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BLOG vom 16.10.2007


Kopfsprünge und Kapriolen: Der Doubs bei Les Brenets NE
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Im SBB-Prospekt „Entdecken Sie den Westen“ hatte Luigi Scura den Reisetip „Saut-du-Doubs“ gefunden, der auch Eva und mir gefiel. Wir entschlossen uns nach der Konsultation der Wetterprognosen, diesen Ausflug am 8. Oktober 2007 zu unternehmen.
 
Mit dem „Westen“ war nicht etwa der Wilde Westen, sondern der urtümliche Westen der Schweiz gemeint, mit dem ich weniger Mühe habe – im Gegenteil: Gerade das neuenburgische Hinterland (gegen den Jura-Hügelzug hin), wie ich es einmal nennen will, hat für mich eine unwahrscheinliche Faszination (Stichwörter: Val de Travers, La Brévine; ich habe über diese Gegenden schon berichtet).
 
In meteorologischer Hinsicht war jener Montag ein Idealfall – Herbstwetter unter Hochdruckeinfluss mit Hochnebel, der sich lichten würde: Ein dicker, bis in die Niederungen vorgestossener dreidimensionaler Schleier verzauberte die herbstlich eingefärbte Landschaft am Morgen, verschluckte einiges davon, umhüllte Näherliegendes mit einem zarten Grauton, und was ganz vorne ist, steht losgelöst vor der grauen Kulisse. Das gefällt mir, und als Aaretal-Bewohner habe ich das grosse Glück, diese fantastische Stimmung, von der vor- und mittelalpine Bergler nur träumen können, häufig geniessen zu dürfen.
 
Fahrt Aarau – Les Brenets
In Aarau, das wir mit dem Aar-Bus erreicht hatten, trafen wir Luigi, den ich erstmals im sportlichen Tenu vorfand; als Bankfachmann ist er sonst immer mit einem standesgemässen dunklen Anzug und Krawatte ausstaffiert. Er war in eine Zeitung vertieft, und ich erkannte ihn kaum. Auf der rasenden Bahnfahrt Richtung Solothurn erklärte uns Luigi, ein passionerter Bahn- und Rennvelofahrer, dass wir nun in einem ICN (InterCity-Neigezug) sitzen, als dieser wohl mit 200 Stundenkilometern über die meist etwas in einem Graben verlegte Neubaustrecke jagte. Da wir uns in der 2. Klasse befanden, waren die Sitze etwas eng, aber doch bequem – etwas mehr Platz als üblich ist dem Mittelgang eingeräumt. Der ICN hat es wegen häufiger Pannen zu einiger Berühmtheit gebracht; doch ausgerechnet diesmal klappte alles, so dass ich diese Pannenanfälligkeit also nicht aus eigener Anschauung bestätigen und beschreiben kann. Im Gegenteil: Der Zug fährt auch bei hoher Geschwindigkeit ruhig. Und nach meiner Beobachtung neigt er sich gar nicht – nur die Häuser und Kirchtürme, welche die Strecke begleiten und spotlichtartig auftauchen und verschwinden, sind oft bedenklich schräg.
 
In Biel mussten wir umsteigen und anschliessend durch das St.-Immer-Tal (Vallon de Saint-Imier) fahren. Wie in Biel, sind auch hier Uhrenfabriken wie Longines, ein 175 Jahre altes Unternehmen, das auf seine Tradition stolz ist und jetzt zur Swatch-Gruppe gehört.
 
In diesem Jura-Längstal im Nordwesten des Kantons Bern zwischen der Montagne du Droit und der Chasseral-Kette kämpfte der Nebel mit der Sonne um die Oberhand, was bedeutet, dass wir gegen 10 Uhr vormittags durch die Hochnebelobergrenze fuhren. Da die Strecke von Biel (442 m ü.M.) bis La Chaux-de-Fonds (1001 m) ständig ansteigt, war vorauszusehen, wer gewinnen würde. Um 9.48 war es in Courtelary BE, wo es beachtenswerte Bauten wie die Préfecture (Courtelary ist Hauptort des gleichnamigen Amtsbezirks) gibt, bereits sonnig, und es schien, als ob die Herbstfarben wie Lampen angezündet worden seien. Doch noch einmal kamen wir zu Herbstnebelgenüssen – da änderte die Höhenlage von La Chaux-de-Fonds nichts daran.
 
In diesem La Chaux-de-Fonds fielen uns von der Bahn aus die zahlreichen riesigen Wohnblöcke und ein umfangreiches, ziegelrotes Coop-Gebäude auf. Hier mussten wir in einem anderen Zug Zuflucht nehmen, der uns bis Le Locle brachte. Und damit wir nicht aus der Übung des Umsteigens kamen, nahm uns ein Triebfahrzeug der TRN (Transports régionaux neuchâtelois, ursprünglich: Chemins de fer des montagnes neuchâteloises CMN) mit ihrem Meterspurnetz in Empfang. Es ist das einzige Schienenfahrzeug auf dieser Strecke. Luigi: „Das muesch unbedingt fotografiere“ – ich knipste auftragsgemäss.
 
Die TRN sind ein sympathisches kleines Bahnunternehmen, das im Neuenburger Jura 2 Schmalspurstrecken von insgesamt 20 km Länge betreibt. Die längere führt von La Chaux-de-Fonds nach Les Ponts-de-Martel, die andere, die wir nun in Anspruch nahmen, verbindet Le Locle mit Les Brenets, unserem Ziel. Hier geht es von 946 auf 873 m ü. M. hinunter, in den etwas dichteren Nebel. Wir begaben uns während der Fahrt zum hinteren, verwaisten Führerstand und erlebten, wie sich die Geleise, sich keilförmig zuspitzend, in die verschleierten Herbstwälder schoben, und dann sorgte ein kurzer Tunnel für eingerahmte Bilder im Biedermeierstil mit der Neigung zur Beschaulichkeit.
 
Les Brenets
Die Fahrt war zu kurz. Um etwa 10.30 Uhr hatten wir Les Brenets NE erreicht. Die Zeit bis zur Abfahrt mit dem Schiff reichte für den Spaziergang vom Bahnhof zum Hafen am Doubs hinunter, und selbst dieser genügte für das Aufkeimen des Eindrucks, das sei ein auch baulich bemerkenswertes 1100-Seelen-Dorf. Aus Büchern wusste ich, dass hier die Kunst des Klöppelns (Spitzen-Herstellung) verbreitet war. Wie in dieser Gegend üblich (La Chaux-de-Fonds, Le Locle) wurde das Dorf nach dem Dorfbrand von 1848 schachbrettartig wiederaufgebaut. Auf einer Anhöhe steht das Château des Frêtes, ein opulentes Bürgerhaus. Im unteren Dorfteil döst die alte Kirche vor sich hin, die ausser Betrieb ist: ein spätgotischer Rechteckbau mit einem mächtigen Frontturm. Auf einer Seitenfassade kann man nachlesen, dass dieses Gebäude 1511 von Guillemin Mathiot erbaut worden ist. 1835 wurde der Turm erhöht. Seit 1915 ist das Erdgeschoss des Turms durch 3 Arkaden geöffnet.
 
Der Weg führt nach der Abzweigung von der Passstrassen-ähnlichen Bourg-Dessous am Westhang des Hohrückens Pouillerel schnurstracks zum Fluss hinunter; das steile Strässchen wurde gerade mit neuen Randsteinen gepflästert. Und dann war der Doubs erreicht, teilweise durch einen Hotelkoloss verdeckt. Von hier aus windet sich der Fluss durch Schluchten und trennt gleichzeitig die Schweiz von Frankreich. Dass das einst ein Schmugglerparadies war, glaube ich sofort: Tabak, Alkohol, Zucker, Mehl, Kaffee und sogar Phosphor für Zündhölzer wurden in dem unübersichtlichen Gebiet und auch weiter nördlich davon herumgeschoben. Doch nachdem die Verzollung langsam einschläft, sind die findigen Schmuggler arbeitslos geworden – so verschwindet ein ehrenwertes Handwerk nach dem anderen.
 
Der Doubs
Bei Les Brenets tritt der Doubs, der auf französischem Boden nordwestlich des Mont Risoux in der Nähe von Mouthe entsprang und dann in respektvollem Abstand parallel zur Schweizer Grenze durch Pontarlier F und Morteau F floss, erstmals in die Schweiz ein. Wenn man überhaupt so sagen kann. Denn er fungiert ab jetzt über eine Strecke von 43,8 km als Grenzfluss, bevor er beim Weiler Clairbief bei Soubey dann wirklich in die Schweiz eintritt, um die berühmte Schlaufe bei St-Ursanne zu absolvieren, bevor er sich bei La Motte definitiv nach Frankreich verabschiedet. Er besinnt sich also bald wieder auf seine französische Abstammung und bleibt unserem Nachbarland treu, bis er dann in die Saône mündet.
 
Von Le Brenets bis zum Saut-du-Doubs
Aber kehren wir an den Anfang des Schweizer Abenteuers des Doubs nach Les Brenets zurück, wo wir ja vorläufig gestrandet sind. Dort scheint sich der bereits stattliche Fluss von etwa 50 m Breite vorerst einmal etwas auszuruhen, sich weit ausstreckend und ausdehnend zu entspannen. Er geniesst das EU-freie Leben und bildet einen tannengrünen, verwinkelten etwa 4 km langen und etwa 200 m breiten Waldsee, der nach einem Bergsturz vor rund 14 000 Jahren entstanden ist und der durch die sich spiegelnden hellen Kalkfelsen und das gelbbraune Herbstlaub aufgehellt wird. Hier wächst ein schöner, gesunder Mischwald aus Laub- und Nadelbäumen. Im Winter soll hier eine der grössten Eisbahnen entstehen, wie der Kapitän mitteilte. Die eisfreie Zeit nützen oft Kopfspringer; von der „Hercules Platte“ oberhalb des natürlichen, bis 300 m tiefen Stausees stellte Olivier Favre am 30. August 1987 den Weltrekord mit einem Sprung aus einer Höhe von 54 m auf. Wo der Nutzen solcher Seitensprünge liegt, kann ich hier nicht mitteilen.
 
Ein kleines, etwa 60 Personen schluckendes Passagierschiff der NLB (Navigation sur le lac des Brenets) war an der Anlegestelle an einen Pfahl angebunden. Es nennt sich „L’Écho“, sicher im Anklang an den Rocher de l’Écho auf der Westseite des Lac des Brenets. Das Schiff wurde in Brenets gebaut und ist seit 1990 in Betrieb (www.nlb.ch). Wir richteten uns behaglich ein. In dieser Nebellandschaft war es empfindlich kühl. Da es Eva und Luigi unterlassen hatten, hinreichend Fettpolster anzulegen, waren die Temperaturverhältnisse schwieriger als für mich zu ertragen, der ich dank einer starken Isolationsschicht aus besten Materialien (hochwertiges Fett von bester HDL-Qualität) diesbezüglich auch für sibirische Verhältnisse eingerichtet bin.
 
Über dem ruhigen Wasser bildeten sich schöne Nebelschlieren, die nach der Abfahrt unseres Schiffs um 10.45 Uhr noch von dessen Auspuff angereichert wurden; aus dem Abgasrohr tanzte ein heller Rauch empor. Wir genossen diese Stimmung bei gewissen naheliegenden Einschränkungen sehr, die sich gleich verändern sollte: Die Sonne brach durch, und innert Minuten wechselte das Licht, so dass wir mit Schauen, Aufnehmen, Geniessen und Fotografieren buchstäblich überfordert waren. Die spiegelglatte Wasseroberfläche wurde durch das Schiff in leichte Wellenbewegungen versetzt, wodurch sich die Herbstfarben und die bis 80 m hohen Kalkfelsen vom Hang mit der Grotte de la Toffière (oder Roi du Prusse) als Schlieren auf der Wasseroberfläche wiederholten. Der Grottenname erinnert an den Besuch der Höhle durch den König von Preussen und den Prinzen von Neuchâtel, Frédéric-Guillaume III. In den Felsen sind gelegentlich auch rund geschliffene Einbuchtungen, die von gemütlichen Erosionen herbeigeführt wurden. Ein Graureiher auf einem schräg aus dem Wasser auftauchenden Baumstamm beobachtete den Tourismusbetrieb ohne spezielle Begeisterung; sein Event-Bedürfnis ist auf einer anderen Ebene. Im Wasser soll es noch den bedrohten „Roi du Doubs“ geben, ein gelbbrauner Fisch mit dunklen Querbinden, der sich nur nachts unter den Steinen hervorwagt. Er verdankt seine Existenz hier einer früheren Verbindung des Doubs mit der Donau.
 
Das Schiff umkreiste Felsvorsprünge und gab immer wieder neue Bilder frei – die Bezeichnung „Rivière enchantée“ (entzückende Riviera) hat ihre Berechtigung durchaus. Der Kapitän forderte zum Hinaufschauen zu einer Felsenkrone auf, deren Abschluss eine Sphinx bildet, ein Tierkörper mit dem Kopf eines Mannes, der eine Reise noch Ägypten (Gizeh) überflüssig macht ...
 
Das mag die Wächterfigur zum Tempeleingang des 27 Meter hohen Doubs-Sprungs (Saut-de-Doubs) sein, dem wir uns nun angenähert hatten. Die Schifffahrt dauerte nur etwa 20 Minuten – man hätte sie gern fortgesetzt, was aber der Doubs höchstpersönlich zu verhindern weiss, wird er doch wenig weiter talabwärts zu einem Wildbach, was ihm offensichtlich gefällt.
 
Nahe beim Restaurant „Saut du Doubs“ legte das Boot an. Wir wurden auf die eigenen Füsse gestellt und nahmen den Chemin de Moron unter sie. Hinter dem Gasthaus überquerten wir eine elegant geschwungene Stahlrohrbrücke, um auf die französische Seite des Doubs hinüber zu wechseln; die Waldlandschaft heisst dort „La Conche“. Ein Laden mit allerhand Absinth-Zubehör im Fenster war zu unserem Verdruss leider geschlossen; der Montag ist in dieser Beziehung häufig etwas problematisch.
 
Auf einem betonierten, rollstuhlgängigen Weg steuerten wir dem Aussichtspunkt hoch über dem Doubs-Wasserfall zu und genossen das Landschaftsbild mit Doubssprung unter uns, einem Dauersprung ohne Rekordallüren. Im Vergleich zum Rheinfall ist dieser Wasserfall ein Reinfall; für französische Verhältnisse aber ist der Saut-du-Doubs der grösste Wasserfall des Landes. Innerhalb dieser urtümlichen Schluchtenlandschaft mit teilweise senkrechten Wänden nimmt sich das Band aus einer weissen Wassergischt, das aus einem rechteckigen Felseinschnitt in die Tiefe donnert, als harmonisch eingefügtes Naturelement aus. Ich wage, es als Attraktion zu bezeichnen.
 
Auf einem speziellen Weg kann man sich zu einer weiteren Aussichtsplattform ganz in der Nähe des Wasserabsturzes begeben und das Schauspiel aus einer anderen Perspektive betrachten. Auf der anderen Flussseite ist eine weitere Aussichtskanzel, die aber von hier aus nur indirekt (über die oberliegende Passerelle) zu erreichen ist.
 
Wenig unterhalb dieses Sprungs sammelt sich das Wasser noch einmal zu einem See, der Lac de Moron heisst, diesmal allerdings gezwungenermassen. Es ist ein von Menschenhand geschaffener Stausee, dessen Maschinenhaus bei der Staumauer Châtelot in den Berg eingedrungen ist. Dort hat die Société des Forces Motrices du Châtelot (SFMC) einen Lehrpfad („les Mémoires du Doubs“) eingerichtet: Bei Anlass der Erbauung der Dotierturbine unterhalb der Châtelot-Staumauer (2005) wurden 15 Tafeln aufgestellt, die das industrielle Leben in diesem verträumten Tal über 4 Jahrhunderte aufzeigen. Und Pflanzenkundige werden in jener Gegend die seltene Ästige Graslilie (Anthericum ramosum) mit ihren kleinen, weiss schimmernden Blüten entdecken, neben Hirschzunge, Seidelbast, Glockenblume, Engelwurz, Waldgeissbart, Witwenblume, Laserkraut und Wasserdost. Unter anderen.
 
Bei uns aber meldete sich der Hunger; Eva sagte, in Zukunft gehe sie nie mehr im Leben ohne Zwischenverpflegungen auf Reisen. Sie habe jetzt wieder etwas gelernt; der Lernprozess dauert schon seit längerer Zeit, und das Reisegepäck schwillt zu immer gewaltigeren Dimensionen an.
 
Nach meiner unmassgeblichen Ansicht traf die Sache mit den Hungergefühlen gut; denn das Restaurant „Saut du Doubs“ war ja offen, und es ist schön zu essen, wenn man Hunger hat. Doch auf dem linksufrigen Rückweg vom Wassersprung liess es sich Luigi vorerst noch nicht nehmen, wie ein Reh über die Böschung aus grossen Steinen zu springen, mitten hinein in den Wildbach. Er winkte uns heftig, womit er die Aufforderung verband, es ihm gleichzutun.
 
Also balancierten wir mit der gebotenen Vorsicht über das bemooste Gestein und sollten es nicht bereuen: Die von einem dicken, flaschengrünen Moosteppich sorgfältig umwickelten grossen Steine (von Unspunnenstein-Grösse und grösser) im weiss schäumenden Wasser mit Champagner-Qualitäten, das man in den Bergen „Gletschermilch“ nennen würde, neben Bäumen, die ebenfalls die Moosumhüllung verpasst erhalten hatten, gefielen mir noch beinahe besser als der Doubssprung. Waren das Bilder! Sonne und Schatten waren im richtigen Verhältnis, um diese aus der Feuchtigkeit heraus geborene Szenerie richtig zu belichten. Ich brauchte nur noch abzudrücken – man ist ja immer froh, wenn man solche Bilder mit nach Hause nehmen kann, obschon das unmittelbare Dabeisein unersetzlich ist.
 
Unvergessliche Bilder in uns (und auf der Speichereinheit) tragend, kletterten wir zum Weg zurück, der uns über die Stahlbrücke („Passerelle“) zum Restaurant brachte – die Distanz zum Wasserfall beträgt zirka 400 m. Dieses Restaurant mit der Schweizer Fahne unter dem Giebeldach und den roten Fensterläden machte, was den baulichen Zustand anbelangt, nicht einen eben einladenden Eindruck. Ich dachte positiv und laut: „Die Leute investieren eben mehr in gute Lebensmittel und in die Küche als in die Fassade.“ Und die von Hungergefühlen gezeichneten Gesichter stimmten zu. Die Inhaber heissen Yolande und Georges-Alan Hugli, wie ich einem Prospekt entnahm; das Haus ist zwischen Ostern und Ende Oktober geöffnet.
 
Wir setzten uns ans Fenster des oberen Speisesaals (Terrasse), der von einer unaufdringlichen Gemütlichkeit gezeichnet war. Da wir ja aller Chauffeurpflichten ledig waren, bestellte ich für die Gesellschaft je einen Absinth zum Apéritif, zumal dieses mit dem Val de Travers verbundene Produkt hervorragende Fähigkeiten im Magenöffnen (was zwar gerade nicht nötig gewesen wäre) als auch als Verdauungshilfe entfaltet. Zu Testzwecken bestellten alle etwas anderes: Eglifilets (Eva), das Menu du Jour aus Gemüsesuppe, Hackbraten an Jägersauce, Teigwaren (Luigi) und Entenbrust mit Reis (ich). Dazu tranken wir einen vollmundigen weissen Cortaillod; ich wollte dem Kanton Neuenburg auch önologisch die Ehre antun, wir wurden nicht enttäuscht. Und die charmante Margot Oppliger beriet uns ausgezeichnet. Auch das Essen fand nur Lob; es schmeckte allen, auch einer Familie, die sich am Nachbartisch verpflegte. Es waren Leute aus dem Aargau, die ihre Pensionistenzeit nun in Soubey am Doubs verbringen. Trotz meiner ausgesprochenen Sympathie zum Aargau, diesem genau auf meine Bedürfnisse zugeschnittenen Kanton, lobte ich das als gute Idee.
 
Ich hatte noch die Moosbilder vor dem geistigen Auge und fragte Frau Oppliger, ob es denn auch hier häufig neblig sei. Sie verneinte spontan; bloss eine hohe Luftfeuchtigkeit sei in der unmittelbaren Umgebung des Flusses festzustellen. Weil sich die Bemoosung tatsächlich auf die flussnahen Bereiche konzentriert, erschien das glaubwürdig.
 
Ich erkundigte mich dann nach einem hausgemachten Dessert; die Nestlé-Tochter Frisco-Findus möge mir das bitte verzeihen. Aus der netten Dame brach es freudvoll heraus: „Gerade heute Morgen haben wir Apfeltaschen gebacken.“ „3 Portionen bitte.“ Dieses opulente Gebäck mit der saftigen Füllung war ein festlicher Abschluss dieses Mittagsmahls.
 
Gerade rechtzeitig fanden wir zur Schiffsanlegestelle zurück und erlebten den Lac des Brenets in umgekehrter Richtung (flussaufwärts) bei vollem Sonnenlicht. In der Nähe der Anlegestelle Les Brenets öffnete sich ein weiter Blick in die Region Franche-Comté, die uns einzuladen schien. Ich setzte sie auf mein Exkursionsprogramm.
 
Ein kleiner Bus brachte uns zum Col-des-Roches, ein imposantes Felstor, das man als Hintereingang zur Schweiz bezeichnen könnte, nahe bei Le Locle. In dieser vielleicht etwas düsteren Gegend sind die Moulins souterrains, die unterirdischen Mühlen also, die wir gleich anschliessend besuchten. Doch diese Sensation in einer riesigen, steil abfallenden Grotte ist ein eigenes Blog wert: ein facettenreiches industriegeschichtliches Kapitel aus dem 17. bis 20. Jahrhundert, das uns in Bewunderung, Staunen – und, vorübergehend nur, in einen Zustand des Grausens versetzte.
 
Von hier aus braucht das unterirdisch abfliessende Wasser 4 Tage, bis es im Doubs unten ankommt, was auf die labyrinthischen Verhältnisse in diesem Jura-Teil hinweist. Ein solches Höhlenlabyrinth ist vielleicht auch unser Bibersteiner Jura (Gislifluh/Homberg), der ein wunderbarer Wasserspeicher ist.
 
Die Frage ist nur, wie eine Mühle unter solchen ausgesprochen feuchten Verhältnissen funktionieren konnte. Ich werde gern darüber berichten. Die Franzosen und die Westschweizer sind als geniale Konstrukteure bekannt.
 
Hinweis auf weitere Ausflugsberichte und Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
Reproduktionsfähige Fotos zu all diesen Beschreibungen können beim Textatelier.com bezogen werden.
 
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