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BLOG vom 07.11.2007


Stille Reuss Rottenschwil: Traumlandschaft mit Rostansätzen
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Stehendes Wasser in kleineren und grösseren und kleineren unförmigen Tümpeln, auf denen farbige Blätter schwimmen, eingefasst von verblassend grünem, bräunlichem Schilf und hohen Seggen mit einem rosafarbenen Schleier obenauf. Die vereinzelten ein- oder mehrstämmigen Bäume haben ihren Laubmantel zur Hälfte verloren, und der Rest ist in warmen Farben gehalten, als ob die milde Herbstsonne zu organischer Substanz geworden sei. Die unförmigen Baumstämme treten dunkel hervor, und das aufgelockerte Laub umschwärmt sie mit temperierten Farbtupfern, die von einem Maler zu stammen scheinen, der mit seiner Farbe sparsam umging. Und dann gibt es in dieser Tümpellandschaft wieder die eine oder andere Silberweide, die in einen silbergrauem Blätterschaum eingehüllt ist und sich im nahen Tümpel im Kopfstand wiederholt. Auf einem kahlen Buschast posiert ein Eisvogel. Im Hintergrund ist eine waldbauliche Kulisse, die zum milchigen Himmelsgewölbe überleitet. Über dem topfebenen Boden ist ein feiner Dunst mit Weichzeichnereffekt, der den Atem dieser Landschaft sichtbar macht. All dies ist hier zu einem stimmungsvollen Gemälde verschmolzen, das aus einem früheren Jahrhundert zu stammen scheint. Moorlandschaften sind Raritäten. Und vielleicht hatte der Dichter Hermann Hiltbrunner (1893–1961) Recht, als er im Vortrag über „Geographie und Poesie“ sagte, es gebe keine Poesie, die nicht im Landschaftlichen wurzle.
 
Diesen Blick auf die Stille Reuss, einen gebogenen Reussaltarm, habe ich am frühen Nachmittag des 29. Oktober 2007 aus dem 2. Stockwerk des Zieglerhauses an der Hauptstrasse 8 in CH-8919 Rottenschwil (im aargauischen Reusstal) aus genossen. Dieses Gebäude, ein eigentliches Aussichtspodest, ist ein klassizistisches, gemauertes Freiämterhaus, das 1793 erbaut wurde, allmählich beinahe zerfiel und 1980/81 renoviert worden ist; die Kosten trugen der Kanton Aargau, der Bund und die Stiftung Reusstal. Beinahe wäre es dem Strassenausbau zum Opfer gefallen – das Problem wurde durch eine Hangstabilisierung gelöst. Seither gehört das Haus der Stiftung Reusstal, die darin ihr Naturschutz-Informationszentrum eingerichtet hat und hier auch naturkundliche Forschungsergebnisse präsentiert; pro Jahr machen annähernd 2000 Personen davon Gebrauch, darunter viele wissenschaftlich Tätige. Gelegentlich werden auch Kurse durchgeführt. Der Biologe Josef Fischer ist ein kompetenter Leiter mit offensichtlichem Engagement für ökologische Belange und damit für Existenzmöglichkeiten von Pflanzen und Tieren. Zusammen mit dem kantonal-aargauischen Unterhaltsdienst werden von hier aus auch die etwa 3 km2 umfassenden Reservate der Reussebene mit dem Flachsee, der vollständig auf dem Areal der Gemeinde Unterlunkhofen liegt, unterhalten. Ein als Raupenfahrzeug gebauter Schilfmäher und Häcksler (Raupenhäcksler) war bei meinem Besuch gerade dabei, einen Teil des Schilfs zu mähen und damit die Verbuschung und Verwaldung zu verhindern.
 
Das erwähnte denkmalgeschützte Zieglerhaus, das von den Nachkommen eines Ziegelhüttenbesitzers erbaut worden ist, befindet sich zwischen dem Dorf Rottenschwil und der Reussbrücke, eine zweifeldrige Parabelbodenfachwerkbrücke in genieteter Stahlkonstruktion – rund 300 m von dieser entfernt. Das Gebäude, von dem aus das Naturschutzgebiet „Stille Reuss“ als stillgelegte Flussschlinge überblickt werden kann, hat etwa 20 Aren Umschwung. Dort liegt ein mächtiger, bei der Reusstalmelioration zum Vorschein gekommener Eichenstamm, der sein Wachstum vor etwa 3000 Jahren begonnen haben dürfte. Dieses sich strahlenförmig aufspaltende Totholz ist voller Leben. Sogar eine junge Eiche wächst aus einer Spalte heraus. Und mit angebohrten Hölzern werden in der Nähe Insekten angelockt. Im Gebäudeinnern geht der Naturkundeunterricht weiter. Hier sind Literatur, Binokularlupen, Feldstecher, Stopfpräparate, sogar ein ausgewachsener Biber, und grosse Landkarten vorhanden, so dass man sich für den Besuch im Gelände gut vorbereiten kann.
 
Die Besucher können hier auch auf das Archiv der Ornithologischen Arbeitsgruppe Reusstal (OAR) zugreifen, einer Verbindung ehrenamtlich arbeitender ornithologisch versierter Reusstalfreunde. Die Arbeitsgruppe formierte sich im Winter 1971/72 auf Wunsch und Anregung der Stiftung Reusstal. Sie dokumentiert die Entwicklung der Avifauna (= Vogelwelt, abgeleitet vom lateinischen avis = Vogel und fauna = Tierwelt ) der Reussebene. Ein Schwergewicht ihres Einsatzes liegt beim Flachsee Unterlunkhofen. So werden beispielsweise monatliche Zählungen sämtlicher Wasservögel im Stauhaltungsraum der Reuss – inklusive Flachsee Unterlunkhofen – von der Werderbrücke Rottenschwil bis zum Kraftwerk Bremgarten-Zufikon sowie auf der Stillen Reuss in Rottenschwil durchgeführt, und die Resultate werden zusammengetragen und zeigen, wie sich das Leben in dieser jungen, von Technik gestützten Naturlandschaft entwickelt.
 
So erfährt man aus einer Liste vom 14. Februar 2002, dass total 241 Vogelarten ausgemacht werden konnten (http://www.stiftung-reusstal.ch/OAR/list/liste.html) . Zu den Raritäten (1 bis 5 Exemplare) gehören Austernfischer (1), Bartmeise (1), Brandseeschwalbe (1), Dreizehenmöwe (1), Gelbbrustpfeifgans (1), Goldregenpfeifer (1), Haubenlerche (1), Knutt (1), Kranich (1), Mantelmöwe (1), Nebelkrähe (1), Ohrentaucher (1), Pfuhlschnepfe (1), Raufussbussard (1), Rebhuhn (1) Schneegans (1), Seggenrohrsänger (1), Zaunammer (1), Bartgrasmücke (2), Berglaubsänger (2), Mönchsmeise (2), Raubseeschwalbe (2), Rotkehlpieper (2), Waldkauz (2), Bahamaente (3), Birkenzeisig (3), Haubenmeise (3), Kuhreiher (3), Kurzschnabelgans (3), Peposakaente (3), Wachtel (3), Wasseramsel (3), Wiesenweihe (3), Brachpieper (4), Grauammer (4), Kanadagans (4), Kleines Sumpfhuhn (4), Rallenreiher (4), Regenbrachvogel (4), Sumpfohreule (4) und Seidensänger (5).
 
Im milden Winter 2006/07 überwinterten weniger Wasservögel am Flachsee oder auf den sich darin befindlichen Inseln als vorher. Laut der OAR war zudem „eine leichte Umverteilung festzustellen: verhältnismässig mehr Wasservögel als früher halten sich im Reusslauf zwischen Flachsee und Bremgarten auf. Bemerkenswert in diesem Winter waren die fast durchgehende Anwesenheit einer Brandgans, die mehrfache Beobachtung eines Moorentenerpels und gegen Ende Winter der Besuch von 2 Singschwänen in der Region des Flachsees.“
 
Daraus ist zu erkennen, dass im Zusammenhang mit dem Bau des neuen Stauwehrs und Kraftwerks Bremgarten-Zufikon (Ersatz des alten KW Emaus, 1975) ein Vogelbiotop von nationaler Bedeutung entstanden ist; auch Pflanzen-Raritäten wie Knabenkräuter, Natternzunge, Moorveilchen, Lungen-Enzian und viele Insektenarten, darunter auch Libellen, und Amphibien haben sich hier niedergelassen. Der Aufstau erstreckt sich über insgesamt 7 km bis zur Werder Brücke (unterhalb Jonen/Aristau).
 
Laut Josef Fischer, der sich hier im Element fühlt, ist die Situation für Fische weniger erfreulich, weil die aufgestaute Reuss (und damit auch der Flachsee) höher als der Talboden liegt und mehrere Pumpwerke die Ebene entwässern müssen. Die Wassertiere sind in ihren Wandermöglichkeiten also sehr eingeschränkt. Zudem ist auch der Geschiebetransport unterbunden. Solche Eigenschaften erinnern daran, dass hier eine Kunstnatur entstanden ist. Die gesamten Kosten für die Reusstalveränderung beliefen sich denn auch auf 200 Mio. CHF. Für die Naturschützer ging es während der Planungs- und Bauphase seinerzeit vor allem noch darum, das Mögliche für die Natur herauszuholen, und das war weit mehr als das, was bei früheren „Meliorationswerken“ zugestanden worden war. Etwa 50 ha Sumpfgebiet wurden trockengelegt und 13 ha sind neu entstanden; die Streuwiesen nahmen um 35 ha ab. Die Natur hat inzwischen versucht, sich ebenfalls auf die neuen Gegebenheiten einzustellen, sich damit zu arrangieren.
 
Die Sache mit dem Rost
Doch immer wieder kommt es zu Ungleichgewichten. Als Beispiel dafür nannte Josef Fischer die Eisenbakterien, welche zweiwertige Eisensalze aufnehmen und sie zu dreiwertigem Eisenoxid (Rost) oxidieren. Aus diesem Prozess gewinnen sie ihre Lebensenergie. Dabei verbrauchen sie Sauerstoff, der im Bodenschlamm dann eben fehlt. Auf dem Wasser bilden sich gelegentlich ölfilmähnliche, ockerfarbene Beläge, weshalb man von einer Verockerung spricht, eine Art „Gewässerverrostung“. Sie wirkt sich auf Fische ungünstig und das Pflanzenwachstum hemmend aus. Weil dieses Rosten in den Tümpeln jenseits der Staustrecke auftritt, wird das oxidierte Eisen bei Hochwasser nicht fortgespült, es reichert sich also an.
 
Bei meinem Spaziergang um den Flachsee (Blog vom 25.5.2007: Flachsee im Aargauer Reusstal: Korrigierte Naturlandschaft) war mir in der Nähe des Klosters Hermetschwil der in die Reuss einmündende Rotbach aufgefallen, der auf solche Vorgänge hinweist. Er stammt laut einer Informationstafel aus 2 Moorgebieten im Wald oberhalb von Staffeln. In solchen Bereichen verläuft der Abbau abgestorbener Pflanzenteile verzögert, wobei Huminstoffe entstehen, die Eisen an sich binden und auf die Oxidation eher bremsend einwirken; das Eisen kommt in fast allen natürlichen Gewässern in gelöster Form vor – und in der Reussebene scheint kein Mangel an solchem Eisen zu bestehen.
 
Rund um die Stille Reuss
Diesmal umrundete ich die Stille Reuss, um die wunderbare Herbststimmung in dieser sanften Moorlandschaft (ein insgesamt etwa 17 ha umfassendes Naturschutzgebiet) zu geniessen. Ein Wanderweg führt rund herum, und man kann langsam gehen und immer wieder stehen bleiben, wenn man dieser Strecke eine Stunde Zeit einräumen will; unterbricht man den zügigen Wanderschritt nicht, braucht man bloss 20 Minuten dafür. Hier ist es bei jedem Wetter zu jeder Jahreszeit stimmungsvoll. Das genaue Beobachten und das Lesen der Schrifttafeln lohnen sich unbedingt.
 
Das Stillgewässer wurde ums Jahr 1700 mit menschlicher Beihilfe von der Reuss abgeschnitten. Materialauffüllungen und natürliche Verlandungen verkleinerten diese Oase der Ruhe mit der Form eines abgerundeten Hakens; dem Wasser wurde der angestammte Platz im Rahmen einer Renaturierung wieder zurückgegeben: zurück zur ursprünglichen Natur, wie sie nach der Abtrennung des Reussarms einmal war. Die Uferzonen sind in verschiedene Vegetationseinheiten gegliedert: Grossseggenried (Sumpfwiese mit hochwachsenden Seggen), Röhricht, Schwimmblattpflanzen und auch Unterwasserpflanzen.
 
Hier gibt es kleine Wäldchen und einzelne Feuchtigkeit liebende Bäume, Gebüschgruppen und Riedwiesen. Im Innenbereich des gebogenen Reussarms sind karg bewachsene Stellen und kleine Tümpel vorhanden. Dabei handelt es sich um die 1982/83 umgestaltete Pionierfläche, die jährlich zu einem Drittel umgegraben wird, um eine natürliche Entwicklung (Sukzession) zu ermöglichen. Auch die im Süden ans Naturschutzgebiet anschliessende Giriz-Aue in Rottenschwil, ursprünglich ein aktives Nebengerinne der Reuss, wurde 2005 endlich renaturiert, das heisst die „Kleine Reuss“ wurde wieder freigelegt. Zudem wurden laut Josef Fischer „diverse Amphibien-Laichgewässer erstellt, in einer Teilfläche der durch die frühere Landwirtschaft aufgedüngte Oberboden geschürft, damit hier wieder ein Riedbiotop (Pfeifengraswiese) entstehen kann“. Der alte Hochwasserdamm war hier bereits vor 25 Jahren im Interesse der landwirtschaftlichen Nutzung geschleift worden. Fischer: „Wir haben dieses alte Stück vom Hochwasserdamm 1860 im Rahmen des Renaturierungsprojekts quasi wieder restauriert, als Strukturelement für eine extensive Wiese, um den Aushub für die Kleine Reuss nicht in eine Deponie abführen zu müssen (Umweltschutz und Kostenaspekte). Es ist ein Damm, der nicht Hochwasser zurückhalten kann – er hat nämlich 2 grosse Durchlässe und ist sowieso kleiner als der richtige Hochwasserdamm direkt an der Reuss –, sondern auf die menschlichen Eingriffe in der alten Schwemmlandschaft verweist.“ 
 
So findet hier gewissermassen eine Rückwärtsentwicklung in einen Zustand statt, der dem natürlichen näher kommt. Der Mensch hat vieles zerstört, und er kann aber auch Bedingungen schaffen, die der Natur gefallen. Sie bestimmt dann die weitere Dynamik selber und scheut auch nicht davor zurück, immer neue Randbedingungen zu schaffen. Es ist dann genau das, was wir als schön empfinden und das uns in ein ehrfurchtsvolles Staunen versetzt. 
 
Quellen
Widmer, Hans-Peter: „Keiljungfer und Knabenkraut. Die Natur- und Kulturlandschaft Reusstal“, Herausgeberin: Stiftung Reusstal, Rottenschwil 2007.
Fischer, Josef; Gfeller, Susanne; Schelbert, Bruno, und Weggler, Martin: „Die Vogelwelt der Reussebene. Eine Entwicklungsgeschichte 1971–1993“, Ala, Schweizerische Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz. Beiheft zu „Der Ornithologische Ratgeber“, Dezember 1995.
 
Kontakt
Josef Fischer
Stiftung Reusstal
Zieglerhaus
Hauptstrasse 8
8919 Rottenschwil
Tel. 056/ 634 21 41
Fax 056/ 634 29 92
 
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