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BLOG vom 30.11.2007


Klingnauer Stausee: Vogelparadies in Kunstnatur-Landschaft
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Sie hat das zwar nicht so gewollt, aber sie kann nicht anders: Bevor die Aare in ihrem Unterlauf zum Rhein wird, ruht sie sich im Stausee Klingnau noch einmal aus. Dieser etwa 3 km lange Wasserspeicher beginnt ungefähr dort, wo die Aarebrücke zwischen Klingnau/Döttingen nach Kleindöttingen führt. Sein abruptes unteres Ende findet der bis 500 m breite See beim Kraftwerk Klingnau in der Gemeinde CH-5322-Koblenz AG, von wo aus es nur noch etwa 1,2 km bis zur Einmündung der Aare in die Rheinschlaufe bei Felsenau sind. Das 1935 in Betrieb genommene Kraftwerk Klingnau (Jahresproduktion: etwa 230 Mio. kWh) war der Auslöser für die Entstehung des Stausees in der Flusslandschaft, die zwischen Böttstein, wo heute auf einer Aareinsel die Kernkraftwerke Beznau I (Betriebsaufnahme: 1969) und II (1972) sind, und dem Rhein.
 
Schon damals war dieses Flusstal nicht mehr jungfräulich; denn hier war die Aare, die ja in diesem Gebiet auch das Wasser von Limmat und Reuss mit sich führt (Einzugsgebiet der Aare bis zur Mündung in den Rhein: 17 779 km2), bereits in den Jahren 1886 bis 1904 gebändigt worden, eine Folge der Hochwasserkatastrophen von 1876 und 1878. Vor allem das flache Ufer bei Klingnau, wie der Auhof unterhalb des Städtchens, waren betroffen. Das Bändigen bedeutet im Klartext eine Kanalisierung, der man beschönigend Melioration (= Verbesserung) sagt. Eine Verbesserung ist das allerdings nur für die Anwohner in dem Sinne, dass es (hoffentlich) weniger Überschwemmungen gibt, und vor allem für die Elektrizitätswirtschaft und die unersättlichen Stromverbraucher. Aber Kunstlandschaften bedürfen der dauernden Beobachtung und des Unterhalts, ansonsten sie in einen Naturzustand zurückfallen.
 
Das wilde Mäandrieren
Vor wenigen Tagen habe ich in einem Buchantiquariat das Werk „Unbekannter Aargau. Ansichten des 18. und 19. Jahrhunderts aus der Sammlung Laube“ (Verlag Sauerländer Aarau, 1994) gefunden. Auf Seite 105 ist ein schwarz-weisses Sepia-Aquarell (von der Sepia = Tintenfisch gewonnene Tusche bzw. Tinte) von Emanuel II. von Jenner (1755–1813) abgebildet: „Bey Dettingen gegen Klingnau, im Baaden Gebiet.“ Man vermute bitte nicht eine Ansammlung von Druckfehlern; so schrieb man damals. Die wunderschöne Zeichnung entstand auf einem Hügel oberhalb von Döttingen (im Vordergrund sind 3 Dachfirste zu erkennen) und hält den Ausblick auf die noch frei fliessende Aare fest, die sich geradezu im Kreise zu drehen scheint: eine wilde und dynamische Flusslandschaft mit Kiesinseln und Ansätzen von Auenwäldchen. Rechts im Hintergrund erkennt der Betrachter unter einem grossen Baum, möglicherweise eine Eiche, das Städtchen Klingnau. Zurück in die Gegenwart: Das Gebiet erkennt man nicht wieder ...
 
Eine gute Grundlage zum Studium der Veränderungen ist auch die 1962 erschienene Schrift „Die Aare bei Klingnau“ von Rudolf Siegrist (Mitteilung Nr. 4 des Fonds zur Erforschung der Pflanzengesellschaften schweizerischer Flussauen). Darin ist eine zeichnerische Darstellung nach Hans Konrad Gygers Karte des Kantons Zürich (1667) über den Verlauf der Aare vor der Einmündung in den Rhein enthalten, ein richtiges Flechtwerk aus Inseln und Flussverzweigungen, die ihren eigenen Weg gehen wollten. Weitere kartographische Darstellungen zeigen den sich ständig ändernden Flusslauf in den folgenden Zeiten auf: Inseln und Schotter und Sandbänke wurden immer wieder weggespült und anderweitig wieder abgesetzt, wenn die Strömung schwächer wurde und sie das Geschiebe nicht mehr flussabwärts zu verfrachten vermochte, ohne dass daraus eine Gesetzmässigkeit abzulesen wäre. Bei der Überflutung der Schotterbänke durch Hochwasser wurden sie oft mit Sand und Schlamm überlagert. So entstanden nährstoffreiche, periodisch überschwemmte Böden, typische Standorte für den Auenwald.
 
Rund um den Klingnauer Stausee
Ich habe mich am trübseligen Samstag, 24.11.2007, zu einer Rundwanderung um den Klingnauer Stausee aufgemacht, unter anderem, um meinen Bewegungsapparat wieder auf Vordermann zu bringen. Der Himmel war bedeckt, die Temperatur um 6 °C. Wer nicht mit der Bahn von Baden–Turgi aus ins ehemalige Winzer- und Bauerndorf Döttingen reist, kann sein Auto gleich nach der Brücke rechts in Kleindöttingen (gehört zur Gemeinde Böttstein AG) abstellen, dort, wo sich ein von Coop dominiertes Einkaufszentrum entwickelt hat.
 
Um Mittag startete ich zur Stausee-Rundwanderung linksufrig, die Dampffahne des KKW Leibstadt vor mir, vorbei an einem Flachwasserbereich mit wohl bis gut 3 m hohen Schilfstauden und Binsen. Wie Staubwischer wedelten die Blütenrispen im leichten Wind, als wollten sie die vom Laub beinahe leergefegte, bräunlich-graue Landschaft nachreinigen. Im stillen Wasser des höchstens 8,5 m tiefen Sees sind ganze Schilfinseln entstanden. Diese Biotope aus Pflanzenansammlungen sind eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass der künstliche See zu einem Zufluchtsort für einheimische Vögel und einem Überwinterungsgebiet für nordische Zugvogelarten von internationaler Bedeutung geworden ist. Besonders Wasser- und Watvögel fühlen sich hier wohl. Aus dem Norden kommen jeweils zum Beispiel Schnatter-, Spiess- und Schellenenten sowie Bussarde wie der Raufussbussard. Strandläufer und Regenpfeifer geniessen die günstigen Verhältnisse in den zunehmenden Schlammflächen – die Verlandung ist eines der Probleme dieses Gebiets.
 
Unterwegs begegneten mir 2 Fotografen mit je einem 500-mm-Objektiv, hinter dem die Canon-Kamera fast verschwand, etwa 4,5 kg schwere konische Ungetüme, und 3 weitere junge Fotografen mit je einem Stativ auf dem Rücken kamen mir ebenfalls entgegen. Für solche Fälle ist linksufrig unterhalb der Brücke Kleindöttingen, direkt gegenüber von Klingnau, vom Verband der Aargauischen Natur- und Vogelschutzvereine VAVN (etwa 130 Sektionen mit rund 13 000 Mitgliedern) der Vogelbeobachtungsturm aufgebaut worden. Von ihm aus ist ein freier Blick über die ausgedehnten Schilfflächen, die Seichtwasserzonen und Schlickflächen gewährleistet, die vielen Vogelarten Nahrung, Deckung und Brutmöglichkeiten bieten; bis jetzt konnten 270 Vogelarten nachgewiesen werden. Auf den beiden Beobachtungsplattformen sind zahlreiche Arten abgebildet und beschrieben (Internet: www.klingnauerstausee.ch).
 
Vor allem die Stockenten waren gerade reich vertreten: die Männchen mit ihrem samtgrünen Kopf und der schwarzen Locke am Schwanz, die bräunlichen, schwarz gestrichelten Weibchen, die in diesem Fall nicht schnattern, dafür aber Quaken. Sie können direkt aus dem Wasser einen Flug antreten, benötigen also im Gegensatz zu den Tauchenten keine Startstrecke. Weisse Schwäne (Höckerschwäne) tauchten den Kopf ins Wasser, um das Mittagsmahl zusammenzustellen: Wasserpflanzen mit Weichtieren garniert, Schnecken, Larven und Würmer. Auch ich verspürte Hunger, liess mich aber von den Hinweisen zu den Gaststätten in der Nähe des Stausees (Leuggern und Gippingen wie dem Landgasthof Weisses Kreuz) nicht verführen und schritt tapfer auf dem asphaltierten Dammweg weiter.
 
Unterwegs gegen das Kraftwerk Klingnau, der unteren Begrenzung des Stausees, kommt man an einem Bunker aus dem 2. Weltkrieg vorbei, dessen Dach im September 2003 von Erika und Max Tanner, Dintikon AG, zu einer Beobachtungsplattform umgewandelt worden ist, eine gute Idee. Dort ist eine weitere Informationstafel über die Vögel am Klingnauer Stausee aufgestellt.
 
Gegen das Kraftwerk wird der Höhenunterschied zwischen Talebene und Stauseespiegel (318,4 m ü. M.) zunehmend grösser. Und an der tiefsten Stelle neben dem Kraftwerk versieht die Kläranlage Leuggern ihren Dienst. Das Kraftwerk der Aarewerke AG, zwischen 1930 und 1935 erbaut (Kosten: 41 Mio. CHF), besteht aus dem Stauwehr aus 4 Doppelharkenschützen mit einer lichten Weite von je 30 m und 7 m Verschlusshöhe sowie dem nebenan gebauten Maschinenhaus, insgesamt eine langgezogene Anlage also. Im Maschinenhaus sind 3 Kaplanturbinen mit einem Schluckvermögen von je 270 Kubikmeter pro Sekunde, 3 Drehstromgeneratoren mit je 19 500 kVA und 3 Maschinentransformatoren mit einer Leistung von je 20 000 kVA. Die mittlere Aarewasserführung beträgt hier 561 m3/sec. 5 Leitungen transportieren den Strom ab. Einige von ihnen begleiten oder überqueren den Stausee Klingnau, und die Masten spiegeln sich darin.
 
Das KW wirkt auch als Fluss-Reinigungsanlage; pro Jahr werden etwa 2700 Kubikmeter Geschwemmsel aus dem Stausee genommen; gerade nach Überschwemmungen ist der Abfallanfall gewaltig. Und noch immer liegt im Schilf die eine oder andere Plastikflasche.
 
Der rechtsufrige asphaltierte Rückweg verläuft, abgesehen von einer kleinen Stauseeaufweitung (Ausbuchtung) im KW-Bereich, schnurgerade, und der Blick hinunter zum leicht gebogenen Entwässerungs- bzw. Hinterwasserkanal ist ein Trost: Wegen der auf dem Talgrund noch vorhandenen Einzelbäume ergeben sich manchmal schöne Bilder. Die ehemaligen etwa 25 Kanadischen Pappeln auf dem Damm sind im Februar 1999 entfernt worden. Die Dämme werden seither von grossen Bäumen freigehalten, weil diese zu einem Risiko werden können: Ihre Wurzeln könnten Sickerkanäle in den Dammfuss treiben, und zudem erschweren sie die Überwachung der Dämme. Eben: Kunstnatur kann man nicht sich selber überlassen, auch hinsichtlich der Auflandungen des Stausees mit seiner 1,45 km2 grossen Oberfläche und dem Inhalt von 3 Mio. m3 Wasser.
 
Und man blickt gelegentlich zur ehemaligen, 1224 gegründete Kommende der Malteserritter in Leuggern hinüber.
 
Augenschein in Klingnau und Döttingen
Am südwestlichen Rand von Klingnau bog ich in die Stauseestrasse ein, um den durch eine nach jahrzehntelangen Planungen 1987 erbaute Umfahrungsstrasse verkehrsmässig entlasteten Dörfern einen Besuch abzustatten. Der untere, zum breitrückigen Molassehügel ansteigende Stadteingang von Klingnau ist beim Schloss, in dessen Mauern einige Risse zu sehen sind, ein Engpass. Im Schloss haben sich jetzt die Regional- und die Kantonspolizei verschanzt, und im gleichen 1. Stock ist eine Malstube für Zeiten des Friedens und der Entspannung eingerichtet. Jahrzehntelang war nach einem Verwendungszweck des Schlosses, einst ein Zentrum der Minnesänger, gesucht worden, zum Beispiel für ein Pfarreizentrum oder ein „Haus der Fischer“ (Fischerei-Museum). Doch stattdessen sind die Modellfluggruppe Hottwil-Klingnau und die Schützengesellschaft (Turmzimmer) gekommen. Im Erdgeschoss ist der Rittersaal mit der berühmten Unterzugdecke.
 
Ich erinnere mich noch an die Zeit, als sich der gesamte Verkehr hier am Schloss vorbei durchquetschen musste, und in der talaufwärts gelegenen, praktisch zusammengebauten Gemeinde Döttigen wurde am 22. Juni 1970 die katholische Kirche gesprengt, um den Strassenfahrzeugen Platz zu machen.
 
Klingnau, dieses 1239 durch Ulrich von Klingen gegründete Städtchen, das am 7. Juli 1586 durch einen Brand weitgehend zerstört wurde, wirkte mit seinem mittelalterlichen Gepräge etwas verschlafen. Die Häuserreihen, teilweise von Treppengiebel unterteilt, atmen den Geist der Romantik. Die Strasse weitet sich in einer leichten Biegung auf, und auf dem so entstandenen Stadtplatz wirkt ein wuchtiges, klobiges Gotteshaus, von blauzonigen Parkplätzen und einem dekorativen Stadtbrunnen begleitet, als Verkehrsteiler, dessen Turm zudem auch nach oben weist, wo sich gerade einige Wintergäste im Formationsflug übten. Die 1260 erbaute Kirche wurde in den 1960er-Jahren mit Ausnahme des spätgotischen Chors und dem schlanken Turm (beide stehen unter Denkmalschutz) abgebrochen und in etwas vergrösserter Form neu aufgebaut. Ein bei aller Schlichtheit kolossales Gebäude mit Walmdach ist die ehemalige Propstei des Klosters St. Blasien, in der Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut, das man vom Schlosshof aus frontal beobachten kann.
 
Auf manchmal schmalen Gehwegen erreicht man sogleich Döttingen, das mit dem weit ausladenden Bahnhofareal einen mondäneren Eindruck macht und heute ein Industrieort mit rund 3420 Einwohnern ist (dominant ist die Holzindustrie; eine Klingnauer Holzbaufirma heisst in diesem ornithologisch interessanten Gebiet Vögeli). Unterhalb der Bahnanlagen ist ein Kreisel, von dem aus eine Strasse zur Aare und über die Brücke nach Kleindöttingen führt, wo unsere Rundwanderung begonnen hat.
 
Sankt Nikolaus
In der Brückenmitte steht der heilig gesprochene Sankt Nikolaus von Myra, der im 3./4. Jahrhundert lebte, erhobenen Haupts auf dem Brückengeländer, so dass sich auch Vögel auf seinem vorspringenden Bart niederlassen können. Er wird hier als Schutzpatron der Flösser bezeichnet, obschon er auch wohl ein Dutzend andere Patronate innehat – von den Schneidern, Küfern Salzsiedern und Dreschern bis zu den Metzgern (wegen des Pökelfasses), ein diversifizierter Unternehmer mit einer ganzen Ansammlung von Kerngeschäften also. Ihm werden verschiedene Wunder zugeschrieben, und am 6. Dezember kommt er als Samichlaus zu den Kindern der Schweiz, um erzieherische Nach- und Nachtarbeit zu leisten.
 
Allerdings muss er sich in pädagogischen Belangen etwas im Zaume halten, nachdem Andreas von Kreta und der Mönch Johannes vom Studitenkloster in Konstantinopel berichteten, Nikolaus habe am Konzil von Nizäa seinen Widersacher Arius geohrfeigt. Ohrfeigen darf man nach modernen Erziehungsregeln nicht mehr verteilen, wohl aber Nüsse (keine „Kopfnüsse“), stopfende Lebkuchen, Mandarinen, verdauungsfördernde Feigen und Birnen. Und bei derart sanften Erziehungsmethoden ist es kein Wunder, dass sich moderne Kinder sich manchmal etwas mehr herauszunehmen wagen als wir früheren.
 
So erfasste mich nach diesem Ausflug ins Vogelparadies der Alltag mit seinen ungelösten Problemchen wieder, und ich wurde auf der Heimfahrt von diesem Schutzpatron gut begleitet. Er lotste mich elegant durch den Samstagsverkehr. Dem 6. Dezember entgegen.
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Reisethematik von Walter Hess
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