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BLOG vom 10.09.2006


Unsere Kreuzspinne und Gotthelfs „Schwarze Spinne“
Autor: Emil Baschnonga
 
Allzu viele Gedanken über Spinnen habe ich mir nicht gemacht. Als Kind bewunderte ich ihre Netze und fand es schön wie sie manchmal, vom Tau übersprenkelt, glitzerten.
 
Seit 3 Wochen hat sich eine Kreuzspinne im Patio zwischen 2 Blumenkübeln eingesponnen. Sie sass Kopf abwärts mitten im Netz, fahlbraun und reglos.
 
Unser Sohn Adrian erschien wie immer gern und hungrig bei uns zum Abendessen. So auch gestern. Es war tropisch warm im Patio. Wir schickten uns zum Essen an.
 
Erst nachdem das Geschirr abgeräumt war, sagte ich beiläufig: „Das arme Biest hat noch nichts gegessen!“
 
„Nein, ich spinne nicht“, deutete ich gegen das Spinnennetz. Adrian stand auf und näherte sich dem Netz. „Da, da – nicht dort“, musste ich seinen Blick lenken, bis er das Netz mit der Spinne sah. „Nichts als eine gewöhnliche Gartenspinne“, meinte er geringschätzig und wandte sich ab.
 
„Keineswegs“, sagte ich bestimmt, „das ist eine giftige Kreuzspinne.“ Adrian hat inzwischen das reife Alter erreicht, wenn er richtig denkt: Der Vater könnte wohl Recht haben. „Siehst du die Kreuze auf dem Rücken?“ fragte ich ihn. Neugierig näherte er sich wieder der Spinne im Netz. „Aber sie hat nur 7 Beine“, stellte er fest. „Das ist nicht mein Fehler … aber trete ihr nicht zu nahe, sonst beisst sie dich! Sei froh, dass es keine schwarze Spinne ist.“
 
Adrian weiss aus Erfahrung, dass ich ihm ein Märchen auftischen will, wenn ich jeweils diesen Plauderton anschlage. „Nein, ich fasle dir nichts vor“, versicherte ich ihm, eben wie Lily den Kaffee vor uns absetzte. „Ich will dir das schwarz auf weiss beweisen. Habe einen Augenblick Geduld.“
 
Ich hatte Glück und fand „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf auf Anhieb. „Hier ist der Beweis“, frohlockte ich. „Hast du schon von Jeremias Gotthelf gehört?“ fragte ich ihn, während ich diese Gruselgeschichte hastig durchblätterte. In der Schule hatten wir einst diese Geschichte gelesen, und jetzt erinnerte ich mich wieder. „Ja, Sumiswald und ‚der Grüne’ (Teufel)“, nickte ich, „die schwarze Spinne und die Pest. Furchtbar!“
 
Ich nahm einige Schlucke Kaffee, ehe ich ihm diese Geschichte skizzierte. „Also doch ein Märchen“, grinste Adrian, was mich nicht störte, als ich ihm folgende Stellen übersetzte und damit sein Ohr gewann:
 
„Und wer am vorsichtigsten niedertrat und mit den Augen am schärfsten spähte, der sah die Spinne plötzlich sitzend auf Hand oder Fuss, sie lief ihm übers Gesicht, sass schwarz und gross ihm auf der Nase und glotzte ihm in die Augen, feurige Stacheln wühlten sich in sein Gebein, der Brand der Hölle schlug über ihm zusammen, bis der Tod ihn streckte.
 
Nun war der schwarze Tod zu Ende. Ruhe und Leben kehrten ins Tal zurück. Die schwarze Spinne ward nicht mehr gesehen zur selben Zeit, denn sie sass in jenem Loche gefangen, wo sie jetzt noch sitzt.
 
Da bebte von ungeheurem Donnerschlag das ganze Haus, der Missetäter stürzte rücklings nieder, ein roter Glutstrom brach aus dem Loche hervor, und mittendrin sass gross und schwarz, aufgeschwollen im Gifte von Jahrhunderten, die Spinne und glotzte in giftiger Lust über die Frevler hin, die versteinert in tödlicher Angst kein Glied bewegen konnten, dem schrecklichen Untiere zu entrinnen, das langsam und schadenfroh ihnen über die Gesichter kroch, ihnen einimpfte den feurigen Tod.“
 
„Sage mir jetzt nicht, dass es nicht stimmt“, legte ich das Buch zur Seite. „Meinst du, dass ich deiner Mutter das Biest zeigen soll?“ Doch ohne seine Antwort abzuwarten, lockte ich Lily ans Netz, um ihr ein vermeintliches Naturwunder zu zeigen. Heftig erschrocken sprang sie zurück und wollte rein gar nichts mehr von dieser Spinne oder anderen wissen.
 
Zu dieser Kreuzspinne muss ich noch hinzufügen, dass ich mehrmals versehentlich beim Bewässern der Topfpflanzen gegen ihr Netz gestossen bin. Das Spinnennetz ist sehr elastisch, und so trug ich es nicht als Haarnetz davon. Auch wurde ich nicht von der Kreuzspinne gebissen. Sie hat nicht einmal fluchtartig das Netz verlassen. „So ein Tollpatsch“, mochte sie wohl gedacht haben.
 
Wie oft musste ich Lily nicht beispringen wie, unverhofft von ihr aufgescheucht, eine Riesenspinne im Tempo Teufel den Raum durchquerte. Doch umsonst. Sie entkam. Auch einer Spinne will Lily nichts zu Leide tun. In der Regel erwische ich ein solches Biest am besten frühmorgens, wenn ich das Licht anknipse.
 
Genau dies gelang mir am folgenden Morgen, ich weiss nicht wie. Jetzt, wo sich der Herbst nähert, muss man vor Spinnen auf der Hut sein. Sie schleichen sich über Nacht durchs offene Fenster ins Haus. Höchste Vorsicht ist angezeigt.
 
Dieser Rat gilt vor allem auch für Spinnen.
 
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