Textatelier
BLOG vom: 30.07.2005

Kamelrennen und Roboter: Peitschenhieb per Joystick

Autor: Heinz Scholz

Nachdem die Menschenrechtsorganisation seit Jahren den Einsatz von Kinderjockeys bei Kamelrennen kritisierten, kam  Scheich Hamad, Herrscher von Katar, auf eine glorreiche Idee: Er setzte im Mai dieses Jahres, wie „Der Spiegel“ (29-2005) berichtete, das „Gesetz Nummer 22“ in Kraft, das besagt, wer minderjährige Jockeys einsetzt, dem drohen zwischen 3 und 10 Jahren Haft. 

Dann genehmigte er die Verwendung von Robotern bei den Rennen. Der mit einer Peitsche bewaffnete Roboter wird auf ein Kamel platziert. Dann kommt der grosse Augenblick des ausgebildeten Kamelantreibers. Mittels eines Joysticks (Steuerknüppels) erhält der Roboter den Befehl, die Peitsche zu schwingen, und schon saust das Kamel los. Auch Richtungsänderungen sind mittels der Fernbedienung möglich. 

Der Scheich schlug mit diesen Entscheidungen gleich 2 Fliegen mit einer Klappe. Zum einen hatte er die US-Aussenministerin Condoleezza Rice vom Hals, die mit Sanktionen drohte, wenn die Sklaverei nicht zu Ende gehe, und zum anderen hätten die spielfreudigen „zweibeinigen Kamele“ etwas zum Fummeln oder Spielen. 

Die ersten Rennen mit einem Roboter auf dem Kamel wurden inzwischen zufriedenstellend durchgeführt. Raschid Ali Ibrahim, der technische Leiter der Experimente, ist mit den Zeiten zufrieden. Das mit dem Jockey-Roboter besetzte Kamel schaffte die 3 Kilometer in 5 Minuten und 13 Sekunden. 

Jetzt werden mit Volldampf technisch begabte Kamelantreiber ausgebildet. 50 Jockeyroboter sollen bald zur Verfügung stehen. 

Die Schriftstellerin und engagierte Tierschützerin Lislott Pfaff, der ich diese „Spiegel“-Meldung per E-Mail sandte, war entsetzt. Sie antwortete mir wörtlich wie folgt: 

„Den Artikel habe ich mit Entsetzen gelesen. Obwohl natürlich die ehemaligen Kindersklaven, die an den Kamelen festgebunden wurden, auch nicht gerade ein Wunschszenario waren ... Diese Kamelrennen sind grundsätzlich eine Tierquälerei, ob mit menschlichen oder elektronischen Jockeys. Was mich auch sehr empört, dass sich Ingenieure aus der Schweiz für solche Tierquälereien hergeben um des lieben Geldes willen. Ich schäme mich, Schweizerin zu sein ...“ 

Frau Pfaff kann sich trösten. Wenn die Entwicklung nicht die Schweizer gemacht hätten, dann wären sicherlich andere Erfinder eingesprungen. Es gibt ja viele Tüftler, die ihre absonderlichen Ideen zu Geld machen wollen. 

Nun zurück zu den Kamelen und den Roboterreitern. Die einen, die davon hören, sind begeistert, die anderen fürchten um ihre Existenz. Da die Roboter nur 25 Kilogramm wiegen, sind sie bedeutend leichter als übliche Jockeys und die so bestückten Kamele auch schneller. Die menschlichen Rennjockeys befürchten eine Unterlegenheit. Andere bedauern, dass die armen Kinder aus dem Sudan kein Einkommen mehr haben und nun hungern müssten. 

„Die Roboter lassen sich so leicht bedienen, wie Kinderspielzeug“, so Dschassim al-Ali, stolzer Besitzer eines Kamelführerscheins. Er fummelt am Joystick herum, das Kamel zuckt und fällt in Galopp. Da schreit er begeistert: „Jalla, jalla! Los, los!“ 

Ein Anhänger der traditionellen Kamelrennerei vertrat die Ansicht, die Kamele seien nicht dumm und würden bald merken, dass kein leibhaftiger Mensch auf ihnen sitzt. 

Ich bin überzeugt, dass in naher Zukunft weitere Roboter bei bestimmten Rennen eingesetzt werden. Wozu brauchen wir dann noch lustlose Reiter und teure Rennfahrer für Wettkämpfe, wenn diese durch die billigeren Roboter entschieden werden könnten? Die Zuschauer könnten dann die Joysticks bedienen. Wäre das ein Gaudi! 

Für Kriegstreiber, denen es an Rekruten mangelt (Motto: „Stellen Sie sich vor, es ist Krieg und keiner geht hin!“), könnte man Roboter (Maschinenmenschen) entwickeln, welche die „Drecksarbeit“ erledigen. Die USA sind auf dem Weg dazu. 

Wohl denn, macht euch dran, ihr Schweizer Erfinder, und entwickelt für diese Despoten die herrlichsten Kriegsspielzeuge! Und die müssen gut sein! Denn wer die besten Roboter hat, gewinnt den Krieg. 

Ob dies nur das Hirngespinst eines Bloggers ist?

Hinweis auf weitere Blogs von Heinz Scholz
Genussvolle Plätzchen sind immer beliebt
Wodanseiche: Sie fiel einem Unwetter zum Opfer
Pilz des Jahres 2022: Glücksymbol und Symbiosepartner
Herbstliche Frühlingsgefühle eines Apfelbaums
Vor 100 Jahren wanderte Hemingway im Schwarzwald
Trompetenbaum beeindruckt mit schönen Blüten
Der Tulpenbaum von Elsbeth Stoiber am Albis
Blütenreiche Wiesen mit Teufelskralle und Klappertopf
Gänseblümchen: Tausendschön und Margrittli
Sie war einst die grösste Tanne Westeuropas
Baumpilze schön anzusehen, für Bäume eine Gefahr
Ein Speisepilz, der auch Bäume zerstört
Haareis – ein seltenes Naturphänomen
Die Rote Bete verbessert nicht nur die Ausdauer
Fledermäuse – Faszinierend und bedroht