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BLOG vom 29.12.2005


Zeitmangel, wenn ein Jahr das Zeitliche segnet
Autor: Emil Baschnonga
„Ich habe keine Zeit.” Das ist eine billige und beliebte Ausrede. Damit werden zum Beispiel Leute abgespeist, die uns Zeit rauben wollen. Sie versuchen uns etwa auf den Strassen mit Umfragen aufzuhalten oder wollen sonst etwas von uns.
 
Abends, gerade zur Essenszeit, erhalten auch wir Anrufe von „Call centers“ (telefonische Verkaufszentralen), die uns eine neue Küche oder andere Einrichtungen andrehen wollen. Ich merke das sofort, weil die Anrufer meinen schwierigen Namen nicht aussprechen können und klemme das Gespräch ab, ehe es aufkeimt.
 
In England werden solche störende Anrufe auch „Cold calls“ genannt. Wie eine Seuche breiten sie sich aus. Sehr oft herrscht Stillschweigen, sobald man den Hörer abnimmt. Die automatische Durchwahl dieser Verkaufszentralen ist überlastet: Keine Stimme meldet sich am anderen Ende der Leitung. Ein solcher Missbrauch ist zwar verboten, doch wurde bisher keine einzige Strafe über diese hartnäckigen Störenfriede verhängt.
 
Viele haben keine Zeit mehr, nicht einmal für sich selbst. Unmittelbar nach dem Weihnachtsrummel beginnt der Ausverkauf wertvoller Zeit. Jetzt erreicht er seinen Höhepunkt, wie die Geschäfte ihre Ladenhüter loswerden und geknickte Umsätze wettmachen wollen. Es ist bitterkalt. Frühmorgens stehen die Leute hier in England stundenlang vor den Geschäften Schlange. Kaum werden die Türen geöffnet, beginnt die Stampede. Hei, wie da gestossen und gedrängt wird! Viele Zehen werden zerquetscht von jenen, die sich einen Standortvorteil sichern wollen. Auch Stösse in die Rippen werden hinterhältig appliziert. Sogar Schlägereien kommen vor.
 
Mit Rabatten von 50 bis 80 % werden die Käufer in die Läden gelockt. Niemand fragt, wie diese Rabatte berechnet werden. Die Auslagen sind bewusst verwirrend mit Ware so voll gestopft, dass niemand mehr weiss, wo die Rabatte beginnen und enden. Es ist nebensächlich, ob man das angepeilte Kaufobjekt braucht oder nicht. Solange es spottbillig ist, trägt der Sieger seine Beute frohlockend nach Hause. Erst dort entdeckt er oder sie die Mängel …
 
Wenn das alte Jahr das Zeitliche segnet, fassen wir gerne gute Vorsätze, ich nicht ausgenommen. Fügte ich meine Vorsätze aneinander, ergäbe sich daraus ein Kettensatz ohne Ende. Aus diesem Hort von Vorsätzen ist wenig geworden. Ich liess sie einfach schlittern, ausser einem: mir mehr Zeit zu nehmen. Wozu?
 
… um mehr Zeit zu gewinnen
 
Die besten Zeitgewinne, wenigstens in meiner Musse, streiche ich ein, wenn ich spontan etwas anpacke, ganz nach Lust und Laune. Ich quäle mich nicht mit Fragen ab, ob ich etwas im Garten tun oder lassen soll oder mich hinter dem PC verschanze oder nicht. Wer weiss, vielleicht bessere ich einen alten Bilderrahmen aus. Ohne Zwang gewinnt man der Zeit Freude ab und geniesst sie. Pflichten gibt es immer mehr als genug. Entgegen meinen Vorsätzen schiebe ich diese gern auf, bis ich ein schlechtes Gewissen bekomme und sie mir die Freude an meiner Freizeit vergällen.
 
Jetzt kommt es halt doch noch zu einem Vorsatz fürs nächste Jahr: Ich werde versuchen, die Pflichten früher zu entsorgen. Denn je länger ich sie liegen lasse, desto mehr Zeit fressen sie nachträglich.
 
Nun kenne ich mich inzwischen gut genug und weiss, dass ich mit diesem Vorsatz bloss ein weiteres Glied an den Endlos-Kettensatz meiner Vorsätze füge.
 
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