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Überlebenslehren aus Vietnam

Ein kommentierter Reisebericht (1996) von Walter Hess

Not macht erfinderisch. Deshalb ist aus den Vietnamesen ein Volk von Erfindern geworden. Sie haben während Jahrhunderten gelernt, in den denkbar schwierigsten, geradezu unmöglichen Lagen zu überleben. Mit intelligentem Verhalten und List, geboren aus dem unbändigen Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit, wurden Chinesen, Franzosen und sogar die amerikanische Militärmacht besiegt.


Restaurateurinnen in der „Feuer-frei-Zone“ der US-Armee: Cham-Tempelstadt My Son (Nordvietnam, Nähe Danang)

Der letzte Vietnamkrieg war eine ungeheure Materialschlacht: Ein kaum zu beziffernder Bombenhagel und über 72 Mio. Liter tödliche Chemiegifte gegen Vegetation, Wildtiere und Menschen wurden von den USA-Militärs eingesetzt, grober Verstoss gegen die Menschrechte. Wie sieht es in jenem fernen Land der verbrannten Erde, das der amerikanische General William Childs Westmoreland "in die Steinzeit zurückbomben" wollte, heute (1996) aus, Jahrzehnte nach dem Ende eines sinnlosen Krieges, nach all den Zerstörungen wie den Entlaubungen weiter Landstriche? Zuversicht, Einsatz, Gelassenheit und Ideen sind reichlich vorhanden. Nirgends begegnet man einem feindseligen Blick – ein erstaunliches Volk.

Am Duftfluss
Im zentralvietnamesischen Tiefland bewegt sich der Wohlriechende Fluss (Huong Giang) kaum merklich dem Südchinesischen Meer zu. Das träge Gewässer entspringt etwa 60 km weiter oben im Truong Son, wo wohltuender Ginseng wächst. Etwa 18 km oberhalb der Mündung befindet sich die Stadt Huê, die 1802 Hauptstadt des vereinigten Annam war – so hiess ein Teil von Vietnam früher. Umfangreiche, häufig beschädigte Tempel- und Palastanlagen mit dem Kaiserpalast am Flussufer in der Stadtmitte von Huê sind Erinnerungen an die Ngyuen-Dynastie, deren "Himmelssöhne" die Kaiser von China nachahmten, wenn auch in etwas verkleinertem Format.

Die im Wiederaufbau begriffene Altstadt, eigentlich ein umfangreicher, mit schönen Bauten bestückter Landschaftsgarten, ruft die historische Bedeutung des Ortes in Erinnerung. Eine skurrile Mischung aus chinesischen, vietnamesischen und französischen Stilelementen wie grün glasierte Ziegeldächer, kunstvolle Drachendekors, rot und golden lackierte Holzsäulen sowie Ruinen aus dem jüngsten Krieg sind wie Seiten aus einem offenen Geschichtsbuch. Darin sind u.a. 1007 Jahre vietnamesische Monarchie verzeichnet, die am 25. August 1945 endete, als der letzte König, Bao Dai, den siegreichen Revolutionären des Ho Chi Minh die Amtssiegel überreichte.


Nur den Mut nicht verlieren: Schiffstransport auf dem Wohlriechenden Fluss oberhalb Huê

Ausschliesslich Schiffe mit geringem Tiefgang können den Duftfluss hinauffahren. Das Gewässer durchfliesst eine weiche, anmutige, schön modulierte Landschaft, die von allerhand Aktivitäten geprägt ist, vorbei an einfachen Stelzenhäusern, Kleinhandwerksbetrieben, Gemüsegärten und Anlagen für die Schifffahrt. Im Hintergrund wird das Bild durch den Berg Ngu Binh abgerundet. In einem stillen Flussarm ankern Wohnboote (Sampans). Mitten im Fluss grapschen fleissige Menschen, mit einfachen Körben tauchend, nach Sand, laden in harter körperlicher Arbeit bis zu 5 Kubikmeter davon in ihre Kähne, bis diese zu versinken drohen. Sie fahren damit nach Huê und bekommen dort für die ganze Fracht inklusive Lieferung umgerechnet total etwa 8 Euro (110 000 Dong). Eine brot- bzw. reislose Sache.

Der Austin im Kloster
Etwa 5 km oberhalb von Huê, beim Dorf Kim Long, fällt auf der linken Flussseite die Chua Thien Mu (Chua Linh Mu) auf, der 1601 erbaute Tempel der Himmelsmutter, vor allem der 21 m hohe 7-stöckige Stupa[1] Phuoc Duyen, 1844 erbaut. Der Turm gilt als prachtvollster in Vietnam. In jedem Stockwerk wird eine Buddhastatue verehrt; bei diesen Statuen kommt es nicht auf eine wirklichkeitsgetreue Abbildung, sondern vielmehr auf den Symbolgehalt an. Eine chinesische Inschrift macht auf die Schönheit dieses erhabenen Platzes aufmerksam, von dem aus die friedliche Flusslandschaft überblickt werden kann.

Hinter der Pagode ist ein bescheidenes Kloster zu finden, wo der rostige blaue Austin ausgestellt ist, mit dem der vietnamesische Mönch Tich Quang Duc nach Saigon fuhr, bevor er sich am 11. 6. 1965 mit Benzin übergossen und verbrannt hat. Er sass im Lotus-Sitz auf dem Boden, bewegte keinen Muskel, gab keinen Laut von sich, als er starb. Er protestierte damit gegen den erzkatholischen, von den USA gestützten Diktator Ngo Dinh Diem, der den Katholizismus zur Staatsreligion erklären wollte und den Buddhismus zu unterdrücken versuchte, und zudem auch gegen die zunehmende US-Intervention. Diems Bruder, Ngo Dinh Thuc, wirkte als Erzbischof in Huê und liess dort eine monströse Betonkathedrale erbauen ("Notre Dame"); ein weiterer Bruder war Chef der gefürchteten Geheimpolizei – ein diversifizierter und mächtiger Clan.

Weiter flussaufwärts erreicht man die 7 Königsgräber der Nguyen-Dynastie. Diese Herrscherfamilie bestimmte von 1667 bis 1775 als Fürsten und von 1804 bis 1945 als Könige das Leben von Huê. Die Grabkunst ist mit der Landschaft verschmolzen, was in Vietnam phong-thuy (Wind- und Wassertheorie) genannt wird. Die grösste Anlage mit Gärten, Pavillons, Teichen und Tempeln ist dem König Minh Mang gewidmet. Der gelehrte Konfuzianer, der zwischen 1820 und 1844 herrschte, hatte diese 45 ha grosse Anlage aus Toren, Tempeln, Teichen, Stelen, Statuen, Höfen, Brücken und Pavillons nach den Regeln der Geomantie und Astrologie selbst entworfen, um die Ewigkeit nicht dem Zufall zu überlassen. Die Kultur (Architektur, Malerei auf Lack und Seide, Musik, Theater, Handwerk, Dichtkunst, Geschichts- und Geografieforschung) erlebte unter der Nguyen-Herrschaft eine einzigartige Blütezeit, und auch der Buddhismus wurde von der konfuzianisch[2] orientierten Familie gefördert.

In Vietnam war das Nebeneinander von Religionen ursprünglich nie ein Anlass zu Streit gewesen. Doch dann kamen die christlichen Missionare, die wie überall den Eroberern den Weg bahnten. Sie traten nicht einfach als Verkünder einer für Asien exotischen Religion auf, versprachen nicht bloss ewige Glückseligkeit im Jenseits, sondern nahmen über ihren Anspruch nach Alleinseligmachung hinaus auch Einfluss auf die Politik. Sie riefen zu Ungehorsam gegen den Staat auf und wollten einen ihnen willfährigen Staat nach westlich-christlichem Muster aufbauen. Ihre Machtansprüche und Ignoranz lokaler Sitten führte dazu, dass sie ausgewiesen und verfolgt wurden, wofür man sehr wohl Verständnis haben muss.

Die Erfolge der westlichen Missionare hatten die Herrscher der Nguyen-Dynastie erschreckt. Dieses Herrscherhaus beharrte selbstverständlich auf der eigenen konfuzianischen Tradition. Minh Mang las dennoch die Bibel, um dem christlichen Phänomen näher zu kommen. Er soll aus seinem eigenen hohen Bildungsstand heraus festgestellt haben, darin stehe ein schrecklicher Unsinn, wie der fachkundige deutsche Sinologe Konrad Schlieker mir gegenüber sinngemäss interpretierte.

Geschäftstüchtigkeit
An der Schiffanlegestelle in der Nähe des Grabes von Minh Mang, dem die Ehre erwiesen sein will, wurde ich von einem etwa 5-jährigen Mädchen mit gelbem Rüschen-Kleid und passendem Hut abgefasst, an die Hand genommen und zu dessen Mutter geführt. Die freundliche Frau, keine 25 Jahre alt, setzte mir einen jener typischen Kegelhüte auf, die fast zu einem Wahrzeichen der aus der mongoloiden Rasse stammenden Vietnamesen geworden sind. Manchmal sind Scherenschnitte zwischen die Bastbänder gelegt. Die Vietnamesin sagte unter der sengenden Sonne wenige Kilometer südlich des 17. Breitengrades, der Schattenspender sei leihweise und gratis. Ich bedankte mich höflich: "Cam (xin) on (ong)".

Das kleine Mädchen nahm mich wieder an der Hand und führte mich zum Eingang der Grabanlage, zum linken Flügel des dreiteiligen grossen Roten Tores. Unterwegs fragte es mich in gutem Englisch: "What's your name?" Ich erfand, spasseshalber und gewissermassen als Intelligenztest, einen schwer aussprechbaren Namen: "Fritzchen." Das Kind repetierte "Fritzschen", recht präzise, erstaunlich. Dann wartete es, bis ich aus dem Ehrenhof, hinter dem sich die Gebäude auf einer leicht ansteigenden Achse hintereinander aufreihen, zurückkam. Es rannte auf mich zu, "Fritzschen" rufend, und es führte mich zu seiner Mutter bei ihrem luftigen Verkaufsstand zurück. Dort wurde mir für 1 USD eine ziemlich kühle Plastikflasche mit Mineralwasser angeboten. Die junge Frau machte so das Geschäft des Tages und war mit ihrer Tochter, mit mir und der Welt zufrieden. Am Schluss geleitete mich die Kleine noch zum Boot und winkte lebhaft, bis ich ausser Sichtweite war.

Noch professioneller packten etwa 15-jährige Schülerinnen bei den Marmorbergen bei Danang die Vorbereitungen auf ein gutes Geschäft an. Die felsige, von Bäumen und Sträuchern überwucherte Gruppe von Marmor- bzw. Kalkbergen, die für GIs praktisch unzugänglich war und den Vietcong[3] gute Verstecke geboten hatte, besteht aus 5 Gipfeln und wird als Ngu Han Son (Berge der 5 Elemente) bezeichnet, die einst Inseln gewesen sein sollen. Im Weiler Non Nuoc am Fusse der Berge hämmern zahlreiche talentierte Steinbildhauer. Sie stellen Statuen und Schmuck aus rosafarbenem, weissem und grünlichem Marmor her. Der grosse König Minh Mang war 1825 ebenfalls hier gewesen, wie man an Ort und Stelle nachlesen kann. Er hatte den Befehl gegeben, Wege anzulegen und die Tam-Thai- und die Linh Ung-Pagode auszubauen.

Die Touristen quälen sich in der Regel auf den schönsten und grössten Berg Thuy, der also dem Element Wasser gewidmet ist. Der Aufgang an der Südseite führt über 156 Stufen zur Tam Thai-Höhle. Am unteren Anfang der Treppe wartet ein Rudel Mädchen, das je ein hölzernes Tablett mit zu Döschen und Figuren geformten Steinen bei sich trägt, in einer Hüfte abgestützt. Nach einem mir unbekannten System steuert jedes Mädchen einen Besucher an. Weil ich mich in solchen Fällen nett benehme, hatte ich bald 2 Begleiterinnen; die zusätzliche war von einer Dame aus Deutschland, die sich belästigt fühlte, barsch abgewiesen worden.

In Asien empfiehlt es sich, angebotene Dienste nach Möglichkeit in Anspruch zu nehmen; für viele Menschen ist das dort die einzige Möglichkeit, zu einer Schale Reis zu kommen, und zwar auf legale Art. Die beiden Mädchen, die sich für meine Herkunft und meine Person lebhaft interessierten, kümmerten sich in rührender Weise um mich. Sie machten mich in krasser Unterschätzung meiner Geländegängigkeit fast auf jede Treppenstufe aufmerksam, damit ich ja nicht stolpere – ich war schliesslich ihre ganze Zuversicht. Oben auf dem Aussichtspunkt Vong Giang Dai mit dem unvergesslichen Panoramablick lehrten sie mich die Namen der übrigen 4 Berge: Kim (Metall), Tho (Erde), Hoa (Feuer) und Moc (Holz). Beim Eingang in die Tam-Thai-Höhle waren sie bemüht, dass ich den Kopf nicht anschlug, und sie zeigten mir eine Tropfsteinstelle im Fels, die wie ein Wasserfall aussieht.

Beim Abstieg forderten sie mich in deutscher Sprache zur auch im Westen wiederentdeckten Langsamkeit auf – sie hatten Zeit. Unten wollte ich ihnen für ihre guten Dienste je 1 USD geben. Sie lehnten das für sie enorm viele Geld ab; ich musste ihnen etwas abkaufen, kunstvolle Steintöpfchen für 3 bis 5 USD, die ihren Preis mehr als wert sind und mich als Erinnerungsstücke nachhaltig freuen.

Handwerkliches Talent und Wissensdurst
Hier drängt sich ein Exkurs zu Bildung und Kunsthandwerk auf. Im Prinzip wurde die Bildung der unterdrückten Völker von den Kolonialmächten als unnötig betrachtet; sie brauchten bloss billige Hilfskräfte. Doch das führte bei den Leuten zu einem enormen, geradezu unstillbaren Durst nach Wissen, und daraus erklärt sich die Lernbegierde der meisten Menschen in so genannten "Drittweltländern". Sie sind von "Erstweltländern" niedergehalten worden. Auch heute werden sie bedrängt und ausgebeutet, wenn auch mit moderneren, subtileren Mitteln; die westlich beherrschten Wirtschaftsstrukturen lassen ihnen kaum Chancen. Die Globalisierung vertieft den Graben.


Beim Ausgang des Cu-Chi-Tunnels: Der ehemalige Vietcong-Kämpfer Nguyen Quang Tho

Nguyen Quang Tho, einer der wenigen Germanisten in Vietnam, der in Ho Chi Minh-Stadt als Lektor tätig ist und der mich mehrere Tage lang begleitete, sagte mir, der grösste Feind des Volkes sei neben den Aggressoren der Bildungsmangel. Thos Bücherbesitz, insbesondere über die deutsche Literatur, sind sein grösstes Kapital – eines der Werke sei ihm noch "geklaut" worden, wie er mit belegter Stimme sagte.

Beim Kunsthandwerk hat sich die Kolonialisierung bemerkenswerterweise günstig ausgewirkt – in ganz Indochina[4] ist es nach wie vor erhalten. Wegen der Besitzgier der europäischen Kolonialmächte, die bezüglich Ausbeutungstechnik einen hohen Stand erreicht hatten, musste jeder ökonomische Aufschwung in den bestohlenen Ländern ausbleiben, und so war es den Menschen unmöglich, ausländische Industrieprodukte zu kaufen. Es ging nicht ohne die eigene handwerkliche Produktion mit Hilfe von einfachen Werkzeugen.

Erst in den letzten Jahren hat sich die Lage in Vietnam etwas geändert. Jetzt rollen Hunderttausende von "Honda Dream"-Mopeds an Pepsi-Reklamen vorbei, eine ständig hupende und knatternde Flut. Die Zweiräder bilden an Kreuzungen dichte Knäuel und stieben in allen Richtungen in mehreren Kolonnen auseinander. In den schmalen Häusern hielt der Fernsehkasten Einzug. Einen Krieg wenigstens scheinen die USA und Japan zu gewinnen: den wirtschaftlichen. Auch auf dem Töff tragen die hübschen Vietnamesinnen mit dem hüftlangen Haar den bezaubernden Ao Dai, die langgschlitzte Tunika klassischen Zuschnitts, und die nach innen geklappten Seitenspiegel ermöglichen ihnen, ihr Aussehen auch während der Fahrt im Verkehrsgewühl zu kontrollieren. Die Burschen ihrerseits haben imitierte Ray-Ban-Sonnenbrillen aufgesetzt.

Die Bevölkerung war bisher gezwungen, auf die Erzeugnisse von Handwerkern zurückzugreifen, und diese hatten ihr Auskommen. Im Moment wird in asiatischen (wie auch afrikanischen) Ländern mit Inbrunst für den devisenbringenden Tourismus produziert. In Vietnam gibt es die traditionellen Lackarbeiten aus Holz und dem rubinroten, nachdunkelnden Harz des Lackbaums (Butea, vietnamesisch: cay son) aus der Familie der Schmetterlingsblütler (7 Arten) und Intarsien aus Perlmutt oder Eierschalen, Töpferwaren, Seidenmalereien usf. für einen Pappenstiel, am liebsten in Form von Dollars. Überall findet man kunstvoll verzierte Opiumpfeifen aus Silber, Edelhölzern und Bambus, die im Gegensatz zum Opium (Vietnam soll pro Jahr etwa 10 t davon produzieren) frei verkäuflich sind und als Souvenirs gelten. Während des Krieges hatte die Regierung nichts gegen den Opiumanbau, da der Rauschgiftkonsum die GIs schwächte.

Die Kreativität und das handwerkliche Talent sind in Vietnam eine glückliche Verbindung eingegangen. Das Kunsthandwerk bringt erstaunliche Resultate hervor. Stein- und Holzschnitzereien und Intarsien verschönern Häuser, Schiffe und Gebrauchsgegenstände; solche Schnitzereien und auch Malereien sind ein Bestandteil der Architektur und eigentlich von jeder Produktion. Die Arbeiten erhalten abgerundete Formen, und bei Malereien werden Naturfarben aus Blüten, Blättern, Rinde, Früchten, Holzasche und verschiedene Mineralien verwendet. Anmutig ist auch die bemalte oder mit Flecht- und Ritzmustern versehene Keramik.

Die Einflüsse des Plastikzeitalters gibt es natürlich auch, bis hinein in altehrwürdige Buddhatempel. Zu der sich anbahnenden Kunststoffwelt scheint Asien ein besonders ungezwungenes Verhältnis zu haben. So umspannen Lichterketten Buddhaköpfe, in denen die Elektrizität Aufmerksamkeit erheischend und farbenfroh fliesst und blinkt wie in einem Spielautomatensalon. Aufdringlicher Schmuck, der bei uns vor allem die weihnachtliche Fichte oder Weisstanne unter sich begräbt, gehört dort gerade in religiösen Kultstätten zum Repertoire, eine kindliche Art von Brauchtums-Symbolik.

Kultur-Reichtum
Zu den Künsten und schönen Seiten des Lebens gehört das Wasserpuppentheater (mua roi nuoc), z.B. in Hanoi. Die tanzenden und springenden Puppen werden in einem Bassin von unsichtbaren Stäben und Fäden bewegt, eine ausgefeilte Mechanik, die für meinen Geschmack allerdings zu sehr von stinkenden Rauchgranaten begleitet wird. Dazu gehört selbstverständlich die Musik auf selbst gebauten, klangschönen Saiten-, Blas- und Schlaginstrumenten, viele aus Bambus.

Ein besonders auffallendes Instrument ist das dan bau, das im Delta des Roten Flusses im Norden des Landes (Raum Haiphong) entwickelt worden sein soll; denn auf jenem fruchtbaren Schwemmland aus eisenhaltigem Lehm wuchs neben vielen Nutzpflanzen auch eine blühende Kultur. Das erwähnte Zupfinstrument besteht aus einem rechteckigen, langgezogenen Klangkörper aus Holz mit einem hohen, biegsamen Ständer. Eine Saite, die in einem Trichter am Ständer endet, bildet die Verbindung zum Klangkörper. Sie erzeugt, je nach Intensität der Spannung, anhaltend schwirrende Töne, die lachen und weinen können. Selbst die vietnamesische Sprache ist Musik: ein Tonalsystem mit 6 Tönen. So kann das gleiche Wort wie ma je nach Intonation 6 verschiedene Bedeutungen haben (Geist, aber, Mutter, Reissetzling, Grab und Pferd).

Die vietnamesische Kultur ist stark von China beeinflusst, hat aber doch einen betont eigenständigen Charakter. Das sind typische Eigenschaften einer Lernkultur asiatischer Prägung, die auf Verschmelzung ausgerichtet ist – im Gegensatz zu den westlichen missionierenden Belehrungskulturen, die sich kaum weiterentwickeln können, weil Impulse von aussen nicht als Chance erkannt werden oder unerwünscht sind. Auch im religiösen Sektor gibt es, wie bereits angetönt, in Asien statt der Tendenzen zur Vernichtung des Fremdartigen vielmehr das Bemühen um die Eingliederung neuer Einflüsse und Erkenntnisse, eine Vermischung verschiedener Phänomene, die unter dem Begriff Synkretismus zusammengefasst werden.

Religions-Mixtur
Ein Musterbeispiel für Religions-Verschmelzungen ist der Caodaismus, eine Religionsphilosophie, die vor allem südlich von Ho Chi Minh-Stadt im Mekong-Delta anzutreffen ist. Sie ist die Erfindung eines Staatsbeamten aus Cochin, Ngo Van Chieu, wahrscheinlich unter Einfluss von Opium entstanden. Diese kuriose Lehre vereinigt Glaubensrichtungen und Philosophien, die sich eigentlich ausschliessen. Die Mischung besteht aus Buddhismus, Konfuzianismus, Taoismus, Christentum, Spiritismus und – jedenfalls was die visuelle Ausprägung anbelangt – aus Disneywelt mit etwas Salvador-Dali-Atmosphäre: Drachen und Schlangen in Technicolor gehören zum Zierat.


Verschmelzung mehrerer Religionen und Philosophien: Mittagsgottesdienst der Caodaisten in Tay Ninh (Südvietnam)

Ganz im Süden steht fast in jedem Dorf eine Caodaisten-Kirche, immer nach dem gleichen Schema erbaut: gelbe Fassaden, doppelter Turm, blassblaue und rosafarbene Stuckarbeit, und über dem Tor wacht das grosse, weltumfassende Auge Gottes im Dreieck, das Cao Dai (wörtlich: Grosser Palast = höchstes Wesen). Der Aufwand an symbolschwangeren Verzierungen in knalligen Farben, an Seidengewändern und Kirchengerät ist gewaltig, für das Zeitalter der Farbfotografie wie geschaffen. Das Wallfahrtszentrum, d.h. der während meines Besuches gerade unbesetzte "Heilige Stuhl", befindet sich in Tay Ninh (Tanyin), 100 km nordwestlich von Ho Chi Minh-Stadt, wo ich einem Mittagsgottesdienst beiwohnen durfte. In der Kirche werden (alle 6 Stunden, täglich also viermal) feierliche Zeremonien in militärischer Straffheit vollzogen, endlose Zeremonien. Auf der Empore können sich die Gäste frei bewegen. Ich war bei der Hitze und dem monotonen Singsang glücklich, die Feierlichkeiten vorzeitig verlassen zu können, ohne unangenehm aufzufallen.

Cao Dai, der sich in spiritistischen Sitzungen (Séancen) insbesondere den mit weissen Seidenhosen bekleideten weiblichen Kardinälen mitzuteilen pflegt, möge mir meine Flucht, die seinem wachsamen Auge nicht entgangen sein kann, verzeihen. Ich habe ihm immerhin als Massnahme der Wiedergutmachung versprochen, über seine Existenz im Rahmen der Textatelier-Reportagen zu berichten, was hiermit geschehen ist.

Die Coadaisten hatten vor allem in den 40er-Jahren starken Zulauf, wohl weil sie sich gegen die französischen Besatzer wehrten, obschon Persönlichkeiten wie der Dichter Victor Hugo, Jeanne d'Arc und der Schriftsteller François René Vicomte de Chateaubriand, der vor allem bei Steak-Liebhabern in hohem Ansehen ist, zu den unfreiwilligen Heiligen gehören. Zu diesen verehrten Unsterblichen gehören auch der chinesische Kriegsgott Tran Vu und der General Ong Cong. Damit auch diese zu einer adäquaten Aufgabe kamen, unterhielt die Sekte eine schlagkräftige Privatarmee, der etwa 25 000 Mann angehört haben sollen. Im Kampf gegen den Vietcong subventionierte der US-Geheimdienst CIA die Caodaisten mit Millionenbeiträgen, währenddem die gleiche Organisation in den USA Gegner des Vietnamkrieges überwachte.


Den Lebenselementen gewidmet: Ausblick vom Berg Thy (Wasser) zum Berg Hoa (Feuer) bei Danang (siehe Feng Shui)

Der 2. Vietnamkrieg
Der 2. Vietnamkrieg, dieses ausserordentlich betrübliche Kapitel, ist aus einer Vietnam-Berichterstattung wohl nicht auszuklammern. Zu auffällig sind die Spuren jener grauenvollen Jahre noch heute. Der vietnamesische Streit, der zuerst ein Hausstreit war, begann im Wesentlichen, weil wegen der Vertreibung der französischen Kolonialmacht das soziale und politische Leben im Lande neu geregelt werden musste. Die Kolonisations-Liquidation hat überall auf der Erde ein Schlamassel hinterlassen, weil die Grenzen verschoben und herkömmlichen Strukturen endgültig zerstört waren.

Die vietnamesische Katastrophe ergab sich insbesondere aus der US-Intervention im bereits kriegsgeschundenen, verarmten Land. Den so entstandenen Vietnamkrieg (zwischen 1963 und dem 30. 4. 1975, als Saigon fiel) habe ich seinerzeit jeweils als nachtdiensttuender Redaktor am "Aargauer Tagblatt" ab Fernschreiber aus der Ferne und aus 2. Hand erlebt; wir brachten täglich eine Zusammenfassung der eingegangenen Meldungen. Es waren vorab proamerikanische Betrachtungsweisen, welche die Journalisten im Saigoner Hotel "Rex" (Unterkunft der US-Offiziere) entgegengenommen hatten und sich im Übrigen im "Continental" die Zeit vertrieben. Getreulich posaunten sie die zahllosen "Niederlagen" des Vietcong in alle Welt hinaus, dem die Amerikaner den Lebensraum gründlich zerstörten und sogar Reis und Fische stahlen, um dessen Kampfkraft zu schwächen.


US-Hinterlassenschaften in Vietnam: Darstellung im Kriegsmuseum in Saigon (Ho Chi Minh-Stadt)

Meldungen aus nichtamerikanischen Quellen waren nur spärlich verfügbar. Sie suggerierten, dass ohne die US-Intervention die Sowjetunion und China die kommunistische Herrschaft in Süd- und Ostasien ausgedehnt hätten, wobei als deren Ziel die Hegemonie über Indonesien, Thailand und gegebenenfalls Indien galt ("Domino-Theorie"). Das war mitten in der Hitze des 40-jährigen Kalten Krieges; er gebar seine eigenen Denkklischees. So wurde etwa Vietnam als Schlüssel zum grössten Teil Südostasiens betrachtet.

Da die amerikanischen Soldaten für die vietnamesischen Dschungel unvorbereitet und ungeeignet waren, wurden 60 % der Wälder, vielfältige, unersetzliche Lebensräume, "entlaubt"; die Tierwelt wurde ausgerottet. Diese Gebiete wurden mit den übelsten Chemiegiften unwiederbringlich zerstört (siehe Abschnitt "Zustand der Natur") - mit dioxinhaltigem[5] "Agent Orange", "Agent Blue" und "Agent White" –, je nach der Farbe auf den Fässern und Inhalt. Die Amerikaner haben davon total 72'317 m3 auf Wälder und Getreidefelder versprüht, ohne Rücksicht auf irgendwelches Leben. Noch 1966 hatte das US State Department erklärt, die in Vietnam eingesetzten Herbizide seien für den Menschen gefahrlos (obschon die chemische Industrie bereits Kenntnis von Missgeburten hatte), eine üble Zwecklüge. Auch die bedauernswerten GIs wurden vergiftet, was sich bei Vietnam-Veteranen zeigt; die US-Soldaten wussten nicht, wofür sie kämpften. Der Chemiemulti Dow Chemical aber machte ein Bombengeschäft.

Die toten Pflanzenstrünke, Hautausschläge und Missgeburten wurden vom Vietcong als Propagandawaffe verwendet. Bananen wurden so gross, dass sie niemand mehr ass; Reiskörner und Papayas schrumpften. 1 Mikrogramm des Dioxins, dieses gefährlichsten aller Gifte, genügt, um die genetische Erbmasse grosser Säugetiere und des Menschen zu schädigen; für Menschen liegt die kritische Grenze noch wesentlich tiefer als bei Tieren. Im Tu Du-Spital (Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe) in Ho Chi Minh-Stadt gibt es Erinnerungen an Kinder ohne Beine, ohne Arme, mit geschädigten Nervensystemen, defekten Sinnesorganen und Gehirnschäden. Lebensunfähige Missgeburten sind in jenem Spital in Formalingläsern ausgestellt. Dass in diesem Land im Übrigen heute solch ein Geburtenüberschuss festzustellen ist, kann ich mir nicht erklären; denn die in Industrieländern grassierende Unfruchtbarkeit wird im Wesentlichen auf Chemiegifte mit hormonähnlichen Wirkungen, mit denen die Biosphäre überzogen worden ist, zurückgeführt.

Wer nach dem Spitalbesuch noch nicht genug Schreckliches gesehen hat, kann in Ho Chi Minh-Stadt dem War Remnants Museum, das ursprünglich Kriegsverbrechermuseum hiess, einen Besuch abstatten: Dort sind Waffen, Flugzeuge zu sehen, Fotos vom Kriegsgeschehen und Folterszenen ausgestellt. Auch eine "Tigerkäfig" genannte Gefängniszelle ist hergerichtet; solche waren mit US-Hilfe vom Saigoner Regime gebaut worden, um den Widerstand der als „Kommunisten“ bezeichneten Oppositionellen zu brechen.

We were wrong...
Es war wie bei allen Kriegen, vom 2. Weltkrieg über den Golfkrieg, den Krieg im ehemaligen Jugoslawien und im Libanon bis zu über 130 Kriegen in den ärmeren Ländern, die es in den vergangenen 45 Jahren gab: Was wirklich geschah, erfährt man erst hinterher in Portionen, wenn überhaupt.

Nach dem Vietnam-Desaster liess Hollywood eine Salve von Bewältigungsfilmen los. Der am Vietnamkrieg wesentlich beteiligte US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara hat in seinem Buch "In Retrospect. The Tragedy and Lessons of Vietnam" (1995) die Fehleinschätzungen beschrieben, welche zum Scheitern der brutalen US-Intervention mit den herkömmlichen strategischen Mitteln führten: "We were wrong, terribly wrong." Während des Krieges galt McNamara im Westen als der "Klügste" und Beste", und bei der Veröffentlichung seines Buches schlug die Beurteilung in den USA ins Gegenteil um. So geht es im Westen allen, die nicht oder nicht mehr bereit sind, amerikanische Ideale zu verherrlichen.

Die US-Armee kämpfte nach der Kriegstechnik des Aufspürens und maschinellen Vernichtens mit flächendeckenden Bombenteppichen und Herbiziden ("search and destroy") gegen die kaum sichtbaren Krieger, die sich der Guerilla-Taktik (Partisanen, Untergrundkämpfer) bedienten und mit einem Minimum an Waffen, Munition und Nahrung auskommen mussten. Indochina ist, geschichtlich betrachtet, die am schwersten bombardierte Region der Welt.

Im bisher letzten Vietnamkrieg wurde versucht, die Vietnamesen mit allen Mitteln zu schwächen, zu demoralisieren; auch friedliche Dörfer, Frauen und Kinder wurden von den Bombardements nicht verschont, wie Harrison Salisbury 1967 in der "New York Times" berichtete, ein höllischer Abnützungskrieg. Die "NZZ" ihrerseits schrieb in ihrer pro-amerikanischen Vorbildfunktion im August 1966 von "wohlgenährten, kraftstrotzenden Amerikanern", welche den "ausgehungerten und malariaerkrankten Vietconggefangenen nicht nur an Kraft und Ausdauer, sondern auch bezüglich anpassungsfähiger Intelligenz" überlegen seien. Als eines der wenigen Presseorgane berichtete die damalige "National-Zeitung" kritisch, und selbstverständlich soll an dieser Stelle auch der grossen Vietnam-Berichterstatter gedacht werden, die sich nicht in die Propagandamaschinerie einspannen liessen, erschwerte Arbeitsbedingungen hinnahmen, den Krieg und die öffentliche Meinung durch ihr unabhängiges Urteil beeinflussten (so etwa der Amerikaner David Halberstam). Sie waren die Ausnahmen.

In den Kinos lief ab 1968 der läppische US-Propagandafilm "The Green Berets" mit John Wayne. Die Amerikaner wurden als gutmütig und hilfsbereit dargestellt, die "grünen Teufel" aber als hinterlistig. So wurden wir informiert.

Die Widerstandskämpfer rekrutierten sich aus dem wohl zähesten Volk in diesen Breiten, das noch aus dem 1. Vietnamkrieg gegen die Franzosen über Erfahrungen verfügte, der 1954 siegreich beendet worden war. Ho Chi Minh (1890–1969) hatte die Kolonialmacht herausgefordert, vertrieben und dafür gesorgt, dass sein Land gegenüber Moskau und Peking unabhängig blieb. Ein schmächtiger Mann mit teegelbem Gesicht erwies sich als unbeugsam. Er war von Kolonialgerichten mehrmals verurteilt worden und entging der Verschleppung und der Guillotine immer wieder. Er und seine Ideen wurden bei alledem gestärkt.

Allein in der Schlacht von Dien Bien Phu (1954) hatte Frankreich 15'000 seiner besten Soldaten verloren. Dann mussten die Franzosen ihre Kolonialherrschaft beenden. Neben gelben Bauten erinnert heute in Vietnam nur noch das Brot (Baguettes) an den französischen Alptraum. Und dann trotzte Ho Chi Minh der erbarmungslosen Grossmacht USA mit Einfallsreichtum und Entschlossenheit. Die Amerikaner erlitten die verdiente Schlappe.

Einfälle
Es ist an dieser Stelle unmöglich, all die politischen Umstände, die zum 2. Vietnamkrieg führten, und das Kriegsgeschehen detailliert zu beschreiben; es gibt eine wachsende Anzahl von Büchern zu diesem kontroversen Thema. Es geht hier lediglich um ein paar Hinweise auf den aus Überlebenswillen geborenen vietnamesischen Einfallsreichtum während des Kampfgeschehens einerseits und auf den heutigen Zustand der Natur nach der Entlaubung anderseits.

Das Paradebeispiel für die kreative vietnamesische Intelligenz sind die Cu-Chi-Tunnels, ein 75 km langes, mit primitiven Werkzeugen kunstvoll angelegtes, teilweise dreistöckiges unterirdisches Bunkerlabyrinth im harten Boden und Fels, welches in den beiden Vietnamkriegen die Kämpfer gewissermassen unsichtbar machte; der erste Teil ist bereits 1948 im Kampf gegen Frankreich erstellt worden. Es ist vor wenigen Jahren zu einem kleinen Teil zu einer Touristenattraktion umgebaut worden – direkt neben Bombenkratern, die andernorts als Fischteiche benützt werden. Die Tunnels sind zum Schutz gegen hineingeworfene Sprengladungen häufig abgeknickt, und die Entlüftungslöcher waren gut getarnt. Die Abluft aus Küchen wurde in Rauchkammern gesammelt und dann dosiert und unauffällig an verschiedenen Stellen im Gelände abgelassen. Die Tunnels befinden sich unter einem verbuschten Gebiet, dessen Böden sich gut für Kautschukanbau eignen.

Cu Chi war ein ständiges Angriffsziel. Ein Videofilm leitet an Ort und Stelle die Besichtigung der Symbole der Unbeugsamkeit ein, wozu auch der spinnennetzartige, 16'000 km lange Ho-Chi Minh-Pfad gehört, eine Nachschublinie als kaum erfassbares, flexibles Wegsystem, das den logistischen Erfordernissen des Vielfrontenkrieges angepasst war. Zu ihm gehörten unterirdische Lebensmittellager und Waffenfabriken.

Die Tunnels unter dem mehrmals entlaubten Gebiet, das wieder verbuscht ist, mussten für die voluminöseren ausländischen Besucher erweitert werden, und dennoch muss man sich mit krummem Rücken und angezogenen Armen bewegen, z.B. zu einer Kommandozentrale. Unter Falltüren befinden sich spitze Bambuspfähle, weil die Amerikaner kleinwüchsige Söldner (tunnel rats) einsetzten, die aber überlistet wurden.

Jämmerlicher Zustand der Natur
Vietnams Fläche war 1943 noch zu 44% bewaldet; jetzt sollen es laut einheimischen Experten noch höchstens 19% sein. Die ehemals dschungelartige, üppige tropische Vegetation (mit Bambus- und ökologisch reichhaltigen Mangrovenwäldern im Mekong-Delta, hervorragenden Fischbrutstätten) ist im Vietnamkrieg auf 2,6 Mio. ha "entlaubt" und dann mit Napalm verbrannt worden. Diese riesigen Flächen sind bis zu 4× vergiftet worden. Andere Gebiete wurden mit unzähligen Spezialtraktoren buchstäblich plattgewalzt.


Von Winden überzogene Aufforstung: Artenarme Vegetation am Wolkenpass

Der Wolkenpass zwischen Da Nang und Huê, ein strategisches Nadelöhr, war einst von dichtem Urwald überwachsen. Nach dem Ökozid gedeihen hier nur minderwertige Grasfluren, Schilfgras, kümmerliches Buschwerk oder plantagenartige Aufforste. Die Natur ist degradiert, entartet, ausgelaugt; die Erosion ist beschleunigt. Dazu tragen auch das Holzsammeln und Brandroden bei. Jährlich verliert Vietnam in Friedenszeiten etwa 200'000 ha Wald. Die Pflanzen- und Tierwelt hat keine Zeit und keine Chance, sich zu erholen. Die Wildtiere hatten in Vietnam schon immer ein schwieriges Leben; sie waren für die Jagd praktisch freigegeben.

Aufgeforstet wurde mit Akazien (Acacia auriculiformis), Eukalyptus (Eucalyptus sp.), Teakbäumen (Tectona grandis), einem wertvollen Nutzholz, Pinus khasya (Hopea sp.), Dipterocarpaceen (zur Gewinnung von Bauholz, Dammarharz und ätherischen Ölen), Pahudia cochinchinensis u.a.m., eine bescheidene Auswahl im Vergleich zu einem natürlichen Ökosystem. Auf dem Ödland entwickeln sich dicht wachsende Grasarten. Mit der botanischen Vielfalt wurden auch die Wildtiere (inkl. Fische) dezimiert, wie etwa das scheue Koupreys (Bos saveli), das urtümlichste Tier der Rinderfamilie; es ist am Aussterben. Wild wurde von den Soldaten auch zu Nahrungszwecken geschossen. Während meiner dreiwöchigen Reise vom Norden bis in den Süden habe ich kein Dutzend wild lebende Vögel gesehen. Die Vogel-Artenzahl ist in den vergifteten Wäldern von 145 bis 170 auf 24 reduziert worden.

Trotz der dramatisch erodierten Natur ist die Naturheilkunde noch nicht verschwunden, im Gegenteil, sie feiert vor allem auf dem Lande eine Rückkehr (wie Annalisa Koeman in der Zeitschrift "Heritage" der Vietnam Airlines vom April 1996 berichtete). Die traditionelle Medizin, die der chinesischen ähnlich ist, wird als effizienter betrachtet, und sie ist preisgünstiger. Viele Vietnamesen haben den Eindruck, die westliche Medizin nütze nichts ("Western medicine does not work"). Daraus kann sich eine neue Wertschätzung der Natur ergeben. In Spitäler geht man nur in wirklichen Notfällen, vor allem für chirurgische Eingriffe; trotzdem sind die meisten Betten doppelt belegt.

Forcierter Reissegen
Die Landschaft in den beiden grossen Flussdeltas wird vom Nassreisanbau beherrscht; auf der Karte sehen sie wie 2 volle Tragkörbe aus. Der Flussschlamm befruchtet die Felder. Diese sumpfigen Landwirtschaftsgebiete hatten auch eine strategische Bedeutung: sie erschwerten oder verunmöglichten die Kriegsführung mit schweren Waffen, boten für den Vietcong aber keine Probleme: Die Krieger benutzten kleine Einmannboote aus Bambusstäben oder geflochtenen Palmblättern.

Doch der Reis hat seine Tragik. Um die jährlich um etwa 1,3 Mio. Menschen wachsende Bevölkerung ernähren zu können, werden im landwirtschaftstauglichen, von Entlaubungsgiften weniger verseuchten Gebiet vor allem neue Hochertragssorten angebaut – getreu dem vietnamesischen Sprichwort: "Wer die Elefanten gemacht hat, wird auch für das Fressen sorgen." Die Steigerung der Reiserträge seit 1960 ums Fünffache hat ihren Preis: Der hochgezüchtete Reis ist von Chemikalien und Kunstdünger abhängig; nährstoffhaltiges Flusswasser genügt nicht mehr. In den "Vietnam News" von 11. 3. 1996 habe ich gelesen, dass Vietnam 1996 total 800'000 t Dünger importieren wolle, und dazu werden 1,2 Mio. t im Lande produziert; eine unbestimmte Anzahl von Düngerfabriken werden 1997 modernisiert oder gebaut. Was allein mit diesem gigantischen Kunstdüngereinsatz an den Gewässern und Landwirtschaftsgebieten zusätzlich angerichtet wird, lässt sich kaum ermessen. Die Natur wird jetzt auch durch die Agrochemie über die Grenzen des Erträglichen hinaus strapaziert.

Vietnamesisches Guilin
Pflanzen und Tiere können keine touristischen Attraktionen mehr sein, aber die Landschaft. Die Hauptattraktion ist die Ha Long-Bay, die "Bucht des herabgestiegenen Drachens", nördlich von Haiphong, die allerdings durch das Kohleabbaugebiet (noch heute in Betrieb) leicht beeinträchtigt ist. In dieser Bucht stehen Tausende von pittoresken Karstbergen im Meer, ein Bild, das ans chinesische Guilin erinnert (und geologisch damit sogar in Verbindung steht), aber grosszügiger wirkt. Bei leichtem Nebel muten die schwächer werdenden Grau-Nuancen gegen den Hintergrund in ihrer Staffelung als phantasiereiches Konturengeriffel wie ein chinesisches Landschaftsgemälde mit "schlafenden Jungfrauen", "kämpfenden Hähnen", "Schildkröten" usw. an. Wenn eine Dschunke mit ohrförmigen Segeln vorbeifährt, ist das Bild, das an eine kunstvolle chinesische Tuschzeichnung erinnert, komplett.

In diesem Gebiet erzählen die Vietnamesen gern die Geschichte von der Vernichtung einer südchinesischen Invasionsflotte im Jahr 938. Die schweren Kriegsdschunken wurden von den Vietnamesen durch leichte Sampans bei Flut in den Bach Dang gelockt. In diesen Fluss hatten die Anwohner schwere, mit Eisen beschlagene Holzstämme gerammt. Zwischen diesen blieben die Schiffe der Angreifer aus dem Reich Nan Han bei Ebbe hängen, und so wurden sie zu einer leichten Beute. Damit wurde sogar der Weg für ein unabhängiges vietnamesisches Reich frei. Mit der gleichen Kriegslist wurde 1288 eine Flotte der Yuan-Dynastie vernichtet.

Beschädigte Kulturdokumente
Die Ha-Long-Bucht ist eine der hervorragendsten touristischen Sehenswürdigkeiten. Zu diesen gehören auch Kulturdenkmäler wie die grossartige Cham-Tempelstadt My Son ("schöner Berg"). Sie hat den Krieg nur teilweise überlebt und schwer gelitten. My Son ist von Da Nang (oder dem idyllischen Hoi An) aus über holperige Naturstrassen und eine wacklige Holzbrücke zu erreichen – durch eines der am augenfälligsten entlaubten Gebiete, das sich noch kaum regeneriert hat.

Die Cham waren ein begabtes Kulturvolk, das sich rund 1500 Jahre lang gegen Chinesen, Vietnamesen, Khmer und javanische Seeräuber behauptete, bis es ums Jahr 1400 aus der Geschichte verschwand. My Son ist seine eindrücklichste Hinterlassenschaft. Die Cham hatten eine polytheistische, von vielen Kulturen beeinflusste Religion. Zwischen dem 4. und 13. Jahrhundert entstand hier, in den Tälern Zentralvietnams, knapp 70 km südwestlich von Da Nang, das religiöse Zentrum, das 70 Tempel umfasste. Im jüngsten Vietnamkrieg zogen sich die Vietcong in die schwer zugänglichen Täler rund um My Son zurück. Die Amerikaner erklärten das Gebiet zur "free fire zone" und bombardierten und beschossen die phantastische Anlage, ein Kulturvandalismus dass Gott erbarm'. Übrig geblieben sind bloss 15 in Ziegelbauweise erstellte Gebäude in ruinösem Zustand, die von Pflanzenbewuchs, Pilzen und Flechten weiter abgebaut werden. Während meines Besuches im März 1996 war eine grössere Equipe mit Restaurierungs- bzw. Ausgrabungsarbeiten beschäftigt.

Zustand der Städte
Und was ist aus den beiden grossen Städten geworden? Hanois Melancholie mit viel kolonialfranzösischer Bausubstanz und chinesisch anmutenden Baumalleen am Hoan-Kiem-See wirkt verschlafen; man fühlt sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Beim Mausoleum, das auf einem gewaltigen Treppensockel thront und an Trostlosigkeit nicht zu überbieten ist, warten täglich lange Kolonnen Kinder und Erwachsener, bis sie am einbalsamierten (und jährlich in Russland gewarteten) Leichnam des verehrten, wächsern bleichen und klimatisierten "Onkel Ho" vorbeidefilieren dürfen. Dabei darf niemand die Hand in der Hosentasche haben; Hände gehören stramm an die Hosennaht. Fahrräder, Marktstände und Handwerkerwerkstätten prägen das Bild. Frauen tragen Güter auf Schulterstangen und bewegen sich wippenden Schrittes durchs Gedränge – wie immer. Der Sozialismus wirkte in dieser Stadt konservierend. Auch jetzt, nach der Eröffnung von Plastik- und Elektronikläden, lebt die Tradition weiter.

Das umgebende Delta des Roten Flusses (nach der Farbe des angeschwemmten Landes benannt) sieht wie damals aus: Reispflanzen werden von Hand gesetzt, und Zweiergruppen schöpfen mit einem am Seil hängenden Wassereimer stundenlang das kostbare Nass von den Kanälen in die Felder, in denen die Toten ruhen und die Lebenden über den Reis an ihren seelischen Kräften teilhaben lassen.

Lebhafter ists in Ho Chi Minh-Stadt, die eher nach Hauptstadt aussieht (eigentlich ist Saigon ein Bestandteil dieser Agglomeration, die sich weit über das Stadtgebiet hinaus erstreckt). Der Bauboom hat vor allem den Hotelsektor erfasst. Das luxuriöse "New World Hotel" in der Nähe des Zentralmarktes verkörpert die Finanzkraft von nahe gelegenen Ländern wie Japan, Hongkong, Taiwan und Singapur. Die angeblich 2 Mio. Velos und Velorikschas, 700'000 Motorroller und 100'000 Autos scheinen alle ununterbrochen herumzufahren. Sie verpesten die Luft, die allerdings schon vor 30 Jahren laut der Schriftstellerin Mary McCarthy vom Benzindunst verdüstert gewesen sein soll.

Manchmal fühlt man sich nach Bangkok versetzt, besonders wenn man abends von motorisierten Mädchen umschwärmt wird, die einem mit kühnem Griff vor allem dorthin langen, wo das Portemonnaie stationiert sein könnte. In dieser Stadt – und darüber hinaus – gibt es die aus der Not geborene Kriminalität, körperlich verunstaltete Bettler mit erloschenen Augen, das Laster und den Luxus – genau wie in einer westlichen Stadt. Feindseligkeiten und Bandenkriege unter Zigaretten schmuggelnden Vietnamesen wurden sogar in Berlin ausgetragen. 1996 ist in Saigon ein Café "Kondom" eingeweiht worden; es wird grösstenteils von den Médecins du monde finanziert; neben Kaffee sind dort Kondome zu haben.

Nach den chinesischen Kultureinflüssen herrschen nun die westlichen: Marlboro, Cola und Hamburger. Die Häuser am Saigon-Fluss, einem der stinkendsten, fäkalienreichsten Gewässer, das ich je gesehen habe (ich war auch schon im Po-Delta...), verrotten im Schmutz. In Hanoi ist es übrigens nicht besser; die berühmten Seen sind dort verpestet, und der Rote Fluss ist laut dem Umweltforscher Nguyen Duc Khien "5- bis 10× stärker verschmutzt als jede andere Wasserquelle in der Welt"; alle die 4 grossen Flüsse Vietnams haben einen ausserordentlich alarmierenden Verschmutzungsgrad ("an exceedingly alarming level") erreicht, wie Duc Khien feststellte.

Vietnam, Symbol für einen unablässigen Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit, diese kostbarsten, durch nichts zu ersetzenden Güter, ist in den offenbar unwiderstehlichen Sog des Wunsches nach Wohlstand amerikanisch-westlicher Ausprägung geraten. Erstmals seit Jahrtausenden wird nicht mehr für hochstehende ethische Ziele gekämpft; nun geht es um materielle Werte, wie überall auf der Welt. Die Globalisierung im Denken und Handeln sowie die aufs Zählbare reduzierte Sinnfrage sind Einbrüche in die überlieferte Lebensgestaltung von historischen Dimensionen. Autos, Honda-Motorräder, Fernseh- und Funkgeräte, Air-conditioning und dergleichen sind die neuen Symbole von Freiheit, Begründer eines materiell ausgerichteten Fetischismus, der Ideale und wahrscheinlich auch die menschliche Kreativität, die in Vietnam bisher ihresgleichen suchte, überrollt. Auf die Sinisierung und die französischen und japanischen Einflüsse folgt jetzt die Amerikanisierung, ein Dollar-Imperialismus, ähnlich wie vor Beginn des 2. Vietnamkrieges. Erstaunlich, dass sich "Onkel Ho", der konsequent für nationale Eigenarten eintrat, in seinem gläsernen Sarg nicht umdreht.

Der vietnamesische regimekritische Schriftsteller Bao Ninh schrieb in "The Sorrow of War": "Dort, weit zurück in der Vergangenheit, hat uns die Zukunft angelogen. Nicht ein neues Leben, keine neue Zeit und keine Hoffnung auf eine schöne Zukunft erfüllt mich jetzt, viel eher das Gegenteil. Die Hoffnung ist geborgen in der schönen Vergangenheit vor dem Krieg."

Fotos: Walter Hess

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[1] Eine Stupa (auf Sri Lanka Dagoba, in Südostasien Pagode genannt) ist ein buddhistischer Sakralbau zur Aufbewahrung von Reliquien.

[2] Zum Konfuzianismus: Die Ideen des Kong Fuzi (Meister Kong, vietnamesisch Khong Tu) gelten als Sitten- und Staatslehre. Sie beruht auf der sittlichen Ordnung des Kosmos nach den Vorstellungen des chinesischen Universalismus und hat einen metaphysischen Charakter. Die Grundlage der konfuzianischen Lehre bilden die 5 Beziehungen:
-- Die Güte des Herrschers – die Loyalität der Untertanen
-- Die Liebe des Vaters – die Pietät des Sohnes
-- Das Wohlwollen des Älteren – die Ehrfurcht des Jüngeren
-- Die Gerechtigkeit des Mannes – der Gehorsam der Frau
-- Die Treue des Freundes – die Treue des Freundes.
Der vietnamesische Konfuzianismus verfügte bis 1915 (in Hanoi) bzw. 1918 (in Huê) über ein ausgeklügeltes Bildungs- und Prüfungssystem und hatte keine materialistische Ausrichtung. Im Zuge der Kolonialisierung zerfiel das Bildungswesen allerdings.

[3] Vietcong: Abkürzung für Viet Nam Cong San = vietnamesische Kommunisten. Der Begriff Vietcong war seit 1957 in Südvietnam, anschliessend auch in der westlichen Welt für die Guerillakämpfer in Südvietnam gebräuchlich. Aus Viet Cong wurde bei den Amerikanern VC = Victor Charlie, der Name für einen nicht fassbaren Feind.

[4] Indochina: Bezeichnung für die 1887 von Frankreich zur "Indochinesischen Union" vereinigten Protektorate Annam, Tonkin und die Kolonie Kotschinchina (heutiges Vietnam) sowie Kambodscha. [5] Dioxin, mit vollem Namen 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (TCDD), ist ein tödlich wirkender Chlorkohlenwasserstoff. Kleinste Mengen im Bereich von Millionstelgrammen genügen für eine Reaktion mit Nukleinsäuren und Proteinen. So greift Dioxin in zahlreiche biochemische Vorgänge ein. Im "Agent Orange" (Mischung aus 2,4,5-Trichlorpenoxy-Essigsäure und 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure, Verhältnis 1:1) waren total etwa 170 kg des Sevesogiftes Dioxin als Verunreinigung enthalten; am 10. Juli 1986 traten in Seveso (Lombardei, Italien) 0,5 kg in die Umwelt aus. Der Roche-Konzern hat als Wiedergutmachung dafür über 300 Mio. SFR aufgewendet. – Dioxin, das hormonähnliche Wirkungen entfaltet, verändert das Erbgut und führt zu schweren Missbildungen: Kinder mit Wasserköpfen, Babys mit 3 Beinen, mit zusammengewachsenen Fingern, Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, Siamesischen Zwillinge usf. Ferner kommt es zu Leber- und Nervenschädigungen, Hautkrankheiten, psychischen Problemen und Krebs.– "Agent White" ist eine 4:1-Mischung von 2,4 D und Picloram, "Agent Blue" ist die Bezeichnung für Kakodylsäure).

Literatur
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Heyder, Monika: "Vietnamesisch Wort für Wort", Reise Know-How Verlag, Bielefeld 1995.
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Knöbl, Kuno: "Victor Charlie: Vietcong. Der unheimliche Feind", Wilhelm Heyne Verlag, München 1967.
Lacouture, Jean: "Ho Tschi Minh", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1969.
Maier, Bruno: "Etappen der Wiedergutmachung", in „Roche-Magazin 54“ (Mai 1996).
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Moore, Robin: "Die grünen Teufel", Wilhelm Heyne Verlag, 1967.
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Neudeck, Rupert: "Exodus aus Vietnam", Gustav Lübbe Verlag GmbH., Bergisch Gladbach 1986.
Riklin, Alois (Herausg.): "Der Vietnamkrieg", Schriften des Schweizerischen Aufklärungs-Dienstes SAD, Zürich 1967.
Roy, Jules: "La Bataille de Dien Bien Phu", René Julliard, Paris 1965.
Schnibben, Cordt: "Saigon export", Goldmann-Verlag, Hamburg 1991.
Schütte, Hans-Wilm: "Marco Polo: Vietnam", Mairs Geographischer Verlag, Osfildern 1995.
Stern, Kurt, und Jeanne: "Reisfelder – Schlachtfelder", Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1967.
Sung, Cao Van: "Environment and Bioresources of Vietnam: Present Situation and Solutions", The Gioi Publishers, Hanoi 1995.
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Wepf, Reinhold: "Vietnam. Vom Mekongdelta zum Song Ben Hai", Kümmerly & Frey, Geographischer Verlag, Bern 1968.

Daten aus Vietnams Geschichte

Vietnam war jahrhundertelang von China unterdrückt. 1885 wurde dem Land der Status eines französischen Protektorates aufgezwungen; Indochina wurde zur profitabelsten Kolonie. Die Bevölkerung organisierte eine Unabhängigkeitsbewegung; Aufstände wurden durch Frankreich blutig niedergeschlagen. Ab 1930 gewann die von Ho Chi Minh gegründete Kommunistische Partei Indochinas zunehmend an Einfluss. Zwischen 1941 und 1945 wurde Frankreich von Japan aus Indochina verdrängt. Das neu eingesetzte, Japan-hörige Regime wurde von Ho Chi Minhs Untergrundorganisation Viet Minh mit wachsendem Erfolg bekämpft, und am 25. 8. 1945 riefen die Viet Minh ("Liga für die Unabhängigkeit Vietnams") die Republik Vietnam mit Ho Ch Minh an der Spitze aus. In Frankreich erwachten die kolonialistischen Gelüste wieder, und im November 1946 wurde die Hafenstadt Haiphong bombardiert. Der 1. Indochinakrieg begann, ein harter Abnützungskrieg, den Frankreich trotz der besser ausgerüsteten Armee im Mai 1954 verloren hat, eine Demütigung sondergleichen.

Im gleichen Jahr teilte die Indochina-Konferenz in Genf das Land beim 17. Breitengrad vorübergehend auf: in die kommunistische "Demokratische Republik Vietnam" unter Ho Chi Minh im Norden und die westlich orientierte "Republik Vietnam" unter Ngo Dinh Diem im Süden; freie Wahlen und eine spätere Vereinigung wurden vorgesehen. Hanoi unterstützte die kampfentschlossene Vietcong im Süden, und die machtbesessene, korrupte Regierung in Saigon weigerte sich in Übereinstimmung mit Amerika, die für 1956 vereinbarten Wahlen im Hinblick auf die Wiedervereinigung durchzuführen; denn ein Wahlsieg Ho Chi Minhs schien unvermeidlich. Die Teilung wurde deshalb in Saigon als endgültig interpretiert, unterstützt von den USA, die nun den Kampf gegen den Kommunismus aufnahmen.

Der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower sandte in den 50er-Jahren Militärberater nach Saigon, womit der Krieg programmiert war. Die Vietcong-Vorstösse dauerten an, und selektiv wurden etwa 4000 Beamte der von Diem geleiteten Saigoner Verwaltung ermordet, welche sich auf Kosten der Bevölkerung bereichert oder diese terrorisiert, erpresst oder gewalttätig behandelt hatten. Die Spannung stieg, bis die Amerikaner Anfang August 1964 am Golf von Tongking den 2. Vietnamkrieg eröffneten, bzw. mit verschiedenen Aktionen in einen Krieg hineinglitten, der ständig eskalierte; der genaue Kriegsbeginn ist nicht auszumachen. Am 30. 4. 1975 kapitulierten Südvietnam und die Amerikaner.

Der Krieg forderte gegen 3 Mio. Tote, vor allem unter der Zivilbevölkerung, und 11 Mio. Menschen wurden zu Flüchtlingen. 58’000 Amerikaner fielen. Die "Supermacht" verlor 8600 Flugzeuge und Helikopter. Sie verschoss 15 Mio. t Munition, 7,1 Mio. t Bomben und Raketen und setzte 200'000 t Napalm ein, ohne sich um die Genfer Konvention zu kümmern und ohne sich für die angerichteten verheerenden Schäden zu entschuldigen, geschweige denn auch nur einen kleinen Teil davon zu vergüten..

1976 vereinigten sich Nord- und Südvietnam zur "Sozialistischen Republik Vietnam". Darauf versuchten etwa 2 bis 3 Mio. Vietnamesen, dem neuen Staat zu entfliehen – vor allem in gefährlich überladenen Booten nach Hongkong (Boat People); etwa die Hälfte soll unterwegs umgekommen sein. Die Flüchtlinge berichteten von politischer Verfolgung, Hinrichtungen, Not. Viele konnten in einem asiatischen oder anderen Land eine Existenz aufbauen; die letzten 40 000 werden seit 1996 allmählich ins Heimatland zurückgebracht.

1986 erfolgte eine vorsichtige Öffnung Vietnams in Richtung einer "sozialistischen Marktwirtschaft" ("Doi Moi" = Renovation der Wirtschaft), wobei aus beiden Systemen das Beste genommen werden sollte. Es wird auch die Meinung vertreten, die Machthaber in Hanoi würden den Kapitalismus brauchen, um den Kommunismus über die Runden zu bringen. Ausländische Investoren erhielten Zugang, und Vietnam mit der konfuzianischen Arbeitsethik des fast unerschöpflichen Reservoirs junger Menschen (die Mehrheit des 74-Millionen-Volkes ist unter 25, Stand 1996) und seinen Bodenschätzen wurde als Zukunfts-Wunderland hochgeredet – bis nach der Goldgräberstimmung dann der Frust kam. Die Regierung wollte die Kontrolle über den Modernisierungsprozess offenbar nicht verlieren. Sie wollte einen ausufernden Kapitalismus verhindern und baute Hürde über Hürde ein; staatliche Lenkung und ineffiziente Planwirtschaft haben ein zähes Leben. Die Nord-Süd-Teilung ist noch vom Volk nicht überwunden, auch wenn der "Wiedervereinigungsexpress", die Bahnlinie zwischen Hanoi und Ho Chi Minh-Stadt, regelmässig verkehrt. Zudem gibt es noch kein zuverlässiges Rechtswesen.

Im Herbst 1994 hob Amerika sein Embargo gegen Vietnam, die Strafe für Vietnams Eingriff in Kambodscha und wohl auch für den Widerstand gegen den eigenen ideologischen Eroberungsdrang, endlich, endlich auf, dem Beispiel der anderen Industriestaaten folgend. Auch die Amerikaner wollten jetzt am etwas überschätzten, bürokratisch blockierten vietnamesischen Wirtschaftswunder teilhaben. Man tut, was man kann, und holt überall dort etwas, wo etwas zu holen ist.

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