wohl, dass nur 1 Person affektiert wird und die andern ohne Symptome und Leiden davon kommen? Deutet dies auf ein sehr geschwächtes Immunsystem hin – was in unserm Fall damit erklärt werden könnte, dass die betroffene Person längere Flüge hinter sich hatte, währenddem die andern bereits in Asien ansässig sind. Oder kann man Abwehrstoffe aufbauen, indem man in Ländern lebt, wo man stetig mit unreinem Wasser und ebensolchen Esswaren im Kontakt ist?
Rolf P. Hess, Coralpoint, Cebu, Philippinen

Antwort: Die Amöben sind Einzeller (Protozoen), die vorwiegend in Gewässern und im Darm von Menschen, Affen und Hunden leben. Es gibt sie in zahlreichen Variationen; doch die bekannteste und gefürchtetste Art ist die Entamoeba histolytica, weil sie Krankheiten hervorrufen kann. Ihre Mitglieder sind etwa 20 bis 30 µm (Mikrometer) = 0,02 bis 0,03 Millimeter. Man müsste also etwa 30 bis 50 Stück aneinanderreihen, um eine Kolonne von 1 mm Länge zu erhalten. Sie sind von blossem Auge also unsichtbar, und man würde sie ohnehin kaum erkennen, da sie einen ausgeprägten Formenwechsel betreiben. Die Histolytica-Formen weisen zudem verschiedene Stämme mit unterschiedlicher Virulenz (krankmachenden Eigenschaften) auf; die Natur ist ja ausserordentlich einfallsreich.

Spricht man nun von einer Amöbenruhr (Amöbisasis), meint man damit einfach eine Durchfallerkrankung, die meistens auf dem Kontakt mit verunreinigtem Trinkwasser oder Kot basiert und die meistens harmlos ist. Die Dauerform (Minutaform) der Entamoeba histolytica ist harmlos, und darauf dürften sich die allermeisten der erwähnten 480 Millionen Fälle beziehen, vielleicht meistens auch bloss auf einen lebhaften Durchfall, ohne den z.B. kaum eine Ägypten-Reise abgeht. Doch die harmlose Amöbenform kann sich in die krankmachende Magnaform umwandeln, die verschiedene leichte bis schwere Schäden anrichten kann – von Bauchschmerzen und Durchfällen bis zu Darmdurchbrüchen und in seltenen Fällen Leber- und Hirnabszessen, das Schlimmste, was in diesem Zusammenhang passieren kann. Vielleicht war bei einigen Gästen der Mageninhalt so beschaffen, dass die Amöben darin keine Existenzgrundlage hatten.

Die Verbreitung erfolgt also nach dem Zufallsprinzip. Vielleicht war in einem Restaurant nur ein ganz kleiner Teil der Speisen von krankmachenden Amöben begleitet, und es kommt drauf an, wer diese gerade im Teller hat. Und wenn die Einzeller auf vielen Tellern waren, dann bestimmt der Zufall, wer ausgerechnet die Magnaform erwischt.

Deine Frage, lieber Rolf, zielt auch auf den Zustand des Immunsystems ab. Ganz allgemein ist es so, dass eine in einer Region wohnende Bevölkerung einen gewissen Stil im Zusammenleben mit Krankheitserregern, die sie ständig begleiten, gefunden hat – sonst wäre sie ja längst ausgerottet; das gilt sogar für den Befall mit Malaria. Viele Menschen in den betroffenen Gebieten haben regelmässig Malaria-Schübe, ohne dass sie in ihrem Lebensstil dadurch gross beeinträchtigt werden. Das gehört einfach dazu. Im Prinzip haben wahrscheinlich vor allem jene Individuen überlebt, die von Natur aus resistent genug sind, evolutionäres Grundwissen (falls es stimmt!).

Auf verschiedenen Reisen durch tropische Länder mit ihren Armutsgebieten habe ich immer wieder gestaunt, was die dort lebenden Menschen an Schmutz, verschmutztem Wasser und damit auch an Krankheitserregern aller Art ertragen können. Es scheint mir ähnlich wie bei Katzen zu sein, die ja schmutziges Wasser manchmal geradezu aufsuchen und dieses mit Wollust lappen. Wenn wir hygiene-gewohnten Hochzivilisierten dann mit einem unbekannten Erreger in Kontakt kommen, brechen alle unsere schwächlichen Schutzsystemchen wie Kartenhäuser zusammen.

Durch Impfungen (beginnend im Säuglingsalter), die damit verbundene Unterdrückungen der normalen Kinderkrankheiten, die den Organismus stärken würden, und die übertriebene Hygiene und Verzärtelung verfügen wir Zivilisierten in der Regel über ein miserables Immunsystem. Vielleicht hat unsere verfeinerte, breiartige, vorverdaute Industrienahrung auch dazu geführt, dass unsere Darmschleimhaut dünn und anfällig geworden ist, weil kaum noch durch Faserstoffe an ihr herumgekratzt wird. Solche feinen, zarten Därme halten den Amöben natürlich weniger stand als der Darm eines Naturmenschen, der auch Unverdauliches herunterwürgt und damit die inneren Organe ständig fordert und zu deren Verstärkung und Stärkung beiträgt.

Das Immunsystem kann im Prinzip mit unserer Konstitution gleichgesetzt werden. Der westliche Lebensstil im Wohlstand ist darauf ausgerichtet, dieses System zu schwächen, was u.a. auch an den ständig steigenden Krankheitskosten abzulesen ist. Und wenn der Schwächezustand einen gewissen Grad erreicht hat, wird es erst recht zwingend, jede Form von Belastung zu vermeiden.

Deine Bekannte aus Europa, die in Asien von den Amöben befallen wurde, trifft keine Schuld. Sie ist einfach in ein tropisches, feuchtes Gebiet gereist, in dem andere Gesetze gelten (wobei die Philippinen nicht einmal als Gebiet mit besonderen Amöbengefahren bekannt sind; aber das manchmal in Zisternenwagen herumgekarrte Trinkwasser unbekannter Herkunft ist gewiss nicht über alle Zweifel erhaben). Und sie ist zufällig von den Parasiten betroffen worden. Warum gerade sie? Die Frage stellt sich bei jedem Unfall.

Es gibt auch in Gesundheitsfragen ein Nord-Süd-Gefälle – und in diesem Fall sind wir vorläufig noch am kürzeren Hebelarm.

Man kann nur hoffen, dass der Darm Deiner Bekannten standhält, die medizinischen Behandlungen richtig und erfolgreich sind und sich keine Amöben via Blut im Organismus verteilen und sich selbst im Beisein porenbildenden Eiweissen (Amoebapores) keine bedrohlichen Abszesse bilden können. In diesem Fall wäre ein starkes Immunsystem gefragt, das infizierte Zellen sogleich unschädlich macht –– auf dass alles gut gehe.

wh.

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