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     16. August 2018, 20:14 Uhr
 


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Potemkinsche Treppen

Treppen können nicht durch Rutschbahnen ersetzt werden, und selbst diese sind in der Regel ebenfalls mit einer Treppe kombiniert, damit die Gleitfreudigen die nötige Höhe erklimmen können; das Hinaufrutschen geht nicht. Treppen sind gute Fundamente zur gefahrlosen Höhenüberwindung, im Haus und im Freien. Sie sind schwierig zu konstruieren, vor allem wenn sie gewunden sind (Wendeltreppen). Sie müssen die Verkehrsflüsse auf organische Weise ermöglichen, bequem zu begehen und dürfen nicht zu steil sein und auch ästhetischen Ansprüchen genügen.

Eine der berühmtesten Treppen ist die geradeläufige Potemkin-Treppe in Odessa (Ukraine), die vom Meeresbahnhof (Morsky Voksal) hinauf in die Stadt führt, zum Platz mit dem Richelieu-Denkmal. Die Breite der Stufen verjüngt sich von unten nach oben von 21,5 auf 12,5 m. Zudem gibt es 10 tiefe Treppenabsätze, wodurch eine interessante optische Täuschung erzielt wird. Von unten wirkt die 30 m hohe Treppe viel höher als sie ist, und man sieht nur die Stufen, während man von oben nur die waagrechten Flächen der gleichmässigen Treppenabsätze sieht. Treppen eignen sich also auch für optische Spielereien, ähnlich den Potemkinschen Dörfern: Der Fürst Grigori Alexandrowitsch Potjomkin (Potemkin, 1739-1791) soll als Gouverneur von Süd-Russland kulissenartige Dorffassaden aufstellen lassen haben, um der Zarin Katharina II. blühende Landschaften vorzutäuschen.

Im Feng Shui werden Treppen selbstverständlich nach den Kriterien des Energieflusses beurteilt, und auch hier wird gelegentlich zu einem täuschenden Kunstgriff Zuflucht genommen. Geradlinig verlaufende Treppen beschleunigen die Energiezirkulation zu sehr. Auch sollten Treppen nicht gewissermassen frontal auf die Haustüre zulaufen, weil sonst Qi und Geld fortrollen und verloren gehen. In solchen Fällen kann man zwischen dem Teppenende und der Tür ein Windspiel oder eine Kristallkugel aufhängen und den Qi genannten Energiefluss daran hindern, im Sauseschritt zu entschwinden. Gewusst wie!

Ungern gesehen ist, wenn ein Hauseingang unter dem Strassenniveau liegt, wenn also der Wohnbereich unter Terrain liegt und über eine Treppe erreicht werden muss. Mein eigenes Haus liegt am Jurasüdhang, und das Zufahrtssträsschen liegt gut 1 m höher als der Haupteingang. Ich habe das durch eine beinahe monumentale, um 90° abgedrehte Treppe gelöst. Die Stufen sind unten nach aussen und oben nach innen gebogen; der Wechsel erfolgt kontinuierlich. Seitlich sind die Stufen von Pflanzen flankiert. Die Treppe entfaltet eine enorme Dynamik, leitet die Energie in kühnem Schwung (seitlich angeordnete unregelmässige Jurakalksteinbrocken bilden einen gebogenen, kanalisierenden Rand) und macht den Abstieg im Uhrzeigersinn (rechtsdrehend und damit Energie zuführend) zum Vergnügen. Genauso dürfte es auch das Qi empfinden.

Die gleichen Grundsätze gelten im Inneren: Wenn eine Treppe, zum Beispiel eine freistehende Spindeltreppe, organisch in einen Raum integriert und schön anzusehen ist, dann muss es auch mit dem Energiefluss stimmen; so etwas dürfte selbst die Lebensenergie Qi zur Zirkulation verleiten. Wenn sich eine Treppe ausgerechnet in der Wohnungsmitte befindet, beunruhigt sie, was auch ein dynamisches Leben bedeuten kann. Wenn es Ihnen des Guten zu viel werden sollte und es mit dem Familienzusammenhalt hapert, müssen Sie beruhigende Massnahmen treffen, etwa durch die Aufstellung von Kristallen, durch die entsprechende Farbwahl, eine grüne Pflanze usf. Bei Treppen ist der Energiestrom besonders intensiv. Denn das Qi kann ja nur diesen Weg nehmen, wenn es zwischen den verschiedenen Stockwerken zirkulieren will; Treppen werden deshalb als Leitbahnen des Qi betrachtet

Rechtsgewendelte Treppen (von unten betrachtet) gelten als günstiger denn linksgewendelte und grössere sind kleinen, engen Treppen vorzuziehen; allerdings wchselst die Drehrichtung, je nachdem man von unten oder obschen schaut (das Polaritätsprinzip ist auch hier anzutreffen). Wendeltreppen werden von vielen Autoren mit Korkenziehern verglichen, die sich durchs Haus bohren. Die US-Feng-Shui-Beraterin Sarah Rossbach[1] empfiehlt in solchen Fällen, das Geländer oder den Handlauf mit etwas Grünem zu umranken.

Offene Treppen ohne Blenden zwischen den Stufen aber (durch die man hindurchsehen kann) sind eine besondere Knacknuss; denn das Qi kann kaum aufsteigen. In diesem Fall werden unter der Treppe Zimmerpflanzen angeordnet und eine Mischlichtlampe installiert, um eine Energieanhebung zu bewirken. Auch Bilder, die nach oben weisen, können mithelfen, den Energiefluss zu lenken.

Die Treppenhäuser sollten hoch sein. Hinreichend Licht im Bereich von Treppen ist ebenfalls erwünscht, wobei es steil auf die Stufen auftreffen sollte, um die Schattenbildung tunlichst einzuschränken; eine gleichmässige Ausleuchtung kann auch durch den Einsatz mehrerer Lichtquellen erreicht werden. Wenn eine Treppe nahe vor einer Wand endet, muss ein Spiegel angebracht werden, womit eine Tiefenwirkung erzielt und der Raum vergrössert wird.

Potemkin lässt grüssen.

Walter Hess

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[1] Rossbach, Sarah: "Feng Shui. Die chinesische Kunst des gesunden Wohnens", Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 2000.

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