Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     19. Dezember 2018, 15:10 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 30.07.2007


Freude: Da flattert um die Quelle, die wechselnde Libelle
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Als hätte sie ein Stelldichein mit mir, flog mir am Sonntag, genau nachmittags 3 Uhr, im Garten eine Libelle zu. Ihr Reich: Die Teiche und Tümpel im Wimbledon Common gegenüber sind wieder gefüllt.
 
Zuerst setzte sie sich zuoberst auf einen Bambusstecken, dann wechselte sie auf den Gartenschlauch über und fand auch das Gestell des Wäschetrockners zur Zwischenlandung geeignet. Sie schwirrte dazwischen hin und her und bestimmte schliesslich den Bambus als ideal für den längeren Verweil, wohl als ihr bester Beobachtungsposten, um Insekten aufzulauern.
 
„Sie nur nicht verscheuchen!“, ermahnte ich mich und schlich mit der Kamera ganz langsam an sie heran. Mit ihren Facetten-Augen sehen Libellen alles viel besser als wir. Doch sie entflog mir nicht. Bis knapp 5 Zentimeter von der Kamera entfernt kriegte ich sie wiederholt als Nahaufnahme auf die Linse.
 
Es gibt über 4700 Arten von Libellen, worunter etwa 80 in Europa. Sie sind heute geschützt. Aber ihr Lebensraum ist arg eingeengt. Das Gewässer ist verschmutzt und von Pestiziden verseucht. Die meisten Bäche fliessen entweder zwischen Zementmauern eingepfercht oder sind überbaut und in Röhren verschwunden. Schilf und Wasserpflanzen sind verdrängt. Die Larven der Libellen finden kein Futter mehr. Während 320 Millionen Jahren sind Libellen gediehen und breiteten sich artenreich über den Erdball aus. Sie passten sich selbst dem rauen Klima an. Und jetzt sterben viele Arten aus.
 
Der junge Johann Wolfgang von Goethe hat ihnen, den Libellen, ein Gedicht gewidmet: 
Die Freuden
Da flattert um die Quelle
Die wechselnde Libelle,
Der Wasserpapillon,
Bald dunkel und bald helle,
Wie ein Chamäleon;
Bald rot und blau, bald blau und grün.
O dass ich in der Nähe
Doch seine Farben sähe!

Da fliegt der Kleine vor mir hin
Und setzt sich auf die stillen Weiden.
Da hab ich ihn!
Und nun betracht ich ihn genau,
Und seh ein traurig dunkles Blau.

So geht es dir, Zergliedrer deiner Freuden! 
Libellen sind Luftakrobaten: Sie fliegen mit ihren 4 gläsernen und geäderten Flügeln bald blitzrasch, bald hängen sie flitternd in der Luft. Einige von ihnen können sogar rückwärts fliegen. Die nächsten Verwandten der Libellen sind die Elfen.
 
Noch immer gibt es dumme Menschen, die glauben, dass Libellen stechen. „Teufelsnadeln“, „Teufelsbolzen“ oder „Augenstecher“ wurden sie genannt und sollen den Freitag zum Unglückstag gemacht haben. So ein mittelalterlicher Aberglaube!
 
Aber deswegen heisst meine Libelle nicht „Heidenlibelle“, sondern wird dank des Heidengewächses so genannt. Im naturbelassenen „Wimbledon Common“ gibt es zum Glück noch viele freiwachsende Heiden. Libellen haben nichts für Nektar übrig. Sie jagen und kapern mit ihren 3 Beinpaaren flugs Mücken und Fliegen aus der Luft. Ihre polierten Stecknadelköpfe gleichen oft glitzernden Juwelen und sind zum Verzehr der Insekten bestens eingerichtet. Im anschliessenden Buckel (Brustteil) ist ihr ausgeklügelter Flugapparat eingebaut. Der pfeilartige Unterleib ist ein Meisterwerk der Mosaikkunst in schillernden Farben des Regenbogens. Libellen sind fliegende Schmuckstücke, wie viele ihrer Namen aussagen: Feuerlibelle, Blaupfeil, Mosaikjungfer usf. Ihre Flugbügel tragen am Ende der Spannweite einen oder mehrere dunkle Tupfen. Vielleicht sind das ihre Navigationspunkte.
 
Die Libelle hat die Juwelierkunst nachhaltig inspiriert und besonders auch die Künstler aus dem Art Nouveau (um 1900), wie Emile Gallé und Antonin Daum. Ihre mehrschichtig auf opakem Überfangglas eingeschliffenen und geätzten Libellen tun diesem Naturwunder alle Ehre an. Auch René Lalique, Juwelier und Glaskünstler par excellence, hat einzigartige Libellen bald in Gold ziseliert, bald in Kristall geschliffen. Die aus Glasmosaik geschaffenen Leuchtkörper von Louis Comfort Tiffany mit Libellen-Motiv sind längst zu Museumsstücken geworden.
 
Nach einer halben Stunde entflog meine Libelle. Die Libellen sollen ja nicht auf Stecknadeln im naturhistorischen Museum ihr Ende finden! Ich warte auf ihr nächstes Stelldichein bei mir.
 
Hinweis auf weitere Blogs mit Libellen-Bezug
25.05.2007: Flachsee im Aargauer Reusstal: Korrigierte Naturlandschaft
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier