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BLOG vom 26.12.2007


Raureif-Wanderung zum Stellikopf oberhalb Trimbach/Olten
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Meines Erachtens gibt es etwas noch Schöneres als Schnee: den Raureif (alte Schreibweise: Rauhreif). Als solchen bezeichnet man lockere, kristalline, weisse Eisablagerungen an Bäumen, auf Blättern, Gräsern, Zäunen – nichts ist im Freien, das nicht von ihm phantasievoll dekoriert werden kann. Der Vorläufer des Raureifs ist der unterkühlte Nebel oder Wasserdampf, der auf natürliche oder künstliche Weise entstehen kann. Im letzteren Falle bezeichnet man den Raureif als Industrieschnee, weil er aus Industrieanlagen wie Kehrichtverbrennungen stammt, die bei einer Inversionswetterlage (oben ist es wärmer als unten) Wasserdampf oder Abwärme in die kalte Atmosphäre abgeben. Die obere Luftschicht wirkt wie ein Deckel auf der unteren, und unten kann es dann wegen der Luftverschmutzung eher ungemütlich werden. Vor allem in Kriegstetten in der Nähe von Solothurn rieselte in diesen Tagen der Industrieschnee üppig; auch in Hinwil im Zürcher Oberland und anderswo ist das Phänomen gut bekannt.
 
Am Jurasüdfuss, im Raum Aargau/Solothurn, wo ich wohne, verzaubern oft gemütliche Nebel die Landschaft. Wir werden dann zu Nebelmeeresbewohnern, und selbstverständlich erfahren wir auch hier unten, wie langweilig es darüber sein muss: wo aus einem monoton blauen Himmel die Sonne strahlt. Dort oben hat natürlich der Raureif keine Chance, und dies ist das besonders Schlimme daran.
 
Jedes Jahr haben wir hier unten im Aaretal oder dessen Rändern das unbeschreibliche Glück, die Faszination des Raureifs erleben zu dürfen. Meistens brauchen wir nur 100, 200 oder vielleicht 300 m den sanften Jurahang emporzusteigen, um diese Dekorationsarbeit der Natur in vollen Zügen geniessen zu dürfen. Am Nachmittag des 24. Dezembers 2007 leuchteten die wie von Schlagrahmwolken überdeckten Jurawälder durch den lichten, sich beinahe auflösenden Nebel, und da hielt mich nichts mehr zurück. Statt eine verdorrende Fichte im trauten Heim mit allerhand Talmischmuck zu behängen, ging ich hinaus, wo der Weihnachtsschmuck sensationelle Dimensionen angenommen hatte.
 
Ich fuhr, dem Jurasüdfuss entlang, zuerst westwärts nach Lostorf SO, wo die Landschaftsbilder der aufgerissenen Nebeldecke wegen besonders schön in Erscheinung traten, dann Richtung Lindenhof und am Fusse des Dottenbergs vorbei gegen den Weiler Mahren (Gemeinde Lostorf), der in ein hügeliges, von üppigen Wäldern umgebenes Gelände eingebettet ist – eine typische, unspektakuläre Juralandschaft, die Ruhe, Geborgenheit und Zufriedenheit ausstrahlt. Die Waldstrassen waren mit einer bis zu 2 cm dicken Raureifschicht belegt.
 
Zu Fuss ging ich Richtung Marenacher (diesmal ohne h geschrieben) und Froburg. Hier sind die Wanderwegweiser ausserhalb der Norm – auf gelb eingefärbtem Holz in Antiqua-Schrift wie handgemalt, was mir gefiel. Inzwischen war ich auf dem Boden der Gemeinde Trimbach (bei Olten) angelangt, worauf die Ruhebänke mit der Gravur VVT (Verkehrsverein Trimbach) schliessen liessen.
 
Bald lehrte mich eine gelbe Tafel, dass ich den „Förster-Meier-Rastplatz“ erreicht habe. An jener Weggabelung steht ein übermannshoher Jurasteinbrocken mit einer Bronzetafel
 
„Dem Heger unserer Wälder
Paul Meier
Kreisförster von 1908‒1945“.
 
An einer überzuckerten Schafweide vorbei, eingefasst von weissen Tannenbäumen und Laubbaumskeletten sowie einem Plastikhag aus Rechtecken, die der Reif in ein Naturkunstwerk umfunktioniert hatte, wanderte ich gemächlich zum Aussichtspunkt Stellikopf (654 bis 667 m über Meer, aber nur wenige Meter über dem Nebelmeer) hinauf. Im Gegenlicht schwebten Raureifkristalle wie glitzernde Diamanten dem Boden entgegen. Jeder Baum trug seinen massgeschneiderten Raureifmantel. Oh Tannenbaum – dein Kleid will mich was lehren … Besonders wuchtig erschienen die Föhren, welche durch die dichte Benadelung die grössten Eiskristallmengen tragen konnten. Sie sahen wie ein ruhender, gefrorener Wasserfall neben den lichteren, filigran verzierten Laubbäumen aus. Jeder dürre Grashalm hatte seine eigene Verzierung erhalten, und selbst die zackigen Blätter der Stechpalmen waren weiss umrahmt. Wunderschön. Wie banal ist doch demgegenüber ein kommuner Weihnachtsbaumschmuck aus Silberfäden und Engelhaaren!
 
Der Stellikopf befindet sich nördlich oberhalb von Trimbach. Der Jura ist dort ein Stück weit als steil abfallende Krete ausgestaltet. Auf der Höhe lagern gewaltige Jurakalkbrocken, die auch Aussichtsterrassen nach verschiedenen Seiten bilden. Grosse Buchen verwehren ihnen den Weg ins Tal. Die nahe, umgebende Raureiflandschaft zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Doch das Niederamt, die Stadt Olten und das Gäu waren von einem grau-bräunlichen Smog leicht verhüllt, und der Alpenkranz, der von hier aus ebenfalls auszumachen wäre, hielt sich ebenfalls etwas bedeckt. Umso mehr trat das Naheliegende hervor, die unendliche Bilderwelt des Raureifs, der wie ein guter Künstler sichtbar macht.
 
In dieser Gegend im Gebiet des Unteren Hauensteins soll angeblich schon in der Jungsteinzeit gesiedelt worden sein (5000 bis 2000 vor unserer Zeitrechnung), wie Funde belegten. In der gründlichen, 1975 erschienenen Ortsgeschichte „Trimbach“ von Beat Vögtli steht zum „Stellichopf“ auf Seite 22 zu lesen: „Die 4. steinzeitliche Wehranlage, die auf dem Stellichopf, diente dem Schutze des Refugiums Froburg. Die Steinzeitleute erkannten, dass die Froburg auch über Dürrenberg–Marenacher erreicht und angegriffen werden könnte. Um diesen Zugang zu beherrschen, bauten sie dieses Refugium. Es umfasste 3 einzelne Siedlungen; eine lag westlich, die zweite auf dem südlichen Felsen und die dritte weiter östlich, so dass sie ein Dreieck bildeten. Die Funde, Feuerstein-Artefakte, Keramik und zerschlagene Kiesel, weisen auf die neolithische Zeit hin.“
 
Als ich wenig unterhalb des Stellikopfs in eine stille, geradezu andächtige Betrachtung versunken war, schien in etwa 5 m Distanz etwas geradezu zu explodieren; es war, als ob sich ein kleiner Felssturz ereignet hätte: Ein ausgewachsenes kräftiges Reh war aufgescheucht und stürmte in panischer Angst einen steilen Hang aufwärts, ein Ausdruck von ungestümer Kraft. Ich machte mir schon Vorwürfe, allein durch meine Anwesenheit diese Flucht ungewollt ausgelöst zu haben, die ja auch mit einem grossen Energieverlust verbunden ist – Wildtiere finden bei all dem Freizeitsportbetrieb ohnehin kaum noch Ruhe. Doch sogleich erschien ein mittelgrosser Hund, ein Irish Setter mit seinem rötlichen, seidenglänzenden Fell und den zu Federn ausgestalteten Haaren an den Läufen. Er war eindeutig der Unruhestifter – zusammen mit den Jägern, die das Wild gelehrt haben, von Menschen und Hunden auf der Hut zu sein – es kann nicht mehr in Frieden und Ruhe leben.
 
Zwischen grossen gepuderten Steinen, umgestürzten und stehenden Bäumen, Sträuchern begab ich mich gegen den Marenacher, um die letzten Strahlen der untergehenden Sonne in ihrem Spiel mit den Eiskristallen zu erleben. Sogar ein Mistgreifer war beim dortigen Bauernhof mit Schneekristallen verschönert. Einige Schweine genossen den knappen Auslauf ins Freie, und ein älterer Bauer schrie sie fluchend an, weil sie sich wahrscheinlich noch nicht in den Stall treiben lassen wollten. Im Tal unten läuteten die Glocken der Kirche Trimbach mit dem offenen Turm.
 
Nacht und Nebel zogen auf. Es war etwa 3 °C unter Null. Ich trug unvergessliche Bilder in mir und im Kameragehäuse. Daheim setzte ich einen Glühwein mit vielen Gewürzen wie einer Zimtstange, Vanille, abgeschabter Biozitronenschale, Nelken, Apfelscheiben, Kardamom und wenig Paprika auf. Ich gab als Süsskomponente einen Honigwein hinzu, wie ihn die alten Germanen getrunken hatten und den ich einmal aus Deutschland mitgebracht hatte. Und das war schon wieder ein Fest.
 
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