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BLOG vom 09.08.2007


Königspomp abschaffen? London im steten Umbruch
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Akroyds London – The Biography
In London ist immer etwas los. Diese Riesenstadt kennt keine Sommerflaute.
Die Geschichte der Um- und Einbrüche begann mit der Invasion der Römer und der Gründung des Londonium im Jahr 43. Nach dem Rückzug der Römer aus London (407) kamen die Sachsen (457). Diese wurden 851 von den kriegerischen Wikingern abgelöst. London brannte mehrmals ab, aber erstand immer wieder aus Schutt und Asche, so auch nach dem „1.Grossen Feuer“ (959) und dem 2. Grossen Feuer (1666). Im 2. Weltkrieg begann 1940 der „London Blitz“: „In London hagelten die Bomben der deutschen Wehrmacht und hinterliessen viel Trümmer und Elend.“ Natürlich rächten sich die Engländer anschliessend in Dresden und anderswo.
 
Ich kann kein besseres Buch über London empfehlen als „London – The Biography“ von Peter Ackroyd, 2000 erstmals im Verlag Chatto & Windus erschienen. Sein Werk ist keineswegs auf die Geschichte dieser Weltstadt beschränkt. Er beschreibt auch das Leben der Londoner mit ihren Eigenarten bis auf den heutigen Tag, seien es Ess- und Trinkgewohnheiten („Eat in or take away“, „A little drink or two“). In dem Buch ist auch die Vorliebe der Londoner für Wetterberichte festgehalten, nach der diesjährigen Sommerflut – auch in London – wieder hochaktuell. Im Abschnitt Wetterberichte hat Peter Ackroyd eingeflochten: „Now in contiguous drops the flood comes down – threatening with deluge this devoted Town”. (Jetzt kommt die Flut in Tropfenketten und bedroht mit Überschwemmung diese ergebene Stadt.) Dank Ackroyds Buch erfahre ich auf den 822 Seiten immer wieder etwas Wissenswertes über London.
*
Die Themse
Die Themse gehört zu London wie die Seine zu Paris und ist so abwechslungsreich wie die Stadt selbst. Eben wurde die berühmte „Festival Hall“ festlich eingekleidet. Westminster ist an die Themse angebettet, wie auch der „Tower of London“. Unter vielen anderen Sehenswürdigkeiten ist auch das „London Eye“ (London Auge) unübersehbar, nämlich das spektakuläre Riesenrad, das sogar von Wimbledon aus sichtbar ist. Inzwischen ist aus der einstigen Docklandschaft („Canary Wharf“) ein neuer Stadtteil, ein Geschäftszentrum voller Wolkenkratzer mit umliegenden Wohnstätten, entstanden. Dort in der Gegend wird auch für die Olympiade gebaggert und gebaut. Endlich wurde das Millennium-Dom-Fiasko überwunden. Dieser Ort beim „Canary Wharf“ heisst jetzt O2 und ist für Konzerte und Sportanlässe eingerichtet. Ausserdem warten dort 20 Kinos auf Besucher. Weiter unten bei der Themse, unweit der Metrostation „North Greenwich“, ist die gigantische „Thames Barrier“, 1982 als Schutzwall gegen Überflutungen eingerichtet. Jetzt wird ein 2. Schutzwall geplant, denn weite Teile von London sind zunehmend von Überflutungen bedroht. Am besten lässt sich die „Thames Barrier“ vom Boot aus besichtigen. So sind wir schon wieder bei der Flut gelandet.
 
Londoner Oasen
Eine hektische Stadt wie London braucht und hat seine Oasen, angefangen mit seinen Pärken, den Lungen der Stadt, wie dem Hyde Park usf., gefolgt von den öffentlich zugänglichen „Commons“, wie der naturbelassene „Wimbledon Common“, wo es erst noch eine alte renovierte Windmühle zu bewundern gibt. Während dort viele Leute ihre Hunde spazieren führen, sammle ich dieses Jahr die saftigsten Brombeeren weit und breit … und bin dabei allein auf weiter Flur. Die Leute kaufen lieber eine Plastikdose mit 12 Beeren im Supermarkt. Diesen aufgedunsenen Brombeeren fehlt jedes Aroma. Dafür bezahlen sie ein Pfund!
 
Viele Londoner bedauern, dass sich ihre Stadt wie ein Geschwür geographisch ausbreitet, weit über die Vorstädte hinweg, sogar bis in den Schutzgürtel der Natur rund um London: „The Green Belt“ hinaus. Durch diese Landschaft schlängeln sich viele Kanäle und durchdringen auch London, wie etwa der „Regent’s Canal“. Das Kanalnetz ist in England weit verzweigt, und viele einstige Wasserwege werden wieder in Stand gestellt. Für den Fall, dass wir hier endlich zu einigen warmen Sommertagen kommen, nehme ich mir vor, zusammen mit meiner Frau dem „Regent’s Canal“ entlang zu schlendern und einen Zwischenhalt beim „Camden Lock“ (Schleuse) einzuschieben. Zum Imbiss, so stelle ich mir vor, werden wir dann in einem Pub ein „ploughman’s lunch“ verzehren, das gut zu einem kühlen Glas Bier (light ale) passt. Dieses einst von Pflügern bevorzugte Zwischenmahl besteht aus Brot und Käse (Cheddar oder Stilton), garniert mit Sellerie, Tomatenscheiben, Essiggurken, eingelegten Zwiebeln, manchmal mit einer Scheibe Leberpastete gekrönt. Und wird es uns zu heiss und werden wir zu müde, lassen wir uns von einem „narrowboat“, einem typisch schmalen Boot, wie sie auf Englands Kanälen zirkulieren, übers Wasser gleiten. Übrigens leben heute immer mehr Engländer ganzjährig in zum Teil feudal eingerichteten Hausbooten. Diese kosten ein Heidengeld und brauchen viel Unterhalt. Das wäre nicht meine Sache: Ich benötige einen festen Boden unter meinen Füssen.    
 
Wer als Tourist bereits die wesentlichen Sehenswürdigkeiten abgeklopft hat, findet unzählige andere, die ihn beeindrucken werden, worunter ich hier bloss 2 Tempelbesuche vorschlage: Der Buddhapadipa Thai Tempel (Calonne Road, Wimbledon Parkside), inmitten einer Gartenlandschaft von 16 188 m2 und/oder der Shri Swaminarayan Tempel (der grösste Hindu Marmortempel ausserhalb von Indien. Die Marmorfiguren und Dekorationen wurdenin Indien angefertigt) – Adresse: Brentfield Road, Neasden, Brent, London NW1D. Diese Stätten vermitteln einen Eindruck von der Rassen- und Glaubensvielfalt in London, die bei weitem nicht aufs wohlbekannte „China-Town“ im Soho beschränkt ist.
 
In der Geschichte von London folgt eine Welle von Einwanderern der andern. Gegenwärtig sind die Polen wieder am Zuge. Ihrer 700 000 haben sich in England, besonders in London und Umgebung, niedergelassen. Die Supermärkte bieten neuerdings polnische Spezialitäten an, die ich schon als Jüngling im Restaurant „Daquise“ (South Kensington) genossen hatte, wenn ich wieder einmal die Nase voll vom Kohl im Boarding House hatte. Dieses von polnischen Emigranten aus dem 2. Weltkrieg bevorzugte Restaurant besteht noch immer und wurde zum Glück vom Umbruch verschont.
 
Bauspekulation, Fassaden und Grossmannssucht
Wo immer die Superreichen in London leben, wird der Bauspekulation gewisse Grenzen gesetzt. Die altmodische Metro-Station „South Kensington“ sollte einem Hochbau weichen. Ich bin froh, dass daraus nichts geworden ist. Desgleichen fallierte die vorgeschlagene Verschandelung des „Sloane Square“ (vorderhand) im Stadtteil Chelsea. Aber in der City verschlucken „Wolkenkratzer“ die ehrwürdige „St. Paul’s Cathedral“; dort werden die alten Heiligtümer von neuen überragt werden, von den City-Grossbanken und anverwandten Unternehmungen (Versicherungsgesellschaften) als ihre globalen Glaubensbekenntnisse erbaut. Immerhin kann der „Swiss Re Tower“, als „Gherkin“ (Gurke) bekannt, als architektonische Meisterleistung bezeichnet werden. Als ich zuerst anno 1962 in London eintraf, arbeitete ich kurzzeitig – leider nicht besonders kurzweilig für mich selbst – bei einem jüdischen Pelzhändler an der Upper Thames Street. Von diesem jüdischen Pelzhändlerquartier in der Nähe von St. Paul ist nichts übrig geblieben.
 
Ich gehöre zur Generation, die zu viel Wechsel eher schwer verkraftet. Mein Hang ist es, die Spuren meiner Vergangenheit wieder zu entdecken, ob in Paris, Rom, Florenz usf. Aber das will lange nicht heissen, dass ich deswegen etwas gegen gelungene Neubauten habe. Wenn schon, denn schon – aber mit etwas architektonischem Flair und Geschick, sage ich mir. Leider mangelt es an solchen innovativen Neubauten. Was mir nicht gefällt, ist der erzwungene Fassadenschutz. Er bemäntelt, was hinter der Fassade geschieht. Zwar haben sich nur einige wenige Filmpaläste aus der Londoner Odeon-Zeit und der Music-Hall-Periode stilgerecht erhalten. Nach ihrer Zwischenpause als „Bingo Halls“ wurden sie abgerissen, bis erhaltenswerte Fassaden erkannt wurden. Doch hinter den erhaltenen Fassaden wurden diese Gebäude total „verschandelt“. Dies steht jetzt auch dem Odeon Cinema an der High Street Kensington bevor, wo einige kleine Kinoräume überleben werden, von einer Shopping Arkade eingeengt. Neue kaum erschwingliche Wohnungen sollen diesem Odeon hinter der alten Fassade angebaut werden.
 
Ein weiteres Glanzbeispiel dieser Art – bezeichnend für die Zeit, in der wir leben – wurde dieser Tage von der Presse aufgegriffen. Ein Mogul will den anderen ausstechen. Kaum hat sich der Stahl-Mogul Lakshmi Mittal für 70 Millionen Pfund hinter der Fassade der ehemaligen russischen Botschaft eingerichtet, will jetzt der „hedge fund“-Hirsch Chris Rokos der Welt zeigen, dass er ebenfalls tiefe Taschen hat, wiewohl seine Investition hinter der Fassade eines alten Hotels – wiederum in Kensington – mit rund 56 Millionen Pfund nicht in der gleichen Liga wie Mittal ist. Der ganzseitige Pressebericht mitsamt der Bildvorstellung dieser „Vision of Oppulence“ (Reichtum) wird mit einem „Gym“ und Kino ausgestattet werden. Im 3. Stock soll ein Schwimmbad gebaut werden, und ein 2. mit Tieftauchanlage im 4-stöckigen Untergeschoss tief unter der Erde. Dort gibt es auch Abstellplätze für Autos mit Liftbedienung.
 
Solche krasse Grossmannssucht widert mich an. London ist zum Tummelplatz der Neureichen geworden, während Lehrer, Krankenschwestern und viele andere Berufstätige die horrenden Mieten nicht aufbringen können. Und finden sie eine günstige Unterkunft ausserhalb von London, müssen sie viel zu teure Transportkosten und ein Transportsystem voller Pannen erdulden. Endlich kommen verantwortliche Politiker langsam zur Einsicht, dass in Neubauten ein gewisser Prozentsatz von Wohnungen zu erschwinglichen Mieten oder Kaufpreisen für sie vorbehalten werden sollten.
 
Ist die Monarchie ein Anachronismus?
Ich kann dieses Blog nicht abschliessen ohne ein bisschen zu wettern. Wir erfahren – ausser von der Boulevardpresse – herzlich wenig über das Drohnendasein der Monarchen mit ihrem Anhang von Prinzen und Prinzessinnen und anderem in Palästen untergebrachten Parasiten in Belgien, Holland, Norwegen, Dänemark und Monaco, ganz im Gegensatz zu jener in Grossbritannien. Die Monarchie als Institution scheint mir ein Überbleibsel aus der Zopf- und Perückenzeit. Das Zeitalter der Regenten, wenigstens in Europa, ist längst vorbei. Nur das Dekorum und Zeremoniell ist davon übrig geblieben.
 
Das Königshaus in England ist laufend im Rampenlicht, von der Königin abwärts bis zu den Prinzen William und Harry.
 
Jetzt sei eine neue Fehde über die Teilnahme an der Gedenkfeier zum 10. Todestag der Prinzessin Diana ausgebrochen, prangte am 7. August 2007 die gross- und fettgedruckte Schlagzeile auf der Titelseite des Evening Standards – auf englisch: NEW FEUD OVER DIANA SERVICE. Dianas ehemaliger innerer Zirkel von Freunden ist von der Gedenkfeier ausgeschlossen. Die Herzogin von Cornwall, die Camilla mit lederhäutigem Gesicht, Gemahlin des mustergültigen Prinzen Charles, sei unglücklich darüber, an diesem Gedenktag teilnehmen zu müssen. Sie ist erbost, dass ihre Höflinge (Courtiers) sie nicht davor gewarnt haben, dass ihr Beisein öffentliches Aufsehen, sogar ein Ärgernis erwecken könnte, nachdem sie sich so hart angestrengt habe, um an Popularität zu gewinnen. Ihre Affäre mit Charles während seiner Ehe mit Diana und ihre, als sie noch Mrs. Parker Bowles hiess, heisst auf deutsch schlicht und einfach Ehebruch, beidseitig von Charles und Camilla begangen. Diana hat sich bekanntlich mit gleicher Münze gerächt.
 
Sei dem wie ihm wolle, und einerlei, was Diana darüber zu sagen hätte, stelle ich mir die unflätige Frage, ob es nicht besser wäre für die gesamte königliche Herrschaft, ihre Paläste zu verlassen und ihre Bleibe, natürlich mit allem Pomp ausgestattet, auf einer britischen Kanalinsel zu finden. Die königliche Garde darf nach meinem Dafürhalten ruhig weiter vor dem Buckingham Palast stehen und stolzieren, bis ihre Bärenfellmützen ausgetragen sind. Das hält den Tourismus im Schwung. Auch die „Royal Tea Parties“ im Garten des Palasts sollten als Einnahmequelle beibehalten werden und im Sommer täglich stattfinden. Nicht zuletzt könnte der Buckingham Palast als „Super CO2“ für besondere Anlässe eingerichtet werden. Anstelle von 20 Kinos bliebe genug Platz für Ausstellungen der Kunstsammlung des verabschiedeten  Königshauses übrig …
 
Wie wage ich es, so etwas vorzuschlagen, erst noch, bevor die Hundstage ins Land gezogen sind? Das ist wirklich mutig. Aber ich brauche nicht um meinen Hals zu fürchten, denn ein solcher Umbruch findet ohnehin nicht statt.
 
Hinweise auf weitere Blogs zum Leben in England
21.04.2005: Monster und Lichtblicke: Was alles in der Zeitung stand
19.03.2005: Den Parksündern in London platzt der Kragen
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