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BLOG vom 08.06.2007


Swissair und G8: Das Grounding von Vernunft und Einsicht
Autor: Walter Hess, Biberstein (Textatelier.com)
 
Die Wirtschaftsführer, welche einer der ehemals berühmtesten und besten Fluggesellschaften der Welt durch eine Serie von Fehlentscheiden am Boden zerstört und sich dafür noch fürstlich bezahlen liessen, haben im juristischen Sinne nichts Unrechtes begangen. Denn Dummheit ist nicht strafbar, wie SVP-Nationalrat Ueli Maurer zu Recht feststellte; das trifft insbesondere auf das wirtschaftliche Verhalten zu. Sonst wären die Gerichte noch überlasteter als sie ohnehin schon sind; sie würden bei diesem auf schnelle Gewinne ausgerichteten Tun wohl vollends zusammenbrechen.
 
Sie, die Swissair-Verantwortlichen, sind vom Bezirksgericht Bülach freigesprochen worden, das magere Resultat eines jahrelangen, gigantischen juristischen Aufwands. Mehreren der Angeklagten wie den früheren Konzernchefs Mario Corti, Philippe Bruggisser und Ex-Verwaltungsräten wie Vreni Spoerri und Eric Honegger wurden ausserdem auch noch finanzielle Entschädigungen nachgeworfen, insgesamt mehr als 3 Millionen CHF.
 
Das Bezirksgericht hatte nicht etwa die glanzvolle unternehmerische Leistung der Swissair-Totengräber zu beurteilen, sondern einfach die Anklagepunkte der Staatsanwaltschaft. Diese hatte zum Beispiel Corti als letzten Swissairchef auf Gläubigerschädigung, mehrfache ungetreue Geschäftsbesorgung und Misswirtschaft angeklagt. Das Gericht wandte Cortis Privat-Grounding ab und vergoldete ihn mit einer halben Million Franken als Aufwandentschädigung. Es sprach auch Philippe Bruggisser frei, der den Globalisierungsunsinn mit seiner katastrophalen Hunter-Strategie auf die Spitze getrieben und marode Fluggesellschaften serienweise zusammengekauft hatte. Dahinter stand die teure amerikanische Beratungsfirma McKinsey mit Hauptsitz in New York. Und mit seinem Millionensalär schaufelte auch der Amerikaner Jeffrey Katz, President and CEO, am Swissair-Grab. Auch sie werden nicht zur Rechenschaft gezogen; denn so etwas verbieten die Amerikaner. Von Katz hörte man einfach nichts mehr, weil er aus dem Land der Unberührbaren kam. Eine Bekannte sagte mir kürzlich, sie vermute, Katz habe im höheren US-Auftrag bewusst auf die Swissair-Zerstörung hingearbeitet. 
 
Ein Hunter ist ein Jäger (oder ein Jagdpferd), und die Jagd steht noch immer im hohen Ansehen – und äussere sie sich noch so sehr als ein undifferenziertes Herumballern. Auch die beiden ehemaligen Finanzchefs Georges Schorderet und Jacqualyn Fouse kamen mit dem Schrecken davon. Und jetzt ist die Zürcher Staatsanwaltschaft auf die Anklagebank nachgerutscht, weil sie ihre Aufgaben schlecht gemacht habe, heisst es in den Medien.
 
Man kann nicht alle einsperren, die, dem amerikanischen Ebenbilde folgend, den neoliberalen ökonomischen Terror in Reinkultur ausleben, dem Zeitgeist im blinden Vertrauen, es werde schon gut herauskommen, hinterherlaufen, die Märkte für Kapital, Waren und Dienstleistungen ohne soziale und ökologische Abfederungen zu plündern suchen und das Fussvolk im Regen stehen lassen, wenn sich der ganze Zauber als faul erwiesen hat. Im konkreten Fall muss das Schweizer Fussvolk, einschliesslich der geschädigten Kleinsparer, noch für die 3 Steuergeld-Milliarden, die der Bund eingeschossen hat, sowie die Entschädigungen aufkommen und zu allem Überdruss noch zusehen, wie sich alle Versager der Verantwortung entziehen können.
 
Die Dämme von Heiligendamm
Eingesperrt sind immerhin die G8-Gipfelstürmer im deutschen Heiligendamm an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns. Sie sind derart beliebt, dass für die Sicherheit, das heisst für ihre Abschirmung vor dem zornigen Volk, 90 bis 110 Millionen Euro aufgewendet werden müssen. Die Normalbürger werden ausgesperrt, weil sie von diesen Oberglobalisierern, welche mit Lug und Trug die Weltherrschaft unter dem Vorsitz der Kriegs-, Folter- und Polizeimacht USA sichern wollen, die Nase voll haben. Zudem hat den weltpolitischen Grössen kein Mensch den Auftrag erteilt, massregelnd einzugreifen. Es sind selbsternannte Könige ohne jede demokratische Legitimation; aber die Globalisierung braucht so etwas wie Demokratiegebräuche ohnehin nicht. Machtvolle, telegene Demonstrationen gegen diesen Unterdrückungsanspruch unter US-Vorherrschaft sind ein Gebot der Stunde.
 
Ich bin kein Befürworter von Gewalt und habe die Überzeugung, dass geistreiche Argumente in jedem Fall das wirkungsvollere Mittel wären. Aber wenn schon die ganze US-Politik auf brutaler Gewalt und Unterdrückung beruht (ohne dass all ihre Kriegsverbrechen geahndet werden), dann sind sogar die Pflastersteinewerfer in diesem grösseren Zusammenhang zu relativieren, selbst wenn unter den Steinewerfern einige anheizende Polizisten gewesen sein sollten, wie der „Stern“ durchblicken liess. Irgendwie würde das alles zum Stil passen. Aber die Steine verletzen immer Unschuldige.
 
Zum bewährten Stil gehören selbstredend die Irreführung und Desinformation des Volks. So sprach die US-begeisterte Globalisiererin und deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstagnachmittag, 7. Juni 2007, in Heiligendamm von einer Einigung und einem „grossen Erfolg“ bei den G8-Verhandlungen über den Klimaschutz. Betrachtet man diesen Knaller genauer, erweist er sich als stinkender Rohrkrepierer mit Verhinderungswirkungen. Die  G8-Grössen haben sich darauf verständigt, eine Halbierung des Ausstosses von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 in Betracht zu ziehen ... Das heisst also, ein allfälliges (keineswegs beschlossenes) Klimaschutzprogramm wird möglichst weit hinausgezögert. Und was bedeutet schon „in Betracht ziehen“, „erwägen“? Da ist nichts Verbindliches dabei, nichts ist festgeschrieben. Was hat denn so etwas mit einer „Kehrtwende“ zu tun?
 
Die globalisierte Welt lebt von Kompromissen, die den ökonomischen Gottesdienst nicht stören dürfen und deshalb ganz weit unten angesiedelt sind. Der „Klimaschutz“-Kompromiss sei ein starkes Signal für die Klimakonferenz der Vereinten Nationen im Dezember 2007 auf Bali, sagte Merkel zweckoptimistisch, und: „Viele haben sich bewegt.“ Die Uno biete das geeignete Forum für Klimaverhandlungen, alle Erfahrungen unter den Verhandlungstisch wischend. Denn auch dort haben ja die US-Amerikaner das Sagen. Dementsprechend hat der amerikanische Präsident George W. Bush in Heiligendamm seine Bereitschaft bereits angekündigt, sich an einem Kyoto-Nachfolgeabkommen zu beteiligen. Die Vereinigten Staaten könnten dabei sogar die Führungsrolle übernehmen, sagte der Imperator Bush.
 
Ausgerechnet sie! Und wieder scheinen die Mainstreammedien darauf hereinzufallen. Die USA hatten bis jetzt die Führungsrolle bei der Umweltzerstörung inne, und es macht überhaupt nicht den Anschein, ob sie diese abgeben wollten.
 
Statt Raketenschutzschirme gegen Russland und den Iran aufzustellen, sollte man wohl gescheiter Schutzschirme gegen die USA-Anmassungen einrichten und den Bluff durchschauen. Auch die US-Hunter-Strategie hat uns bereits hinreichend verletzt, vielleicht noch mehr als die Swissair-Jagdszenen, deren Schüsse ebenfalls hinten hinaus gegangen sind. Wenn auch nicht für die dafür Verantwortlichen.
 
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